Auch die
Literaturgeschichtsschreibung
der jüngsten
Zeit
registriert
Goeckingk
lediglich
als einen
Autor
innerhalb
der
Literatengruppe
um Gleim.
Dabei
überlebte
der fast 80
Jahre alt
gewordene
Dichter
nicht nur
sämtliche
Strömungen
des
Aufklärungsjahrhunderts,
sondern auch
die
klassisch-romantische
Bewegung.
Doch selbst
von „Vater
Gleim“, wie
man den
uneigennützigen
Freund
nahezu aller
Anakreontiker
gern nannte,
unterschied
sich
Goeckingk
auffallend.
In ihrem
Reimbriefwechsel
konterte er
am 27.
Oktober 1781
Gleims
misanthropischer
Schlußstrophe
Die Menschen
alle
Sind böse
Feinde, die
zu Halle,
Zu Bonn, zu
Mannheim, zu
Berlin,
Zu
Düsseldorf,
zu Zürich,
zu Wien,
Und die zu
Mainz in der
Karthaus;
Zwei oder dreie nehm ich
aus.
seinerseits
mit einer
weiseren und
vor allem
grundsätzlich
menschenfreundlichen
Einstellung:
Dann sieh
den Erdball
an, wie ein
Spital
Voll siecher
Narren,
Freund,
verpflegt
von den
Gesunden.
Sei Arzt
darin! So
hast du auf
einmal,
Was diese Welt gewähren
kann,
gefunden.
Aber auch im
Vergleich zu
Ramler,
dessen
poetische
Werke er
1800 in
einer
zweibändigen
Prachtausgabe
edierte,
gibt es
Unterschiede;
von ihm
trennte ihn
eine
eindeutig
vom
einzelmenschlichen
Schicksal
her
bestimmte
aufklärerische
Betrachtungsweise
des
Herrschers,
des Krieges
oder des
Vaterlands,
wie die
vorletzte
Strophe des
Herbstlied
betitelten
Gedichtes
zeigt:
Süß mag es
sein, fürs
Vaterland
Als Held zu
sterben mit
Freuden!
Doch haben
wir so viel
Verstand,
Um
Fürstengeiz
und
Vaterland
Ein wenig zu unterscheiden.
Sein Lied
eines
Invaliden
spricht eine
noch
deutlichere,
die
Selbstachtung
des zum
Krüppel
Geschossenen
unterstreichende
Sprache:
Und muß es
denn
gebettelt
sein,
So gebt mir
ohne Zählen,
Was ihr mir
geben wollt;
denn ich,
Wenn gleich
ein Krüppel,
lasse mich
Von niemand lange quälen!
Das sind
Töne, die
den
selbstgenügsam-ästhetisierenden
Standpunkt
der
Rokokolyrik
weit hinter
sich lassen.
War etwa für
Hagedorn die
Poesie
lediglich
„Gespielin
meiner
Nebenstunden“,
so kam es
bei
Goeckingk
zunehmend
zur
Überwindung
dieser
Position. Im
Unterschied
zu Ramlers
unverdrossener
Preußen-Topik
differenzierte
der an der
Aufklärungsphilosophie
und den
Moralischen
Wochenschriften
orientierte
Goeckingk in
unprätentiöser
Ausdrucksweise
zwischen
formelhaftem
Patriotismus
und den
tatsächlichen
Zeitumständen.
Der
rebellische
Geist des
„Sturm und
Drang“ ist
(keineswegs
nur auf das
Invaliden-Gedicht
beschränkt)
schwerlich
zu
überhören.
Doch auch am
entscheidenden
Qualitätssprung
in der
Geschichte
der Lyrik
des 18.
Jahrhunderts,
dem Einsatz
des
Erlebnisgedichts,
das mit den
Sesenheimer
Liedern
des jungen
Goethe einen
ersten
Höhepunkt
erreichte,
war
Goeckingk
beteiligt.
Sein
populärstes
Werk, die
1777
erstmals in
Buchform
erschienenen
Lieder
zweier
Liebender,
erregten
nicht
zuletzt
wegen ihrer
vom eigenen
Erleben
geprägten
Liebesgedichte
rundum
Aufsehen.
Klare
Sprache und
Form
kennzeichnen
auch diese
neue
Lyrische
Ich-Aussprache:
Bin ich
nüchtern,
bin ich
trunken?
Wach ich
oder träum
ich nur?
Bin ich aus
der Welt
gesunken?
Bin ich
anderer
Natur?
Fühlt’ ein
Mädchen
schon so
was?
Wie begreif ich alles das?
Die Tonlage
Gretchens in
Faust I
wird in
dieser
Eingangsstrophe
des
Gedichtes
Nach dem
ersten
nächtlichen
Besuche
aus dem eben
genannten
Zyklus
bereits
vernehmbar.
Zeitgenossen
wie der
berühmte
romantische
Theologe und
Berliner
Hofprediger
Friedrich
Schleiermacher
meinten
allerdings,
Goeckingk
sei „in der
Epistel am
stärksten;
er hat die
Regeln und
Schönheiten
derselben am
meisten
inne“ (am
9.12.1789 an
C.G. v.
Brinckmann).
Nimmt man
noch das
Epigramm
hinzu, so
handelt es
sich
zweifelsohne
um zwei
literarische
Gattungen,
die
Goeckingk
(gerade
wegen seiner
Klarheit)
besonders
angemessen
sind. Die
Veröffentlichung
seiner
Gedichte
erfolgte
zunächst in
den
Leipziger,
Göttinger
und
Hamburger
Musenalmanachen.
Wiederholt
übernahm
Goeckingk
die
Redaktion
besonders
einflußreicher
Almanache
und trat die
Nachfolge
bedeutender
Herausgeber
an. Befähigt
war er
hierzu auch
durch seinen
beruflichen
Werdegang,
den man
insgesamt
als eine
beachtliche
Verwaltungskarriere
bezeichnen
kann. Der
Sohn eines
Kriegs- und
Domänenrats
in
Halberstadt
besuchte die
dortige
Domschule,
1762 das
Pädagogium
in Halle a.S.
und nahm
ebenda 1765
ein
Jurastudium
auf. 1768
kam er als
Referendar
an die
Kammer in
Halberstadt,
wo er auch
zum
Gleim-Zirkel
stieß und
Gottfried
August
Bürger näher
kennenlernte.
1770 wurde
er
Kanzleidirektor
in Ellrich
bei
Nordhausen
(Grafschaft
Hohenstein).
Seine
weitere
Laufbahn
führte ihn
1786 nach
Magdeburg in
die Position
seines
Vaters
(Kriegs- und
Domänenrat).
1788 wurde
er Land- und
Steuerrat
der
Grafschaft
Wernigerode,
1793
Geheimer
Oberfinanzrat
in Berlin,
1798
Mitglied der
preußischen
Gesetzeskommission
und 1803/04
Leiter der
Verwaltungsreformen
im
säkularisierten
Hochstift
Fulda. Bevor
er sich 1809
endgültig
ins
Privatleben
zurückzog,
nahm er noch
eine Reihe
verantwortungsvoller
Aufgaben
wahr: so die
Einrichtung
einer
Finanzverwaltung
in der
Provinz
Posen und
die
Neuordnung
der Berliner
Polizei.
Bereits 1789
war
Goeckingk
aufgrund
seiner
dienstlichen
Leistungen
vom
preußischen
König
geadelt
worden. Im
Ruhestand
(zuletzt
schwer krank
und
vereinsamt)
lebte er
abwechselnd
in Berlin
und auf
seinen
schlesischen
Besitzungen,
um sich
endlich
wieder der
Literatur
und den
unterschiedlichsten
Herausgebertätigkeiten
widmen zu
können.
Bereits 1775
hatte er die
Redaktion
des
Göttinger
Musenalmanachs
als
Nachfolger
Boies
übernommen.
Hier druckte
er seine,
für
aufklärerisches
Engagement
zum
Pflichtpensum
zählenden
satirischen
Gedichte ab.
Im
Wiegenlied,
für die
süßen Herren
artikulierte
er seine
Adelskritik:
Schlummre,
du duftendes
Herrchen,
Schlummre,
du
plapperndes
Närrchen,
Hast dich ja
ritterlich
müde
gehüpft!
Hast bey den
Spielen um
Pfänder
Mühsam
geknieet,
und Bänder
Ueber die Wade der Schönen
geknüpft.
Auch
Schiller
wird in
Kabale und
Liebe
nichts
anderes vom
Hofmarschall
von Kalb zu
sagen
wissen. Von
1780 an gab
Goeckingk
zusammen mit
Johann
Heinrich Voß
den
besonders
für die
spätaufklärerische
Lyrik
bedeutenden
Hamburger
Musenalmanach
heraus. 1784
entschloß
sich
Goeckingk
sogar zur
Gründung
eines
eigenen
Journals von
und für
Deutschland.
Dazu kam die
zeitraubende
Betreuung
der
Nachlässe
anderer
Schriftsteller,
am
wichtigsten
wohl die
1820
publizierte
Edition
Friedrich
Nicolais’s
Leben und
literarischer
Nachlaß.
Der das Buch
eröffnende
Vorbericht
erweist
Goeckingks
Gewissenhaftigkeit
als
literarischer
Treuhänder.
Seine
ästhetische
Kompetenz
und
charakterliche
Integrität
bezeugt auch
der
Schleiermacher-Kreis.
Im
Briefwechsel
des
Theologen
heißt es am
4. Dezember
1789
anläßlich
der
Leipziger
Rezension
der
Selmariana:
„und mehr
als diese
hat mich
Göckings
Urtheil
gefreut; das
in seinem
wahrheitsliebenden
Munde
doppelt
schmeichelhaft
für mich
war.“
Werke:
Ihr Saiten,
tönet fort.
Lyrik des
achtzehnten
Jahrhunderts.
Ausgewählt
von Ernst
Ginsberg.
Zürich 1946.
– Gedichte
von L.F.G.
Goekingk.
Auf Kosten
des
Verfassers,
gedruckt bey
Joh. Gottl.
Imman.
Breitkopf in
Leipzig 1780
ff. – Lieder
zweier
Liebenden
und ausgew.
Gedichte.
Hrsg. von
Matthias
Richter,
Göttingen
1988.
Lit.:
Fritz Kasch:
Leopold
Friedrich
Günther von
Goeckingk.
Marburg
1909. –
York-Gothart
Mix: Die
deutschen
Musenalmanache
des 18.
Jahrhunderts.
München
1987.
Bild:
Friedrich
Nicolai’s
Leben und
literarischer
Nachlaß.
Berlin 1820.
– undatiert.
Walter
Dimter