In Lüben,
damals
Garnisonsstadt
seines
Vaters, des
Eskadronchefs
Ernst
Freiherr von
Gersdorff,
wurde
Rudolf-Christoph
als zweiter
Sohn geboren
und
verbrachte
dort seine
Kindheit und
Jugend bis
zum Abitur
im Jahre
1923. In
seinen
Erinnerungen
schildert
Gersdorff
seine Eltern
– die
Mutter, eine
Ostpreußin,
war eine
geborene
Burggräfin
und Gräfin
zu
Dohna-Schlodien
– als
„preußische
Menschen im
Sinne der
philosophischen
Bedeutung
des
Preußentums“
und
charakterisiert
sie als
ebenso
traditionsbewußt
wie tolerant
und
weltoffen,
gerecht und
verantwortungsbewußt.
Der
väterlichen
Familie, die
sich bis in
das 10.
Jahrhundert
zurückführen
läßt,
verzweigte
sich in
kaiserlichen,
sächsischen,
preußischen,
dänischen
und
russischen
Diensten bis
nach Livland;
ihr
entstammten
eine Reihe
von
hochrangigen
Offizieren,
aber auch
Gelehrte und
Künstler.
Entgegen dem
Wunsch von
Rudolf-Christophs
Großvater
hatte sein
Vater ein
Jurastudium
abgebrochen
und war als
passionierter
Reiter in
das
Leibkürassierregiment
in Breslau
eingetreten.
Dem Enkel
verwehrte
eine
gestrenge
Rekrutierungskommission
wegen
erheblichen
Untergewichts
bei
überdurchschnittlicher
Körperlänge
zunächst, in
die
Fußstapfen
des Vaters
zu treten.
Der Chef der
in Lüben
stationierten
Eskadron des
7. (Preuß.)
Reiterregiments
hatte jedoch
ein Einsehen
und übernahm
den
Abiturienten
in seine
Einheit.
Ende 1926,
am Sterbetag
des Vaters,
der bereits
1920 nach
dem
Kapp-Putsch
als
Generalmajor
verabschiedet
worden war,
erfolgte
Gersdorffs
Ernennung
zum
Leutnant.
Die
militärische
Karriere des
jungen
Offiziers
verlief
zunächst in
den üblichen
Bahnen.
Außergewöhnlich
erfolgreich
war
Gersdorff
dagegen als
Rennreiter.
Im Jahr
1934, dem
Jahr seiner
Verheiratung,
sah er
selbst den
Höhepunkt
dieser
sportlichen
Laufbahn. Es
war dasselbe
Jahr, in dem
ihm die
ersten
Gerüchte
über die
nationalsozialistischen
Konzentrationslager
zu Ohren
kamen.
Politisch
konservativ
wie die
meisten der
durchweg
adligen
Offiziere
seines
Regiments
und wie sein
Bruder der
Deutschnationalen
Volkspartei
nahestehend,
protestierte
er während
der
Generalstabsausbildung
1938 an der
Kriegsakademie
in Berlin
als
Hörsaalältester
heftig gegen
die Vorfälle
der
„Reichskristallnacht“.
Die Meldung
zur
Kriegsakademie
hatte er
Oberst i.G.
Erich Marcks
zu
verdanken,
dem er
während
einer
Generalstabsreise
aufgefallen
war. Wenige
Tage vor dem
Einmarsch
deutscher
Truppen in
die
Tschechoslowakei
wurde
Gersdorff
mit einer
Gruppe von
Lehrgangsteilnehmern
von Hitler
in der
Reichskanzlei
empfangen.
Der gehemmt
wirkende
Reichskanzler,
der erst
beim Thema
Tschechoslowakei
auftaute und
sich
monologisierend
dazu erging,
machte dabei
auf
Gersdorff
den Eindruck
eines
„widerlichen,
aufgeschwemmten
Proleten“.
Nach dem
Polenfeldzug,
den
Gersdorff
als
Ic-Offizier
im Stab der
14. Armee
erlebt
hatte, wurde
er als Ia
einer
Infanteriedivision
an die
Westfront
versetzt, wo
er zu Beginn
des
Frankreichfeldzugs
zufällig mit
dem
damaligen
Major i. G.
Henning von
Tresckow
zusammentraf,
dem er
vermutlich
durch einige
kritische
Bemerkungen
über den
Ausbildungsstand
der zum
Einsatz
kommenden
deutschen
Truppen
auffiel.
Jedenfalls
erinnerte
sich
Tresckow an
den jungen
Generalstabsoffizier
und
erreichte,
daß
Gersdorff im
April 1941
als Ic zu
ihm in den
Stab der
Heeresgruppe
Mitte nach
Posen
abkommandiert
wurde, wo
dieser den
als
Tresckows
Ordonnanzoffizier
dorthin
versetzten
Leutnant
Fabian von
Schlabrendorff
und andere
kritisch bis
oppositionell
eingestellte
Offiziere
kennenlernte.
Als der
Heeresgruppe
die
kriegsrechtswidrigen
Befehle
Hitlers für
den
geplanten
Krieg gegen
die
Sowjetunion
(„Kommissarbefehl“
und „Gerichtsbarkeitserlaß
Barbarossa“)
bekannt
wurden,
konnte sich
ihr
Oberbefehlshaber
Fedor von
Bock, ein
Vetter
Tresckows,
nicht
entschließen,
dessen
Forderung
einer
persönlichen
Intervention
bei Hitler
zu
akzeptieren.
In einer
hilflosen
Geste
entsandte er
stattdessen
Gersdorff
zum
Oberkommando
der
Wehrmacht,
wo die
Empörung des
Kreises um
Tresckow
wirkungslos
verpuffte.
Als die
ausgeblutete
Heeresgruppe
Mitte das
Ziel der
Eroberung
Moskaus Ende
1941 nicht
erreichte
und von Bock
durch Hans
Günther von
Kluge
ersetzt
wurde, kam
Tresckow
seinem Ziel,
den
Heeresgruppenstab
zu einem
Zentrum des
Widerstandes
gegen Hitler
auszubauen,
allmählich
näher.
Obwohl er
den neuen
Oberbefehlshaber
nicht zu
oppositionellen
Aktivitäten
überreden
konnte, ließ
von Kluge
seinen Ia
gewähren.
Mit Tresckow
waren sich
Gersdorff,
Schlabrendorff,
Berndt von
Kleist und
andere
Offiziere
des
Heeresgruppenstabes
seit 1942
einig, daß
ein Umsturz
nur durch
eine
gewaltsame
Beseitigung
Hitlers
möglich sei.
Gersdorff
bedrängten
Zweifel am
Kriegsausgang
wegen
Hitlers
rücksichtsloser
und
konzeptionsloser
Kriegführung
ebenso wie
Scham
angesichts
der
verbrecherischen
Besatzungspolitik
des
NS-Regimes,
von der er
gerüchteweise
bereits in
Polen
erfahren
hatte.
Letzte
Klarheit
verschaffte
ihm im
Oktober 1941
die
dienstliche
Kenntnis von
der
Ermordung
der
jüdischen
Bewohner der
weißrussischen
Stadt
Borissow.
Im Sommer
1942
besorgte
Gersdorff
für Tresckow
und
Schlabrendorff
erstmals
Sprengstoff,
der für ein
Attentat
Verwendung
finden
sollte. Als
Beutematerial
verfügten
die
Abwehrstellen
beider
Heeresgruppen,
mit denen
Gersdorff
als Ic
dienstlichen
Kontakt
hatte, über
englischen
Plastiksprengstoff,
als Zünder
standen
allerdings
nur langsam
wirkende und
unpräzise
auslösende
Säurezünder
zur
Verfügung.
Ein erster
Attentatsversuch
Tresckows
und
Schlabrendorffs
auf Hitlers
Flugzeug,
das Hitler
vom
Frontbesuch
bei der
Heeresgruppe
am 13. März
1943 in sein
Hauptquartier
in
Rastenburg
(Ostpreußen)
zurückflog,
schlug fehl,
weil der
Zünder
versagte.
Gersdorff
übernahm es
daraufhin,
bei einer
Vorführung
sowjetischer
Beutewaffen
im Berliner
Zeughaus am
21.März 1943
im Rahmen
einer
Heldengedenktagsfeier
sich
zusammen mit
Hitler in
die Luft zu
sprengen.
Die
Ausstellungsstücke
waren bei
der
Heeresgruppe
Mitte
erbeutet und
von
Gersdorff
zusammengestellt
worden.
Obwohl er
deshalb als
Führer durch
die
Ausstellung
prädestiniert
schien, wäre
der
Attentatsversuch
beinahe
schon im
Ansatz
gescheitert,
weil Hitler
den Kreis
der
Teilnehmer
selbst
zusammengestellt
hatte.
Hitlers
Chefadjutant
Schmundt,
Tresckow
seit
längerem
kameradschaftlich
verbunden,
nahm es
schließlich
auf sich,
Gersdorff
zur
Begleitung
Hitlers
während der
Ausstellung
zuzulassen.
Als Hitler
zusammen mit
Göring,
Himmler,
Keitel und
Dönitz
erschienen
war,
betätigte
Gersdorff
den Zünder
seiner
Sprengladung,
der eine
Zündzeit von
etwa zwölf
Minuten
hatte, und
versuchte
neben Hitler
herlaufend,
Erklärungen
zu einzelnen
Ausstellungsstücken
zu geben.
Statt der
vorgesehenen
15 Minuten
durcheilte
Hitler den
Saal jedoch
kommentarlos
in weniger
als fünf
Minuten und
verließ nach
knapper
Verabschiedung
von
Gersdorff
und
Generaloberst
Model, mit
dem
Gersdorff
von der
Front nach
Berlin
geflogen
war, das
Zeughaus, um
einen im
Freien
aufgebauten
sowjetischen
T-34-Panzer
zu
erklettern,
der ihn
offensichtlich
mehr
interessierte.
Gersdorff
entledigte
sich in der
nächsten
Toilette
schnellstens
des Zünders.
Einige Zeit
nach seiner
Rückkehr an
die Front
brachten die
Verschwörer
Kluge unter
anderem
durch die
Mitteilung
von
Gersdorffs
Attentatsversuch
dazu, sich
auf ihre
Seite zu
schlagen.
Neben
anderen
Aktivitäten
entsandte
von Kluge
seinen Ic
zum
Oberbefehlshaber
der
Heeresgruppe
Süd,
Generalfeldmarschall
von
Manstein, um
ihn für eine
Aktion der
maßgeblichen
Generale bei
Hitler zu
gewinnen.
Manstein
lehnte
jedoch jede
gegen Hitler
gerichtete
Maßnahme
strikt ab.
Im September
1943 wurde
Gersdorff
wegen einer
Magenoperation
zur
Führerreserve
des Heeres
versetzt.
Während
eines
Lehrganges
im Januar
1944 lernte
er im Hause
Schlabrendorffs
und im
Beisein
Tresckows
Claus von
Stauffenberg
kennen.
Tresckow
teilte ihm
außerdem
mit, daß er
bald als
Chef eines
Korps an die
Westfront
versetzt
werde und
sich im
Falle eines
Staatsstreiches
in Berlin
zur
Verfügung
stellen
solle. Ende
des Monats
war
Gersdorff in
Posen unter
den etwa 300
Generalen
und
Offizieren,
vor denen
Himmler
bekannte,
daß es keine
Judenfrage
mehr gebe.
Ab Februar
1944 tat
Gersdorff
als
Stabschef
des LXXXII.
Armeekorps
Dienst im
Abschnitt
Dünkirchen –
Boulogne des
Atlantikwalls.
Wenige
Wochen nach
der
alliierten
Invasion
nahm von
Kluge als
neuer
Oberbefehlshaber
West
Verbindung
mit ihm auf.
Gersdorffs
Drängen, in
Kontakt mit
den
Westalliierten
zu treten,
lehnte er
allerdings
ab. Nach dem
alliierten
Durchbruch
von
Avranches
schickte ihn
der
Feldmarschall
als
Stabschef
zur 7.
Armee, wo er
kurz vor
seinem
Selbstmord
Mitte August
1944
auftauchte,
um sich von
Gersdorff zu
verabschieden
und ihm
Abschiedsbriefe
für seine
Familie zu
übergeben.
Im Strudel
der
deutschen
Niederlage
an der
Invasionsfront
gelang es
Gersdorff
trotz
Verwundung,
Teile der 7.
Armee und
der 5.
Panzerarmee
aus dem
Kessel von
Falaise–Argentan
herauszuführen,
wofür er mit
dem
Ritterkreuz
ausgezeichnet
wurde, und,
zwischenzeitlich
Stabschef
der 5.
Panzerarmee,
Ende August
1944 nach
der
Gefangennahme
durch eine
britische
Panzereinheit
aus deren
Gewahrsam zu
entfliehen.
Wieder
Stabschef
bei der 7.
Armee,
machte er
deren
Rückzug
durch
Frankreich
und
Deutschland
mit und kam,
am 30.
Januar zum
Generalmajor
befördert,
am 8. August
1945 im Raum
Teplitz-Schönau
in
amerikanische
Gefangenschaft.
Zunächst
noch im
Prominentenlager
Oberursel an
der
kriegsgeschichtlichen
Aufarbeitung
des Zweiten
Weltkrieges
durch die
Historical
Division der
US Army
beteiligt,
wurde er im
Mai 1946 in
Nürnberg als
Zeuge
vernommen
und trat
1948 im
sogenannten
Südostprozeß
als Zeuge
der
Verteidigung
auf. Obwohl
Gersdorff
schon bei
seiner
Vernehmung
1946 den
Generalstab
entlastet
hatte und
deshalb
nicht als
Zeuge der
Anklage
eingesetzt
worden war,
distanzierte
sich ein
großer Teil
seiner
Mitgefangenen
im
Offizierslager
Allendorf,
wo er seit
Sommer 1946
kriegsgefangen
war, von
ihm, nachdem
Schlabrendorffs
Buch
Offiziere
gegen Hitler
mit der
Schilderung
des Kreises
um Tresckow
und von
Gersdorffs
Attentatsversuch
in Zürich
erschienen
war. Eine
Abordnung
von
Generalen
verlangte
sogar,
Gersdorff
aus dem
Lager zu
entfernen.
Als einer
der letzten
kriegsgefangenen
Generale
wurde er
Ende
November
1947
entlassen.
Bemühungen
von
Freunden,
Gersdorff
beim Aufbau
der
Bundeswehr
zu
verwenden,
scheiterten
offensichtlich
an der
Abneigung
maßgeblicher
Kreise, den
Widerständler
und
Beinahe-Hitler-Attentäter
dazu
heranzuziehen.
Von 1951 bis
1963 war er
ehrenamtlicher
Leiter der
Johanniter-Unfallhilfe,
die er
aufgebaut
hatte.
Anschließend
ging er aus
beruflichen
Gründen nach
München.
Eine von
einem
Reitunfall
herrührende
Querschnittslähmung
fesselte ihn
seit 1968
bis zum Ende
seines
Lebens an
den
Rollstuhl.
Werke:
Soldat im
Untergang,
Frankfurt/M.,
Berlin, Wien
1977.
Lit.:
Fabian v.
Schlabrendorff:
Offiziere
gegen
Hitler, 1.
Aufl. Zürich
1946, 2.
durchges.
Aufl.
Tübingen
1979; – Bodo
Scheurig:
Henning von
Tresckow,
Oldenburg u.
Hamburg
1973; – Karl
Otmar v.
Aretin:
Henning von
Tresckow,
in: Rudolf
Lill,
Heinrich
Oberreuter:
20. Juli.
Portraits
des
Widerstands,
Düsseldorf,
Wien 1984.
Bild:
Oberst von
Gersdorff,
vermutlich
im
Spätsommer
1944;
Bundesarchiv
Koblenz.