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Im Frühjahr 1900 schreibt der damalige Chef des Pionierkorps und
Generalinspekteur der Festungen, General der Infanterie Freiherr von der
Goltz, in einem Brief an einen befreundeten türkischen Offizier: „Ich
habe eben eine sehr interessante Reise beendet. Sie führte mich durch
Masuren, den südöstlichsten Winkel von Ostpreußen, ein Land der Berge,
Walder und Seen. Ich machte die Reise nach guter alter Art zu Pferde ...
in Masuren ist das Land nur spärlich bevölkert, stundenlang reitet man,
ohne einen Menschen zu sehen. Die Wälder sind
wundervoll und die Gegend voll
landschaftlicher Schönheit. Sehr eigentümlich ist das spiegelklare
Wasser zumal in den Flüssen, die wirklichen Gebirgsbächen gleichen. Oft
ritten wir im Flußbett selbst entlang unter dem Laubdach hoher Bäume.
Groß ist auch der Wild- und Fischreichtum, denn Fabriken haben das Land
noch nicht mit Lärm, Dampf und ungesunden Stoffen verpestet ... Später
folgte noch ein Ritt von Pillau aus längs der Frischen Nehrung ... In
einer großartigen Einsamkeit reitet man zwischen zwei Dünenreihen hin –
vielfach freilich im Walde, aber auch zwischen hohen Sandbergen, die
vom Winde hin und her geschoben werden ...“ Fast wie eine
Liebeserklärung an seine ostpreußische Heimat klingt diese
tiefempfundene Landschaftsschilderung.
Das Land im Osten, mit dem Colmar von der Goltz zeitlebens verbunden
blieb, hat sicherlich die Persönlichkeit dieses genialen Soldaten,
vielseitigen Schriftstellers, diplomatischen Wegbereiters
internationaler Initiativen und kämpferischen militärpolitischen
Reformators entscheidend geprägt.
In kärglichen ländlichen Verhältnissen als Sohn eines verarmten, früh
verstorbenen Gutsbesitzers aufgewachsen, begann er – nach einer kurzen
Ausbildungsphase an der Königsberger Burgschule – 1855 seine
militärische Laufbahn mit dem Eintritt in die Kadettenanstalt Kulm. Nach
anschließendem Besuch der Hauptkadettenanstalt Berlin wurde er 1861,
erst 17 1/2 Jahre alt, Leutnant im 5. ostpreußischen Infanterie-Regiment
Nr. 41 in Königsberg. 1863/64 während der Insurgentenunruhen in
Kongreßpolen im Raum Thorn zum Grenzschutz eingesetzt, erfolgte im
Herbst 1864 seine Kommandierung zur Kriegsakademie. Er schloß diese
Ausbildung 1867 als Jahrgangsbester ab. Zwischenzeitlich war er im
Feldzug des Jahres 1866 gegen Österreich schwer verwundet worden. Er
heiratete 1867 Therese, die Tochter des Landschaftsrates Dorguth aus
Orschen in Ostpreußen und wurde 1868 zur Dienstleistung beim Großen
Generalstab versetzt. Am Deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahm er als
Generalstabsoffizier beim Oberkommando der 2. Armee des Prinzen
Friedrich Karl an den Schlachten bei Vionville, Gravelotte, Orleans und
Le Mans teil, wurde mit dem damals sehr selten verliehenen Eisernen
Kreuz II. Klasse ausgezeichnet und schloß eine lebenslange Freundschaft
mit dem späteren, von ihm immer als militärisches und menschliches
Vorbild verehrten Generalfeldmarschall Graf von Haeseler.
Am 3.10.1871 zum Hauptmann à la suite des Generalstabes und als Lehrer
zur Kriegsschule Potsdam versetzt, leitete er ab 1872 als
Vermessungdirigent in der topographischen Abteilung unter anderem die
Landesaufnahme Ostpreußens im Großraum Danzig. Besonders prägnant waren
auch seine Tätigkeiten bei der historischen Abteilung des Großen
Generalstabes und als Kriegsgeschichtslehrer an der Kriegsakademie,
insbesondere für seine – großes Aufsehen erregenden –
militärgeschichtlichen Arbeiten und strategischen Konzeptionen.
Einen entscheidenden neuen Lebensabschnitt leitete 1883 seine Versetzung
zur deutschen Militärmission der Türkei ein. Noch im gleichen Jahr trat
er in kaiserlich osmanische Dienste und wurde bis zum Jahre 1893 zum
seither geradezu legendär verehrten Reorganisator der türkischen Armee.
Seine Verdienste fanden ihre Anerkennung durch die Ernennung zum
kaiserlich osmanischen Marschall und die Verleihung des Titels „Pascha“.
In preußische Dienste zurückgekehrt, übernahm Colmar von der Goltz 1896
– als Generalleutnant – das Kommando der 5. Division in Frankfurt/Oder.
Durch die Berufung zum Chef des Ingenieurskorps und Generalinspekteur
der Festungen gelang es ihm, im Rahmen eines modernen Ausbaues des
Grenzbefestigungssystems vor allem auch die strategisch wichtige
ostpreußische Grenzsperre zu schaffen, die 1914/15 die mitentscheidende
Voraussetzung für die erfolgreiche Abwehr der russischen Offensiven in
den Schlachten bei Tannenberg und an den Masurischen Seen bildete.
In diesem Sinne war er auch nach seiner 1902 erfolgten Ernennung zum
Kommandierenden General des I. Armeekorps und von 1907-1913 als
Generalinspekteur der 6. Armeeinspektion in Königsberg wirksam. Gemäß
seiner Mobilmachungsbestimmung zum Oberbefehlshaber des deutschen
Ostheeres, entwickelte er die operativen Pläne zur Verteidigung seiner
Heimatprovinz – nach dem Grundgedanken, diese „nicht erst dem Feinde zu
überlassen, um sie später, wenn sie zur Wüste geworden war, wieder zu
erobern“. Neben diesen vielseitigen Tätigkeiten wirkte von der Goltz
während mehrerer Reisen in die Türkei zwischen 1908 und 1910 auf
ausdrücklichen Wunsch des Kaisers als militärischer Berater an der
Reorganisation des türkischen Heeres mit. Am 1.1.1911 zum
Generalfeldmarschall befördert, erhielt er am 4.7.1913 den erbetenen
Abschied, nachdem er noch am 16.6.1913 die sehr ehrenvolle Ernennung zum
Chef des Infanterie-Regiments von Boyen (5. ostpreußisches) Nr. 41
erhalten hatte.
Schon 1911 hatte Colmar von der Goltz zur Gründung des
„Jungdeutschlandbundes“ aufgerufen und ihn – nach seinem Ausscheiden aus
seiner militärischen Verwendung – entscheidend gefördert. Dieser
Zusammenschluss der Verbände der bündischen Jugend zur
„staatsbürgerlichen Erziehung wuchs bis 1914 auf 750 000 Mitglieder an.
1914 meldete er sich sofort freiwillig zum Kriegseinsatz und übernahm
die Stellung des Generalgouverneurs im besetzten Belgien. Wie aus seinen
Tagebuchaufzeichnungen hervorgeht, war er bestrebt jede Härte zu
vermeiden, vor allem für die Zivilbevölkerung, um deren gerechte
Lebensmittelzufuhr er besorgt war, und somit Ruhe und Ordnung in diesem
Besatzungsgebiet zu gewährleisten.
Aufgrund einer Intervention des bei der Hohen Pforte akkreditierten dien
Botschafters wurde der mit den türkischen Verhältnissen vertraute
Feldmarschall bald darauf zur Koordinierung aller in diesem Kriegsgebiet
eingesetzten deutschen Streitkräfte nach Konstantinopel entsandt. Der
Sultan ernannte ihn zum Berater des türkischen Kriegsministers Enver
Pascha und übertrug ihm die Führung der 1. osmaischen Armee mit dem
Auftrag, die Küste des Schwarzen Meeres und vor allem den Bosporus gegen
englisch-französische Landungs- und Durchbruchsversuche zu verteidigen.
Unter seinem Oberbefehl führte die 6. (Irak) Armee im Herbst 1915 die
Operationen in Mesopotamien und Persien gegen ein britisches
Expeditionskorps durch. Diese Kämpfe endeten mit der Einschließung des
Feindes bei Kut el Amara und der Kapitulation der Engländer am
28.4.1916. Feldmarschall von der Goltz war es indessen nicht vergönnt,
Zeuge dieses durch seinen persönlichen Einsatz vorbereiteten Sieges zu
werden. Er starb wenige Tage zuvor – nach der Rückfahrt aus dem
Frontgebiet – an Flecktyphus.
Leben und Werk des Freiherrn von der Goltz wurden durch zahlreiche
Auszeichnungen gewürdigt. Erwar Inhaber des Preußischen-Adler-Ordens und
höchster in- und ausländischer Ehrenzeichen. 1911 wurde ihm der Orden
pour le mérite für Kunst und Wissenschaft verliehen. Schon 1903 hatte er
die Ehrendoktorwürde der Philosophischen Fakultät der
Albertus-Universität Königsberg erhalten.
Sein Wirken beschränkte sich nicht nur auf seine soldatische Laufnahn
sowie zahlreiche militärgeschichtliche und wehrpolitische
Veröffentlichungen, auch als schöngeistiger Schriftsteller trat er
hervor. Er schrieb und veröffentlichte Romane und Erzählungen sowie
zahlreiche belletristische Aufzeichnungen mit teilweise auch
humoristischen Inhalten. Das Schlußwort der Herausgeber seiner 1929
erschienenen Denkwürdigkeiten charakterisiert das rastlose Leben
und Wirken Colmar von der Goltz-Paschas mit den Worten: „Vor Deutschen
und Türken steht die Gestalt dieses ostpreußischen Edelmanns als ein
hehres Beispiel selbstloser vaterländischer Pflichterfüllung bis zum
Tode.“
Werke:
Die Operationen der zweiten Armee bis zur Kapitulation von Metz. Berlin
1874.
– Die sieben Tage von Le Mans.
Berlin 1874. – Die Operationen der zweiten Armee an der Loire. Berlin
1875. – Leon Gambetta und seine Armee. Berlin 1875 (1877 ins
Französische übersetzt). – Das Volk in Waffen. Berlin 1883. – Roßbach
und Jena. Berlin 1883. – Ein Ausflug nach Makedonien. Berlin 1894. –
Kriegführung – Kurz Lehre ihrer wichtigsten Grundsätze und Formen.
Berlin 1895 (Zweite Auflage unter Titel Krieg und Heerführung Berlin
1901). – Anatolische Ausflüge. Berlin 1896. – Der thessalische Krieg und
die türkische Armee. Berlin 1898. –Von Jena bis Preußisch-Eylau – Des
alten preußischen Heeres Schmach und Ehrenrettung. Berlin 1907. –
Kriegsgeschichte Deutschlands im 19. Jahrhundert (2 Bde.) Berlin
1910-14. – Denkwürdigkeiten, (hg. posthum) Berlin 1929. – Außerdem
zahlreiche belletristische Veröffentlichungen, darunter (Auswahl): Wie
ich Schriftsteller wurde und was ich dann schrieb. Berlin 1898. – Pius
der Unfehlbare und seine schwarzen Streiter – oder Die Geheimnisse des
Konzils. (3 Bde.) Berlin 1871. – Weiterhin Reisebeschreibungen,
Jagdskizzen, Erzählungen, teilweise unter dem Pseudonym „W. von Dünheim“.
Lit.:
Hans von Kiesling: Mit Feldmarschall von der Goltz-Pascha in
Mesopotamien und Persien. Leipzig 1922. – Bernard von Schmiterlöw:
Generalfeldmarschall von der Goltz-Pascha, Leben und Briefe. Berlin
1925. – Hermann Teska: Colmar Freiherr von der Goltz
– Ein Kämpfer für den militärischen
Fortschritt. Göttingen 1957. – Pertev Demirhan: Generalfeldmarschall
Freiherr von der Goltz – Das Lebensbild eines großen Soldaten. Göttingen
1960. – Gerhard Schultze-Pfaelzer: Colmar von der Goltz. Berlin 1938.
(In Preußisch-deutsche Feldmarschälle und Großadmirale, S. 223 ff).
Bild:
Heliogravüre nach einem Foto, um 1915. Bildarchiv Preußischer
Kulturbesitz Berlin.
Heinz Radke
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