Mit dem
Namen Günter
Grass wird
ein
herausragendes
künstlerisches
Werk
assoziiert,
das in
seinen
besten
Teilen
unbestritten
zum
bleibenden
Inventar der
deutschen
Nachkriegsliteratur
gehört.
Dieses
OEuvre
widerspiegelt
ein heute
nur noch
selten
anzutreffendes
Streben nach
dichterischer
Universalität,
denn Grass
hat sich in
sämtlichen
literarische
Gattungen:
Prosa,
Dramatik und
Lyrik, mit –
wenn auch
unterschiedlichem
– Erfolg
versucht.
Seinen Ruhm
verdankt
Grass
hauptsächlich
seiner
Prosa. Der
1959
erschienene
Roman Die
Blechtrommel
wurde ein
Welterfolg
und leitete
eine
einzigartige
Karriere
ein, in
deren
Verlauf der
Schriftsteller
zum modernen
deutschen
Klassiker
avancierte.
Die
Hauptfigur,
der
kleinwüchsige
Oskar
Matzerath,
ist eine der
bekanntesten
literarischen
Gestalten
der
deutschen
Literatur
und zeitigt
künstlerische
Folgen bis
in die
Gegenwart.
Dem
Regisseur
Volker
Schlöndorff
gelang in
den
siebziger
Jahren eine
adäquate
Verfilmung.
Den
Grass'schen
Kunstgriff:
eine
Geschichte
aus der
verschrobenen
Perspektive
eines
physisch und
psychosozial
auffälligen
Helden zu
erzählen und
die
Verkehrtheit
der
scheinbaren
Normalität
evident zu
machen,
indem man
sie
verfremdet
und bis zur
Kenntlichkeit
entstellt,
hat zuletzt
der Berliner
Nachwuchsautor
Thomas
Brussigs in
seinem
vielbeachteten
Bestseller
Helden
wie wir
(1995) –
einem Roman
über den
Zusammenbruch
der DDR –
adaptiert
und
variiert.
Auch der
international
bekannte
amerikanische
Schriftsteller
John Irving
hat noch vor
wenigen
Jahren in
dem Roman
Owen Meany
(1989) –
worauf schon
die
Initialen
verweisen –
seinem
deutschen
Kollegen mit
einer
Hommage auf
Oskar
Matzerath
gehuldigt.
Mehr noch:
Der
scharfsichtige
wie
scharfzüngige
Gnom, der im
Alter von
drei Jahren
das Wachstum
und mithin
das
Erwachsenwerden
verweigert
und damit
beschäftigt
ist, sich
auf seinem
Instrument
die Welt
heranzutrommeln
und
gleichzeitig
vom Leibe zu
halten, ist
vor allem
seit der
deutschen
Wiedervereinigung
für viele
Zeitbeobachter
zum Symbol
der alten –
erfolgreichen,
aber
merkwürdig
unerwachsenen
–
Bundesrepublik
geworden.
Sprachmächtig
und voller
skurill-poetischer
Einfälle
zeichnete
Grass hier
nach, wie
die
kleinbürgerlichen
Lebenslügen
vor dem
Hintergrund
politischer
Krisenzeiten
und eines
Wertesystems,
das seine
Verbindlichkeit
verloren
hat, ins
Monströse
wachsen und
dem Nazismus
immer mehr
Boden
konzedieren.
Er
demontierte
die
sogenannte
kleine,
heile Welt
als
angeblichen
Hort der
Ordnung in
so
grotesk-vernichtender
Weise, daß
er in den
Ruf eines
anarchistischen
Bürgerschrecks,
ja eines
Pornographen
geriet.
Doch das ist
nur die eine
Seite des
Buches. Es
steht
genauso in
der
Tradition
des
deutschen
Bildungs-
und
Schelmenromans
und
dokumentiert
die tiefe
Verwurzelung
seines
Autors in
der Kultur-
und
Literaturgeschichte.
Die
Erzählperspektive,
so
ungewöhnlich
und
schockierend
sie sich
zunächst
ausnimmt,
erweist sich
bei genauem
Hinsehen als
eine beinahe
konventionelle,
weil sie die
einer über
den Dingen
stehenden
Erzählinstanz
ist, die es
nach
verbreiteter
Auffassung
im modernen
Roman gar
nicht mehr
geben
durfte. Doch
genau diese
Mischung aus
Modernismus
und
Tradition,
versetzt mit
Ironie,
Selbstironie
und
Groteske,
macht in
Verbindung
mit den
plastisch
gestalteten
Figuren und
der
sinnlichen
Sprache die
einzigartige
Wirkung der
Grass'schen
Prosa aus.
Der Roman
spielt wie
die meisten
seiner
Erfolgsbücher
in Danzig,
wo er im
Vorort
Langenfurth
als Sohn
eines
Kolonialwarenhändlers
geboren
wurde. Die
Stadt war
nach den
Bestimmungen
des
Versailler
Vertrages
1920 zur
”Freien
Stadt” unter
der
Oberhoheit
des
Völkerbundes
erklärt
worden: Ein
unglückliches
Konstrukt,
das weder
für die
Deutschen,
die mehr als
95 Prozent
der rund
330.000
Einwohner
stellten,
auf Dauer
annehmbar
war, noch
für den
neukonstituierten,
sich längst
nicht
saturiert
fühlenden
polnischen
Staat das
Ziel seiner
Wünsche
bedeutete.
Symptomatisch
für die hier
herrschende
Unsicherheit
sind die
44.000
Stadtbewohner,
die bis 1925
ins Reich
abwanderten.
Nach Hitlers
”Machtergreifung”
war die
politische
Situation
hier
günstiger
als im
Reich, doch
die innere
und äußere
Lage spitzte
sich
unaufhörlich
zu. Als
Propagandaminister
Goebbels im
Sommer 1939
in der immer
noch
”Freien”
Stadt
weilte,
löste er
”hörbaren
Begeisterungstaumel”
(H. Heiber)
und ”Wir-wollen-heim-ins-Reich”-Rufe
aus. Willy
Grass, der
Vater, trat
1936 der
NSDAP bei,
der Sohn
ging
freiwillig
zu den
Veranstaltungen
des
Jungvolks,
die für den
Halbwüchsigen
nach eigenem
Bekunden
”einen
ungeheuren
Reiz”
besaßen.
Doch griff
der
Nationalsozialismus
noch auf
ganz andere
Weise ins
Familienleben
ein: Helene
Grass, die
Mutter, und
damit auch
die eine
Hälfte der
Verwandtschaft,
war
kaschubischer
Herkunft.
Ein Onkel –
ein Beamter
der
polnischen
Post –
geriet am 1.
September
1939 in die
Kämpfe um
das
polnische
Postamt in
Danzig und
wurde als
Überlebender
erschossen.
Günter Grass
hat dieses
tragische
Geschehen in
einem der
berühmtesten
Blechtrommel-Kapitel
geschildert.
Das deutsche
Danzig, das
1945
ausgelöscht
wurde und an
Polen fiel,
ist für
Günter Grass
zum
Schicksal
und
künstlerischen
Impetus
geworden.
”Ich wußte,
das es weg
ist: Danzig.
Da war ein
Vakuum. Eine
Unruhe und
ein Ahnen:
das wird mir
fehlen”,
schrieb er.
”Aber damit,
daß alles
geographisch
und
politisch
verloren
war, war
nicht
gesagt, daß
es ganz und
gar weg sein
mußte. Das
war auch ein
Antrieb, mir
zumindest
literarisch,
mir
schreibend
das
wiederherzustellen,
was verloren
war.”
Der
Blechtrommel
folgten 1961
die
erfolgreiche
Novelle
Katz und
Maus,
eine gallige
Abrechnung
mit dem
militärischen
Heldenkult.
Der
Hauptfigur
Joachim
Mahlcke hat
die Natur
einen
übergroßen
Adamsapfel
mitgegeben.
Um den
Defekt vor
seinen
höhnischen
Danziger
Mitschülern
zu
verbergen,
trägt er ein
Ritterkreuz
und wird
wegen dieser
Anmaßung um
so mehr zur
Zielscheibe
des Spottes.
Als er im
Krieg die
höchste
militärische
Auszeichnung
tatsächlich
erwirbt,
nimmt keiner
sie mehr
ernst, und
Mahlcke, der
keine
Möglichkeit
sieht, von
der Umwelt
jemals
anerkannt zu
werden, geht
ins Wasser.
1963 legte
Grass den
Roman
Hundejahre
vor, der
ähnlich wie
die
Blechtrommel
ein
Geschichtspanorama
von der
Vorkriegszeit
bis in die
fünfziger
Jahre
entrollt.
Die drei
Bücher
wurden
nachträglich
als
Danziger
Trilogie
bezeichnet
und
etablierten
endgültig
den Ruf
ihres Autors
als einen
der
wichtigsten
deutschen
Autoren. Bis
in die
jüngste
Vergangenheit
ist er auf
sein
Danziger
Urerlebnis
zurückgekommen,
zuletzt im
melancholischen
Roman
Unkenrufe
(1992), der
die
Altersliebe
zwischen
einem in
Westdeutschland
wohnhaften
Danzigers
und einer im
heutigen
Gdansk
lebenden,
aus Wilna
gebürtigen
Polin
erzählt. Auf
dem von
Grass selbst
gestalteten
Einband des
Romans
Die Rättin
(1986) ist
die
eindrucksvolle
Silhouette
der ”Königin
der Ostsee”
mit der
Marienkirche
und dem
Rechtstädtischen
Rathaus zu
sehen. So
wie Theodor
Fontane mit
Berlin und
der Mark
Brandenburg
und Gerhart
Hauptmann
mit der
schlesischen
Bergwelt
untrennbar
verbunden
bleibt, ist
Grass seinen
Lesern zu
einem
Inbegriff
Danzigs
geworden. In
seinen
Büchern ist
viel vom
Lebensrhythmus,
der
maritimen
Atmosphäre
und der
Folklore der
Stadt
sichtbar
gemacht und
im
dialektischen
Sinne
aufgehoben.
Indem er die
Stadt auf
meisterhafte
Weise
schilderte
und
gleichzeitig
kritisch als
geistige
Lebensform
tranzendierte,
hat er ihr
ein
unvergängliches
Denkmal
gesetzt.
Im
öffentlichen
Leben
präsentierte
Grass sich
immer wieder
auch als
dezidiert
politisch
engagierter
Literat, was
tiefe
biographische
Wurzeln hat.
Er erlebte
vor Ort den
Ausbruch des
Zweiten
Weltkrieges,
der Danzig
zunächst
tatsächlich
”heim ins
Reich” und
dann umso
sicherer in
den
Untergang
führte. Nach
seiner
Gymnasialzeit
wurde er
gegen
Kriegsende
im
Arbeitsdienst,
als
Luftwaffenhelfer
und dann im
Sudetenland
als
Panzerschütze
eingesetzt.
Er
berichtete
vom Anblick
erhängter
Deserteure,
die wie er
erst im
jugendlichen
Alter waren.
In ”diesen
wenigen
Wochen der
sogenannten
Feindberührungen
oder
Fronterfahrung
– es gab ja
so ein
richtiges
Wortfeld für
diese Art
von
Erfahrungen”,
schrieb er,
habe er die
Angst
kennen- und
schätzen
gelernt und
halte sie
”seitdem als
eine
Erfahrung
hoch”.
Nach kurzer
amerikanischer
Kriegsgefangenschaft
sicherte
sich Grass
seinen
Lebensunterhalt
in
Westdeutschland
durch
Landarbeit.
Ab 1948
studierte er
an der
Kunstakademie
Düsseldorf
Bildhauerei
und Graphik.
Obwohl die
Bildende
Kunst für
ihn bald in
den
Hintergrund
trat, kann
er auf ein
umfangreiches
Werk an
Grafiken,
Radierungen
und
Plastiken
verweisen.
Die Bildende
Kunst hat
auch einen
beträchtlichen
Einfluß auf
seine
anschauliche
Schreibweise
und
Figurengestaltung
gehabt.
Seine
literarische
Laufbahn
begann
offiziell
1955, als er
in einem
Lyrikwettbewerb
des
Süddeutschen
Rundfunks
den dritten
Preis
erhielt und
zur Tagung
der ”Gruppe
47 Gedichte”
eingeladen
wurde. Ein
Jahr später
erschien
sein erstes
Buch, der
Gedichtband
Die
Vorzüge der
Windhühner.
Wie sehr ihm
das ”Dritte
Reich”, die
Kriegserlebnisse
und der
Heimatverlust
alles
Urvertrauen
in tradierte
Umgangsformen,
in
kulturelle
und
nationale
Konventionen
ausgetrieben
hatten,
machen Verse
wie diese
deutlich:
”Wer lacht
hier, hat
gelacht?/
Hier hat
sich's
ausgelacht./
Wer hier
lacht, macht
Verdacht,/
daß er aus
Gründen
lacht.” Das
Gedicht mit
dem
absichtsvoll
harmlosen
Titel
”Kinderlied”
enthält die
brutale
Erfahrung
der
totalitären
Diktatur,
die einen
umfassenden
Anspruch an
das
Individuum
erhebt und
deshalb auch
das Lachen,
Weinen,
Schweigen,
Spielen und
Sterben als
Ausdruck von
Freiheit und
Selbstbestimmung
nicht zuläßt.
Andererseits
zeigt es,
wie die
Disposition
zur
Unterwerfung
tief im
Menschen
angelegt ist
und daher
schon das
Kinderspiel
in
Gemeinheit
und
tödlichen
Ernst
umschlagen
kann.
Grass
entschloß
sich zur
aktiven
Teilnahme am
politischen
Leben. 1961
forderte er,
der seit den
fünfziger
Jahren im
Westteil
Berlins
lebte, unter
ausdrücklichem
Hinweis auf
das Versagen
deutscher
Intellektueller
in der
Nazi-Zeit
die
Präsidentin
des
Ost-Berliner
Schriftstellerverbandes,
Anna
Seghers, in
einem
Offenen
Brief auf,
gegen den
Mauerbau zu
protestieren.
Seit 1965
zog er für
die SPD,
deren
Mitglied er
bis 1992
war,
mehrfach in
den
Wahlkampf.
Er
begleitete
1970 Willy
Brandt zur
Unterzeichnung
des
deutsch-polnischen
Vertrages
nach
Warschau und
bekundete
damit seine
Zustimmung
zur
Ostpolitik
der
sozialliberalen
Koalition.
Es ging ihm
nach eigenem
Bekunden
darum, in
der Realität
”anzukommen”,
anstatt wie
seine Eltern
mit
uneinlösbaren
Hoffnungen
zu leben.
Bereits 1958
war er zum
ersten Mal
seit dem
Krieg nach
Danzig
gefahren, um
für die
Blechtrommel
zu
recherchieren,
und hatte
sich vom
Wiederaufbau
der
verwüsteten
Altstadt
durch die
Polen
überzeugen
können.
Schon sein
Romanerstling
ließ keinen
Zweifel
daran, daß
er den
territorialen
Verlust für
irreversibel
hielt. Er
bewältigte
ihn
persönlich
auch
dadurch, daß
er sich
vehement für
die
deutsch-polnische
Verständigung
einsetzte.
Häufig hat
er den Polen
seine
Dankbarkeit
für die
Rekonstruktion
des alten
Danzigs
bekundet,
auch in dem
Bewußtsein,
daß jenseits
aller
menschlichen
Tragik die
Geschichte
einen
listigen
Haken
geschlagen
hatte:
Angesichts
der Art und
Weise des
Wiederaufbaus
in beiden
deutschen
Nachkriegsstaaten
scheint es
gewiß, daß
es die
hanseatische
Pracht im
heutigen
Danzig nicht
gäbe, ”wenn
es deutsch
geblieben
wäre”! (M.
Welder) In
der ”Solidarnosz”-Bewegung
der späten
siebziger
und der
achtziger
Jahre meinte
er, den
stets auch
widerständigen
Geist seiner
Heimatstadt
zu spüren.
Polen hat es
ihm gedankt,
er ist hier
der
populärste
deutsche
Gegenwartsautor.
Nach dem
Zusammenbruch
des
kommunistischen
Regimes
verliehen
ihm die
Universitäten
in Posen und
schließlich
in Danzig
die
Ehrendoktorwürde.
Seinen
politischen
Einsatz hat
Grass in
verschiedenen
Büchern
reflektiert,
für seine
künstlerische
Entwicklung
erwiesen
sich diese
Ausflüge
aber
überwiegend
als
unfruchtbar.
Häufig
konterkarierte
die
politische
Absicht die
künstlerische
Form. Der
unter
anderem mit
dem
Büchner-,
dem Fontane-
und dem
Thomas-Mann-Preis
und weiteren
Ehrendoktortiteln
versehene
Grass
erlebte seit
Mitte der
sechziger
Jahre immer
wieder
Zeiten
literarischer
Krisen und
der
Kritikerschelte.
Erst mit dem
Roman Der
Butt
(1977), der
in
spielerischer
Form von
Mythen,
geschichtlichen
Brüchen und
der Ablösung
des
Matriarchats
durch das
Patriarchat
erzählt und
wiederum im
Ostseeraum
angesiedelt
ist, erlebte
er eine
triumphale
Rückkehr in
die
literarische
Szene. In
einem
neuerlichen
Geniewurf,
der
Erzählung
Das Treffen
in Telgte
(1979), das
ein fiktives
Schriftstellertreffen
gegen Ende
des
Dreißigjährigen
Krieges
schildert
(und
zugleich
eine
verschlüsselte
Huldigung an
die ”Gruppe
47” ist),
hat er
ironisch die
Machtlosigkeit
der
Literatur
und der
Dichter
eingestanden.
Sein von
Apokalypse-Stimmungen
geprägter
Roman Die
Rättin
(1986) fand
bei den
Kritikern
hingegen
keine Gnade.
Nach diesem
Mißerfolg
reiste er
demonstrativ
für einige
Zeit nach
Indien.
Die deutsche
Wiedervereinigung
kommentierte
Grass mit
Mißtrauen
und
Abneigung.
Er hatte
sich
inzwischen
die Meinung
eines ”juste
milieu” zu
eigen
gemacht, das
den
Deutschen
unter
Hinweis auf
den
Nationalsozialismus
das Recht
auf einen
geeinten
Nationalstaat
am Ende
dieses
Jahrhunderts
absprach. Er
monierte die
Modalitäten
des
Beitritts
der DDR zum
Grundgesetz
und mahnte
einen
innerdeutschen
”Lastenausgleich”
an. Man wird
Grass
zugute
halten
müssen, daß
er wichtige
mentale,
soziale und
ökonomische
Probleme im
innerdeutschen
Verhältnis
zu einem
Zeitpunkt
thematisierte,
als
allgemeine
Euphorie die
Realitäten
allzu rosig
färbte. Die
Öffentlichkeit
reagierte um
so
erstaunter,
weil er die
deutsche
Teilung in
früheren
Jahren als
eine
Anomalität
gegeißelt
und immer
wieder die
Funktion der
Literatur
als
einigendes
Band um die
geteilte
Nation
hervorgehoben
hatte.
So hatte er
im
Trauerspiel
Die
Plebejer
proben den
Aufstand
(1966)
ausgerechnet
die Erhebung
der
Ostberliner
Bauarbeiter
vom 17. Juni
1953
thematisiert,
die für die
SED-Führung
bis in ihre
letzten Tage
hinein eine
traumatische
Erfahrung
bedeutete.
Die SED
wußte solche
Konterbande
ganz genau
zu deuten
und
verhinderte
jahrzehntelang
Druck und
Verbreitung
von Grass'
Werken in
der DDR.
Erst 1984
durfte ein
Buch von ihm
– Das
Treffen in
Telgte –
erscheinen;
weitere zwei
Jahre später
folgte die
Blechtrommel.
Im
offiziösen
DDR-Romanführer
wurde Grass
ignoriert.
Lexika
erwähnten
ihn
schmallippig
als
”Westberliner”
Autoren. Die
endlich
gedruckten
Auflagen
waren im
Handumdrehen
vergriffen;
das
DDR-Publikum
stellte
damit klar,
daß es in
Grass einen
gesamtdeutschen
Dichter sah.
Auf die
unvermeidliche,
mitunter
harrsche
Kritik
antwortete
Grass mit
dem
hochambitionierten
Projekt
eines
Wiedervereinigungs-,
ja
Nationalromans
mit dem
Titel Ein
weites Feld
(1995). Als
Bezugspunkt
in dem fast
achthundert
Seiten
starken Buch
wählte er
den
Schriftsteller
Theodor
Fontane, den
kritischen
wie
sympathieerfüllten
Chronisten
der
Bismarck-Jahre.
Was von
Grass als
geschichtliche
Parallele
gedacht war,
erwies sich
als
Anachronismus
und fatal
für das
Buch. Der
Text besteht
überwiegend
aus
gewaltsamen
Parallelen,
literarischen
Versatzstücken
und
blutleeren
Figuren.
Zusätzlich
unternahm es
der Autor,
seine kruden
Anti-Wiedervereinigungsthesen,
die er
inzwischen
zum Teil
schon
korrigiert
bzw.
modifiziert
hatte, hier
nochmals
auszubreiten,
ohne sie im
Ästhetischen
zu
objektivieren,
so daß ihm
viele Seiten
zur puren
politischen
Polemik
gerieten.
Der Zeit
nach dem
Mauerfall
war mit
seiner im
Stil der
50er Jahre
betriebenen
„Gesellschaftskritik“
nicht mehr
beizukommen.
1995
verkündete
Grass den
Entschluß,
seinen
offiziellen
Wohnsitz
nach Lübeck
zu verlegen,
was er mit
Blick auf
die
gebürtigen
Lübecker
Thomas Mann
und Willy
Brandt sowie
die
atmosphärische
Ähnlichkeit
der
Hansestadt
mit Danzig
begründete.
Die
Entscheidung
ist nochmals
ein
anrührender
Beleg dafür,
daß der
Genius loci
seiner
Heimatstadt
für Günter
Grass stets
ein
kontinuierliches
Lebens- und
Schaffenselexier
geblieben
ist.
Andererseits
ist Danzig
dank Günter
Grass heute
die
bekannteste,
im
kollektiven
Bewußtsein
am meisten
mit
Reflexionen
und
Empfindungen
befrachtete
Stadt des
versunkenen
deutschen
Ostens. Sie
ist Teil der
Weltliteratur
geworden,
weil Grass
literarisch
die Welt in
sie
aufgenommen
hat.
Werke:
Studienausgabe
in 12
Bänden,
Göttingen
1993. –
Einzelausgaben:
Die Vorzüge
der
Windhühner.
Gedichte und
Graphiken.
Berlin 1956.
– Die
Blechtrommel.
Roman
Neuwied/Berlin
1959. – Katz
und Maus.
Eine
Novelle.
Neuwied/Berlin
1961. –
Hundejahre.
Roman.
Neuwied/Berlin
1961. – Fünf
Wahlreden.
Neuwied/Berlin
1965. – Die
Plebejer
proben den
Aufstand.
Ein
deutsches
Trauerspiel.
Neuwied/Berlin
1966. –
Briefe über
die Grenze.
Versuch
eines
Ost-West-Dialogs
(mit Pavel
Kohout).
Hamburg
1968. –
Örtlich
betäubt.
Roman.
Neuwied/Berlin
1969. –
Gesammelte
Gedichte.
Neuwied/
Darmstadt
1971. – Der
Butt. Roman.
Neuwied/Darmstadt
1977. – Das
Treffen in
Telgte. Eine
Erzählung.
Darmstadt/Neuwied
1979. –
Kopfgeburten
oder Die
Deutschen
sterben aus.
Darmstadt/Neuwied
1980. –
Aufsätze zur
Literatur.
Darmstadt/Neuwied
1980. –
Zeichnen und
Schreiben.
Das
bildnerische
Werk des
Günter
Grass. Bd.
1:
Zeichnungen
und Texte
1954-1977.
Hg. von
Anselm
Dreher.
Darmstadt/Neuwied
1984. –
Widerstand
lernen.
Politische
Gegenreden
1980-1983.
Vorwort von
Oskar
Lafontaine.
Darmstadt/Neuwied
1984. –
Zeichnen und
Schreiben.
Bd. II.
Radierungen
und Texte
1972-1982.
Hg. v.
Anselm
Dreher.
Darmstadt/Neuwied
1984. – Die
Rättin.
Roman.
Darmstadt/Neuwied
1986. –
Unkenrufe.
Eine
Erzählung.
Göttingen
1986. – Rede
vom Verlust.
Über den
Niedergang
der
politischen
Kultur im
geeinten
Deutschland.
Göttingen
1992. – Ein
weites Feld.
Roman.
Göttingen
1995.
Lit.:
Wieser,
Theodor:
Günter
Grass.
Portrait und
Poesie.
Neuwied/
Berlin 1968.
– Jurgensen,
Manfred
(Hg.):
Grass,
Kritik-Thesen-Analysen.
Bern/München
1973. –
Loschütz,
Gert (Hg.):
Von Buch zu
Buch -
Günter Grass
in der
Kritik. Eine
Dokumentation.
Neuwied
1968. –
Arnold,
Heinz Ludwig
(Hg.):
Günter
Grass. Text
und Kritik,
Heft 4, 5.
Erweiterte
Auflage
1978. –
Schlöndorff,
Volker: ”Die
Blechtrommel”.
Tagebuch
einer
Verfilmung.
Neuwied
1979. –
Görtz, F.J.:
Die
Blechtrommel:
Attraktion
und
Ärgernis.
Ein Kapitel
deutscher
Literaturkritik,
Darmstadt
und Neuwied
1984. –
Vormweg,
Heinrich:
Günter
Grass, 2.
ergänzte und
aktualisierte
Auflage,
Reinbek bei
Hamburg
1993.
Bild:
Süddeutscher
Verlag
München
Thorsten
Hinz