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Als älteste Tochter des Georg Graf
v.d. Groeben und dessen Gattin Elisabeth, geb. Gräfin zu
Münster-Ledenburg, wurde Selma Gräfin v.d.G. in Potsdam geboren, wo ihr
Vater als General der Kavallerie gerade in Garnison war. Sie entstammte
einer altpreußischen Familie, deren Angehörige in der preußischen und
deutschen Geschichte zu Ehren gekommen sind. Nach dem Kriege 1870/71
vertauschte ihr Vater den Soldatenberuf mit seiner Tätigkeit als
Majoratsherr auf dem Gut Neudörfchen im Kreise Marienwerder in
Westpreußen. Dort wuchs sie mit ihren vier jüngeren Schwestern auf und
erhielt ihre Schulbildung durch Hauserzieherinnen. Prägend auf das junge
Mädchen wirkten das Pflichtethos des soldatischen Berufs des Vaters, die
geistige und künstlerische Natur der Mutter sowie die Einbeziehung in
die mitverantwortliche Sorge um die Bewohner des zum Gut gehörenden
Dorfes in Form der Gestaltung des Kindergottesdienstes, der Krankenhilfe
und der sozialen Fürsorge. Die Kirche war die sinn- und zielsetzende
Mitte des Lebens. Beeindruckende Abwechslung bot eine Reise nach London
in Begleitung der Mutter, deren Bruder dort Botschafter war. Es schloß
sich eine musikalische Ausbildung in Weimar an. 1894 starb der Vater. Da
kein männlicher Erbe vorhanden, das Gut aber Majorat war, ging es in die
Hände von Verwandten über. Die Mutter zog mit ihren zwei unverheirateten
Töchtern nach Hannover, der Heimat ihrer Familie.
In Hannover fand Selma v.d.G. ihre
Lebensaufgabe. Sie wurde für die Arbeit des „Deutschen Ev. Frauenbundes“
gewonnen, der im ev. Bereich die konservativen Frauenkreise umfaßte.
Seine Zielsetzung waren die karitative Arbeit, die Mitwirkung der Frauen
am kirchlichen Leben und das Bemühen, die Ideen und Absichten der
Frauenbewegung in Bezug auf das Daseinsverständnis ev. Christentums zu
setzen und zu vertreten. Sehr bald wurde sie stv. Vorsitzende des Ev.
Frauenbundes und nach dessen 1908 erfolgten Zusammenschluß mit dem
überkonfessionellen „Bund deutscher Frauenvereine“ Mitglied des
Gesamtvorstandes dieses Bundes. Im Rahmen der ev. Frauenarbeit nahm sie
sich der Fürsorge für die gefährdeten Mädchen und Frauen an, besonders
in der örtlichen Arbeit in Hannover. Mit Emsigkeit arbeitete sie sich in
Theorie und Praxis der Bewältigung dieses Problems ein. In Vorträgen
trug sie vielerorts ihre Erkenntnisse und Erfahrungen vor. 1903 richtete
sie am Polizeigefängnis eine Zufluchtstätte für werdende Mütter ein, die
1913 zu einem modernen Mütter- und Säuglingsheim erweitert wurde. 1904
wurde auf ihre Initiative hin eine Fürsorgerin für inhaftierte Frauen am
Polizeigefängnis angestellt. Die Gräfin kann zu Recht als eine der
Begründerinnen der Gefangenenfürsorge genannt werden.
Sie widmete sich aber nicht nur der
praktischen Sozialarbeit, sondern befaßte sich mit der gesamten
Verbandsarbeit, wie Familienrecht, Berufs- und Bildungsfragen,
Sozialpolitik und Volkswohlfahrt. Sie hat sich diese Probleme mit
präziser Gewissenhaftigkeit erarbeitet und war um reformatorische
Lösungen bemüht.
Im Ersten Weltkrieg trat die
Wohlfahrtspflege an den Frauen der Feld stehenden Soldaten in den
Mittelpunkt der Sozialarbeit. Unter der Führung des Bundes Deutscher
Frauenvereine schlossen sich die Frauen zum „Nationalen Frauendienst“
zusammen, um dieser Aufgabe allerorts gerecht werden zu können. In
Hannover leitete die Gräfin mit einem Stab von mehr als 200 Frauen diese
ehrende Arbeit. Hinzu kamen 1914 der Einbruch der Russen in
Ostpreußen und das Schicksal der dortigen Bevölkerung sowie die
Ungewißheit über das Ergehen nächster Angehöriger.
Als 1917 die innenpolitischen
Spannungen anfingen und die Geschlossenheit der Frauenverbände
bedrohten, trat entgegen ihrer Meinung der Ev. Frauenbund aus der
Dachorganisation der Frauenverbände aus. Die aufreibenden Jahre zehrten
an ihrer Gesundheit, so daß sie 1919/20 schwer erkrankte. Sie hat daher
den stv. Vorsitz niedergelegt, zumal die Erste Vorsitzende seit 1920 dem
Reichstag angehörte und zeitweise die volle Vertretung und dauernde
Bereitschaft auf der Gräfin lasteten. Dennoch hat sie ihrem örtlichen
Aufgabenbereich weiter gedient und an der geistigen Führung des
Verbandes den wesentlichen Anteil gehabt. Noch als achtzigjährige hat
sie mit einer Kommission das Gutachten des Verbandes zur Ehegesetzgebung
ausgearbeitet.
Die politisch aufgewühlte Zeit nach
dem Ersten Weltkrieg rüttelte auch an der Gemeinschaft des Deutschen Ev.
Frauenbundes und belastete die verdienstvolle Vorkämpferin der
Frauenbewegung auch seelisch.
Bis zu ihrem Tode, sie starb
zweiundachtzigjährig, blieb sie liebenswürdig in ihrer Haltung, lebhaft
in der Anteilnahme, bescheiden zurückhaltend im Auftreten und die
Schenkende und Führende in jeder menschlichen Begegnung.
Lit.: Gotha Gräfliche Häuser
Teil A 1940; Gertrud Bäumer: Frauen der Tat – Gestalt und Wandel,
Tübingen 1959; Peter Graf v.d. Groeben: Die Grafen und Freiherrn v.d.
Groeben, 1978; Hugo Rasmus: Lebensbilder westpreußischer Frauen in
Vergangenheit und Gegenwart, Münster 1984.
Hugo Rasmus
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