Der Schriftsteller und
Übersetzer
Johannes von
Guenther,
der 65 Jahre
deutscher
und
russischer
Literatur
mitgestaltet
hat, stammte
väterlicherseits
aus Pommern.
Sein
Urgroßvater
war Ende des
18. Jh. aus
Pommern in
das Baltikum
eingewandert
und
Bürgermeister
der Stadt
Tukkum in
Kurland
geworden.
Als
Kurländer
bezeichnete
sich der
Urenkel, am
26. Mai 1886
in Mitau als
Sohn des
dortigen
Gefängnisdirektors
geboren. In
ihm regte
sich schon
früh der
Drang nach
literarischer
Betätigung.
Die
Mitausche
Zeitung
veröffentlichte
eine
Humoreske,
die er als
Schüler
verfaßte; es
entstanden
Dramen, ein
Versbändchen
„Schatten
und Helle“
erschien im
Jahre 1905,
nachdem im
Jahre zuvor
seine erste
Übersetzung
aus dem
Russischen
entstanden
war. Schon
als Schüler
suchte er
nach
Menschen mit
gleichen
Neigungen,
stand er im
Briefwechsel
mit
namhaften
deutschen
und
russischen
Lyrikern
seiner Zeit,
von denen er
die meisten
später auch
persönlich
kennengelernt
hat. Er
bereiste
Deutschland,
besuchte
Dresden und
München; im
Jahre 1906
folgte seine
erste Reise
nach Rußland,
wo ihn in
St.
Petersburg
sein Weg zu
Alexander
Blok führte,
der als
bedeutendster
russischer
Lyriker des
20.
Jahrhunderts
gilt.
Guenther
nahm regen
Anteil am
literarischen
Leben der
Zarenmetropole
und kehrte
auch später
wiederholt
zu längeren
Aufenthalten
dorthin
zurück. Bei
der Gründung
der
literarischen
Monatsschrift
„Apollon“ im
Jahre 1909
übernahm
Guenther,
der in jenen
Jahren im
Banne Stefan
Georges
stand und
ein russisch
geschriebenes
Buch über
George
veröffentlichte,
die
Berichterstattung
über die
deutsche
Gegenwartsliteratur.
Von St.
Petersburg
aus besuchte
er auch
Moskau, doch
„Moskau
gefiel mir
nicht. Mein
Rußland
heißt
Petersburg.“
Als eine
russische
Schriftstellerin
damals
äußerte,
Guenther sei
eigentlich
ein
russischer
Dichter, der
nur zufällig
deutsch
schreibe,
habe der
Dichter
Wjatscheslaw
Iwanow zu
ihm gesagt:
Russen haben
wir genug;
Gott sei
Dank, daß
Sie ein
Deutscher
sind.
Und als
deutscher
Schriftsteller
hat sich
Johannes von
Guenther in
der
Folgezeit
auf
vielfältige
Weise
bewährt.
Seit 1914
lebte er
ganz in
Deutschland,
in München,
in Leipzig
und Berlin.
Er nahm
Verbindungen
zu
Zeitschriften
und Verlagen
auf. Als
Georg Müller
zum
Kriegsdienst
einberufen
wurde,
übernahm er
die Leitung
seines
Münchener
Verlages und
gründete
1919 den
Musarion-Verlag.
Er stand in
Fühlung mit
allen
namhaften
Persönlichkeiten
des
literarischen
Lebens, von
Binding und
Dehmel bis
Hofmannsthal
und Rudolf
Alexander
Schröder,
ganz zu
schweigen
von den
baltischen
Dichtern,
von Bruno
Goetz bis
Paul Graf
Keyserling;
mit dem
Balten
Herbert von
Hoerner und
dem
Petersburger
Henry von
Heiseler war
er
befreundet.
Zur
Hauptaufgabe
seines
Lebens aber
wurde die
Einbürgerung
der
russischen
Literatur
aller
Sparten in
Deutschland.
Es heißt,
sein
übersetzerisches
Lebenswerk
habe den
Umfang einer
gar nicht
einmal so
kleinen
Bibliothek.
Er erschloß
der
deutschen
Leserwelt
die
wesentlichsten
Werke der
russischen
Literatur.
Er übertrug
die Werke
von
Dostojewski,
Gogol,
Lermontow,
Lesskow,
Puschkin,
Tolstoi,
Turgenew und
Tschechow,
den
Dramatiker
A.N.
Ostrowskij
und mehr als
3000
russische
Gedichte mit
rund 60000
Versen,
wobei ihm
meisterhafte
Gedichtübertragungen
gelungen
sind.
Guenther war
nicht nur
ein Meister
des Wortes,
„seine
besondere
Stellung
unter den
Übersetzern
beruhte auf
reicher
literarischer
Erfahrung
und seiner
Verflochtenheit
mit der
Gegenwartsliteratur“
(F.W.
Neumann).
„Selbstverständlich
hätte ich
nie mein
Riesenwerk
beginnen und
vollenden
können, die
russischen
Klassiker
ins Deutsche
zu
übersetzen,
wenn ich
nicht als
Balte schon
früh mit der
russischen
Sprache in
Berührung
getreten
wäre“, sagte
Johannes von
Guenther
einmal. Sein
eigenes Werk
umfaßt fünf
Lyrikbände,
siebzehn
Dramen und
Lustspiele,
darunter den
viel
gespielten
„Kreidekreis“
und den
„Don Gil von
den grünen
Hosen“,
sowie drei
Romane,
unter ihnen
den
„Rasputin“.
Sein
Erinnerungsbuch
„Ein Leben
im Ostwind“
(1969) ist
das
Selbstbildnis
einer
Vollblutnatur.
Johannes von
Guenther
starb in
München am
28. Mai 1973
im Alter von
87 Jahren.
Lit.:
Friedrich Wühelm
Neumann:
Johannes von
Guenther. Zu
seinem 85.
Geburtstag.
Jahrbuch des
baltischen
Deutschtums.
Bd.
XVIII/1971,
Lüneburg
1970;
Johannes von
Guenther.
Baltisches
Erbe, 65
Beiträge in
Berichten
und
Selbstzeugnissen,
hrsg. v.
Erik
Thomson,
Frankfurt/Main,
1964.
Erik Thomson