|
Jacobus Gallus, mit deutschem Namen Handl oder auch Händl, besuchte die
Schule vermutlich im Zisterzienserkloster Sittich oder in seinem
Heimatort Reifnitz. Anschließend könnte er in Triest oder Fiume eine
weitere Ausbildung erhalten haben, ehe er zwischen 1564 und 1566 in die
Kantorei der Benediktinerabtei Melk aufgenommen wurde. 1574 ist er als
Mitglied der Wiener Hofkapelle belegt, wohin er möglicherweise bereits
1568 gekommen war. Leiter der Hofkapelle war einer der bedeutendsten
Komponisten dieser Zeit, Philipp de Monte, mit dem er auch später, als
er Kapellmeister in Prag war, Kontakt gehabt haben dürfte. 1575 verließ
Gallus Wien. Die folgenden Jahre verbrachte er auf Reisen in Österreich,
Böhmen, Mähren und Schlesien. Dabei kam er unter anderem nach Melk,
Zwettl, Olmütz, Kremsier, Prag, Görlitz. Längere Zeit scheint er sich in
Breslau aufgehalten zu haben, da gerade in dieser Stadt eine Reihe von
Werken Handls in Handschriften überliefert ist. Der spätere Bischof von
Breslau Andreas Jerin dürfte ihn hier besonders gefördert haben. Bevor
er 1579 oder 1580 als Kapellmeiser nach Olmütz ging, lebte er vermutlich
einige Zeit im Prämonstratenserkloster Zábrdovice, wo er als Lehrer oder
auch hier schon als Kapellmeister gewirkt haben mag. Anläßlich der Wahl
Stanislaus Pawlowskys zum Bischof von Olmütz im Jahr 1579 schuf er eine
siebenstimmige Hymne auf den Bischof, die seine erste gedruckte
Komposition werden sollte. Auch seine vier Bücher mit Vertonungen des
Meßordinariums wurden zu Anfang seiner Olmützer Zeit (1580) in der
Offizin von Georg Nigrin in Prag verlegt. (Handls Bruder Georg, der
wahrscheinlich bei Nigrin als Drucker angestellt war, dürfte die
Verbindung hergestellt haben.) Am Juli 1585 gab Gallus sein
Kapellmeisteramt auf, das er dem Entlassungszeugnis zufolge zur höchsten
Zufriedenheit des Bischofs ausgeübt hatte. Er ging nach Prag an die
Kirche St. Johann am Ufer, wo er spätestens ab Mitte 1586 Kantor wurde.
Für den Wechsel seiner Stellung werden einerseits gesundheitliche Gründe
angegeben, anderseits konnte er dort die Drucklegung seines vierbändigen
Opus musicum (Motetten zum Meßproprium) besser überwachen, das
wohl in der Olmützer Zeit entstanden war und 1586 bis 1591 erschien. Des
weiteren veröffentlichte er in den Jahren 1589 und 1590 drei Bände mit
lateinischen Madrigalen, die sein Bruder Georg nach seinem Tod im Jahr
1596 durch einen vierten Band ergänzte. Am 18. Juli 1591
starb Jacobus Gallus.
Das Werk Handls (374 Kompositionen sind nachweisbar), im Geist der
Gegenreformation verwurzelt, erstreckt sich in erster Linie auf
liturgische Musik: Messen, Motetten für das Meßproprium, außerdem
Lamentationen des Jeremias sowie
drei Passionen hat er hinterlassen. Weltliche Texte sind nur in den
lateinischen Madrigalen vertont. An meist komplizierten,
kompositionstechnisch auf höchstem Niveau stehenden Werken sind alle
wesentlichen stilistischen Tendenzen einer Zeit zu beobachten: Von
niederländischer Durchimitation geprägt sind insbesondere seine
geringstimmigen Motetten, bei größerer Stimmenzahl bedient er sich
venezianischer Stilelemente, etwa der an San Marco gepflegten
Mehrchörigkeit. Seine Messen sind ausnahmsloos nach dem Parodieverfahren
erstellt, es liegen ihnen also präexistente Kompositionen zugrunde, aus
denen durch Bearbeitung neue Werke entstehen, wobei die Vorlage nicht
selten kaum noch zu erkennen ist. Dagegen ist das Prinzip der Bindung an
einen cantus firmus als Kompositionsgrundlage – etwa an eine einstimmige
gregorianische Melodie zu dem Text, der mehrstimmig vertont wird –, das
früher und teils noch in der Zeit unseres Komponisten eine große Rolle
gespielt hatte, bei Gallus nahezu überwunden. Gerühmt wird seine
Harmonik: reiche Chromatik steht ihm zu Gebote, ebenso klangliche
Möglichkeiten, die der in seiner Zeit noch nicht ausgeprägten
Dur-Moll-Tonalität
vorgreifen.
Am Ende einer musikgeschichtlichen Epoche finden sich stets Meister,
denen alle wesentlichen stilistischen Möglichkeiten ihrer Zeit zur
Verfügung stehen und die deshalb in der Lage sind, eine Summe aus
mehreren Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten Kompositionsgeschichte zu
ziehen und damit ihre Epoche abzuschließen. Im Zeitalter der
Niederländischen Vokalpolyphonie zählt Jacobus Gallus zu jener Gruppe
führender Komponisten.
Werke:
Selectiores quaedam missae, Prag 1580 (Neuedition in: Denkmäler der
Tonkunst in Österreich 78/1935, 94-95/1959, 117/1967, 119/1969). – Opus
musicum, Prag 1586-1591 (Neuedition in: Denkmäler der Tonkunst in
Österreich 12/1899, 24/1905, 30/1908, 40/1913,48/1917, 51-52/1919). –
Harmoniae morales, Prag 1589-1590 (Neuedition von Dragotin Cvetko,
Laibach 1966). – M oralia, Prag 1596 (Neuedition von Dragotin Cvetko,
Laibach 1968).
Lit.:
Dragotin Cvetko: Jacobus Gallus: Sein Leben und Werk. München
1972.
Bernhold Schmid
nach oben
|