Daß es im
17. Jahrhundert viele protestantische Schlesier an die Universität
zu Leipzig zog, verwundert aufgrund der im Nebenland der Habsburger
Krone betriebenen Konfessions- und Bildungspolitik kaum und auch im
Fall Georg Glogers nicht.
Gloger
stammte aus der für die schlesische Politik- und Kulturgeschichte
bedeutenden Grafschaft Glatz, aus Habelschwerdt. Eine Sonderstellung
nahm diese Grafschaft insofern ein, als sie in geographischer und
politischer Nähe zu Böhmen lag und mit dessen Schicksal während der
Habsburger Herrschaftsjahre eng verbunden blieb. Zu Beginn des
Dreißigjährigen Krieges schlug sich ein Großteil Schlesiens auf die
Seite des calvinistisch gesinnten böhmischen Königs Friedrich V. von
der Pfalz. Nach seiner Niederlage am Weißen Berg 1620 wurde sich das
Land seiner desolaten Situation schnell bewußt und konnte vor allem
dank der Vermittlung des sächsischen Kurfürsten Johann Georg im
„Dresdner Akkord“ 1621 das grausame Strafgericht, das Böhmen drohte,
abwenden. Die Grafschaft Glatz dagegen kapitulierte erst im Oktober
1622 nach völliger Zerstörung und bekam die ganze Härte der
Vergeltungsmaßnahmen zu spüren. Alle Privilegien lagen nun bei den
Katholiken. Gegen die protestantischen Aufständischen wurde eine
umfassende Anklageschrift erhoben; vielen blieb nur noch die
Auswanderung oder die Flucht aus Schlesien.
Diese
historischen Ereignisse prägten die Kindheit und Jugend des früh
verwaisten Georg Gloger, der unter bescheidenen finanziellen
Verhältnissen sein Leben fristete. Als Gloger sich nach seiner
Schulausbildung, die er vermutlich am Breslauer Elisabeth-Gymnasium
erhielt, im Sommersemester 1625 an der Universität Leipzig für das
Medizinstudium einschrieb, muß ihm die sächsische Universitätsstadt
wie ein Exil vorgekommen sein. Zum ersten war in Schlesien die
Gründung einer protestantischen Universität unmöglich geworden; zum
zweiten beherrschte seit dem ausgehenden 16. Jahrhundert die
lutherische Orthodoxie das geistige Leben Leipzigs; zum dritten
zählte Leipzig zu den „Armenuniversitäten“.
In Leipzig
stand Gloger einem Dichterkreis schlesischer Studenten voran. Daß
dieser Kreis als eine bedeutende barocke Dichtersozietät in die
Literaturgeschichte einging, war vor allem einem der Mitglieder,
Paul Fleming, zu verdanken, den Gloger dichterisch zu inspirieren
verstand. In diesem „Leipziger Dichterkreis“, der sich an der Ersten
Schlesischen Dichterschule orientierte, entstand eine bis heute
ansprechende Dichtung: Es waren meist Gelegenheitsgedichte auf die
unterschiedlichsten Ereignisse des städtischen und universitären
Lebens. Gedichtet wurde allerdings nicht mehr nur nach
humanistischem Usus auf Lateinisch, sondern zunehmend auch in
deutscher Sprache. Mit dieser Forderung, die Martin Opitz in seinem
bekannten poetischen Reformwerk stellte, reflektiert sich ein für
die Literaturgeschichte der Frühen Neuzeit markanter Prozeß:
Parallel zur lateinischsprachigen Dichtung begannen die Poeten, ihre
Werke auf Deutsch zu verfassen. Als sich Opitz in Leipzig aufhielt,
schloß Fleming – durch Glogers Vermittlung – mit Opitz
Bekanntschaft; beide Dichter gelten als Anhänger der opitzschen
Poetologie. Auf der Grundlage dieser Regeln verfaßte Gloger
Liebesgedichte, Trauercarmina, Stammbucheinträge, Promotions- und
Reise-Glückwunschgedichte – mehr oder weniger engere
Freundschaftsbezeugungen, und seine bedeutenden Epigramme auf die
Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges: die „DECAS
LATINO-GERMANICORUM EPIGRAMMATUM 1631“. Diese deutschen und
lateinischen Gedichte legen Zeugnis ab von den historischen
Ereignissen des Jahres 1631 in und um Leipzig. Es geht um die
Besetzung der Stadt durch den kaiserlichen General Tilly, dessen
Flucht, die Befreiung der Stadt durch die Schweden und um die
berühmte Schlacht bei Breitenfeld.
Im Epigramm
„Auf die Leipzigische Schlacht“ (Lappenberg, 670; VI, 3) wird Tillys
Siegeszug und Vernichtungsspur durch Europa komprimiert und auf
erschütternde Weise dargestellt. Schicksalhaft setzt dann aber das
unscheinbare sächsische Leipzig diesem für alle Beteiligten
unermeßlichen europäischen Blutvergießen das sehnsüchtig erhoffte
Ende. Hier wird eine entscheidende Zäsur im Eingreifen Tillys ins
weitere Kriegsgeschehen gesetzt. In Leipzig muß er nun „[...] die
Gebühr von seiner Thaten Schande“ (V. 7) bezahlen. Stadt und Umland
avancieren allerdings nicht nur zum wichtigen Austragungsort einer
entscheidenden Kriegsetappe. Sie werden auch
allegorisch-generalisierend zu einer Stätte der Entscheidung
stilisiert, die, so die Moral, dem Bösen Niederlage und Tod bringt,
dem Guten aber zum Sieg verhilft.
Das Sonett
General „Tylli tractierete vmb Leipzigische Ergebung ins
Todtengräbers Hause“ (Lappenberg, Beilage VI., 669) setzt Tilly
allegorisch in Szene, wie er sich bei nahen Todeszeichen in Leipzig
ein Grab bestellt. Als er ahnt, daß Leipzig ihm eine empfindliche
Niederlage bringen wird, ergreift er die Flucht, die ihn ebenso in
den Untergang führt. Dies geschah am 5. September 1631 und zeigt die
ausweglose Lage des bayerischen Feldherrn. Über die Ursache dieses
Scheiterns mutmaßt Gloger in den Spottversen „General Tylli drey
Tugenden in Laster verkehrt“ (Lappenberg, 673). Die eigentliche
Schwäche Tillys bestehe darin, daß er keine moralische
Standhaftigkeit beweist und sich Tugenden wie Enthaltsamkeit und
Heldenmut ins Gegenteil verkehren. Aber pointiert gesagt: es sei
doch eigentlich der Krieg, der einen tugendhaften Helden in einen
„Hurer, Trunkenpolt vnd flüchtige[n] Soldat“ (V. 20) verwandelt.
Schließlich
gebührt auch dem Schwedenkönig Gustav Adolf eine poetische
Würdigung. Hyperbolisch wird der Kriegsherr dem Achill
gleichgesetzt, der einst das sagenhafte Troja eroberte und im
glänzenden Triumphzug in seiner Heimat Einzug hielt. Im Sonett „Auf
das Donnern und den Regenbogen, so sich nach der Schlacht begeben“
(Lappenberg, 671) werden die Schweden gar den Göttern gleichgesetzt,
die ihren Siegeszug eben erst angetreten haben. Gleich darauf wird
der Sieg jedoch auch als „Wille“ (V. 11) des einen Gottes
verstanden, der sich – ähnlich wie in der biblischen Geschichte Hiob
– durch das Wetter mitteilt.
Bei allem
Lob der Schweden erlebte Gloger kaum, wie sehr auch die schwedischen
Landsknechte, die als Besatzer die Kaiserlichen ablösten, in Stadt
und Region wüteten. Der Schlesier starb noch im Oktober 1631 an
einer in Leipzig grassierenden Epidemie.
Als Tilly im
August 1631 vor den Toren Leipzigs stand und viele die Stadt
verließen, hatte auch Fleming Gloger zur Flucht überreden wollen. Um
jedoch ein drohendes Zerwürfnis mit dem Freund abzuwenden, blieb
Fleming schließlich trotz seines großen Unbehagens in Leipzig. Diese
stoische Lebensphilosophie, Standhaftigkeit im Unglück zu beweisen,
bewunderte Fleming an seinem Freund. Sie kommt v.a. in Glogers
Epigramm „Als Leipzig nicht daheime war“ (Lappenberg, 672) zum
Ausdruck. Ironisch-kritisch richtet sich Gloger gegen die
Flüchtigen, die ihr eitles irdisches Hab und Gut zu retten
versuchen. Nicht ihnen ist der Sieg Leipzigs über Tilly zu
verdanken, sondern den in der Stadt ausharrenden, meist armen
Gläubigen, über die Gott schützend seine Hand legte. Der Reichtum
der Stadt läßt sich, so die Pointe, allein an der Armut und dem
tiefen Gottvertrauen der Bewohner ermessen.
Im
Namenstagsgedicht „Auf Herren Paull Flemings Namenstag, begangen in
Leipzig den 29. Juli 1630“ (Lappenberg, 654 f.) dankt Gloger dem
Schicksal, das ihm Fleming zur Seite stellt; denn ihm ist die
Freundschaft mit Fleming vorbestimmt. Er sieht sich deshalb
entschieden veranlaßt, dieses Fest mit einer feierlichen Zeremonie
zu begehen, um dem Freund in aller Aufrichtigkeit seine innige
Verbundenheit zu bekunden. Zentrales Motiv dieser Freundschaft ist
die Treue, verbildlicht durch die beliebte Band-Metaphorik. Denn das
Namenstagsgedicht soll ein „Geschenk vnd Anbindbändelein“ (V. 63)
sein, das die enge Verbundenheit zwischen Fleming und Gloger
symbolisiert. Auch im Gedicht „Auf Herren Paul Flemings Namenstag
1631. Juni 29“ (Lappenberg, 661) überlegt das lyrische Ich, wie er
dem Freund seine treue Verbundenheit weiterhin bezeugen kann. Es ist
eine nachdrückliche Versicherung, daß Fleming doch bereits sein
anderes Ich, sein ewiger Herzverbündeter ist: „Ich bleibe dir
verpfändt, du bleibest mir verbunden.“ (V. 12).
Wie keine
andere Freundschaft unter den Barockpoeten ist diese zwischen dem
Habelschwerdter Gloger und dem Hartensteiner Fleming in die
Literaturgeschichte eingegangen, obwohl sie doch kaum länger als
zwei Jahre währte: Um 1628/29 schlossen beide in Leipzig ihren
Freundschaftsbund, am 16. Oktober 1631 wurde er durch Glogers Tod
jäh auseinander gerissen. Zeitlebens dachte Fleming an seinen Freund
zurück, schrieb zahlreiche Elogen auf seinen Tod und sammelte seine
noch unveröffentlichten Gedichte – darunter u.a. Freundschafts- und
Liebesgedichte.
Aber noch
heute steht Georg Gloger im Schatten Paul Flemings und der
Literaturgeschichte. Gewiß ist sein Werk vor allem quantitativ nicht
mit dem seines Freundes vergleichbar. Doch setzte er den
unmittelbaren Kriegswirren seine Antwort als Dichter entgegen, indem
er eine Dichtersozietät schuf, als dessen wichtigste Gestalt der bis
heute bekannte Barockdichter Fleming hervorgegangen ist.
Lit.: Josef
Joachim Menzel (Hrsg.): Schlesier des 15. bis 20. Jahrhunderts. Bd.
7, Stuttgart 2001, S. 57-61. – Allgemeine Deutsche Biographie, Bd.
9, S. 241. – J. M. Lappenberg (Hrsg.): Paul Flemings Deutsche
Gedichte. Stuttgart 1863 (Reprint Darmstadt 1965). – Walther Killy:
Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache. Berlin 1998,
S. 64462 f. (Digitale Bibliothek Bd. 9). – Arno Lubos: Geschichte
der Literatur Schlesiens. Bd. 1/1: Von den Anfängen bis ca. 1800.
Würzburg 1995. – Jörg-Peter Findeisen: Der Dreißigjährige Krieg:
eine Epoche in Lebensbildern. Graz 1998.
Sandra Kersten