Albert
Grzesinski
wurde als
uneheliches
Kind eines
Hausmädchens
im
vorpommerschen
Altentreptow
geboren.
1894
heiratete
seine Mutter
den
Stellmacher
Thomas
Grzesinski,
der ihn
später
adoptierte,
und zog mit
der Familie
nach Spandau
bei Berlin
um. Nach
einer Lehre
als
Metalldrücker
und Gürtler
ging der
Sohn nach
Offenbach,
wo er sich
1897 dem
Deutschen
Metallarbeiterverband
und der SPD
anschloß.
Hier stieg
er zum
Kreisvorsitzenden
auf, und
seit 1906
arbeitete er
hauptberuflich
als
Gewerkschaftssekretär.
1913 wurde
er
Vorsitzender
des Kasseler
Gewerkschaftskartells.
Als die
Gewerkschaften
während des
Ersten
Weltkriegs
in die
Sicherung
der
Zivilversorgung
eingebunden
wurden,
erlaubte ihm
seine
Position,
erste
Erfahrungen
in der
öffentlichen
Verwaltung
zu sammeln.
In der
Revolution
wurde er
Vorsitzender
des lokalen
Arbeiter-
und
Soldatenrats,
als der er
im Sinne der
gemäßigt-sozialdemokratischen
Linie auf
einen
raschen
Übergang zu
einer
parlamentarischen
Demokratie
hinwirkte.
Daß es damit
aber nicht
genug sein
sollte,
mußte
Grzesinski
ab Herbst
1919 als
Reichskommissar
des
Reichsabwicklungsamts
erfahren,
das den
Abbau der
kaiserlichen
Heeres
durchführte:
Die Militärs
wehrten sich
erfolgreich
gegen die
Abrüstung
und die
Bindung der
neuen
Reichswehr
an die
republikanische
Verfassung.
Trotz seiner
Mißerfolge
bei der
Republikanisierung
des Heeres
galt
Grzesinski –
einer der
wenigen
Sozialdemokraten,
die sich in
Fragen der
Militärverwaltung
auskannten –
als der
richtige
Mann dafür.
1920 schlug
ihn sein
alter Freund
aus Kasseler
Tagen, der
ehemalige
Ministerpräsident
Philipp
Scheidemann,
vergeblich
als
Reichswehrminister
vor. 1922
wechselte
Grzesinski
in die
preußische
Innenverwaltung,
wo er als
Präsident
des
Landespolizeiamts
für
Preisüberwachung
und ab 1925
als Berliner
Polizeipräsident
tätig wurde.
Als
Ministerpräsident
Otto Braun
(SPD) ihn
1926 zum
preußischen
Innenminister
machte,
begann der
bedeutsamste
Abschnitt in
Grzesinskis
Karriere.
Sein Ziel
war es, in
dem größten
deutschen
Land das zu
erreichen,
was die
Revolution
von 1918/19
nicht
geschafft
hatte: Er
strebte eine
Republikanisierung
und
Demokratisierung
des
öffentliches
Dienstes an
und erwies
sich dabei
als deutlich
zupackender
als sein
Vorgänger
Carl
Severing
(SPD). So
setzte er
die
Abschaffung
der
ostdeutschen
kreisfreien
Gutsbezirke
durch, ein
Relikt der
Feudalzeit,
das den
Grundbesitzern
die
Verwaltungshoheit
über ihre
Ländereien
gab und die
dort lebende
Bevölkerung
von jeder
demokratischen
kommunalen
Selbstverwaltung
ausschloß.
Außerdem
machte sich
der
Innenminister
daran, die
Spitzen der
preußischen
Verwaltung
von Gegnern
der Republik
zu säubern,
und förderte
die
Karrieren
von
verfassungstreuen
Beamten.
Diese
republikanische
Patronagepolitik
trug dem
bulligen
Pommern
nicht nur
die
Feindschaft
der Rechten
ein; selbst
in der
eigenen
Partei stieß
sie auf
Widerstand,
weil
Grzesinski
bei seiner
Personalpolitik
auch vor ihr
nicht
haltmachte.
Da er an das
Beamtenrecht
gebunden
blieb,
gelang die
Republikanisierung
der
Beamtenschaft
allerdings
nur
teilweise.
Die
Verteidigung
der Republik
gegen
Extremisten
von rechts
und links
war eine
weitere
Aufgabe, der
sich
Grzesinski
stellte.
Seit 1928
trat er für
das Verbot
des weit ins
rechtsradikale
Lager
abgedrifteten
Veteranenverbands
”Der
Stahlhelm”,
der NSDAP
und des
kommunistischen
Rotfrontkämpferbundes
ein. Dessen
Auflösung
konnte
Grzesinski
im Frühjahr
1929
reichsweit
durchsetzen,
nachdem es
in Berlin
auf Grund
eines von
ihm
verhängten
Demonstrationsverbots
am 1. Mai zu
schweren
Ausschreitungen
gekommen
war. Die
Polizei
schoß scharf
gegen die
Kommunisten
und wen sie
dafür hielt,
so daß am
Ende 33 Tote
zu beklagen
waren,
darunter
kein
einziger
Polizist.
Diese
Überreaktion
der auf den
Bürgerkriegsfall
gedrillten
Polizei
zeigte, daß
Grzesinskis
Reformen
nicht weit
genug
gegangen
waren. Der
Verzicht auf
eine
Entmilitarisierung
der
Polizeiausbildung
schadete der
Republik:
Nach dem
”Blutmai”
waren die
Brücken
zwischen
Sozialdemokraten
und
Kommunisten,
die Thälmann
und seine
Anhänger auf
ihrem
”ultralinken”
Kurs schon
zuvor nicht
hatten
betreten
wollen,
endgültig
abgebrochen.
Auch gegen
die
Rechtsradikalen
ging
Grzesinski
mit großer
Schärfe vor:
So
behinderte
er im Herbst
1929 mit
Haussuchungen
und
disziplinarrechtlichen
Maßnahmen
ein
Volksbegehren,
das die
Rechtsradikalen
gegen den
Youngplan
anstrengten,
und verbot
den
”Stahlhelm”
im Rheinland
und in
Westfalen
wegen
Verstoßes
gegen die
Entmilitarisierungsbestimmungen
des
Friedensvertrags.
Hintergrund
war Preußens
Konflikt mit
der
Reichswehr
wegen der
Einbeziehung
rechtsradikaler
Wehrverbände
in illegale
Aufrüstungsmaßnahmen.
Unter dem
ultimativen
Druck von
Reichspräsident
von
Hindenburg
wurde das
Verbot im
Sommer 1930
wieder
aufgehoben.
Zu dieser
Zeit war
Grzesinski
schon nicht
mehr
Innenminister.
Er war im
Februar 1930
zurückgetreten,
weil ihn
seine
zerrüttete
Ehe und
seine
Lebensgemeinschaft
mit einer
kanadischen
Schauspielerin
gegenüber
der
Rechtsopposition
und dem
Zentrum, dem
katholischen
Koalitionspartner
der
preußischen
SPD,
angreifbar
gemacht
hatten.
Grzesinski
ordnete
seine
privaten
Verhältnisse
und kehrte
im Herbst
1930 an die
Spitze der
Berliner
Polizei
zurück.
Seine
Aktivität
richtete
sich nun vor
allem gegen
die
Nationalsozialisten.
Doch
behinderte
die
Reichsregierung
unter
Kanzler
Brüning
seine
Maßnahmen.
Im Dezember
1931 plante
Grzesinski,
Hitler vor
den Augen
von
Journalisten
festnehmen
und als
unerwünschten
Ausländer
aus Preußen
abschieben
zu lassen.
Brüning
stand aber
gerade in
Verhandlungen
mit der
NSDAP und
verhinderte
diesen
Schritt.
Grzesinski
griff nun zu
öffentlichen
Reden: Im
Februar 1932
rief er zum
Beispiel
aus, man
solle Hitler
”mit der
Hundepeitsche
aus
Deutschland
heraustreiben”,
was ihm
nicht nur
den
bleibenden
Haß der
Nationalsozialisten,
sondern
wiederum
harsche
Kritik aus
der
Reichsregierung
eintrug. Als
Brünings
Nachfolger
Franz von
Papen die
preußische
Regierung am
20. Juli
1932
absetzen
ließ,
weigerte
sich
Grzesinski,
seinen
Posten zu
verlassen,
und wurde
für
anderthalb
Stunden
festgenommen;
doch für
einen
breiten,
republikanischen
Widerstand
gegen den
”Preußenschlag”
von Hitlers
späteren
Steigbügelhaltern
sah er
angesichts
der
militärischen
Überlegenheit
der
Reichswehr
keine
Chance.
Nachdem sich
Grzesinski
in den
Wahlkämpfen
1932/33
engagiert
hatte und
dabei von
einem
nationalsozialistischen
Schlägertrupp
fast
verprügelt
worden war,
reiste er am
5. März 1933
in die
Schweiz aus.
Sein Name
stand auf
der
allerersten
Ausbürgerungsliste
der
nationalsozialistischen
Machthaber,
seine
Pension
wurde
gestrichen,
sein Besitz
beschlagnahmt.
Ein
Beratervertrag
mit der
nationalchinesischen
Regierung
kam nicht
zustande,
weshalb
Grzesinski
im September
1933 nach
Paris
übersiedelte,
wo er sich
in
verschiedenen
Exilantengremien
betätigte
und 1936
schließlich
Sekretär des
”Comité
Consulatif”
des
französischen
Innenministeriums
für
Immigrationsfragen
wurde, ein
Problemfeld,
das ihm aus
seiner
Tätigkeit
als
preußischer
Innenminister
vertraut
war. Im Jahr
darauf ging
er nach New
York, wo er
sich
wiederum in
führender
Position in
verschiedenen
Organisationen
engagierte.
Auch hier
nahm er
Kontakte zu
staatlichen
Stellen auf
und
arbeitete
als
Informator
des OSS, der
Vorgängerorganisation
des CIA.
Nach teils
politisch,
teils
persönlich
bedingten
Streitfällen
zog er sich
aus der
Verbandsarbeit
zurück,
weswegen der
über
Sechzigjährige
seit 1943
sein Brot
wieder als
Metalldrücker
verdienen
mußte. Die
Rückkehr
nach
Deutschland
war ihm
nicht
vergönnt.
Kurt
Schumacher
wollte den
fähigen
Verwaltungsfachmann
für seinen
Mitarbeiterstab
haben, doch
kurz vor
seiner
geplanten
Abreise
erlag Albert
Grzesinski
68jährig
einer
Lungenentzündung.
Werke:
Verwaltungsarbeit
im neuen
Staat,
Berlin 1928.
– La
Tragi-Comédie
de la
République
de
I'Allemagne,
Paris 1934.
– Inside
Germany, New
York 1939.
Lit.: Neue
Deutsche
Biographie,
Bd. 7,
Berlin 1966.
– Wolfgang
Benz und
Hermann
Graml (Hg.):
Biographisches
Lexikon zur
Weimarer
Republik,
München
1988. –
Werner
Roeder und
Werner A.
Stauss
(Hg.):
Biographisches
Handbuch der
deutschsprachigen
Emigration
nach 1933,
Bd. 1,
München
1990. – Uwe
Puschner
(Hg.):
Handbuch der
preußischen
Landtagsabgeordneten
1919 - 1933
(erscheint
voraussichtlich
1997). –
Erich
Matthias
(Hg.): Mit
dem Gesicht
nach
Deutschland.
Eine
Dokumentation
über die
sozialdemokratische
Emigration,
Düsseldorf
1968. –
Joachim Radkau: Die
Deutsche
Emigration
in den USA,
Düsseldorf
1971. –
Anthony
Glees:
Albert C.
Grzesinski
and the
Politics of
Prussia, in:
English
Historical
Review 89
(1974),
S. 814 - 834. –
Hans-Peter Ehmi:
Bollwerk
Preußen?,
Bonn 1975. –
Hagen
Schulze:
Otto Braun
oder
Preußens
demokratische
Sendung,
Berlin 1977.
– Christoph
Graf:
Politische
Polizei
zwischen
Demokratie
und
Diktatur,
Berlin 1983.
– Horst
Möller,
Parlamentarismus
in Preußen
1919 - 1932,
Düsseldorf
1985. –
Thomas Kurz,
”Blutmai”,
Bonn 1988.
Bild:
Aus "Inside
Germany" (s.
o.)
Philipp Heyde