Das hohe
Ansehen
Gottscheds
währte nicht
lang. Es
gründete
sich vor
allem auf
seine
Critische
Dichtkunst
vor die
Deutschen,
die 1730
erstmals und
1751 bereits
in 4.
Auflage
erschien.
Ein
konkurrenzloser
Erfolg in
der ersten
Hälfte des
18.
Jahrhunderts!
Mit der
Gegnerschaft
Lessings kam
es jedoch
endgültig
zum
Meinungsumschwung:
Gottsched
wurde zum
meistbefehdetsten
Vertreter
unter den
Dichtungstheoretikern
der
Aufklärung.
Und bis
heute
widerfährt
ihm selten
Gerechtigkeit.
Dabei könnte
schon die
Kenntnisnahme
des
vollständigen
Titels
seines
Hauptwerkes
die gröbsten
Mißverständnisse
unterbinden.
Er lautet in
der
Erstausgabe:
Versuch /
einer /
Critischen
Dichtkunst /
vor die
Deutschen; /
Darinnen
erstlich die
allgemeinen
Regeln der
Poesie, /
hernach alle
besondere
Gattungen
der
Gedichte, /
abgehandelt
und mit
Exempeln
erläutert
werden: /
Uberall aber
gezeigt wird
/ Daß das
innere Wesen
der Poesie /
in einer
Nachahmung
der Natur
bestehe.
Anstatt
einer
Einleitung
ist Horatii
Dichtkunst /
in deutsche
Verse
übersetzt,
und mit /
Anmerckungen
erläutert.
Die
Gottsched
gemeinhin
vorgehaltene
Regelwut ist
demnach kein
Selbstzweck,
sondern
Konsequenz
aus der
Wesensbestimmung
von Poesie
als
„Nachahmung
der Natur“.
Im
Leibniz-Wolffschen
Weltbild ist
die Natur
ganz und gar
vernünftig
eingerichtet.
Eine sie
nachahmende
Dichtung
bedarf
selbstredend
eines
analogen
Ordnungssystems.
Was uns
heute als
pedantische
Gängelei
erscheinen
mag, ist für
den
Gefolgsmann
des
Aufklärungsphilosophen
Christian
Wolff
unerläßliche
Notwendigkeit,
um die
Vollkommenheit
einer
vernünftigen
(gleich
natürlichen)
Poesie zu
gewährleisten.
Gottscheds
Theorie der
Dichtkunst
basiert auf
dem
Wolffschen
Rationalismus
und dem (anläßlich
der
Konversion
Augusts des
Starken zum
Katholizismus
unmißverständlich
hervortretenden)
eigenen
Protestantismus.
Sachkundig
ist der
Pfarrerssohn
nicht nur in
der
Theologie,
sondern als
Wolffianer
auch in der
rationalistischen
Philosophie.
Verwiesen
sei nur auf
das
zweibändige
Lehrbuch des
Leibniz-Wolffschen
Systems, das
er zur
Erlangung
der
ordentlichen
Professur in
Leipzig
verfaßte (Erste
Gründe Der
gesammelten
Weltweisheit...,
1733/34.
Acht
Auflagen bis
1778!).
Gottscheds
erster
Lehrer war
sein eigener
Vater, der
ihm im
heimatlichen
Juditten bei
Königsberg
Privatunterricht
erteilte.
Von 1714 an
studierte er
an der
Königsberger
Universität
nach dem
Wunsch des
Vaters
Theologie,
wechselte
aber zur
Philosophie,
Rhetorik und
Poesie und
überdies zur
klassischen
Philologie
sowie zur
Mathematik
und zur
Physik.
Diese im
Sinn der
Frühaufklärung
beispielhafte
Ausbildung
vervollständigte
Gottsched
durch breit
ausgelegte
eigene
Lektüre in
allen für
das erste
Drittel des
18.
Jahrhunderts
relevanten
Disziplinen.
Sein
geradezu
leidenschaftliches
Engagement
aber galt
der
Philosophie
Christian
Wolffs, der
auch, wie
gezeigt,
seine Poetik
verpflichtet
ist. Und die
Eigenbekundung,
daß er im
Leibniz-Wolffschen
Gedankengebäude
seinen
Seelenfrieden
gefunden
habe, ist
durchaus
glaubhaft.
Nach seiner
Magisterprüfung
(1723) floh
Gottsched
mit seinem
Bruder
Johann
Friedrich
Anfang 1724
ins
sächsische
Leipzig, um
sich der
Zwangseinziehung
zu den
Langen Kerls
durch
preußische
Werber zu
entziehen
(Gottsched
war also
eine
stattliche
Erscheinung
!). In
Leipzig
erklomm er
rasch die
akademische
Karriereleiter
bis zur
obersten
Spitze. Seit
dem Sommer
1725 las er
über die
Philosophie
Wolffs. 1730
wurde er a.o.
Professor
für Poesie,
1734 o.
Professor
für Logik
und
Metaphysik.
Mehrmals war
er Dekan der
Philosophischen
Fakultät,
fünfmal
bekleidete
er das
Rektorenamt.
Seine
Position
nutzte
Gottsched zu
intensiver
Lehr- und
Publikationstätigkeit
sowie zur
Herstellung
einer
kritischen
bürgerlichen
Öffentlichkeit.
In den nach
englischem
Vorbild (Addison
und Steele)
etablierten
moralischen
Wochenschriften
Die
Vernünfftigen
Tadlerinnen
(1725/26)
und Der
Biedermann
(1728/29)
ließ er
Fragen der
Lebensgestaltung,
der
Erziehung
und nicht
zum
wenigsten
des
Geschmacks
nach Maßgabe
der Vernunft
erörtern.
Pädagogische
Ziele
verfolgten
auch seine
rhetorischen
Schriften,
vor allem
die
Ausführliche
Redekunst,
Nach
Anleitung
der alten
Griechen und
Römer
(1736; 1759
in 5.
Aufl.). Nach
mehreren
Vorstufen
erschien
1748 die
Summe seiner
Ansichten
zur
deutschen
Sprache:
Grundlegung
einer
Deutschen
Sprachkunst,
Nach den
Mustern der
besten
Schriftsteller
des vorigen
und jetzigen
Jahrhunderts
abgefasset
(1762 in 5.
Aufl.).
Zur
berüchtigten
Literaturfehde
zwischen
Leipzig und
Zürich aber
führte
Gottscheds
Hauptwerk
der
Critischen
Dichtkunst
in den
verschiedenen
Auflagen.
Zur
Kontroverse
zwischen
Gottsched
und den
Schweizern
Bodmer und
Breitinger
kam es vor
allem
hinsichtlich
der
Kategorien
des
Wunderbaren
und des
Wahrscheinlichen.
Konnte man
dies noch
als einen
akademischen
Streitfall
abtun, so
zog
Gottscheds
Theaterreform
weite Kreise
in die
bürgerliche
Öffentlichkeit
hinein.
Bereits 1729
hatte der
Leipziger
Literaturpapst
in seiner
Rede Die
Schauspiele
und
besonders
die
Tragödien
sind aus
einer
wohlbestellten
Republik
nicht zu
verbannen
die
unverzichtbare
Bedeutung
des Theaters
für die
öffentliche
Bildung und
Moral
herausgestellt.
Um diese
Funktion
sicherzustellen,
kämpfte er
energisch
für die
Verbesserung
des gesamten
Theaterwesens,
von den
Bühnenverhältnissen
bis zu
seriösen
Dramentexten.
Die
zeitüblichen
Schauspieltruppen
sollten
nicht mehr
Gaukelspiele
aus dem
Stegreif,
sondern
gedruckte
Dramentexte
aufführen.
Phasenweise
schloß sich
die
Prinzipalin
Caroline
Neuber mit
ihrer
Schauspieltruppe
Gottscheds
Programm an.
1737
inszenierte
sie die
sprichwörtlich
gewordene
„Vertreibung
des
Harlekins“.
Gottsched,
der nichts
halb
anpackte,
suchte seine
Theaterreform
durch eine
sechsbändige
Musteranthologie
von
Originaldramen
und
Übersetzungen
klassizistischer
Bühnenwerke
zu festigen:
Die
deutsche
Schaubühne
(1741-45).
Nicht
zuletzt
legte er
selbst
bereits 1732
ein viel
besprochenes
Drama:
Sterbender
Cato
vor.
Am
augenfälligsten
läßt sich
Gottscheds
weitausgreifende
Reformtätigkeit
an der
Deutschen
Gesellschaft
ablesen,
einer
Bürgerakademie
für
Sprachpflege
und
umfassende
Kunstdebatten,
in die er
1724 eintrat
und deren
Senior er
später
wurde. Doch
alle
Aktivitäten
konnten die
zunehmende
Kritik an
der
Literaturautorität
des frühen
18.
Jahrhunderts
schlechthin
nicht
abschwächen.
Als der
junge Goethe
ein Jahr vor
Gottscheds
Tod zum
Studium nach
Leipzig kam,
zeigte er
nicht den
geringsten
Respekt vor
dem
berühmten
Professor.
Lit.:
Ausgewählte
Werke. 12
Bde. Hg. von
J. Birke und
Ph. M.
Mitchell.
Berlin/New
York 1968
ff. – W.
Rieck:
Johann
Christoph
Gottsched.
Eine
kritische
Würdigung
seines
Werkes.
[Ost-]
Berlin 1972.
Bild:
Schabkunstblatt
von J.J.
Haid für
Brückers
‚Bilder =
sal‘.