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Wer jene Straßen des alten Potsdam durchwandert, die den schweren
englischen Bombenangriff vom 14. April 1945 wenigstens halbwegs
unversehrt überstanden haben, trifft noch auf eine ansehnliche Reihe von
Wohnhäusern aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nicht wenige
von ihnen (etwa in der Friedrich-Ebert-, früher Nauener Straße, oder der
Wilhelm-Staab-, früher Hoditzstraße oder in der Otto-Nuschke-, früher
Lindenstraße) sind Schöpfungen Carl von Gontards und seines Schülers
Georg Christian Unger. Es sind dies Bauten, deren Klassizismus infolge
bewußter und geschmackvoller Verwendung barocken Schmuckwerks jeder
Strenge und Trockenheit entbehrt. Nicht zuletzt ihnen verdankt Potsdam
jenen Charme, den die Soldatenstadt in der Spätzeit Friedrich des Großen
ausbildete.
Der aus einer Hugenottenfamilie stammende Carl Gontard war zunächst
(möglicherweise entsprechend der Profession des Vaters) Ballettmeister
am Markgräflichen Opernhaus zu Bayreuth gewesen, 1749 aber als
Kondukteur in das Bayreuther Hofbauamt eingetreten, wo Joseph
Saint-Pierre und Rudolf Heinrich Richter seine Vorgesetzten und Lehrer
wurden. Markgraf Friedrich von Bayreuth und seine Gattin, Markgräfin
Wilhelmine, die Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, taten einiges
für seine weitere Ausbildung, indem sie ihn 1750 nach Paris schickten,
wo er vom französischen Klassizismus insbesondere J. F. Blondels
beeinflußt wurde, sowie 1754/55 auf eine Reise nach Südfrankreich und
Italien mitnahmen, wo er seine Klassizismus-Studien vertiefen konnte.
Nach dem Tode Saint-Pierres neben Richter an die Spitze des Hofbauamtes
berufen und 1761 zum Lehrer für Baukunst und Perspektive an der
Bayreuther Kunstakademie bestellt, wechselte Gontard nach dem Tode des
Markgrafen Friedrich und dem Regierungsantritt von dessen wunderlichem
Oheim Friedrich Christian, der fast sämtliche Bauvorhaben einstellen
ließ, 1764 in die Dienste Friedrichs des Großen über.
Diese ehrenhafte Berufung setzte ein bereits erprobtes Talent voraus,
das sich in Erweiterungen des Neuen Schlosses zu Bayreuth (1757/64)
sowie Bürgerhäusern und Adelspalais' daselbst wie auch in Erlangen, seit
1743 markgräfliche Universitätsstadt, kundtut. Schon bald wurde Gontard
Leiter des Potsdamer Baukontors und damit Leiter der sämtlichen dort
unternommenen königlichen Bauten. Mit dem Ende des Siebenjährigen
Krieges im Jahre 1763 war in Preußen, insbesondere in den Residenzen
Berlin und Potsdam, die Bautätigkeit wieder aufgelebt. Zum Rückgrat des
Wohnbaus wurden die sogenannten Immediatbauten, mit denen der König der
noch bescheidenen bürgerlichen Initiative und Finanzkraft beisprang. Die
drei- bis viergeschossigen Gebäude sollten mit dazu beitragen, die
Residenzen zu „embellieren“, vor allem aber der bestehenden Wohnungsnot
abhelfen. Die Immediatbauten entstanden zumeist auf Kosten des Staates
und anstelle von kleineren Bürgerhäusern, deren Eigentümern die
Neubauten gegen entsprechende Verpflichtungen überlassen wurden. Gontard
hat zwischen 1765 und 1777 in Potsdam rund 80 Gebäude dieser Art
geschaffen. Daneben traten öffentliche Bauten und solche des Hofes, bei
denen zunächst das seit 1763 in Bau befindliche Neue Palais im Park von
Sanssouci an erster Stelle stand; Gontard, der hierfür 1765 die
künstlerische Oberleitung übernahm, verdankt dieser repräsentative
Palastbau seine endgültige äußere Form und große Teile seiner inneren
Ausgestaltung sowie die an seiner Rückseite gelegenen kulissenhaften
Communs. Zwischen 1771 und 1778 baute Gontard das (im Zweiten Weltkrieg
erheblich beschädigte) Potsdamer Militär Waisenhaus, dessen
Treppentrakt, „seine Läufe [werden] in einer Raumspirale um einen Kern
turmartig übereinander angeordneter und durch oberlichtartige Öffnungen
miteinander korrespondierender Kuppelräume herumgeführt, eine
[seiner]... originellsten Leistungen“ ist (Dehio-Handbuch).
Als König Friedrich nach der Mitte der siebziger Jahre den Schwerpunkt
seines Bauens nach Berlin verlegte, wurde Gontard von ihm (1779) an die
Spree versetzt, um auch dort die Leitung sämtlicher königlicher Bauten
zu übernehmen. Hier schuf er zur Ausschmückung der Stadt repräsentative
Brückenaufbauten – 1776 die Spittelkolonnaden (teilweise in der
Leipziger Straße wieder aufgebaut) und 1777 die Königskolonnaden (heute
im Kleistpark, Potsdamer Straße) – sowie seit 1780 die Kuppeltürme des
Französischen und des Deutschen Domes am Gendarmenmarkt. Diese ergaben
zusammen mit der überwiegend ebenfalls von Gontard stammenden
umliegenden Bürgerhausbebauung (von der schon die Bauwut des ausgehenden
19. Jahrhunderts kaum etwas übrig ließ) und dem späteren Schinkel'schen
Schauspielhaus eines der großartigsten deutschen Städtebilder.
Nachdem Gontard zum Ende der Regierungszeit Friedrichs des Großen
bei diesem in Ungnade gefallen war, fand sein Wirken unter König
Friedrich Wilhelm II. einen würdigen Abschluß. Zunächst entledigte sich
der Aufgabe, neun Räume des Berliner Schlosses (nach schwerer
Beschädigung 1945 auf Anordnung des SED-Regimes 1950 geengt)
auszugestalten, mit größter Bravour. Sodann (1787-1791) baute er für den
König im Neuen Garten bei Potsdam das Marmorpalais, das aus schlesischem
Marmor und roten Ziegelsteinen gefügte Werk eines reifen Klassizismus.
Carl von Gontard, der seit 1786 Mitglied und Lehrer der Preußischen
Akademie der Künste war und neben Unger auch Heinrich Gentz zu seinen
Schülern zählte, hat den spätbarocken Klassizismus in Berlin und Potsdam
zu einem spezifisch preußischen Stil geprägt. Vom doktrinären
Klassizismus seiner Zeit wußte er sich vollkommen freizuhalten. „Der
breite malerische Effekt unterscheidet die Gontardbauten ... von der
Klassik der Franzosen; die reichgeschmückten Attiken, die Vorliebe für
altanartige Aufsätze mit Trophäen und Gruppen von Putten und
allegorischen Figuren – Königs- und Spittelkolonnaden, Gensdarmentürme
–, die starke Plastik der Pilaster und Gebälkgliederung, die häufige
Anwendung von eingetieften stark modellierten Stuckreliefs, besonders
bei den Potsdamer Bürgerhäusern, bekunden das Vorwalten des barocken
Gefühls, fast noch stärker als bei den maßvoll komponierten Bauten
Knobelsdorffs" (H. Schmitz).
Lit.:
Horst Drescher: Carl von Gontard, in: Neue Deutsche Biographie, Bd. 6
(1964), S. 643f. – Ders., Zum Spätstil der friderizianischen
Architektur. Die Tätigkeit Carl von Gontards für König Friedrich II. am
Neuen Palais in Potsdam, Halle a.S. phil. Diss. 1969. – Hermann Schmilz:
Berliner Baumeister vom Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts (Die
Bauwerke und Kunstdenkmäler von Berlin, Beiheft 2), Berlin 2. Auflage
1925, unveränderter Nachdruck, Berlin 1980. – Georg Dehio: Handbuch der
deutschen Kunstdenkmäler, Bezirke Berlin/DDR und Potsdam. München,
Berlin 1983. – Eva und Helmut Börsch-Supan [u.a.]: Berlin.
Kunstdenkmäler und Museen (Reclams Kunstführer. Deutschland, Bd. VII).
Stuttgart 1977. – Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR, Bände
Hauptstadt Berlin I und Bezirk Potsdam. (Ost-) Berlin 1984 und 1978.
Peter Mast
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