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Heinrich George - eigentlich Georg August Friedrich Hermann Schulz -,
Sohn eines ehemaligen Decksoffiziers der kaiserlichen Marine, war einer
der genialsten und bewegendsten Schauspieler deutscher Zunge - gleich
bedeutend in Dramen von Barlach, Brecht, Ibsen oder Sternberg, besonders
eindrucksvoll als Götz in Goethes gleichnamigem Sturm- und
Drang-Drama, als Pedro Crespo in Calderóns Der Richter von Zalamea
und als Falstaff in Shakespeares Heinrich IV. Einprägsam war auch
Georges Rollengestaltung im Film; zu nennen wären hier vor allem sein
Zola in Dreyfus (1930), Franz Bieberkopf in Berlin
Alexanderplatz (1931) und der Postmeister im Film gleichen
Titels nach Puschkins Novelle (1940).
Nachdem es George gelungen war, anfängliche Widerstände des Vaters gegen
den Schauspielerberuf zu überwinden, hatte er 1912 in Kolberg sein
erstes Engagement bekommen; Bromberg und Neustrelitz waren die nächsten
Stationen. Als Kriegsfreiwilliger, wie so viele, nahm George am Ersten
Weltkrieg teil. Er war dem Grauen des Krieges aber auf die Dauer nicht
gewachsen und wurde 1917 als wehruntauglich entlassen. Auf seiner
nächsten künstlerischen Station, in Dresden, lernte George den
Malerpoeten Oskar Kokoschka kennen und befreundete sich mit ihm. In der
sehr schwierigen Rolle des Kautschukmanns in Kokoschkas Drama Der
brennende Dornbusch sah ihn der Generalintendant des Frankfurter
Schauspielhauses, Karl Zeiß, und verpflichtete ihn, von seiner Leistung
angetan, an sein Haus. In den nächsten fünf Jahren stand George ebenso
oft in den in Frankfurt sehr gepflegten expressionistischen Stücken
Hasenclevers, Wedekinds oder Sternheims auf der Bühne wie in
klassischen. Die Frankfurter Jahre hat George als die Zeit seiner
künstlerischen Selbstfindung bezeichnet. Ab 1922 war George ständig in
Berlin, dem politischen und kulturellen Zentrum Deutschlands, engagiert.
George arbeitete mit Regisseuren wie Berthold Viertel, Gustav Härtung,
Ernst Legal, Leopold Jessner, war von 1925 -1928 bei Erwin Piscator an
der Volksbühne Hauptdarsteller in Stücken Unruhs und Brechts. Besonders
gerne spielte er unter der Regie eines anderen Norddeutschen, des
Lübeckers Jürgen Fehling. 1923 konnte er unter seiner Regie als
Siebenmark in Ernst Barlachs Der arme Vetter in Berlin seinen
künstlerischen Durchbruch erzielen. Die nachhaltigsten darstellerischen
Erfolge Georges waren sein Götz, der Pedro Grespo und der Falstaff. Bei
diesen ganz unterschiedlichen Charakteren erreichte er eine Dichte der
Darstellung, ein Eins werden mit der Rolle, die bis heute denkwürdig
geblieben ist. Auch im Film, zuerst im Stummfilm, dann im Tonfilm,
konnte George sein Können demonstrieren. Der Postmeister war wohl
seine reifste Filmdarstellung.
Wie
spielte George? Er liebte es nicht, eine Rolle nur vom Kopf her
anzugehen; er mußte sie „erfühlen", wie er selber sagte. Die damaligen
„jungen Männer" am Schiller-Theater, dessen Generalintendant George 1937
wurde, Ernst Schröder und Will Quadflieg, betonen übereinstimmend in
ihren Memoiren die Bedeutung des Körperlichen für die Rollengestaltung
Georges. Das, was eine Bühnenfigur denkt und empfindet, ihr Inneres,
wurde von George auf so eindrucksvolle Weise in Mimik und Bewegung
umgesetzt, daß keine Kopie einer Bühnengestalt entstand, sondern diese
selbst leibhaftig auf der Bühne zu erleben war.
Wie
für viele seiner Kollegen, stellte sich auch für George nach der
Machtübernahme durch Hitler die Frage nach der Emigration. Aber George
sah das nicht als eine Möglichkeit für sich an: Er könne draußen nicht
arbeiten und lebe von der deutschen Sprache, meinte er. Obwohl George
kein Nazi war und sich sehr verdienstvoll für politisch und rassisch
verfolgte Ensemblemitglieder des Schiller-Theaters einsetzte, spielte er
in einigen Propagandafilmen der Nazis Hauptrollen: in Hitlerjunge
Quex (1933; Regie Hans Steinhoff) sowie in den
Veit-Harlan-Produktionen Jud Süß (1940) und Kolberg
(1943/44). Das mag sich für die Anfangszeit durch eine gewisse Naivität
Georges gegenüber den Möglichkeiten und Zielen der Propaganda erklären,
für die späteren Jahre aber wohl lediglich mit dem Streben, sich und
seine Familie (seit 1932 war George mit Berta Drews verheiratet und
hatte zwei Kinder) möglichst gut durch die braunen Jahre zu bringen. Der
von George ans Schiller-Theater verpflichtete Schriftsteller Günther
Weisenborn hat Georges Dilemma auf folgende Kurzformel gebracht: „Es war
seine größte Stärke und seine größte Schwäche, in dieser Zeit nichts als
ein Schauspieler gewesen zu sein."
Heinrich George wurde nach der Einnahme Berlins durch die Rote Armee von
den Sowjets im Juni 1945 verhaftet und in ein Lager in Hohenschönhausen,
später in das Lager Sachsenhausen gebracht. Mit Eingaben an die
sowjetische Militärkommandantur versuchten seine Freunde vergeblich,
seine Freilassung zu erreichen. Auch in den Lagern spielte George noch
Theater, zuletzt in Szenen aus Der Postmeister. Nach einer
Blinddarmoperation starb George im Frühherbst 1946, keine 53 Jahre alt.
Lit.: Berta Drews: Heinrich
George. Ein Schauspielerleben, Hamburg 1959. - Peter Laregh: Heinrich
George, Komödiant seiner Zeit, München 1992.
Bild: Heinrich George als
Postmeister, Bildarchiv der Stiftung Mitteldeutscher Kulturrat.
Matthias Otten
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