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Die als Tochter eines österreichischen Offiziers Vorarlberger Herkunft
und der aus dem Sudetenland stammenden Mutter geborene Gertrud
Fussenegger, verbrachte ihre ersten Kindheitsjahre in Galizien, in
Böhmen und in Vorarlberg; nach dem Abitur (1930) in Pilsen studierte sie
Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie an den Universitäten in
Innsbruck und München (1934 Dr. phil.); von 1937 bis 1943 wohnte sie
vorwiegend in München, seit 1960 in Leonding bei Linz.
Gertrud Fussenegger begann ihre literarische Laufbahn mit einem „Roman
aus deutscher Frühzeit“ und stellte in ihm die Herrschaft der großen
sächsischen Könige und Kaiser dar: Geschichte im Advent (1937).
Für die Autorin bedeutete Kunst ein Stück Naturereignis – „sehr verwandt
der Mutterschaft“. Die im gleichen Jahr veröffentlichte Mohrenlegende
darf man durchaus als eine Antwort auf die nationalsozialistische
Rassenideologie ansehen, da in ihr die Verfasserin für eine
Verständigung zwischen unterschiedlich gearteten Völkern eintrat. Das
Spannungsverhältnis zwischen dem
Osten und dem Westen im alten
österreichischen Vielvölkerstaat hat in seinen tiefen widersprüchlichen
Schattierungen entscheidend ihr Werk geprägt: so im Roman Das Haus
der dunklen Krüge (1951), die Geschichte einer Brauherrn-Familie in
Pilsen – eine Art böhmisch-altösterreichischer „Buddenbrooks“-Chronik
mit Glanz und Niedergang. Auch der Roman Das verschüttete Antlitz
(1957) reflektiert ein Bild Böhmens im 20. Jahrhundert bis zum Ende des
Zweiten Weltkrieges. Hauptfigur ist ein Arzt, in dem sich die deutsche
und die slawische Wesensart widerspiegeln und auch zwei Zeitalter
überschneiden. In Haß und Liebe verstrickt, wird er zum Mörder seiner
lebensuntüchtigen Frau, findet dann aber zur inneren Befreiung, als er
„dem Feind Gutes tun, den Widersacher ins Leben zurückführen kann.“
Einen Höhepunkt in Gertrud Fusseneggers Schaffen stellt der Roman
Zeit des Raben, Zeit der Taube (1960) dar: eine aus religiöser Sicht
gestaltete parallel laufende Darstellung des Lebens von Leon Bloy, des
katholischen französischen Dichters, und der Physikerin Marie Curie –
ein Versuch, vor allem das Verbindende und Einigende im Leben dieser
beiden Persönlichkeiten sichtbar zu machen
(Theologie/Naturwissenschaft), bis zu jenem Punkt, „in dem sie sich
treffen und berühren“.
Aus christlicher Grundhaltung wurde auch der Roman Die Pulvermühle
(1969) geschrieben, die in Tirol spielende Geschichte einer
zerbrochenen Ehe, deren Partner sich wieder zusammenfinden, nachdem die
bisher verschwiegene Wahrheit über einen weit zurückliegenden Mordfall
durch Nachforschungen wieder ein Vertrauensverhältnis ermöglicht. Die in
diesem Roman deutlich werdenden neuen Formen zeigen wohl auch
Fusseneggers selbstkritische Bedenken am „handfesten realistischen“
Erzählen in der Tradition.
Das umfangreiche Erzähl- und Romanwerk dieser österreichischen
Schriftstellerin weist auch bedeutende Essays auf: so Eines langen
Stromes Reise (1976), nämlich den Versuch „Linien, Räume,
Knotenpunkte“ der Donau von der Quelle bis zur Mündung zu erfassen; im
Widerstand gegen Wetterhähne (1975) richtet sie Fragen an den
„unbehausten“ Menschen unserer Zeit.
Weitere Werke:
Der Brautraub (1939, En.). – Eines Menschen Sohn (1939, En.). –
Eggebrecht (1943, En.). – Die Brüder von Lasawa (1948, R.). – ... wie
gleichst Du dem Wasser (1949, En.). – Die Legende von den drei heiligen
Frauen (1952, E.) – Verdacht (1952, Einakter). – Iris und Muschelmund
(1955, G.) – Wort im Gebirge, Schrifttum aus Tirol (1956/59, 2 Bände). –
Die Nachtwache am Weiher (1963,
En.). – Der große Obelisk (Gedanken
u. Erfahrungen beim Lesen u. beim Reisen
[1977]).
Bild:
Süddeutscher Verlag München, Bilderdienst.
Günter Gerstmann
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