David Gilly
– Preuße,
Hugenott und
genialer
Baumeister
dazu. Er
gehörte
ähnlich wie
der „olle
Schadow“
nach dem
viel
zitierten
Wort Theodor
Fontanes zu
den
Erscheinungen
Preußens,
die eine
„griechische
Seele, einen
fritzischen
Geist und
einen
märkischen
Charakter“
besaßen. Er
galt – wie
der
langjährige
Direktor der
Berliner
Kunstbibliothek,
Paul Ortwin
Rave, es
ausdrückte –
als besessen
von
„Bauträumen,
die von der
Zeitnähe und
zugleich von
sagenhafter
Heroenferne
bestimmt“
waren. Er
hat –
geschult
unter
anderem an
Friedrich
Wilhelm von
Erdmannsdorff
– dem
klassizistischen
Element in
Brandenburg-Preußen
den Boden
bereitet.
David Gilly
– Preuße vom
Herzen her,
aber doch
auch wie
Theodor
Fontane ein
Preuße „mit
vielen
Tropfen
französischen
Blutes in
den Adern“ –
wurde in der
Stadt des
„tollen
Markgrafen“
geboren. Das
Leben dieses
Baumeisters
der
Hohenzollern
wurde von
seltsamen
literarischen
Zeichen
umfangen. Im
Geburtsjahr
Gillys
schrieb
Klopstock an
seinem
Messias
und im
Todesjahr
des Meisters
des
norddeutschen
Klassizismus,
1808,
arbeitete
Heinrich von
Kleist an
seiner
Penthesilea.
Bevor Gilly
sich dem
klassischen
oder
klassizistischen
Stil
zuwandte –
den Goethe
einmal im
Bezug auf
die Dichtung
Eckermann
gegenüber im
Vergleich
zum
Romantischen
„das
Gesunde“
nannte –
nahm der
Hugenottensproß
eine
Berufung
nach Stettin
als
Königlich
Preußischer
Baudirektor
in der
Provinz
Pommern an.
In der
Spätzeit
Friedrich
des Großen
arbeitete er
in der „dem
Meere
zugewandten
Provinz“ vor
allem im
ländlichen
Bereich. Er
machte sich
um den
Aufbau und
die Gründung
von
friderizianischen
Siedlungen
verdient und
betätigte
sich auch
bei der
Melioration
von sumpf-
und
hochwasserbedrohten
Gebieten.

Die guten
Erfahrungen,
die das
preußische
Herrscherhaus
mit dem
emsigen
Baumeister
machte,
fanden auch
einen
Widerhall.
Nur zwei
Jahre nach
dem Tod
Friedrich
des Großen
berief der
kunstfreudige
und
musikbesessene
König
Friedrich
Wilhelm II.
– der in
Potsdam
sogar mit
Mozart
konzertierte
– David
Gilly als
Mitglied der
Obersten
Baubehörde
nach Berlin.
Damit gewann
der
Baumeister
die
Möglichkeit,
über den
Radius des
östlichen
Brandenburg
und Pommerns
weit
hinauszuwirken
bis nach
Ost- und
Westpreußen
hin. David
Gilly,
urteilte
Paul Ortwin
Rave,
„zählte zu
jenen
Charaktergestalten,
die den
schweren
Dienst in
den
vergleichsweise
armen
Landstrichen
des
deutschen
Ostens mit
gewissenhafter
Gründlichkeit
ausübten und
als Ideal
der Pflicht
nahmen“.
Das
Lebenswerk
dieses
Meisters
begann sich
bereits
damals zu
runden – mit
der
Mitarbeit
bei der
Trockenlegung
des
Warthebruchs,
mit dem
Wiederaufbau
des
kriegszerstörten
Küstrin und
der
niedergebrannten
Zantocher
Vorstadt von
Landsberg an
der Warthe.
Aber die
Krönung des
Werkes stand
noch aus.
Sie begann
sich erst
bei der
Zusammenarbeit
mit
Friedrich
Wilhelm von
Erdmannsdorff
abzuzeichnen.
Der Meister
von Wörlitz,
dem Gleim
das Wort
widmete,
„wer ihm ins
Auge sah,
der mochte
ihn zum
Freunde
haben“,
gestaltete
im Auftrage
der
preußischen
Krone das
Wohn- und
Sterbezimmer
Friedrich
des Großen
in Sanssouci
im
klassizistischen
Stile um und
schenkte
zugleich den
Königskammern
im alten
1950
zerstörten
Berliner
Schloß auf
der
Spree-Insel
ein neues
Gesicht. Es
war die
Zeit, in der
Carl
Gotthard
Langhans am
Kopf der
Straße Unter
den Linden
in Berlin –
„die
ohnstreitig
die schönste
Lage von der
ganzen Welt
ist“ – sein
Brandenburger
Tor
aufzuführen
begann. Es
war aber
auch die
Zeit, in der
die durch
das
Mätressenwesen
ihres
Gemahls
menschlich
gedemütigte
Königin
Friederike
Luise – die
meist im
Schloß
Monbijou in
Berlin lebte
– eine
Zuflucht
außerhalb
der Tore der
Hauptstadt
suchte. Ihr
Blick fiel
dabei auf
das am
Nordhang des
Hohen Barnim
gelegene
geschichtsumklungene
Städtchen
Freienwalde
an der Oder.
Schon der
Alchimist
des Großen
Kurfürsten,
Johann
Kunckel, der
auf der
Pfaueninsel
in der Havel
Gold zu
machen
versuchte
und
stattdessen
das berühmte
Kunckel-Glas
zu Tage
förderte,
hatte den
Reiz des
Freienwalder
Kurbrunnens
entdeckt.
Seit anno
1790 hielt
sich
Friederike
Luise dann
des öfteren
in
Freienwalde
auf, ließ
sich ein
paar Jahre
später einen
kleinen
bewohnbaren
Pavillon
erbauen und
gab
schließlich
kurz vor der
Jahrhundertwende
den Auftrag,
für sie ein
„Lustschloß
im
Landhausstil“
zu
entwerfen.
Der Entwurf
gefiel ihr,
und David
Gilly konnte
daraufhin
nach seinen
klassizistischen
Intentionen
den Entwurf
ausführen.
Das lose an
Marie
Antoinettes
Trianon
erinnernde
Schlößchen
erwies sich,
wie Theodor
Fontane
notierte,
als „ein Bau
für eine
Königinwitwe,
die sich
selber leben
will, nicht
aber für
eine
Königin, die
anderen
leben muß.“
In
Freienwalde,
dem Gerhart
Hauptmann
„den Glanz
königlichen
Bürgertums“
zugestand,
verbrachte
auch der
später von
Eichendorff
als
„Romantiker
auf dem
Königsthron“
gefeierte
Friedrich
Wilhelm IV.
einen Teil
seiner
Kindheit.
Nach
Augenzeugenberichten
polterte er
durch das
Schloß, eine
Drehorgel
vor sich
herschiebend,
der er zur
Freude
seiner
Großmutter
die
Papageno-Arie
„Ein Mädchen
oder
Weibchen
wünscht
Papageno
sich“
entlockte
und damit
die Melodie
zum Klingen
brachte, die
so
verdächtig
an das 1945
untergegangene
Glockenspiel
der
Potsdamer
Garnisonkirche
– „Üb’ immer
Treu’ und
Redlichkeit“
– erinnert.
David Gilly
hat das
Werk, das er
in
Freienwalde
hinterließ,
Ehre und
Ruhm
eingetragen.
In einem
Bericht
meldete er,
„daß der mir
aufgetragene
Bau eines
Sommerpalais
für die
Königin Frau
Mutter zu
allerhöchst
derselben
Zufriedenheit
erledigt
sei.“ Gilly
konnte sich
im selben
Jahr
daranmachen,
vor den
Toren
Potsdams –
in Paretz –
ein Tuskulum
für
Friedrich
Wilhelm III.
und seine
Gemahlin
Luise zu
erbauen. Der
sparsame
königliche
Bauherr, der
die Eigenart
besaß, seine
Sätze immer
in
Infinitiv-Formen
zu kleiden,
ließ den
Baumeister
wissen, „nur
immer daran
denken, daß
Sie für
einen armen
Gutsherrn
bauen“. Was
Gilly jedoch
in Paretz
schuf und
hinterließ,
war
entschieden
mehr als ein
bescheidenes
Schlößchen –
es war ein
im
klassizistischen
Stil
geformtes
Dorf, ein
architektonisches
Gesamtkunstwerk
mit Wohn-
und
Torhäusern,
mit einer
Schmiede,
einem
neugotisch
umgebauten
Kirchlein
und dem
Schloß. Das
Arbeitszimmer
des Königs
war auf
bescheidenste
Weise
möbliert und
doch lagen
auf dem
Schreibsekretär
die Briefe
eines
Wilhelm von
Humboldt,
die Entwürfe
eines Karl
Friedrich
Schinkel und
die Hinweise
des
preußischen
Regierungsrates
Joseph von
Eichendorff.
Von diesem
Schlößchen
aus – eine
halbe Meile
vor Ütz im
Havelland
gelegen –
regierte der
König oft
Monate
hindurch
seinen von
Köln bis
Königsberg
reichenden
Staat.
Von David
Gillys Werk
hat sich bis
in die
Gegenwart
hinein das
Schlößchen
Freienwalde
über dem
Odertal
erhalten –
jedenfalls
als
Baudenkmal,
aber seiner
Einrichtung
beraubt.
Paretz ist
nach dem
Krieg
gänzlich
umgebaut und
eigentlich
als
Baudenkmal
zerstört
worden. So
weht um das
Leben des
Meisters
schon ein
wenig Tragik
– nicht
allein um
seine
Hinterlassenschaft,
auch um sein
irdisches
Dasein.
David Gilly
geriet nach
dem
Franzoseneinfall
in Preußen
in
wirtschaftliche
Bedrängnis.
Selbst seine
Bücher, die
er dringend
brauchte,
gingen
verloren. So
entschloß er
sich 1808,
an seinen
nach
Ostpreußen
geflohenen
König zu
schreiben
und um
Nachzahlung
seines noch
ausstehenden
Gehalts zu
bitten. Doch
der Brief
kam zu spät.
Als er im
Lande
zwischen
Nogat und
Pregel
eintraf, war
Gilly schon
tot. Noch
eine weitere
Tragik kommt
hinzu. Der
in Altdamm
bei Stettin
geborene
Sohn David
Gillys,
Friedrich
Gilly, wurde
wohl zum
großen
Lehrmeister
Karl
Friedrich
Schinkels.
Doch es war
ihm nicht
vergönnt,
auch nur ein
einziges der
Bauwerke,
die er
ersonnen
hatte, zu
vollenden.
Friedrich
Gilly, den
Paul Ortwin
Rave ein
„brennendes
genialisches
Wesen“
nannte,
starb als
Frühvollendeter
schon mit
neunundzwanzig
Jahren.
Lit.:
Allgemeine
Deutsche
Biographie,
Bd. 9
(1879), S.
173. (Löbe)
- Neue
Deutsche
Biographie,
Bd. 6
(1964), S.
399 (Alste
Horn-Oncken).
-
Hermann
Schmitz:
Berliner
Baumeister
vom Ausgang
des 18.
Jahrhunderts
(= Die
Bauwerke und
Kunstdenkmäler
von Berlin,
Beiheft 2),
Berlin
1925.
-
Hans-Ulrich
Engel:
Schlösser
und
Herrensitze
in
Brandenburg
und Berlin
(= Schlösser
und
Herrensitze,
Bd. 6),
Frankfurt a.
M. 1959.
Bild:
Schloß
Freienwalde
um 1798;
nach einem
gleichzeitigen
Aquarell.
Hans-Ulrich
Engel