|
Karl Wilhelm von Grolman
zählt zu den charaktervollsten und fähigsten Persönlichkeiten der
preußischen Reformzeit. Sohn des preußischen Obertribunalpräsidenten
Heinrich Dietrich Grolman, der 1786 geadelt worden war, trat er 1791
unter die schwarz-weißen Fahnen und wurde 1805 Hauptmann. Im preußischen
Unglücksmonat Oktober 1806, zuletzt im Stabe des Fürsten
Hohenlohe-Ingelfingen, entging er dessen Kapitulation von Prenzlau, da
er mit einer Sendung an den König unterwegs war. Anschließend zeichnte
er sich im ostpreußischen Winterfeldzug 1806/07 sowohl als Truppenführer
als auch als Stabsoffizier aus, wurde schwer verwundet und erhielt, erst
dreißigjährig, die Beförderung zum Major. Das Hervortreten der
glänzenden Begabung Grolmans führte im August 1807 zu dessen Berufung in
die von Schamhorst geleitete Militär-Reorganisationskommission wie
später auch in die Immediat-Untersuchungskommission, wo er Scharfblick
für die Gründe der Niederlage, Einsicht in das Notwendige und Mögliche
sowie Entschlußkraft bewies. „Er huldigt nur dem Verstande und ehrt
von den Gemütskräften nur die
Willenskraft", bemerkte Gneisenau einmal über ihn. Zugleich machte sich
Grolman unter dem Einfluß Steins, Scharnhorsts und Wilhelm von Humboldts
das Reformideal einer Erneuerung des preußischen Staates auf der
Grundlage der Erweckung des deutschen Nationalgeistes zu eigen. Die
Verbindung dieser Neuorientierung mit seinem stark ausgebildeten
Ehrgefühl bestimmte Grolman, nachdem der Kaiser in Wien im Frühjahr 1809
Napoleon den Krieg erklärt hatte, dazu, seine erst im März desselben
Jahres angetretene Stellung im neugebildeten preußischen
Kriegsministerium wieder aufzugeben und zu den österreichischen Fahnen
zu eilen. Er, der bereits 1807 seine Frau Sophie, geborene von Gerlach,
verloren hatte (und sich 1816 nochmals vermählen sollte), focht in
Franken und Sachsen und ging Anfang April 1810 nach Spanien, wo sich,
wie er glaubte, das Schicksal Europas entscheiden mußte. Als
Bataillonskommandeur in der Legion extranjera geriet er im Januar 1812
in französische Gefangenschaft und wurde nach Autun in Burgund gebracht,
von wo er aber fliehen konnte. Im August war er in Jena, studierte hier
bei Heinrich Luden Geschichte, reiste nach dem Bekanntwerden des
Winterdebakels Napoleons in der Neujahrsnacht 1813 nach Berlin und trat,
dem König nach Breslau folgend, wieder in preußische Dienste. „Er war
ganz jung geblieben", notierte sein Schwager Leopold von Gerlach, der
ihn über sechs Jahre nicht gesehen hatte, „und ebenso gut und lebhaft
als sonst".
Grolman, der in Spanien
das Ideal der konstitutionell beschränkten Monarchie in sich aufgenommen
hatte, das er hinfort zu seinem Überzeugungsschatz zählte, kam erst im
Herbstfeldzug 1813 zu einer seiner Führungsgabe entsprechenden
Verwendung; der König hatte ihm nicht vergessen, daß er im Jahre 1809
seine Dienste verlassen hatte. Als Stabsoffizier im II. Korps unter
Kleist trug er Ende August bei Kulm, schwer verwundet, wesentlich zur
Niederlage Vandammes bei. Als Oberst hatte er Anteil an der Entscheidung
der Leipziger Völkerschlacht, wofür er das Eichenlaub zum Orden pour le
mérite verliehen bekam, der bereits seit 1807 seine Brust zierte.
Anfang 1814 war es neben
Blücher und Gneisenau Grolman, der im Gegensatz zur österreichischen
Konvenienzpolitik, die das französische Empire zu einem Baustein des
europäischen Gleichgewichts machen zu können glaubte, auf eine
Fortsetzung der Operationen gegen Frankreich mit dem Ziel Paris drängte;
die auf Grolmans Vorschlag hin Ende Februar erfolgte Lösung der
Schlesischen Armee unter Blücher von der bewegungslos verharrenden
Hauptarmee und ihre Vereinigung mit Teilen der Nordarmee zum Zwecke des
gemeinsamen Vormarschs auf dem rechten Ufer der Marne auf Paris sowie
die Niederlage Napoleons bei Laon (9. und 10. März), der dem
entgegengetreten war, brachten das militärische Geschehen wieder in
Bewegung und trugen so wesentlich zur Überwindung der politischen
Hemmungen im Lager der Verbündeten bei. Ende März fiel Paris; am 6.
April dankte Napoleon ab. Nach dessen Rückkehr von der Insel Elba im
Frühjahr 1815 wurde Grolman, seit Ende Mai 1814 Generalmajor, in der
Nachfolge Gneisenaus Generalquartiermeister in Blüchers Armee, die es
zusammen mit den Engländern dahin brachte, daß Napoleon, um ein Wort
Ernst Moritz Arndts zu gebrauchen, „an seinen Prometheusfelsen St.
Helena geschmiedet" werden konnte. „Herrlich ist es, daß an der Spitze
der Armee Leute von so entschiedener, felsenfester Rechtschaffenheit und
Redlichkeit stehen wie Gneisenau und Grolman", schrieb Ludwig von
Gerlach an seine Mutter. Nach dem Zweiten Pariser Frieden im November
1815 trat Grolman unter dem ersten preußischen Kriegsminister Hermann
von Boyen, der ihn einen „altrömischen Charakter" nannte, in dessen
Ministerium als Direktor des 2. Departements ein, das im Sinne
Scharnhorsts zur Keimzelle des (später vom Kriegsministerium
losgelösten) modernen Generalstabes wurde, der einerseits
eigenverantwortliches Führungsorgan, andererseits aber die hohe Schule
des preußischen Offiziers werden sollte. „Während Clausewitz in der
Stille des Gelehrtenzimmers seine Lehre vom Kriege ausarbeitete, hat
Grolman im gleichen Sinne wie jener mit der praktischen Ausbildung der
Generalstabsoffiziere in den ersten Jahren nach den Befreiungskriegen
den Grund gelegt für die geistige Schulung und Führung der preußischen
Armeen im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts." (E. Kessel)
Indessen führte aber das
Hervortreten restaurativer Kräfte, namentlich solcher des Hofes, dazu,
daß im Dezember 1819 mit Minister von Boyen auch Grolman, dessen
Prinzipienfestigkeit (selbst Nebensächliches betreffende) Kompromisse
ausschloß, um seinen Abschied einkam und diesen mit dem Ausdruck
königlicher Ungnade genehmigt erhielt. 1825 trat er als Generalleutnant
und Kommandeur der 9. Division in Glogau in den aktiven Dienst zurück,
stand während des polnischen Auf Standes 1830 unter Gneisenau an der
preußischen Ostgrenze und wurde 1832 interimistisch und 1835 definitiv
als Kommandierender General des 5. Armeekorps in Posen dessen Nachfolger
sowie 1837 zum General der Infanterie befördert.
Von den preußischen
Reformern war es vor allem Grolman, der in der Umgebung des Königs (und
bei seinen Schwägern von Gerlach) als „Jakobiner" und Demokrat galt. Er
war ein Kind des beginnenden nationalstaatlichen Zeitalters, das (vor
allem in der Gestalt Napoleons) den modernen Vernichtungskrieg und
scharfe nationale Gegensätze und Leidenschaften mit der Erscheinung des
nationalen Hasses hervorgebracht hatte. So verwundert es nicht, daß
Grolman nach der polnischen Erhebung von 1830 zu den Verfechtern einer
harten Polenpolitik zählte und in diesem Sinne die Aufteilung der
Provinz Posen empfahl. Im Jahre 1815 war er wie Blücher und Gneisenau
für eine nachhaltige Züchtigung Frankreichs eingetreten. Ludwig von
Gerlach hatte sich damit nicht befreunden können. „Dies wüste Losziehen
gegen ganz Frankreich und das ganze Volk, Teilung des Landes, Zerstörung
von Paris und Salz darauf streuen, wie heute Grolman sagte", so heißt es
in einem Brief an seine Mutter, „das kommt aus keinem guten Geist."
Werke:
Geschichte des Feldzuges 1815 in den Niederlanden, 2 Bde., 1837. -
Geschichte des Feldzuges 1814, 4 Bde., 1842.
Lit.:
E. von Conrady: Leben und Wirken des Generals Karl von Grolman, 3 Bde.,
Berlin 1894-1896. - Kurt von Priesdorff: Soldatisches Führertum, Bd. 4,
S. 238-247. - Heinz Kraft: Karl Wilhelm Georg von Grolman, in: Neue
deutsche Biographie, Bd. 7 (1966), S. 123-125. - Eberhard Kessel:
Grolman und die Anfänge des Preußischen Generalstabes, in:
Militärwissenschaftliche Rundschau 1944, Heft 2, S. 120-129. - Hans
Joachim Schoeps (Hrsg.): Aus den Jahren preußischer Not und Erneuerung.
Tagebücher und Briefe der Gebrüder Gerlach und ihres Kreises. 1805
-1820, Berlin 1963.
Bild:
Nach einem Gemälde von Franz Krüger, Bildarchiv Stiftung Mitteldeutscher
Kulturrat.
Peter Mast
nach oben
|