|
Im selben Jahr, als Schlesien durch den Berliner Frieden rechtlich an
Preußen kam, ist Christian Garve geboren worden. Das Leben Garves, Sohn
eines einfachen Färbermeisters, war nicht reich an großen äußeren
Ereignissen. Die häusliche Redlichkeit seines Elternhauses, die fromme
Erziehung durch seine Mutter und das von seinen lutherischen
Privatlehrern vermittelte theologische Wissen scheinen ihn auch später
stets an eine Grenze des philosophisch Erreichbaren gemahnt zu haben.
Seit 1762 studierte Garve Theologie in Frankfurt/Oder, wo Christian
Wolffs berühmtester Schüler Alexander Baumgarten lehrte. Nach dem Tod
Baumgartens wandte sich Garve 1763 nach Halle, wo er sich für die Fächer
Theologie, Philosophie und Mathematik einschrieb. Der dortigen „Pietisterei“
wegen wechselte Magister Garve 1766 weiter nach Leipzig. Hier kam er mit
Christian F. Gellert, dem volkstümlichsten Dichter der Aufklärung und
Professor für Poesie, Beredsamkeit und Moral, in vertrauten persönlichen
Kontakt und schloß Freundschaften, die in umfangreichen Briefwechseln
weitergeführt wurden: mit dem Schriftsteller Christian Felix Weiße und
dem Theologen Georg Joachim Zollikofer.
1769 habilitierte sich Garve in Leipzig und erhielt, als sein Lehrer
Gellert im selben Jahr starb, dessen Ordinariat für Moral. Mit Leipzig
konnte sich der kränkelnde und hypochondrisch veranlagte Garve jedoch
nicht anfreunden. Der achtundzwanzigjährige Professor klagte über die
Arbeitslast, über seinen „Mangel an Lebensgeistern“, über die
Lebensumstände; bereits 1772 verließ er seinen Posten in Leipzig und
kehrte nach Breslau in das Haus der Mutter zurück. Garve hat seine
Heimatstadt, in der er als Schriftsteller finanziell unabhängig arbeiten
konnte, bis zu seinem Tod kaum mehr verlassen.
Seine Schriften, welche seit der Rückkehr nach Breslau entstanden,
machten Garve berühmt, und schon zu seinen Lebzeiten wurde ihm als
Lehrer der Philosophie in den Gelehrtenlexika hohe Anerkennung
entgegengebracht. Seine Arbeiten gehören zur popularisierenden Richtung
der Aufklärung; neben dem Schriftsteller Johann Jakob Engel (1741-1802)
und dem Philosophen Moses Mendelssohn (1729-1786) muß man Garve zu den
bedeutendsten Vertretern dieser Strömung zählen.
Die Popularphilosophen hatten das Ziel, ihre sittlichen Maximen aus der
alltäglichen Erfahrung zu entwickeln und die aus der Erfahrung
erwachsene natürliche Vernunft zur Richterin der Handlungen zu machen,
vor allem aber wollten sie philosophische Erkenntnisse einem breiteren
Publikum weitergeben. Welches Gebiet Garve auch bearbeitete, er
behandelte es stets unter dem Gesichtspunkt der Moral und der
Brauchbarkeit für ein glückseliges Leben. Ohne Vertrauen in
metaphysische Spekulationen, stellte Garve selbst kein neues
philosophisches System auf, sondern suchte den Grundantrieb für
sittliche Handlungen in der menschlichen Glückseligkeit. Indem er
Sittlichkeit und Religion voneinander trennte, lenkte er bereits in die
Wege seines Landsmannes Schleiermacher (1768-1834) ein. Zu der
Weiterentwicklung des gesellschaftlichen Lebens und zum Fortschritt der
Menschheit auf allen Ebenen wollte Garve beitragen. Dies Motiv galt bei
den verschiedensten Themen, ob er Über den Charakter der Bauern ...
arbeitete, die Ursachen des Verfalls der kleinen Städte
untersuchte oder die Pflichten eines Regenten analysierte wie in der
Schilderung des Geistes, Charakters und der der Regierung Friedrichs des
Zweyten (2 Bde., 1798). Auch in seinem anderen Hauptwerk,
Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Literatur und
dem gesellschaftlichen Leben (5 Bde., 1792-1802) stand stets die
Beziehung zum alltäglichen Leben im Vordergrund. Selbst dort, wo er sich
mit Psychologie, Poesie, Geschichte, Staatswissenschaft oder Literatur
beschäftigte, mündeten seine Kernfragen letztlich im Rum der Moral.
Der Wunsch nach populärer Umsetzung philosophischer Erkenntnis prägte
einen großen Teil des Garveschen Werkes und war ein Antrieb für die
umfangreiche Übersetzungsarbeit, durch welche er eine beachtliche
Wirkung ausübte. Er vermittelte dem deutschen Gelehrtenpublikum vor
allem Werke der englischen Philosophie: 1772 und 1773 erschienen in
Leipzig und Riga seine Verdeutschungen von Adam Fergusons
Moralphilosophie und der Schrift Edmund Burkes Über den Ursprung
unserer Begriffe vom Erhabenen und Schönen. Wenn man sich die
Bedeutung der „Lehre vom Erhabenen“ in der Romantik vergegenwärtigt, so
muß man diese dem Kreuzweg zur Romantik zuordnen. 1794-1796 erschien
Garves Übersetzung des Werkes Untersuchung über die Natur und
Ursache des Nationalreichtums (3 Bde., Breslau 1794-1796) von Adam
Smith. Auf Wunsch König Friedrichs II. von Preußen übertrug und
kommentierte Garve auch Ciceros Werk De officiis (1783) ins
Deutsche, eine Arbeit, die sein philosophisches Hauptwerk wurde und noch
zu seinen Lebzeiten drei Neuauflagen erfuhr.
Christian Garve stand mit Goethe, den er 1781 in Weimar besuchte, mit
Schiller und mit Kant im Briefwechsel. Schiller hat aus der
Korrespondenz mit Garve und aus dessen Schriften eine Fülle von
Anregungen für sein eigenes Schaffen entnommen; Garves Bemerkungen über
Herodot haben ihn etwa zur Ballade Der Ring des Polykrates
inspiriert. An Goethe, zu dessen tiefempfundener Dichtung Garve keinen
rechten Zugang fand, und mehr noch an Immanuel Kant erkannte Christian
Garve aber auch seine Grenzen. Nach der Lektüre von Kants Kritik der
reinen Vernunft mußte Garve feststellen, er wäre „verrückt
geworden“, hätte er ein solches Buch schreiben müssen. Er sei „weit
entfernt“ davon, sich mit Kant „an Tiefsinn und systematischem Geiste zu
messen“, und sei vielmehr zur „Philosophie des Lebens“ gemacht. Im
Gegensatz zu Kant, den er hoch verehrte, sah Garve seine Aufgabe darin,
als Philosoph eher für den „schwerbegreifenden und flatterhaften Leser“
zu schreiben, weniger „die Wahrheiten von ihren ersten Elementen an zu
untersuchen“. So war sein Anliegen weniger ein erkenntnistheoretisches
als ein pädagogisches und belehrendes, sein größtes Verdienst die
Anregung und Förderung anderer. In Anspielung auf Horaz äußerte er
einmal über sich, er glaube, nicht ganz unnütz ein Wetzstein für andere
gewesen zu sein, wenn er auch als schneidendes Instrument nur wenig
ausgerichtet habe.
Lit.:
Schlesische Lebensbilder II: Schlesier des 18. und 19. Jahrhunderts. Hg.
von der Historischen Kommission für Schlesien. Sigmaringen 21985
(zuerst ersch. 1924), S. 60-69, hier die ältere Garve-Literatur bis
1924. – Günter Schulz: Christian Garve und Immanuel Kant,
Gelehrten-Tugenden im 18. Jahrhundert. In: Jb. d. Schlesischen
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 5 (1960), S. 123-188. – ders.:
Schiller und Garve. In: Jb. d. Schlesischen
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Breslau 3 (1958), S. 182-199. – Ders.:
Christian Garve über den Patriotismus der Schlesier. In: Schlesien, eine
Vierteljahresschrift für Kunst, Wissenschaft und Volkstum (1964), Heft
3, S. 138—142. – Arno Lubos: Geschichte der Literatur Schlesiens, Bd. 1.
München 1960,S. 216-218. – NDB Bd. 6,1964,77f. – ADB Bd. 8,1884,8.
385-392. — Karl Gustav Heinrich Berner: Schlesische Landsleute. Ein
Gedenkbuch hervorragender in Schlesien geborener Männer und Frauen aus
der Zeit von 1800 bis zu Gegenwart. 1901. – Piotr Dehnel: Christian
Garve (1742-1798) und die Probleme der Philosophie der deutschen
Aufklärung. In: Aufklärung in Polen und Deutschland, 2. Bd. (Acta
Universitatis Wratislaviensis Nr. 1107). Warschau, Breslau 1989, S.
167-173. – Kurt Wölfel: Vorreden zu: Christian Garve – Gesammelte Werke,
hg. v. Kurt Wölfel. Hildesheim, Zürich, New York 1985-1987, der
demnächst erscheinende Schlußband mit einer neuen Biographie Garves
Bild:
nach Anton Graff
Matthias Weber
nach oben
|