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Andreas Gryphius, der bedeutendste deutsche Lyriker und Dramatiker des
siebzehnten Jahrhunderts, wurde durch die Nöte des 30jährigen Krieges,
durch Glaubensverfolgung und persönliche Schicksalsschläge geprägt.
Seinen Vater, Archidiakon der lutherischen Kirche zu Glogau, verlor er
im Alter von vier Jahren. Wegen der Zwangsrekatholisierung folgte
Gryphius 1628 seinem Stiefvater Michael Eder nach Driebitz ins polnische
Exil. Im 16. Lebensjahr bezog er das lutherische Gymnasium in Fraustadt
in Niederschlesien, wo er während der Pestzeit das lateinische Epos
Herodis Furiae et Rachelis lachrymae (1634) beendete. Seit Sommer
1634 studierte Gryphius am Akademischen Gymnasium der Stadt Danzig. Aus
der Enge des provinziellen Pastorenhauses kam er in eine weltoffene
Hafenstadt und erhielt die Stelle des Präzeptors im Hause eines
Schotten, des polnischen Admirals Alexander von Seton. Poesie
unterrichtete den jungen Schlesier der bekannte Mathematiker und
Astronom Peter Crüger, ein begeisterter Opitzianer. Zu Danzig schrieb
Gryphius seine ersten datierbaren deutschen Verse. 1636 zog er als
Hauslehrer nach Schönborn bei Freystadt in Schlesien. Sein Brotherr, der
ehemalige kaiserliche Fiskal von Niederschlesien, Georg von Schönborner,
krönte ihn als Hofpfalzgraf zum Dichter und ernannte ihn zum Magister.
In Lissa in Polen erschien 1637 Gryphius' erste deutsche Lyriksammlung
Sonnete, die bereits einige seiner berühmtesten Gedichte in
Erstfassung enthält. 1638 bis 1644 studierte Gryphius in Leiden Jura.
Gleichzeitig hielt er Kollegs über Poesie, Astronomie, Chiromantie und
Anatomie. Zwei Jahre verweilte er in Frankreich. Über Marseille fuhr er
1646 nach Rom, wo er den Papst sah und die Katakomben besichtigte. In
Venedig überreichte Gryphius dem Senat ein lateinisches Epos über die
Leiden Christi Olivetum. In Straßburg beendete er sein erstes
Trauerspiel Leo Armenius.
Nach neun Jahren, Ende 1647, kehrte Gryphius wieder nach Fraustadt,
damals zu Polen gehörig, zurück. Anfang 1649 heiratete er. Sein ältester
Sohn Christian, Rektor des Breslauer Maria-Magdalena-Gymnasiums, genoß
später als Gelehrter und Dichter hohes Ansehen. Von 1650 bis zum Tod
leitete Andreas Gryphius als Syndikus der Glogauer Landstände klug und
besonnen deren Geschäfte. 1653 veröffentlichte er die Sammlung
Glogauisches Fürstenthumbs Landes Privilegia, um die wichtigen
Urkunden zu sichern. Im Jahr 1662, in die Fruchtbringende Gesellschaft
aufgenommen, erhielt Andreas Gryphius den ehrenvollen Namen „der
Unsterbliche“.
Seine Freuden- und Trauer-Spiele auch Oden und Sonnette gab
Gryphius 1657 und 1663 gesammelt heraus. 1698 folgte noch eine von
seinem Sohn aus dem Nachlaß des Vaters ergänzte Ausgabe. Andreas
Gryphius, politisch und religiös stark engagiert, schrieb für ein
gelehrtes Publikum, für Hof und Adel, für Beamte, Geistliche, Lehrer,
Studenten, Gymnasialschüler. Auch für ihn ist Opitzens Programm der
neuen deutschen Dichtung maßgebend. Die humanistische Gelehrsamkeit, die
Kenntnis der Rhetorik und Poetik verbindet er mit dem Interesse für die
west- und südeuropäischen Literaturen, die es einzuholen gilt. Die
gelehrten Anmerkungen zu seinen Werken belegen eine gute Kenntnis
antiker und moderner Dichtung, der Bibel, der Kirchenväter und
Emblembücher. Seine Aufmerksamkeit gilt auch der Lyrik und den Dramen
der Jesuiten. In Gryphius' Trauerspielen führen die Gegner auf der Bühne
einen Disput, in dem sie rhetorisch wirkungsvoll ihre Argumente
vorbringen. Die Themen sind: Vanitas und Beständigkeit, Widerstandsrecht
und Kampf um Macht, Vernunft und Affekte, religiöse, politische und
moralische Verhaltensweisen. In seinem deutschen Trauerspiel Leo
Armenius (1650) stützt sich Gryphius auf ein Jesuiten-Stück, das er
im lutherischen Sinn uminterpretiert. Leo, der den byzantinischen Kaiser
Michael I. stürzt, fällt später selbst einer Verschwörung zum Opfer. Der
Jesuit verdammt den Herrscher wegen Ketzerei, in Gryphius' Spiel findet
der bereuende Kaiser im Sterben Gnade. In Catharina von Georgien
(1657) muß die Königin, da sie an ihrem Glauben festhält, qualvoll
sterben. Der Held des Stückes Papinianus (1659), der oberste
Beamte des Reiches, weigert sich, den aus Staatsräson vom Kaiser
Caracalla befohlenen Brudermord zu rechtfertigen und wählt damit den
Tod. In Carolus Stuardus (1657) verurteilt Gryphius die
Hinrichtung König Karls I. von England als ein Verbrechen gegen den
Gesalbten und die göttliche Ordnung. Entgegen den Regeln der Poetik sind
einfache Adlige die handelnden Personen des Dramas Cardenio und
Gelinde (1657), das der „rasenden“ Liebe, die zum Verbrechen führt,
die „sittsame“ Liebe entgegenstellt. In dem Lustspiel Absurda Comica
Oder Herr Peter Squenz (1658) lacht der Dichter über Meistersinger
und Verseschmiede, indem er sich der Rede- und Wortkomik, der
Wortverdrehung und des Wortspiels bedient. Die Komödie
Horribilicribrifax (1663) gilt dem Maulhelden und der wüsten
Sprachmengerei des 30jährigen Krieges. Im Doppelspiel Verliebtes
Gespenste ... Die geliebte Dornrose (1661) stellt Gryphius
die „hohe Liebe“ der „niederen Liebe“ gegenüber. Den Bauern, die
schlesischen Dialekt sprechen, bescheinigt er trotz ihrer Plumpheit ein
gutes Herz.
Die Trauerspiele Gryphius' haben Schulbühnen und wandernde Komödianten
in der Barockzeit aufgeführt. Für die Lustspiele interessierten sich
Laientheater. Heute gründet Andreas Gryphius Ruhm vor allem auf seinen
in einer ausdrucksstarken, dichten und kunstvollen Sprache geschriebenen
Sonetten und Oden. Wie ein alttestamentarischer Bußprediger entwirft er
in ihnen grauenvolle Vanitas-Visionen, erhebt Klage über die sündige
Welt und mahnt zum Ausharren im Kampf um das Seelenheil.
Werke:
Hg. Hermann Palm. 3 Bde., Tübingen 1878-84. Ergänzungsbd.: Hg.
Friedrich-Wilhelm Wentzlaff-Eggebert, Tübingen 1938. Neudr. v. Bd. 1-4.
Darmstadt 1961. – Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Hg. Marian
Szyrocki u. Hugh Powell. 8 Bände. Tübingen 1963-83. – Die wichtigsten
Trauer- und Lustspiele erschienen in der Universal-Bibliothek des
Reclam-Verlages.
Lit.:
Marian Szyrocki: Andreas Gryphius. Tübingen 1964. – Willi Flemming:
Andreas Gryphius.
Stuttgart 1965. – Conrad Wiedemann: Andreas Gryphius. In: Deutsche
Dichter des 17. Jahrhunderts. Hg. v. Harald Steinhagen u. Benno von
Wiese. Berlin 1984, S. 435-472. – Eberhard Mannack: Andreas Gryphius.
Stuttgart 21986. – Wolfram Mauser: Dichtung, Religion und
Gesellschaft im 17. Jahrhundert. Die Sonette des Andreas Gryphius.
München 1976. – Hans-Henrik Krummacher: Der junge Gryphius und die
Tradition. München 1976.
Bild:
Kupferstich von Philipp Kilian, Universitätsbibliothek Breslau
Marian Szyrocki
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