Carl
Goerdeler
war nach
einer späten
Äußerung des
ihm im Kampf
gegen Hitler
verbundenen
Rechtsanwalts
und
Reserveoffiziers
Fabian von
Schlabrendorff
(1907-1980)
Herz und
Motor der
deutschen
Widerstandsbewegung
gegen den
Nationalsozialismus,
die er
"durch alle
Tiefen der
Enttäuschung"
hindurchführte
und "über
die Berge
der
Hindernisse
hinwegtrug."
Im übrigen
sei er "ein
Mann von
umfassendem
Geist"
gewesen, der
"eine
gewaltige
Kenntnis"
der
außenpolitischen
Verhältnisse
mit einem
"verständigen
Blick für
die
innenpolitische
Lage"
vereinigt
habe. Dazu
sei "eine
ins Detail
gehende
Kenntnis der
deutschen
Wirtschaft"
gekommen.
"Alle diese
Dinge
brachte er
auf einen
gemeinsamen
Nenner. Er
war ein
politischer
Kopf ersten
Ranges."
Goerdeler
entstammte
einer alten
preußischen
Beamtenfamilie;
sein Vater
Julius
Goerdeler
war
Amtsrichter
in
Marienwerder,
später
Syndikus der
"Westpreußischen
Landschaft"
sowie (seit
1899) für
die
Freikonservative
Partei
Mitglied des
Preußischen
Landtags.
Nach
juristischen
Studien in
Tübingen und
Königsberg,
die er mit
der
Promotion in
Göttingen
abschloß,
und dem
Assessorexamen
im Jahre
1911
beschritt
Carl
Goerdeler,
der sich im
selben Jahre
mit der
Tochter
eines
Augenarztes
ehelich
verbunden
hatte, die
fünf Kindern
das Leben
schenken
sollte, die
kommunale
Verwaltungslaufbahn.
1912 wurde
er erster
Beigeordneter
von Solingen
und 1920 2.
Bürgermeister
in
Königsberg
i. Pr. Nach
Jahren der
Bewährung im
Dienste der
Hauptstadt
der vom
Reiche
abgeschnittenen
Provinz
Ostpreußen
sowie
hervorragender
Mitarbeit im
Preußischen
und im
Deutschen
Städtetag
erfolgte
1930 seine
Wahl zum
Oberbürgermeister
von Leipzig.
Goerdeler,
der am
Ersten
Weltkrieg
als Offizier
teilgenommen
und sich am
politischen
Kampf gegen
die vom
Versailler
Friedensvertrag
bestimmte
Abtretung
seiner
westpreußischen
Heimat an
das
wiedererstandene
Polen
beteiligt
hatte, war
(nicht
zuletzt als
Korpsstudent)
nachhaltig
durch die
späte
Kaiserzeit
geprägt
worden und
schloß sich
daher der
Deutschnationalen
Volkspartei
(DNVP) an.
Er mißtraute
dem Weimarer
Parteienstaat
und
befürwortete
vor dem
Hintergrund
der Not der
Weltwirtschaftskrise
die mit
Hilfe des
Notverordnungsrechtes
des
Reichspräsidenten
ermöglichte
autoritative
Regierungsweise
des
Reichskanzlers
Heinrich
Brüning seit
1930. Dieser
war von
Goerdelers
entschlossenem
Vorgehen
gegen die
Arbeitslosigkeit
in Leipzig
durch eine
strikte
Sparpolitik
so sehr
beeindruckt,
daß er ihn
im Dezember
1931 zum
Reichskommissar
für
Preisüberwachung
berief
(Amtszeit
bis Dezember
1932). In
den
Spekulationen
um die
Nachfolge
Brünings im
Reichskanzleramt
tauchte auch
sein Name
auf. In der
Kommunalpolitik
war
Goerdeler
bestrebt,
den Einfluß
der Parteien
zu schmälern
und die
Befugnisse
der
Oberbürgermeister
bzw.
Bürgermeister
zu
vermehren.
Von da aus
führte ein
gerader Weg
zu seiner
Mitarbeit an
der
Deutschen
Gemeindeordnung
zu Beginn
der
nationalsozialistischen
Zeit
(Verkündung
am 30.
Januar
1935).
Goerdeler
hatte das
Zusammengehen
des
Vorsitzenden
der DNVP,
Alfred
Hugenberg,
mit Hitler
scharf
mißbilligt,
war aus der
Partei
ausgetreten
und - trotz
Aufforderung
durch Hitler
- nicht
Mitglied der
Nazipartei
geworden; er
sei aber,
wie der
damalige
Finanzminister
Graf
Schwerin von
Krosigk in
der
Rückschau
bemerkt hat,
"durchaus
nicht blind
für gute
Gedanken und
richtige
Ansätze"
gewesen, die
das
nationalsozialistische
Programm
enthalten
habe. "Aber
er sah im
Totalitätsanspruch,
im
Diktatursystem
und in der
Rassenlehre
einen
furchtbaren
Angriff auf
die
Grundlagen
der
deutschen
Kultur. Aus
diesem Grund
war er als
Deutscher
und als
Christ ein
unerbittlicher
Gegner der
Hitlerbewegung."
Er meinte
freilich, so
lange in
seiner
dienstlichen
Stellung
ausharren zu
müssen, wie
noch eine
Aussicht
bestand, dem
heraufziehenden
Unheil
steuern zu
können. Und
tatsächlich
war Leipzig
"im banalen
Reich
Mutschmanns,
des
Gauleiters
und
Reichsstatthalters
von Sachsen,
eines der
fanatischsten
Gaufürsten",
so Schwerin
von Krosigk,
"lange Zeit
eine Oase."
Ja,
Goerdeler
glaubte,
noch über
die Stadt
hinaus auf
die
Gestaltung
der
öffentlichen
Dinge
einwirken zu
können.
Anlaß dazu
gab ihm
seine
erneute
Berufung zum
Reichspreiskommissar
am 5.
November
1934. Doch
nach
Äußerung
seiner
Bedenken
gegenüber
der
nationalsozialistischen
Währungs-
und
Wirtschaftspolitik,
die mit
ihren
rücksichtslosen
Autarkiebestrebungen
auf eine
Kriegsvorbereitung
hinsteuerte,
und nach
seiner
Warnung vor
der sich
verschärfenden
Juden- und
Kirchenpolitik
des Regimes
kam es nicht
zur
Verlängerung
seiner am 1.
Juli 1935
auslaufenden
Amtszeit.
Aber auch
seine
Stellung als
Oberbürgermeister
erwies sich
mehr und
mehr als
unhaltbar.
Der Abriß
des
Leipziger
Mendelssohn-Denkmals
während
einer seiner
Dienstreisen
im November
1936 war nur
der Tropfen,
der das Faß
zum
Überlaufen
brachte.
Obwohl
Goerdeler
gerade für
zwölf Jahre
wiedergewählt
worden war,
legte er am
2. Dezember
1936 sein
Amt nieder.
"Er hatte
versucht,
Leipzig, der
Stadt der
Messe, aber
auch der
Musik und
des Buches
ihren
Charakter zu
wahren. Als
das nicht
mehr möglich
war, schied
er schweren
Herzens aus
einer
Tätigkeit,
an der er
mit allen
Fasern hing"
(Schwerin
von Krosigk).
Nunmehr ohne
öffentliches
Amt,
unternahm
Goerdeler
(nachdem die
Firma Krupp
ein Angebot
an ihn, in
ihr
Direktorium
einzutreten,
nicht
aufrechtzuerhalten
gewagt
hatte)
zwischen
1937 und
August 1939
auf Kosten
des
Industriellen
Robert Bosch
Reisen nach
England,
Frankreich,
Belgien,
Kanada, den
USA, in die
Schweiz,
nach
Italien, auf
den Balkan
und in den
Orient.
Diese Reisen
boten ihm
einerseits
die
Möglichkeit,
die
deutschen
Führungskreise
(etwa
Göring,
Hitlers
persönlichen
Adjutanten
Wiedemann,
Reichsbankpräsident
Schacht,
Gustav Krupp
von Bohlen
und Halbach
sowie die
Generalität)
auf die
Folgen der
nationalsozialistischen
Politik
hinzuweisen;
andererseits
ging es ihm
nach einer
Äußerung
gegenüber
Robert
Vansittart,
Unterstaatssekretär
im Foreign
Office, im
Sommer 1937
(in dessen
Wiedergabe)
darum,
"dadurch,
daß er seine
Auffassungen
maßgeblichen
Politikern
des Auslands
zur Kenntnis
bringe, das
nach seiner
Befürchtung
Deutschland
drohende
Desaster zu
verhüten
oder doch zu
mildern -
was er als
seine
patriotische
Pflicht
betrachte."
In der Zeit
der
Sudetenkrise
1938 schrieb
Goerdeler
seinem
Gesprächspartner,
dem
schottischen
Industriellen
Arthur
Primrose
Young (der
Goerdelers
Darlegungen
stets an das
Foreign
Office
weitergab),
er könne nur
hoffen, daß
sich der
britische
Premier
Chamberlain
"über die
moralischen
Qualitäten
von Herrn
H[itler] in
keinem
Irrtum"
befinde.
Andernfalls
würde "eine
Enttäuschung
auf die
andere
folgen und
am Ende eine
Katastrophe
für uns
alle." Eine
"äußerst
entschiedene,
feste
Haltung"
werde
"Hitler
stoppen, die
gemäßigten
Kräfte in
Deutschland
stärken und
einen
dauerhaften
Frieden
anbahnen,
indem die
Lebensfragen
nach den
unter
Gentlemen
gültigen
Prinzipien
der
Gerechtigkeit
und der Ehre
geregelt
werden." Mit
"Bösewichtern
und
Wahnsinnigen"
lasse sich
keine
Vertrauensbasis
schaffen.
Auf ihn,
Goerdeler,
könne man
jederzeit
zählen.
Goerdeler,
der nunmehr
das hohe
Risiko einer
gegen die
eigene
Regierung
gerichteten
Konspiration
einging,
hatte
erkannt, daß
Hitler auf
Krieg
ausging, und
wußte, daß
auch ein
kurzer
Krieg, wie
er Young im
Gespräch
erklärte,
die Stimmung
in der Welt
derartig
gegen das
deutsche
Volk
aufbringen
würde, daß
selbst für
eine
"liberale
und
verständige
neue
Regierung"
keine
Möglichkeit
bestünde,
eine
"gerechte
und
angemessene
Lösung" der
deutschen
Lebensfragen
zu
erreichen.
Und in einer
Denkschrift
vom Frühjahr
1938 schrieb
er: "Führt
Deutschland
einen
unglücklichen
Krieg, so
sind
Ostpreußen
und das
deutsche
Gebiet
östlich der
Oder
verloren
..." England
und
Frankreich
würden "auf
das Vorgehen
Deutschlands
gegen die
Juden
hinweisen
und den
Deutschen
dieser
Gebiete
anheimstellen,
auszuwandern."
Mit dem
Kriegsausbruch
mußte für
Goerdeler
demnach das
Spiel als
verloren
gelten. Und
doch hat er
die Kraft
aufgebracht,
der große
Organisator
und
Programmatiker
des
deutschen
Widerstandes
zu werden.
"Endlich
einmal ein
Mann",
notierte der
frühere
deutsche
Botschafter
in Rom,
Ulrich von
Hassell,
nach einem
Treffen mit
ihm Mitte
August 1939
in Berlin in
sein
Tagebuch.
"Frisch,
klar, aktiv.
Vielleicht
ein bißchen
sanguinisch;
... Auf alle
Fälle eine
Wohltat,
einmal mit
solchem Mann
zu sprechen,
der nicht
'meckert',
sondern
handeln
will." Neben
zu von
Hassell
(über ihn
OGT 1994, S.
155-160)
trat er zu
dem früheren
Generalstabchef
Ludwig Beck
sowie zu den
Gewerkschaftlern
Jakob Kaiser
und Wilhelm
Leuschner in
ein enges
Verhältnis.
Unter
bestmöglicher
Aufrechterhaltung
seiner
Beziehungen
ins Ausland
(und seiner
Hoffnung auf
eine
Verständigung
mit England)
suchte er,
die gegen
den
Nationalsozialismus
mobilisierbaren
Kräfte (mit
Ausnahme der
Kommunisten)
zu
aktivieren
und zu
sammeln,
namentlich
die der
Generalität,
um die
unentbehrliche
Hilfe des
Waffenträgers
der Nation
zu gewinnen.
Freilich
stieß
Goerdeler
auch auf
Reserven;
sein Glauben
an die Kraft
guter
Argumente,
an "das
Gute", sein
Optimismus,
sein
Idealismus
waren
Kraftquell
und der
Ursprung von
Fehlurteilen
zugleich.
Ja, seine
Absicht, für
das
Deutschland
nach Hitler
politisch,
sozial und
wirtschaftlich
an der
Weimarer
Ordnung
anzuknüpfen,
setzte ihn
(insbesondere
bei dem mit
sozialistischen
Gedanken
umgehenden
Kreisauer
Kreis) dem
Vorwurf aus,
"reaktionär"
zu sein.
Dabei fanden
die mit der
Wendung
gegen eine
drohende
Massendemokratie
von ihm
erstrebte
Beschränkung
des
Parlamentarismus
und der von
ihm
vertretene
(fast
manchesterhafte)
Wirtschaftsliberalismus
in einer
strengen
Rechtsstaatlichkeit
und dem
Prinzip der
sozialen
Verantwortung
(das seiner
Ansicht nach
eine starke
Gewerkschaftsbewegung
notwendig
machte) ein
Gegengewicht.
Außenpolitisch
stand dem
von ihm für
Deutschland
festgehaltenen
Großmachtgedanken
immerhin das
Vorhaben
einer
europäischen
Wirtschaftsunion
gegenüber.
Doch wie er
einst die
Leipziger
Parteigewaltigen
durch seine
gewinnende
Liebenswürdigkeit,
Offenheit,
Beherrschtheit
und
menschliche
wie
fachliche
Souveränität
überspielt
hatte,
konnten auch
die von
Vorbehalten
gegen ihn
erfüllten
Mitglieder
des
Kreisauer
Kreises sich
seiner Kunst
der
Menschenbehandlung
nicht
entziehen.
Den
Tyrannenmord
und ein
Attentat auf
Hitler hat
Goerdeler -
da der
Neuanfang
nicht mit
einer
Mordtat
belastet
werden dürfe
und das
Entstehen
einer neuen
Dolchstoßlegende
vermieden
werden müsse
- abgelehnt.
Dadurch wie
durch die
naturgemäß
steigende
Bedeutung
der
militärischen
Verschwörer
(der
Obristen wie
vor allem
Henning von
Tresckow,
nicht der
Feldmarschälle,
um die
Goerdeler
letztlich
vergebens
geworben
hatte) ist
sein Gewicht
in der
Widerstandsbewegung
zuletzt
geschwunden.
Dennoch ist
er, "der
immer
ungestüme
Dränger"
(von Hassell),
deren
Kandidat für
die
Kanzlerschaft
geblieben.
Am Tage des
Attentats,
dem 20. Juli
1944, mußte
sich
Goerdeler
bereits im
Verborgenen
halten, da
am 17. Juli
ein
Haftbefehl
gegen ihn
erlassen
worden war.
Am 12.
August wurde
er im Kreis
Stuhm in
Westpreußen
auf die
Anzeige
einer
Wehrmachtshelferin
hin
verhaftet
und am 8.
September
vom
Volksgerichtshof
in Berlin
zum Tode
verurteilt.
Noch Monate
lang hat er
auf die
Vollstreckung
des Urteils
warten
müssen. Er
hat nicht
von der
Hoffnung
gelassen,
durch seine
Aussagen den
Machthabern
den Aufstand
eines
gequälten
Volkes vor
Augen führen
zu können
und sie so
zur Umkehr
zu bewegen.
Er verfaßte
in jenen
Monaten vor
allem sein
Politisches
Testament
und mehrere
Denkschriften.
"Ich habe
seit 1933",
so schrieb
er im
November
1944 in
einem Brief,
"jeden
Versuch
gemacht,
mitarbeitend
und
Widerstand
sammelnd,
schon im
Interesse
der eigenen
Kinder,
dieses
System eines
perversen,
zerstörenden
Fanatismus,
dem jedes
Mittel recht
ist,
frühzeitig
unschädlich
zu machen.
Es war nicht
möglich, ich
büße den
Kampf gegen
den Satan
mit dem
Tode. Und
doch glaube
ich an den
Sieg des
Guten und
Gottes
gerechtes
Gericht."
Nachlaß:
Bundesarchiv
Koblenz und
Familienbesitz.
Quellen:
Beck und
Goerdeler.
Gemeinschaftsdokumente
für den
Frieden,
hrsg. und
erl. von
Wilhelm
Ritter von
Schramm,
München
1965. - A.
P. Young:
Die 'X'-Dokumente.
Die geheimen
Kontakte
Carl
Goerdelers
mit der
britischen
Regierung
1938/1939,
hrsg. von
Sidney
Aster,
deutsche
Ausgabe von
Helmut
Krausnick,
München 1989
(engl.
Originalausgabe
1974).
Lit.:
Gerhard
Ritter: Carl
Goerdeler
und die
deutsche
Widerstandsbewegung,
Stuttgart
1954 u.ö. -
Paul Kluke:
Carl
Friedrich
Goerdeler,
in: Neue
Deutsche
Biographie,
Bd. 6
(1964). -
Marianne
Meyer-Krahmer:
Carl
Goerdeler
und sein Weg
in den
Widerstand.
Eine Reise
in die Welt
meines
Vaters,
Freiburg
i.Br. 1989.
- Helmut
Krausnick:
Goerdeler
und
Großbritannien
(= Nachwort
zu A.. P.
Young, s.o.).
-
Hans-Ulrich
Thamer: Carl
Friedrich
Goerdeler -
Der Motor
des
konservativ-bürgerlichen
Widerstandes,
in: "Für
Deutschland".
Die Männer
des 20.
Juli, hrsg.
von Klemens
von
Klemperer,
Enrico
Syring und
Rainer
Zitelmann,
Frankfurt
a.M./Berlin
1994 (dort
weitere
Literatur).
Bild:
privat.
Peter Mast