„Hier ruht/
Vom
Vaterlande
und von
zahlreichen/
Freunden
getrennt/
Ein Liebling
des Himmels
und der
Menschen/
Ein Künstler
der edelsten
Art-/ In
welchem die
Fülle des
Genies/ Mit
der
Reinigkeit
des echten
Geschmacks/
Und der
inneren
Harmonie/
Einer
schönen
gebildeten
Seele-/ Die
Kunst mit
dem Leben
sich innig
verschlang“.
Mit diesen
Worten
versucht die
Inschrift
auf dem
Grabstein
Friedrich
Gillys das
Wesen jenes
frühvollendeten
Architekten
und
Baumeisters
zu erfassen,
der
vielleicht,
wäre er
nicht vor
200 Jahren,
nur
28jährig,
verstorben,
das Bild
Berlins und
Brandenburgs
ähnlich
entscheidend
hätte prägen
können, wie
das Georg
Wenzeslaus
von
Knobelsdorff
im 18. und
Karl
Friedrich
Schinkel im
19.
Jahrhundert
gelungen
ist.
Friedrich
Gilly
entstammte
einer
Hugenottenfamilie,
die 1689 in
das
Kurfürstentum
Brandenburg
eingewandert
war. Er
wurde als
Sohn des
pommerschen
Landbaudirektors
und Geheimen
Oberbaurates
David Gilly,
des
Schöpfers
unter
anderem der
Schloßanlagen
zu Paretz
und
Freienwalde
sowie des
Vieweg’schen
Anwesens in
Braunschweig,
und dessen
Gattin
Justine
Friederike
in Altdamm
bei Stettin
geboren und
verbrachte
seine
Kindheit
zuerst in
Stargard,
wohin der
Vater noch
im
Geburtsjahr
des Knaben
versetzt
worden war,
und dann ab
1782 in
Stettin.
Hier
besuchte er
eine
Privatlehranstalt,
wurde aber
auch vom
Vater, dem
sein
künstlerisches
und
technisches
Talent nicht
verborgen
geblieben
war, in die
Grundlagen
der
Architektur
und ihrer
Nachbargebiete
eingeführt
und zum
Zwecke der
direkten
Anschauung
des
Erlernten
auf etliche
Dienstreisen
mitgenommen.
Mit der
Übersiedelung
der Familie
nach Berlin
im Jahre
1788
erfuhren
diese
Impulse eine
Vertiefung
und
Systematisierung.
Gilly
erhielt
Unterricht
bei Carl
Gotthard
Langhans und
Friedrich
Wilhelm von
Erdmannsdorff
in der
Baukunst und
an der
Akademie der
Künste im
Zeichnen,
wobei hier
Christian
Bernhard
Rode, Daniel
Nikolaus
Chodowiecki
und Johann
Gottfried
Schadow zu
seinen
Lehrern
zählten.
1789 zum
Baukondukteur
beim
Königlichen
Hofbauamt
bestellt,
fand er auch
Gelegenheit
zur
praktischen
Umsetzung
seiner
Kenntnisse,
so beim Bau
des
Oranienburger
Kanals oder
der Berliner
Stadtvogtei.
Sein
theoretisches
Wissen
erweiterte
Gilly auf
zwei Reisen,
die ihn 1790
in
Begleitung
des
Oberbaurates
Riedel nach
Westdeutschland
und Holland,
1794
gemeinsam
mit seinem
Vater nach
West- und
Ostpreußen
führten.
Trat er hier
erstmals mit
geschultem
Blick den
Werken der
Gotik und
des
norddeutschen
Backsteinbaus
gegenüber,
erlangte er
dort tiefere
Einsichten
in die
Technik des
Wasserbaus
und die
Möglichkeiten
der
Vereinfachung
überladen
ornamentierter
Bauformen.
Stärker als
diese
Eindrücke,
die sich nur
indirekt,
etwa in der
Raumauffassung
und dem
Streben nach
erhabener,
aber
gleichwohl
schlichter
Monumentalität,
in Gillys
späterem
Schaffen
nachweisen
lassen,
wirkte die
intensive
Beschäftigung
mit der
Architektur
der Antike.
Der junge
Baumeister
gelangte im
Studium der
erhaltenen
Denkmäler,
zuerst vor
allem des
architektonischen
Schaffens
der
römischen
Antike zu
einer
bislang
unbekannten,
auf das
Wesen der
Werke hin
zielenden
Anschauung
antiker
Baukunst,
die den sich
im
wesentlichen
auf äußere
Nachahmung
einzelner
überlieferter
Formelemente
beschränkenden
Frühklassizismus
revolutionierte.
Nicht mehr
die bloße
Gestalt
eines
Bauteiles,
das als eine
Art
Versatzstück
potentiell
beliebigen
Zwecken
zugeführt
werden
konnte,
sondern die
Gesamtheit
des
Baukörpers
als Ausfluß
der
Ideenwelt
ihres
Schöpfers
trat nun in
den
Mittelpunkt,
Raum und
Form
verschmolzen
zu einer
Einheit, der
gegenüber
Überlegungen
des
Gebäudeschmuckes
und der
Ornamentik
zunächst in
den
Hintergrund
traten.
Weiter
befruchtend
wirkte
darüber
hinaus eine
ausgedehnte
Studienreise,
die den neu
zum
Oberhofbauinspektor
Ernannten
anstelle des
eigentlich
angestrebten,
aber
aufgrund der
Kriegsereignisse
verschlossenen
Italien nun
1797 bis
1798 nach
Frankreich
und auf die
britischen
Inseln
führte. Der
englische
Klassizismus,
mehr aber
noch die
Pariser
Revolutionsarchitektur
beeinflußten
Gilly
maßgeblich,
er erhielt
wichtige
Impulse zur
Erzielung
einer
feierlich-pathetischen
Raumwirkung
mit
einfachsten,
in ihren
Grundzügen
auf bloße
geometrische
Formen
zurückgehenden
Mitteln.
Klarheit der
Linie und
Festigkeit
des
Baukörpers
wurden
Leitbilder,
die Gilly
auch im
eigenen
Schaffen
umzusetzen
bestrebt
war.
Seine beiden
bedeutendsten
Schöpfungen
traf jedoch
gleichermaßen
das
Schicksal,
niemals
realisiert
worden zu
sein und
lediglich
als Entwurf
überdauert
zu haben.
Die
sicherlich
bahnbrechendste
und auch
zukunftsweisende
Lösung
zeigte
Gillys
Konzeption
eines
Denkmals
Friedrichs
des Großen
aus dem
Jahre 1796.
Sich völlig
von
puristischen
Vorstellungen
einer
Imitation
antiker
Vorbilder
lösend,
entwickelte
er in freier
Kombination
dorischer,
römisch-korinthischer
und
ägyptisierender
Motive einen
spannungsreichen
Kontrast,
der den Bau
gleichsam
mit dem ihn
umgebenden
Platz
verzahnte.
Dieser
leitet mit
den ihn
gliedernden
Achsen
direkt auf
das
eigentliche
Monument,
eine
Verbindung
von Denkmal
und
Mausoleum,
hin und
steigert die
Wirkung der
Gesamtanlage
zu einer
Apotheose
des
preußischen
Staates in
der Person
seines als
antiken
Heros
aufgefaßten
großen
Königs.
Ähnlich
richtungweisend
erscheint
Gillys Plan
zur
Umgestaltung
des Berliner
Schauspielhauses
von 1797,
der einer
gänzlichen
Neuschöpfung
gleichkam.
Unter
Wahrung
äußerster
Einfachheit
des
Baukörpers
nach außen
sieht dieser
im Inneren
einen sich
aus
konzentrischen
Dreiviertelkreisen
entwickelnden
Zuschauerraum
mit
vorgelagertem
Vestibül
vor, der
sich eng an
die
Formensprache
antiker
Amphitheater
anlehnt. Die
klassische
Trennung von
Loge und
Parterre
wird dabei
fast völlig
aufgegeben.
Desweiteren
existieren
unter
anderem
Entwürfe für
einen
geplanten
Neubau der
Berliner
Börse und
der
sogenannten
Hundebrücke
über die
Spree zum
Lustgarten,
bei der die
vorgesehene
Verwendung
gußeiserner
Elemente in
größerem
Umfang
bereits auf
die Bauten
des
Industriezeitalters
voraus
weist.
Außerdem
entwarf
Gilly noch
eine
Idealstadt
am Meer, die
sich durch
klare
Gliederung
der
Gebäudekomplexe
und eine
gestaffelte
Abfolge von
Straßen und
Plätzen
auszeichnet.
Was konkret
ausgeführte
Bauten
anbelangt,
ist
lediglich
die für die
Königin
Luise
geschaffene
Meierei im
Park von
Schloß
Bellevue
annähernd in
ursprünglichem
Zustand auf
uns
gekommen. Es
handelt sich
um ein
schlichtes,
sich
harmonisch
in den es
umgebenden
englischen
Landschaftsgarten
einfügendes
Gebäude in
ländlich-idyllischem
Stil.
Daneben war
Gilly am
Neubau des
Schauspielhauses
in
Königsberg
und,
indirekt,
indem ältere
Pläne von
ihm
Verwendung
fanden, an
dem des
Theaters in
Posen
beteiligt.
Neben
einigen
Wohnbauten
in Berlin
seien an von
Gilly selbst
zu seinen
Lebzeiten
aufgeführten
oder
zumindest
begonnenen
Gebäuden
noch das
Molter’sche
Landhaus am
Tiergarten
und
besonders
das Palais
Lottum in
Berlin
angeführt,
ein durch
ein
Nebeneinander
gliedernder
und
haltender
Elemente an
der Fassade
schönes
Beispiel für
die vom
Baumeister
angestrebte
Harmonie in
einfachen,
aber
trotzdem
gefälligen
Formen.
Auch auf dem
Felde der
Architekturtheorie
entfaltete
Friedrich
Gilly ein
angesichts
der ihm
letztlich
zur
Verfügung
stehenden
Zeit
erstaunliches
Maß an
Aktivität.
Er suchte
nicht nur
durch die
Publikation
diverser
Abhandlungen
auch einem
weiteren
Kreis seine
insbesondere
architekturästhetischen
Vorstellungen
zu
vermitteln,
sondern
strebte in
der Gründung
der
„Privatgesellschaft
junger
Architekten“
auch die
Etablierung
eines Forums
zur
Diskussion
innovativer
Konzeptionen
im Bauwesen
an. Diese zu
befördern
war auch
Gillys
Anliegen als
Dozent an
der von
Friedrich
Wilhelm III.
neu
errichteten
Bauakademie
in Berlin,
wo er sich
vorzugsweise
mit den
Gebieten
Optik und
Perspektive
befaßte und
neben
anderen Karl
Friedrich
Schinkel zu
seinen
Schülern
zählte.
Diesem blieb
es dann
vorbehalten,
Ansätze
seines
Lehrers
aufgreifend,
den
Klassizismus
in größerem
Rahmen in
Brandenburg-Preußen
heimisch zu
machen.
Friedrich
Gilly selbst
war dies
nicht mehr
vergönnt.
Seit seiner
Studienreise
1797/98
lungenleidend,
besserte
sich sein
Zustand zwar
1799, dem
Jahr seiner
Hochzeit mit
Marie
Ulrique
Hainchelin,
Tochter
eines
Geheimen
Finanzrates
aus Berlin,
kurzfristig,
doch trat
bereits im
folgenden
Frühsommer
eine
dramatische
Verschlechterung
ein, die
einen
Kuraufenthalt
in Karlsbad
dringend
geraten
erscheinen
ließ. Doch
wenige
Wochen nach
dessen
Antritt
verstarb
Friedrich
Gilly und
wurde auf
dem Friedhof
der
Andreaskapelle
in Karlsbad
beigesetzt.
Mit Gilly
verlor
Preußen
einen
Architekten,
der mit
seinen
freien
klassizistischen
Anschauungen
ein
Bindeglied
zwischen den
Epochen vor
und nach
1800
darstellt.
Weniger
durch seine
Werke als
durch seine
Ideen
beeinflußte
er dennoch
maßgeblich
die
Weiterentwicklung
des
Bauwesens in
Preußen und
gab durch
die ihm
eigene
Betonung der
Form und
Simplifizierung
der
Baukörper,
mithin durch
Abstrahierung
der
Architektur
Anregungen,
die durch
ihre
zeitlose
Modernität
bis heute
faszinieren.
Lit.:
Bothe, Rolf
(Bearb.):
Friedrich
Gilly
1772-1800
und die
Privatgesellschaft
junger
Architekten.
Eine
Ausstellung
im Rahmen
der
Internationalen
Bauausstellung
Berlin 1987.
Berichtsjahr
1984.
Berlin-Museum
21.
September
bis 4.
November
1984
[Ausstellungskatalog],
Berlin 1984.
– Clelland,
Douglas:
David und
Friedrich
Gilly, in:
Ribbe,
Wolfgang/
Schäche,
Wolfgang
(Hg.):
Baumeister-Architekten-Stadtplaner.
Biographien
zur
baulichen
Entwicklung
Berlins,
Berlin 1987,
S. 125-146.
– Doebber,
Adolph:
Gilly,
Friedrich,
Architekt,
in: Thieme,
Ulrich/Willis,
Frederick C.
(Hg.):
Allgemeines
Lexikon der
Bildenden
Künstler von
der Antike
bis zur
Gegenwart.
Begründet
von Ulrich
Thieme und
Felix
Becker,
Vierzehnter
Band,
Leipzig
1921, S.
48-49. –
Holtze,
Otto:
Friedrich
Gilly
(1772-1800),
in:
Hofmeister,
Adolf/Braun,
Wilhelm
(Hg.):
Pommern des
18., 19. und
20.
Jahrhunderts
(=
Pommersche
Lebensbilder,
Dritter
Band),
Stettin
1939, S.
204-215. –
Neumeyer,
Fritz (Hg.):
Friedrich
Gilly.
Essays on
Architecture.
1796-1799,
Santa Monica
1994. –
Posener,
Julius:
Friedrich
Gilly.
1772-1800,
in: Akademie
der Künste
(Hg.):
Berlin
zwischen
1789 und
1848.
Facetten
einer
Epoche.
Ausstellung
der Akademie
der Künste
vom 30.
August bis
1. November
1981
[Ausstellungskatalog],
Berlin 1981,
S. 105-122.
– Rietdorf,
Alfred:
Gilly.
Wiedergeburt
der
Architektur,
Berlin 1940.
– Rüsch,
Eckart:
Baukonstruktion
zwischen
Innovation
und
Scheitern.
Verona,
Langhans,
Gilly und
die
Bohlendächer
um 1800,
Petersberg
1997. –
Schmitz,
Hermann:
Berliner
Baumeister
vom Ausgang
des
achtzehnten
Jahrhunderts
(= Die
Bauwerke und
Kunstdenkmäler
von Berlin,
Beiheft 2),
ND Berlin
1980 der 2.
Auflage
ebenda 1925.
Bild:
Friedrich
Georg
Weitsch:
Friedrich
Gilly, in:
Rietdorf,
Alfred:
Gilly.
Wiedergeburt
der
Architektur,
Berlin 1940,
Frontispitz.