|
Johann Heinrich Gentz
war der erste unter den deutschen Architekten
des
Frühklassizismus, der auch den griechischen Bauten auf italienischem
Boden ein wissenschaftliches Interesse zuwandte. Im Mittelpunkt einer
Studienreise, die er im Jahre 1790 angetreten hatte, standen die
dorischen Tempel in Paestum und Agrigent. Er skizzierte, zeichnete und
beschrieb bauliche Details sowie ganze Stadtanlagen. All das ging in
sein Reisetagebuch ein, das er hinterlassen hat. 1795 kehrte Gentz nach
Berlin zurück und veröffentlichte in der von seinem älteren Bruder, dem
Publizisten Friedrich (von) Gentz herausgegebenen „Neuen deutschen
Monatschrift“ seine Briefe über Sizilien. Die Reise, über die sie
berichteten, war um so bemerkenswerter, als noch eine Generation
vergehen sollte, bis deutsche Architekten in Griechenland selbst Studien
trieben; auch Karl Friedrich Schinkel ist nie im Lande seiner großen
Vorbilder gewesen. Gentz war Schüler Gontards gewesen, durch Vater und
Sohn Gilly beeinflußt worden und, als Kondukteur am Hofbauamt als
außergewöhnliche Begabung aufgefallen, in den Genuß eines königlichen
Stipendiums gekommen, das ihm die erwähnte Studienreise nach Italien
ermöglicht hatte. 1795 wurde er Oberhofbauinspektor in Berlin, 1796
Lehrer an der Akademie der Künste und 1799 Lehrer für Stadtbaukunst an
der soeben gegründeten Bauakademie zu Berlin, wo Schinkel zu seinen
Schülern zählte. Die erste größere Arbeit, mit der Gentz hervortrat, war
1797 einer unter mehreren Entwürfen für ein Denkmal Friedrichs des
Großen – ein Vorhaben, das damals die Berliner Baumeister wie kein
zweites beschäftigte und zu dem Friedrich Gilly, mit dem Gentz übrigens
verschwägert war, mit seinem Entwurf vielleicht den bedeutendsten
Beitrag geleistet hat. Dann baute Gentz zwischen 1798 und 1800 am
Werderschen Markt in Berlin ein Domizil für die Königliche Münze, das
auch das Mineralienkabinett und die Bauakademie beherbergen sollte.
Dieser Bau, der als sein Hauptwerk gilt, zeigte – was in Berlin höchst
selten war – Einflüsse der französischen Revolutionsarchitektur, was mit
der Tatsache im Zusammenhang stehen wird, daß Gentz auf der Rückkehr von
Italien sich auch in Paris aufgehalten hatte. 1886 ist das Münzgebäude
abgerissen worden, da es einem Kaufhausneubau im Wege war. (Der in
unmittelbarer Nähe nach Plänen Stülers im Stile der Frührenaissance
zuvor errichtete Ersatzbau mußte 1936 dem großen Erweiterungsbau der
Reichsbank, dem späteren Sitz des Zentralkomitees der SED, weichen.)
Nach Vollendung der
Münze begab sich Gentz, durch den Berliner Archäologen und
Kunsthistoriker Aloys Hiert empfohlen, in die Dienste des Hofes zu
Weimar. Herzog Karl August, der ihn bald sehr schätzte, machte ihn im
Jahre 1800 zum Schloßbaumeister. Das Weimarer Schloß war 1774 zum
wiederholten Male ausgebrannt; Anfang der neunziger Jahre erst hatte die
finanzielle Lage der Herzogtums den Beginn des Wiederaufbaus gestattet.
Mit dem großen Festsaal, dem Treppenhaus und der Falkengalerie hat Gentz
unter der Oberleitung Goethes und im Zusammenwirken mit dem Bildhauer
Friedrich Tieck die künstlerisch bedeutendsten Räume des erneuerten
Weimarer Residenzbaues geschaffen. Es „sind die schönsten Innenräume
nicht nur des Berliner, sondern des deutschen Frühklassizismus
überhaupt. Das Treppenhaus mit wuchtiger dorischer Säulenstellung ganz
in weißem Stuckmarmor mit feinen Stuckreliefs, der große Festsaal mit
blaßgelben leicht vergoldeten Säulen in Marmorstuck, ebenfalls ganz in
Weiß, die Galerie mit kassettiertem Tonnengewölbe, in der Detaillierung
von größter Feinheit und vom Studium der griechischen Werke Süditaliens
zeugend“. (H. Schmitz)
Neben kleineren Aufgaben
in Weimar bekam Gentz 1802 auch den Bau des Theaters in Bad Lauchstädt
übertragen, von dem aus die Weimarer Theaterkunst nach einer Idee
Goethes tief in den mitteldeutschen Raum ausstrahlte. Doch in Berlin ist
Gentz vor allem infolge des militärischen Zusammenbruchs Preußens im
Jahre 1806 und der folgenden Notzeiten kaum mehr zum Zuge gekommen. 1804
war er vermutlich am Bau eines Landhauses für den Kabinettsrat Carl
Friedrich Beyme an der Chaussee Berlin-Potsdam beteiligt, dem heu-„Wrangel-Schlößchen“
in Berlin-Steglitz, für den David Gilly verantwortlich gezeichnet hatte.
1810 errichtete Gentz ein Mausoleum für die in demselben Jahre im Alter
von 34 Jahren verstorbene Königin Luise im westlichen Teil des
Charlottenburger Schloßparks – und zwar
in
Zusammenarbeit mit Schinkel. 1811 vollendete Gentz einen Kopfbau zu dem
aus dem Jahre 1734 stammenden Prinzessinnenpalais, Unter den Linden, der
als Wohnung für die Töchter des Königs bestimmt war. Die von ihm
geplante Umgestaltung des Palais kam nicht zustande; lediglich eine
Verbindung zu dem östlich anschließenden Kronprinzenpalais konnte
geschaffen werden
Heinrich Gentz verband
gelehrte Aneigung der Antike mit deren schöpferischer Durchdringung und
selbständiger Gestaltung in ihrem Geiste. Seine Arbeiten am Weimarer
Schloß dokumentieren seinen künstlerischen Rang. Sein früher Tod
versagte ihm die Vollendung, die
seinem
Schüler und Rivalen Schinkel beschieden sein sollte.
Weitere Werke:
Elementar-Zeichenwerk. Lehrbuch für die Kunst- und Gewerk-Schulen in
Preußen, Berlin 1803/06.
Lit.:
Alste Horn-Oncken: Johann Heinrich Gentz, in: Neue Deutsche Biographie,
Bd. 6 (1964), S. 193 f. – Hermann Schmitz: Berliner Baumeister vom
Ausgang des 18. Jahrhunderts (= Die Bauwerke und Kunstdenkmäler von
Berlin, Beiheft 2), Berlin 2. Auflage 1925, Nachdruck 1980. – Berlin und
die Antike, Katalog zur Ausstellung aus Anlaß des 150jährigen Bestehens
des Deutschen Archäologischen Instituts in der Großen Orangerie des
Schlosses Charlottenburg 1979, hrsg. von Willmuth Arenhövel, Berlin
1979. – Karl Friedrich Schinkel. Katalog zur Schinkel-Ausstellung
1980/81 im Alten Museum zu Berlin, (Ost-)Berlin 1982.
Bild:
Getuschte Zeichnung von
G. von Kügelgen, 1795. Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin.
Peter Mast
nach oben
|