Richard
von Garbe
(geadelt
1909) war
ein
Spezialist
für indische
Philosophie,
insbesondere
das Samkhya
und den
Yoga, zwei
der sechs
traditionellen
hinduistischen
Philosophierichtungen,
die sich
zueinander
wie der eher
theoretische
und der eher
praktische
Aspekt
desselben
rationalistischen
Denksystems
verhalten.
Garbe wurde
am 9. März
1857 in
Bredow bei
Stettin
geboren.
Schon 1873
begann er in
Tübingen ein
Mathematikstudium,
wandte sich
aber bald
der
Indologie
zu. 1876
wurde der
Neunzehnjährige
mit zwei
Arbeiten zur
indischen
Grammatik
und zum
Atharvaveda
(einem der
vier Veden,
der im 2.
Jahrtausend
v. Chr.
wurzelnden
ältesten
indischen
Texte)
promoviert.
Nach einem
London-Aufenthalt
mit weiteren
vedischen
Studien
habilitierte
er sich 1878
in
Königsberg
und wurde
dort – mit
23 Jahren! –
1880 zum
außerordentlichen
Professor
für
Vergleichende
Sprachwissenschaft
ernannt. Ab
1885
verbrachte
er
eineinhalb
Jahre in
Indien und
Ceylon und
legte 1889
den
Reisebericht
Indische
Reiseskizzen
vor, der
eine eher
pessimistische
Sicht des
Landes
vermittelt,
vermutlich
auch
aufgrund der
schweren
Malaria-Erkrankung,
die sich
Garbe in
Indien
zugezogen
hatte. 1894
wurde
Richard
Garbe
ordentlicher
Professor in
Königsberg,
1895 erhielt
er einen Ruf
nach
Tübingen. Er
starb 1927
kurz nach
seiner
Emeritierung
in Tübingen.
Garbe
edierte und
übersetzte
zwei
umfangreiche
altindische
Ritualtexte:
das
Vaitana-Srautasutra
(1878)
und das
Apastamba-Srautasutra
in drei
Bänden
(1882-1902).
Danach
begann er,
sich mit der
indischen
Samkhya-Philosophie
(seit ca. 4.
Jh. n. Chr.)
zu
beschäftigen,
edierte und
übersetzte
ab 1892
etliche
Samkhya-Quellentexte
und
verfasste
die
bahnbrechenden
Untersuchungen
Die
Samkhya-Philosophie
(1892)
und
Samkhya und
Yoga
(1896), in
denen er
neue
Ergebnisse
zur
Datierung
und
relativen
Chronologie
der
Samkhya-Texte
vorlegte.
Seine
vielzitierten
Beiträge zur
indischen
Kulturgeschichte
(1903)
fassen seine
Forschungen
zur
indischen
Philosophie,
zur
Witwenverbrennung,
dem
indischen
Fakirtum und
den
Ritualmorden
der
späthinduistischen
Thug-Sekte
zusammen.
1905
erschien
seine
deutsche
Übersetzung
der
Bhagavadgita
(Gesang des
Erhabenen),
des
wichtigsten
Hindu-Textes.
Darin stellt
er die These
auf, dass
die
Bhagavadgita
in mehreren
Phasen
entstanden
sei, es also
einen Urtext
und spätere
Beifügungen
gebe. Dies
ist nicht
unumstritten
geblieben,
hat jedoch
durch eine
lebhafte
wissenschaftliche
Diskussion
die
Bhagavadgita-Forschung
sehr
vorangebracht.
Garbes
letztes
größeres
Werk war
Indien und
das
Christentum,
in dem
er indische
Einflüsse
auf das
Christentum
und
christliche
Einflüsse
auf indische
Religionen
diskutiert.
Er weist u.
a. die These
zurück, die
hinduistische
Bhakti-Religiosität
und der
Mahayana-Buddhismus
seien unter
christlichem
Einfluss
entstanden.
Ferner
bezweifelt
er die
Historizität
des Apostels
Thomas als
Begründer
der Gemeinde
der sog.
Thomaschristen
an der
indischen
Westküste.
Die
internationale
Bedeutung
Richard von
Garbes
können wir
an mehreren
englischen
Übersetzungen
seiner Werke
ablesen. Mit
seinen
akribischen
Textausgaben
und
Forschungen
zur
altindischen
Ritualliteratur
und vor
allem zur
Samkhya-Philosophie
gehört
Richard von
Garbe zu
jenen
Forschern,
die den
weltweiten
Ruf der
deutschen
Indologie
mitbegründet
haben, von
dem das Fach
bis heute
zehrt.
Werke:
Das
Accentuationssystem
des
altindischen
Nominalkompositums,
Tübingen
1876. –
Atharvaveda-Anukramanika,
Tübingen,
1876. –
Indische
Reiseskizzen,
München
1889,
Nachdr.
1925. –
Vaitana-Srautasutra,
London-Straßburg
1878. – Die
indischen
Mineralien,
Leipzig
1882. –
Apastamba-Srautasutra,
3 Bde.,
Calcutta
1882, 1888,
1902 (engl.
Ausg. Delhi
1983). –
Vacaspatimishras
Samkhyatattvakaumudi,
München
1892. – Die
Samkhya-Philosophie:
Eine
Darstellung
des
indischen
Rationalismus
nach den
Quellen,
Leipzig
1892,
Nachdr.
1917. –
Samkhya und
Yoga,
Straßburg
1896. –
Atharvaveda:
Paippalada
Recension,
hrsg. im
Faksimile
mit Maurice
Bloomfield,
3 Bde.,
Baltimore
1901. –
Beiträge zur
indischen
Kulturgeschichte,
Berlin 1903.
– Die
Bhagavadgita
aus dem
Sanskrit
übersetzt,
mit einer
Einleitung
über ihre
ursprüngliche
Gestalt,
ihre Lehren
und ihr
Alter,
Leipzig
1905. –
Indien und
das
Christentum,
Tübingen
1914 (engl.
Übers. La
Salle,
1959).
Lit.:
Valentina
Stache-Rosen,
in: German
Indologists:
Biographies
of Scholars
in Indien
Studies
writing in
German, New
Delhi: Max
Mueller
Bhavan,
1981,
141-143. –
Helmut
Hoffmann,
in: Neue
Deutsche
Biographie,
Bd. 6,
München
1964,
Nachdr.
1971, S. 69.
Adelheid
Herrmann-Pfandt