Nobelpreisträgerin und Mutter,
Hausfrau und Forscherin – mit diesen
scheinbar gegensätzlichen Begriffen
kann eine der großen Schlesierinnen
des 20. Jahrhunderts charakterisiert
werden. In Maria Goeppert-Mayer
treffen Rollenbilder aufeinander,
die zu ihrer Zeit ebenso wenig
vereinbar schienen wie heute, und
die doch exakt die Frau beschreiben,
die in einem Atemzug mit Madame
Curie und Albert Einstein genannt
wird: Eine Frau, die es in höchst
moderner Weise verstanden hat, einer
geliebten Berufung auf
wissenschaftlichem Gebiet ebenso zu
leben wie ihrer Familie. Am 10.
Dezember 1963 erfüllte sich der
Lebenstraum der Maria Goeppert-Mayer
– sie nahm aus der Hand des
schwedischen Königs den Nobelpreis
für ihre spektakuläre Entdeckung der
nuklearen Schalenstruktur der
Atomkerne entgegen.
Am 28. Juni 1906 wurde Maria im
oberschlesischen Kattowitz geboren
als Tochter des Professors für
Kinderheilkunde Friedrich Goeppert
und seiner Frau Maria, einer
Lehrerin. Als Maria drei Jahre alt
war, folgte der Vater einem Ruf nach
Göttingen, wo Maria eine glückliche
Kindheit verlebte. Ihr Vater
bemerkte schon bald ihre
überdurchschnittliche Intelligenz
und förderte sie, wie er nur konnte;
stellte sie Universitätsprofessoren
aus seinem Bekanntenkreis vor. Maria
machte Abitur – außer ihr legten
1924 nur vier andere Mädchen in
Göttingen neben Hunderten von
männlichen Abiturienten ihre
Reifeprüfung ab.
Gleich danach schrieb sie sich für
das Fach Mathematik an der Göttinger
Universität ein; verlor aber bald
das Interesse daran, denn das Lösen
von konstruierten Problemen schien
ihr zu weltfremd. 1927 brach sie ihr
Mathematikstudium ganz ab und
wechselte zum Studienfach Physik,
das sie in den vergangenen Jahren
mehr und mehr interessiert hatte.
Ihr Vater starb unerwartet, was für
Maria ein schwerer Schlag war. Vor
allem ihm zuliebe wollte sie ihr
Studium schnell und erfolgreich
abschließen. Ihr Lehrer Max Born,
der spätere Physik-Nobelpreisträger,
wurde ihr zu einer Art Vaterersatz;
bei ihm promovierte sie im Jahre
1930 in theoretischer Physik. Ihre
Prüfer
im Rigorosum waren hochkarätige
Wissenschaftler, unter ihnen der
Physik-Nobelpreisträger von 1925,
James Franck; im Nebenfach
Chemie legte sie die mündliche
Prüfung bei Alfred Windaus, dem
Chemie-Nobelpreisträger von 1927,
ab.
Das Jahr 1930 brachte noch ein
anderes großes Ereignis für Maria
Goeppert: Sie heiratete den
Amerikaner Dr. Joe Mayer, der im
Laboratorium von James Franck
gearbeitet hatte. Nach einer kurzen
Hochzeitsreise nach Berlin bestieg
Maria Goeppert-Mayer mit ihrem Mann
ein Schiff, das sie in seine Heimat,
die Vereinigten Staaten, bringen
sollte: Für ihren Mann gab sie ihre
gerade begonnene wissenschaftliche
Karriere auf.
An der Universität in Baltimore trat
Joe eine Stelle als
außerordentlicher Professor der
Chemie an. Maria dagegen galt in den
USA nicht als Wissenschaftlerin,
sondern war nichts weiter als die
Frau eines Professors. Trotzdem war
sie optimistisch, wollte weiter
arbeiten – ihre Zuversicht schwand
allerdings bald: Akademische Stellen
wurden kaum an Frauen vergeben, und
sie mußte sich mit der Arbeit als
Deutschkorrespondentin eines
Physikprofessors an der Universität
begnügen. Er stellte ihr einen
kleinen Raum für ihre – unbezahlten
– Forschungen zur Verfügung. Neun
Jahre arbeitete sie dort im Stillen.
Maria bekam zwei Kinder: Ihre
Tochter Marianne kam 1933 auf die
Welt; fünf Jahre später wurde Peter
geboren. Die Forscherin ging völlig
in ihrer Rolle als Mutter auf, und
die Physik und ihr Dachstübchen an
der Universität wurden für sie immer
mehr zur Nebensache, was Joe
überhaupt nicht gefiel: Er brachte
sie dazu, sich wieder mit ihm an den
Schreibtisch zu setzen und ein
gemeinsames Lehrbuch über statische
Mechanik zu verfassen – es wurde ein
Klassiker.
1939 folgte Joe einem Ruf der
Columbia-Universität in New York;
zwei Jahre später übernahm Maria
eine Stelle als
naturwissenschaftliche Lehrerin an
einem Frauencollege. Der Krieg ließ
Frauen die Plätze der Männer
einnehmen, und bald war Marias
Kompetenz auf ihrem Gebiet bekannt.
Chemiker der Columbia-Universität
baten sie um ihre Mitarbeit bei
einem Geheimprojekt, das mit dem
Kürzel SAM bezeichnet wurde. Nicht
einmal Joe wußte genau, was Maria im
Laboratorium tat – sie mußte ihre
Forschungen, die in direktem
Zusammenhang mit der amerikanischen
Atombombe standen, verschweigen.
Auch wenn sich Maria bewußt war, daß
sie an einer furchtbaren Waffe
mitarbeitete, war sie doch
fasziniert von der Herausforderung,
die die Atombombe an die
Wissenschaft stellte.
Durch ihre Mitarbeit am Projekt SAM
war Maria in Forscherkreisen bekannt
geworden, und plötzlich wurde das
Ehepaar Mayer unter anderen
Vorzeichen beurteilt: Maria sollte
an der Atomforschungsstelle in
Chicago arbeiten, und um sicher zu
gehen, daß sie auch wirklich käme,
wurde Joe von der dortigen
Universität eine Professur
angeboten: 1946 zog die Familie
Mayer nach Chicago. Viele ihrer
ehemaligen Göttinger Lehrer und
Kollegen arbeiteten jetzt im
Atomforschungsinstitut, und sie
zollten Maria Anerkennung. Zwar
wurde sie für ihre Arbeit noch immer
nicht bezahlt, aber zumindest war
sie jetzt ganz offiziell Professorin
im Fachbereich Physik und konnte im
Argonne National Laboratory und im
Institut für Kernphysik ungehindert
ihre Forschungen betreiben.
1948 begann Maria Goeppert-Mayer,
sich mit bestimmten Atomkernen zu
beschäftigen, in denen es eine
spezielle – „magische“ – Zahl von
Protonen und Neutronen gibt. Sie
entwickelte und postulierte ihr
„Schalenmodell“: Sie hatte die
nukleare Schalenstruktur der
Atomkerne entdeckt.
Unabhängig von ihr entwickelten zur
gleichen Zeit auch Hans Jensen, Otto
Haxel und Hans Sueß in Deutschland
das Schalenmodell. Maria
Goeppert-Mayer hatte fast zu lange
gezögert, ihr Ergebnis zu
veröffentlichen – wer würde sich für
die kernphysikalische Arbeit einer
Frau interessieren? Im April 1950
endlich erschien ihre sensationelle
Entdeckung in einer Fachzeitschrift,
aber schon einen Monat früher hatte
Hans Jensen in Deutschland seine
Ergebnisse publiziert. Beide
Wissenschaftler verhielten sich
überaus kulant: Im Sommer 1950
trafen sie sich in Heidelberg und
schrieben kurze Zeit später
gemeinsam ein Buch über ihr
Fachgebiet. Das Werk erschien 1955
unter dem Titel „Elementare Theorie
der nuklearen Schalenstruktur“.
1960 zogen Maria und Joe nach San
Diego. Zum ersten Mal war beiden
eine Stelle angeboten worden, die
ihren Interessen und Fähigkeiten
entsprach: Maria eine Professur in
Physik, Joe eine in Chemie. Am 10.
Dezember 1963 durfte sie den
Nobelpreis für ihr
Schalenstrukturmodell entgegennehmen
– mit Hans Jensen teilte sie sich
die eine Hälfte des Preises; die
andere Hälfte ging an Eugene Wigner.
Ihr Leben nach dem Nobelpreis
unterschied sich nur wenig von dem,
das sie geführt hatte, bevor sie ins
Licht der Weltöffentlichkeit gerückt
war: Sie lehrte in San Diego,
forschte und publizierte weiter,
wenn sie auch von körperlichen
Beschwerden manchmal zum
Kürzertreten gezwungen wurde. Sie
erlitt einen Schlaganfall und
mehrere Herzattacken, bis sie sich
von einem Herzinfarkt im Dezember
1971 nicht mehr erholte: Sie lag
mehrere Wochen im Koma, bis sie am
20. Februar 1972 starb. Begraben
wurde sie in San Diego; an ihrem
Elternhaus in Göttingen erinnert
eine Gedenktafel an die
Nobelpreisträgerin.
Lit.: Ulla Fölsing,
Nobel-Frauen.
Naturwissenschaftlerinnen im
Porträt, München 1990. – Rauch,
Judith, „Werde nie eine Frau, wenn
du groß bist.“ Maria Goeppert-Mayer
(1906-1972), Nobelpreis für Physik
1963, in: Charlotte Kerner (Hrsg.),
Nicht nur Madame Curie … Frauen, die
den Nobelpreis bekamen, Weinheim
1990, S. 156-181. – Eva-Susanna
Wodarz, Artikel Marie Goeppert-Mayer,
in: Eva-Susanna Wodarz, Ich will
wirken in dieser Zeit. Bedeutende
Frauen aus den historischen
deutschen Ostgebieten. 52
Kurzbiographien, Bonn 2000, S.
275-278.
Bild: Kulturstiftung
der deutschen Vertriebenen.
Eva Wodarz-Eichner