Aus einer
Medizinerfamilie stammend ergriff Hartmann Gramann
das Studium in Leipzig, Jena und Wittenberg und
praktizierte dann als Arzt in Halle, bevor er 1633
zum Medicus der holstein-gottorfschen
Gesandtschaftsreise nach Moskau und Persien bestellt
wurde. Auf dieser Reise, über die der Sekretär Adam
Olearius in der berühmten und in mehreren Auflagen
erschienenen Reisebeschreibung (1647) ausführlich
berichtet hat, sollten die Gesandten, der Kaufmann
Otto Brüggemann aus Hamburg und der Licentiat der
Rechte Philipp Crusius, im Auftrag des Herzogs
Friedrich III. zu Gottorf eine neue
Handelsverbindung zu Persien über Rußland
erschließen. Deshalb wurde zunächst auf der ersten,
im Spätherbst 1633 in Gottorf begonnenen Reise der
Moskauer Zar aufgesucht. Mit dem Schiff erreichte
man von Travemünde aus am 14. November des Jahres
Riga, wo vier Wochen auf Frost und Schneefall
gewartet werden mußte, um per Schlitten über Wolmar
und Dorpat nach Narva reisen zu können, das die
Legation am 3. Januar 1634 erreichte. Von hier wurde
ein Teil des Gefolges, darunter der Dichter Paul
Fleming, der als Hofjunker und Truchseß an der Reise
teilnahm, nach Novgorod vorausgeschickt, während die
Gesandten in Narva verweilten, um mit einer
schwedischen Gesandtschaft unter dem Revaler
Gouverneur Philipp von Scheiding Gespräche zu
führen. Da die Nahrungsmittel in Narva knapp wurden,
mußte man zeitweilig sogar nach Reval ausweichen, wo
die Gesandten gastlich aufgenommen wurden. Am 28.
Juli 1634 traf die holstein-gottorfsche
Gesandtschaft in Novgorod endlich wieder zusammen.
17 Tage darauf wurde Moskau erreicht. Insgesamt über
vier Monate zog sich der Aufenthalt mit
diplomatischen Gesprächen und gesellschaftlichen
Ereignissen hin. Der Zar verlangte jedoch weitere
Dokumente, die erst von Gottorf besorgt werden
mußten, so daß die Reisegruppe zunächst am 10.
Januar 1635 nach Reval zurückkehrte und hier den
größten Teil des Gefolges unterbrachte, während die
Gesandten am Ende des Monats mit zehn Personen zum
herzoglichen Hof in Gottorf aufbrachen, um die
erforderlichen Unterlagen zu holen.
Gramann, der auf
der Reise zu einem engen Vertrauten Flemings
geworden war, blieb zunächst in Reval. Bereits im
Januar erschien eine gedruckte Sammelschrift mit
Trauergedichten von Gesandtschaftsteilnehmern zum
Tod der Revaler Kaufmannsfrau Elisabeth Paulsen,
geb. Müller. Nach Crusius und Olearius tritt hier
Gramann mit vier lateinischen Distichen als dritter
Beiträger vor dem Freund Fleming auf, welcher nicht
nur die abschließende deutsche Ode liefert, sondern
auch die von Gramann unterzeichneten Verse gedichtet
hat. So eng die Freundschaft zwischen den beiden
auch gewesen sein mag, hat Gramann sich
offensichtlich nicht von Flemings überragender
Dichtkunst anstecken lassen. Umgekehrt ist Flemings
Hinwendung zum Arztberuf im wesentlichen auf den
Einfluß Gramanns zurückzuführen. In Reval bildeten
die beiden mit dem PoesieProfessor Timotheus Polus
ein lustiges Kleeblatt, das sich oft dem
feuchtfröhlichen Treiben hingab. So heißt es in
Flemings Namenstagsgedicht auf Polus: „Recht so/
Polus/ ruffe laut. Her die Hand/ dieweil ich trincke.
[...] Grahman wird nicht ferne seyn/ Grahman vnser
dritter trewer/ Der jhm vmb das Schorsteinfewer Wol
läßt schmecken deinen Wein.“ Am 8. April 1635
feierten die Freunde in Reval den Namenstag Gramanns.
Seinen eigentlich am 11. Januar zu begehenden
Geburtstag holte man zugleich nach, da er so kurz
nach der Ankunft in der Stadt kaum gefeiert werden
konnte.
Die zu diesem
Anlaß in Reval gedruckte Sammelschrift
„Glückwünschungen Auff fröliche Geburt vnd
Namenstage“ mit Gedichten „von seinen guten
Freunden“ umfaßt vier deutsche Gedichte, die jedoch
bis auf eine holprige AlexandrinerElegie sämtlich
von Fleming gedichtet wurden, der sich hinter den
verschiedenen Namen, Initialen und Pseudonymen der
Freunde verbirgt. In einem Gedicht wird in
Anspielung auf seinen Nachnamen gefragt, warum er
denn ,Graumann‘ heiße, obwohl er doch schwarze Haare
habe. Als Lösung wird vorgeschlagen, daß er mit
seiner Medizin die Leute vor Krankheit und Tod
bewahre und grau, d. h. alt werden lasse. Der Beginn
eines anderen Gedichts „ISt schon nichts nicht mehr
zu finden/ Darmit wir Euch können binden/ [...]“
deutet bereits den bevorstehenden Abschied an. Der
Arzt verließ die Gesandtschaft Ende Mai von Reval
aus und kehrte nach Deutschland zurück, um den
medizinischen Doktorgrad zu erwerben, denn er trug
sich anscheinend schon zu dieser Zeit mit dem
Vorhaben, als Leibarzt des Zaren in russische
Dienste zu treten.
Der Abschied aus
Reval wurde dann begleitet von lateinischen
Propemptica (Reisegeleit-Gedichten) der Professoren
und Lehrer des Gymnasiums, die im Druck der Revaler
Offizin erschienen. Am 19. April, dem Sonntag
Jubilate, verfaßte Timotheus Polus sein Gedicht,
daneben sind der Rektor Heinrich Vulpius, der
Rhetorik-Professor Heinrich Arninck, der
Griechisch-Professor Reiner Brockmann und der Lehrer
Alhard Böndel vertreten. Ein großes deutsches
Propempticum von 146 Alexandrinern veröffentlichte
Paul Fleming auf diesen Abschied. Es wurde dem
Druckbild zufolge vermutlich nicht in Reval
gedruckt; Gramann hat es wohl handschriftlich
mitgenommen und in deutschen Landen in Druck
gegeben, wie auch Flemings Vers „Diß nimb mit auff
den Weg/ vnd zeig’ es deinen Freunden/ [...]“
nahelegt. Eingeleitet von lateinischen
Widmungsversen, die in Reval am 21. Mai – also zwei
Tage nach dem Gedicht von Polus – unterzeichnet
sind, enthält das deutsche Gedicht im Lob des
Adressaten zugleich reiche Informationen: Hier
werden die Herkunft aus einer alten Medizinerfamilie
und die Studienorte genannt. Beschrieben wird die
paracelsische Krankheitslehre und Arzneiphilosophie,
der Gramann (wie auch Fleming) anhängt; erwähnt sind
die kurze Tätigkeit in Halle und der bisherige
Reiseverlauf einschließlich der großen Anerkennung
als Arzt auf der Reise durch gelungene Heilungen und
der zukünftigen Anstellung: „Der Zar/ der grosse
Herr/ der Reussen Selbsterhalter/ Vertrawt sein
edles Häupt noch deinem jungen Alter.“
Gramann gelang es
anscheinend nicht, in der kurzen Zeit den
Doktortitel zu erwerben, wird er doch von Olearius
in der Liste der Teilnehmer der sogenannten zweiten
Gesandtschaft (16361639) und auf dem Porträt von
1647 ohne Titel geführt. Am 22. Oktober 1635 brach
er mit den Gesandten von Hamburg aus per Schiff zur
neuen Reise auf, allerdings verzögerte sich die
Ankunft in Reval durch schwere Unwetter und einen
Schiffbruch vor der Insel Hochland (Suursaari) im
finnischen Meerbusen, bei dem der Arzt den Sekretär
Olearius gerade noch an der Kleidung aus den Fluten
ziehen und retten konnte. In Reval wurde die Rettung
mit einem festlichen Aktus im Gymnasium begangen,
wähnte man die Menschen doch bereits tot und das
gesamte Vorhaben erledigt. Die besorgten Papiere
waren jedoch verdorben und mußten neu aus Gottorf
geholt werden. Gramann blieb nun in Reval und konnte
hier am 11. Januar 1636 seinen Geburtstag feiern,
der unter dem besonderen Zeichen der Errettung
stand, wie aus Flemings neuerlichem Gedicht
hervorgeht.
Am 2. März brach
die Gesandtschaft wieder nach Moskau auf, wo neue
Verhandlungen die Weiterreise nach Persien über drei
Monate verzögerten. Anfang August 1637 war endlich
das Ziel Isfahan erreicht. Gramann wurde auch hier
als Arzt größte Anerkennung zuteil, zudem fertigte
er auf der Reise Zeichnungen an, die später als
Vorlage für Abbildungen in der Reisebeschreibung von
Olearius dienten. Nach einem Aufenthalt von fast
fünf Monaten wurde die Rückreise angetreten; erst im
April 1639 traf Gramann mit der Gesandtschaft wieder
in Reval ein. Hier heiratete er am 27. Juni
Elisabeth Fonne, die Tochter eines Ratsherrn, wozu
Fleming mit einer deutschen Ode gratulierte. Während
die übrige Gesandtschaft nach dreimonatigem
Aufenthalt in Reval die Heimreise antrat und am 1.
August 1639 in Gottorf eintraf, bereitete Gramann
seine Übersiedlung nach Moskau vor, das er am 31.
August zusammen mit seiner Ehefrau und sechs
Dienstboten erreichte. Als Leibarzt des Zaren
Michail Fedorowitsch (15761645) und dessen Sohnes
und Nachfolgers Alexei Michailowitsch (16291676)
arbeitete Gramann nun für ein Gehalt von jährlich
220 Rubel und zusätzlich monatlich 60 Rubel nebst
weiteren Sonderzuwendungen (für Aderlässe, zur
Hausrenovierung usw.). 1647 bat er schriftlich um
Entlassung seines fünfjährigen (!) Sohnes Johann
Hartmann und sicheres Geleit, damit dieser sein
Studium im Ausland aufnehmen könne. Da dieser 1651
in Dorpat immatrikuliert wurde, ist zu vermuten, daß
er zunächst in Livland die Schule besuchte oder
durch Hauslehrer unterrichtet wurde. Er promovierte
schließlich 1668 in Jena zum Doktor der Medizin,
kehrte jedoch nicht nach Rußland zurück. Ein
weiteres Schreiben des Vaters aus unbekannter Zeit –
spätestens jedoch vom Frühjahr 1653 – erbittet die
Erlaubnis für seine Gattin und seine Schwägerin, mit
den Kindern nach Reval reisen zu dürfen, um den
schwer erkrankten Schwiegervater Johann Fonne († 13.
April 1653) zu besuchen. 1656 verstarb Elisabeth
Gramann und hinterließ neben dem erwähnten Sohn
Johann Hartmann (*1642) noch die Kinder Sebald
Constans (*1651), Maria-Elisabeth und
Susanna-Magdalena, die der Witwer nach Reval
schickte, da er sich außerstande sah, sie in Moskau
erziehen zu lassen. Zumindest in diesen letzten
Jahren bewohnte Gramann einen Hof in der
Ausländervorstadt. Bald darauf starb er. In einer
Moskauer Aktennotiz vom 24. März 1658 findet sich
die Einstellung der monatlichen Bezahlung an ihn, da
er verstorben sei. Seit 1656 beherrschte der
Nordische Krieg das Verhältnis zwischen Rußland und
dem schwedischen Livland. Ob Gramann bereits aus dem
Dienst ausgeschieden und zur Familie nach Reval
gereist war, ist nicht bekannt. Dort herrschte bis
in diese Tage die Pest. In Reval wurde auch am 18.
September 1659 der Nachlaß inventarisiert, der
beträchtliche Reichtümer enthielt. Sein Porträt mit
Versen des Revaler Gymnasialrektors Heinrich Vulpius
ist in der Erstausgabe der Reisebeschreibung von
Olearius (1647) enthalten. Sein Stammbuch mit 55
Einträgen aus den Jahren 16261647 befindet sich
heute in Moskau.
Lit.: Jöcher II (1750) Sp. 1119. –
August Hirsch (Hrsg.), Biographisches Lexikon der
hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker, 2.
Aufl., durchgesehen und ergänzt von W. Haberling, F.
Hübotter, H. Vierordt, Bd. IVI, Berlin (u. a.)
192935, hier Bd. II (1930) S. 828. – G. Adelheim,
Revaler Ahnentafeln, Tallinn 1935, S. 319. – J. N.
Schtschapow, Albom Gartmana Gramana. (Rukopis is
sobranija A.S. Norowa) [Das Stammbuch Hartman
Gramanns. (Handschrift aus der Sammlung A. S. Norows)],
in: Zapiski Otdela Rukopisej 17 (1955), S. 84–98. –
Heinz von zur Mühlen, Besitz und Bildung im Spiegel
Revaler Testamente und Nachlässe aus der Mitte des
17. Jahrhunderts, in: Reval und die baltischen
Länder. Festschrift für Hellmuth Weiss zum 80.
Geburtstag. Im Auftrage der Baltischen Historischen
Kommission und des Johann-Gottfried-Herder-Instituts
hrsg. von J. von Hehn und C. J. Kenéz, Marburg/Lahn
1980, S. 263–280. – H. Entner, Paul Fleming. Ein
deutscher Dichter im Dreißigjährigen Krieg, Leipzig
1989 (= Reclams UniversalBibliothek; 1316), S.
385–389. – Ernst Gierlich: Reval 1621 bis 1645, Bonn
1991, S. 375. – S. Dumschat: Hartmann Gramann. Ein
deutscher Arzt im Baltikum und im Moskauer Rußland
des 17. Jahrhunderts, in: O. Pelc/G. Pickhan
(Hrsg.), Zwischen Lübeck und Novgorod. Wirtschaft,
Politik und Kultur im Ostseeraum vom frühen
Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert. Norbert
Angermann zum 60. Geburtstag, Lüneburg 1996, S.
281303. – Martin Klöker, Literarisches Leben in
Reval in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts
(16001657). Teil III, Tübingen 2005 (= Frühe
Neuzeit; 112) S. 675676 u.ö.
Bild: Privatarchiv des Autors.
Martin Klöker