Johann
Christian
Günther ist
der
bedeutendste
deutsche
Lyriker in
der Zeit des
Übergangs
vom Barock
zur
Aufklärung.
In seinem
kurzen, von
polemischen
Auseinandersetzungen
und
familiärem
Zerwürfnis,
von
Krankheit
und
materiellem
Elend
überschatteten
Leben hat
Günther, der
noch nicht
28jährig in
Thüringen
gestorben
ist, ein
dichterisches
Werk von in
seiner Zeit
einzigartiger
künstlerischer
Qualität
geschaffen.
Es umfaßt,
neben dem
Schuldrama
Die von
Theodosio
bereuete
Eifersucht
(1715),
annähernd
600 Gedichte
mit rund
40.000
Versen.
Es liegt auf
der Hand,
daß ein
solches
Leben sehr
rasch zum
Gegenstand
der
Legendenbildung
und
romanhafter
Ausschmückung
werden mußte;
sie haben
zum Teil bis
heute das
Günther-Bild
nicht
unwesentlich
geprägt. Der
ungestüme,
dem Wein und
der Liebe
allzu
leichtfertig
hingegebene
Dichter sei,
so der Kern
der
Günther-Legende,
zum Opfer
seiner
eigenen
Unangepaßtheit
geworden. In
diesem Sinne
hatte schon
Günthers
Vater 1738
geschrieben,
sein Sohn
sei "eintzig
und allein
fortunae
suae
sinistrae
faber",
Urheber
seines
finsteren
Geschicks,
gewesen,
eine
Einschätzung,
die Goethe
in
Dichtung und
Wahrheit
in die
kanonische
Formulierung
gebracht
hat: "Er
wußte sich
nicht zu
zähmen, und
so zerrann
ihm sein
Leben wie
sein
Dichten".
Aufgrund
dieser
Urteile
haben gerade
solche
Dichter der
Moderne, die
sich, wie
etwa Georg
Heym, als
gesellschaftliche
Außenseiter
verstanden,
in Günther
ihren
genialen
Vorläufer
verehrt.
Die
historische
Wahrheit ist
freilich
sehr viel
komplizierter.
Günthers
Unglück
erklärt sich
vor allem
aus seinem
in einem
humanistischen
Dichter-Ethos
begründeten
Versuch, in
einer
dichtungsfeindlichen
Umgebung und
Zeit die
große
schlesische
Dichtungstradition
des 17.
Jahrhunderts
fortzuführen.
Günther
wollte
gerade nicht
ein Neuerer
sein,
sondern er
hat sich
bewußt in
die
Nachfolge
der großen
schlesischen
Barockdichter
von Opitz
bis
Hoffmannswaldau
gestellt,
sich auf die
antiken
Musterautoren
Ovid, Horaz,
Vergil
berufen und
die
neulateinische
Dichtungstradition
aufgegriffen.
Hieraus
entwickelte
er ein
dichterisches
Selbstverständnis,
das ihn sehr
rasch in
einen
grundlegenden
Widerspruch
zu den
gesellschaftlichen
Bedingungen
seiner Zeit
bringen
mußte. Denn
während
Günther die
Poesie ganz
ins Zentrum
seiner
Existenz
stellen und
ihr als
Berufsdichter
den hohen
Rang
zurückgewinnen
wollte, den
sie in der
Antike, im
Humanismus
und im
Barock
besessen
hatte, ließ
doch gerade
diese Zeit
des
Übergangs
vom 17. zum
18.
Jahrhundert
nur einen
sehr
schmalen
Raum für die
Dichtung:
Die unter
dem Druck
des
Pietismus
sich
verhärtende
lutherische
Orthodoxie
stand ihr
mit
Mißtrauen
gegenüber,
dem im
Zeichen der
Frühaufklärung
sich
entfaltenden
bürgerlichen
Nützlichkeitsdenken
galt sie als
überflüssiger
Zeitvertreib,
in den
Städten war
sie zum
galanten
Gesellschaftsspiel
und zum
Freizeitvergnügen
herabgesunken.
In dieser
Situation
mußte
Günthers
verzweifelte
Suche nach
einem Mäzen,
der ihm eine
Existenz als
Dichter
hätte
ermöglichen
können,
erfolglos
bleiben;
einen
literarischen
Markt, in
dem er als
Berufsdichter
hätte
überleben
können, gab
es in dieser
Zeit ja noch
nicht einmal
in Ansätzen.
Aus diesem
Widerspruch
zwischen
Günthers
hohem
dichterischen
Anspruch und
den
ungünstigen
literarisch-gesellschaftlichen
Bedingungen
seiner Zeit
erklärt sich
seine
Lebensmisere.
Die
Stationen
seiner
Biographie
sind rasch
aufgezählt.
Dem Sohn
eines
vermögenslosen
Landarztes
gelang es
schon
während
seiner
Schulzeit in
Schweidnitz
(1710 bis
1715), seine
Lehrer auf
sein
poetisches
Talent
aufmerksam
zu machen.
Im Auftrag
der
bürgerlichen
Oberschicht
von
Schweidnitz
und Umgebung
entstanden
zahlreiche
Gelegenheitsgedichte;
der erste
erhaltene
Einzeldruck
stammt aus
dem Jahre
1712. Die
Liebe zu der
sechs Jahre
älteren
Leonore
Jachmann
fand seit
dem Sommer
1714 Gestalt
in
zahlreichen
Liebesgedichten,
in denen
Günther
durch die
Intensität
des
persönlichen
Gefühlsausdrucks
die Grenzen
der
traditionellen
rhetorisch-argumentativen
Poesie zu
überschreiten
begann und
damit einen
neuen Ton in
die deutsche
Dichtung
brachte.
Als
Verhängnis
erwies sich
Günthers
dichterischer
Ehrgeiz erst
in
Wittenberg,
dem Sitz der
lutherischen
Orthodoxie.
Er hatte
sich an der
dortigen
Universität
im November
1715 als
Student der
Medizin
eingeschrieben
und schon im
April 1716
den
humanistischen
Ehrentitel
eines
Kaiserlich
gekrönten
Dichters (Poeta
Laureatus
Caesareus)
erworben, um
sein Ansehen
als Dichter
zu festigen.
Er
verschuldete
sich dabei
beträchtlich;
Schuldgefängnis
und Bruch
mit dem
Vater waren
die Folge.
Günther
begab sich
daraufhin
1717 ins
weltoffene
Leipzig,
aber auch
hier konnte
er ohne
feste
Anstellung
als Dichter
auf Dauer
nicht
überleben.
Bemühungen
seiner
Leipziger
Förderer,
für Günther
einen Mäzen
zu finden,
schlugen
fehl.
Schließlich
scheiterte
im August
1719 auch
der Versuch,
Günther am
Dresdner Hof
eine Stelle
als Gehilfe
des
Hofdichters
Johann von
Besser zu
verschaffen,
aufgrund
eines
legendenumwobenen
Versagens
bei der
Vorstellungsaudienz.
Günther
kehrte
darauf nach
Schlesien
zurück, lag
im Frühjahr
1720
monatelang
krank und
mittellos im
Armenhaus
von Lauban
und nahm
danach seine
unstete
Wanderung im
oberschlesischen
Raum auf der
Suche nach
Gönnern
wieder auf.
Im Winter
1720/21
versuchte er
im
oberschlesischen
Grenzgebiet
um Kreuzburg
eine
bürgerliche
Existenz
durch seine
Niederlassung
als Arzt und
das
Verlöbnis
mit der
Pfarrerstochter
Johanna
Barbara
Littmann
aufzubauen,
die er in
seinen
Gedichten
als Phillis
besang, aber
auch hier
scheiterte
er an den
geforderten
Bedingungen:
Versöhnung
mit dem
Vater und
Erwerb des
Doktortitels.
Im Oktober
1722 verließ
Günther für
immer sein
schlesisches
Vaterland
und ging
nach Jena;
dort starb
er,
vermutlich
an
Tuberkulose,
im März
1723.
Günthers
gewaltiger
Nachruhm
setzte im
Jahr nach
seinem Tod
mit dem
Erscheinen
der ersten
großen
Sammelausgabe
seiner
Gedichte
ein. Ihr
folgten in
den nächsten
vierzig
Jahren nicht
weniger als
24 weitere
Ausgaben:
Fortsetzungsbände,
Nachlesen,
neue
Sammlungen.
Bis zum
Auftreten
Klopstocks
galt Günther
als einer
der großen
Musterautoren
der
deutschen
Poesie.
Günther hat
es als
souveräner
Erbe der
barocken
Tradition
verstanden,
mit leichter
Hand in
allen
Situationen
und auf
jeden Anlaß
Verse nach
den Regeln
des
Gattungssystems
zu bauen.
Mit seiner -
zeittypischen
- Neigung
zur
schmucklosen,
natürlichen
Rede und zur
Zurückdrängung
der barocken
Metaphernlust
bereitete er
den
Klassizismus
der
Aufklärungsdichtung
vor. Seine
zahlreichen
auf
Bestellung
entstandenen
Hochzeits-
und
Begräbnisgedichte,
seine
Satiren und
Studentenlieder,
seine
geistlichen
Lieder und
die großen
Lobgedichte
- etwa die
berühmte Ode
auf den
Prinzen
Eugen oder
die
"Lobschrift"
auf August
den Starken
-
übertreffen
in
Erfindungsgabe,
Leichtigkeit
der
Versbehandlung
und
Virtuosität
der
Formerfüllung
all seine
Zeitgenossen.
Mit diesen
Formen
öffentlichkeitsorientierten
Dichtens
blieb
Günther aber
noch im
Rahmen des
traditionellen
Gattungssystems.
Zu einer der
großen
Gestalten
der
deutschen
Dichtungsgeschichte
wurde er
dagegen erst
mit seinen
Liebes- und
Klageliedern
mit ihrer
öffentlichkeitsfernen
Thematik;
auf ihnen
beruht, in
Umkehrung
der
historischen
Wertmaßstäbe,
heute der
Ruhm des
Dichters.
Seine
Liebesgedichte,
insbesondere
diejenigen
auf Leonore
Jachmann,
leben aus
der
eindringlichen
Vergegenwärtigung
einer
einmaligen
Gefühlsbeziehung
zwischen
zwei
Liebenden.
Die
Sehnsucht
nach der
Geliebten,
das Glück
der
Liebeserfüllung
und des
seelischen
Einklangs,
die Hoffnung
auf Dauer
der Liebe
und, immer
wieder, den
Schmerz der
Trennung,
wie ihn das
Ich des
Dichters und
sein "ander
Ich" Leonore
erleben, hat
Günther mit
einer in
seiner Zeit
völlig
einzigartigen
Fähigkeit
zur
Gestaltung
des
persönlichen
Empfindens
besungen; so
in seiner
Abschiedsaria:
Schweig du
doch nur, du
Hälfte
meiner
Brust;
Denn was du
weinst, ist
Blut aus
meinem
Herzen.
Ich taumle
so und hab
an nichts
mehr Lust
Als an der
Angst und
den getreuen
Schmerzen,
Womit der
Stern, der
unsre Liebe
trennt,
Die Augen
brennt.
Unvergleichlich
in der
Intensität
der
Leidensvergegenwärtigung
sind auch
die
zahlreichen
Klagegedichte,
mit denen
der kranke,
mittellose
Günther auf
sein
Dichterelend
aufmerksam
zu machen
und Gönner
zu gewinnen
versucht
hat. Noch im
tiefsten
Unglück hat
Günther an
der
Überzeugung
festgehalten,
für den
Dichterberuf
geboren zu
sein, und
sich die
Hoffnung
bewahrt, mit
seinen
Dichtungen
der Nachwelt
in
Erinnerung
zu bleiben.
Um so größer
mußte, über
die
materielle
Misere
hinaus, sein
Schmerz
darüber
sein, daß
sich kein
Mäzen fand,
der ihm, dem
"deutschen
Ovid", die
Bedingungen
zur
Entfaltung
seines
einzigartigen
Talents und
zur
Gestaltung
repräsentativer,
großer
Stoffe
geboten
hätte; in
einem
Fragment
gebliebenen
Gebet reicht
dieser
Schmerz bis
an die
Grenze des
Verstummens:
Dein armer
Dichter
kommt schon
wieder
Und fällt
mit seiner
Bürde nieder
Und sieht
dich, weil
er sonst
nichts kann,
Mit Augen
voller
Schwermut
an.
Er hat kein
Blut mehr zu
den Tränen
Und kann vor
Schwachheit
nicht mehr
schrein,
Mein
Heiland, laß
das stumme
Sehnen
Ein Opfer um
Erbarmung
sein!
Schon im
Jahre 1719,
als er noch
hoffte, daß
Gönner
seinem Leben
eine
positive
Wendung
geben
würden, hat
Günther
seine
poetische
Grabschrift
gedichtet;
sie liest
sich wie
eine
Quintessenz
seines
Lebens:
Hier starb
ein
Schlesier,
weil Glück
und Zeit
nicht
wollte,
Daß seine
Dichterkunst
zur Reife
kommen
sollte;
Mein Pilger,
lies
geschwind
und wandre
Deine Bahn,
Sonst steckt
Dich auch
sein Staub
mit Lieb und
Unglück an.
Werke:
Sammlung
von Johann
Christian
Günthers aus
Schlesien,
Theils noch
nie
gedruckten,
theils schon
herausgegebenen,
Deutschen
und
Lateinischen
Gedichten.
Hg.
Gottfried
Fessel.
Frankfurt a.
M./Leipzig
1724. -
Sammlung von
Johann
Christian
Günthers,
aus
Schlesien,
bis anhero
edirten
deutschen
und
lateinischen
Gedichten,
Auf das neue
übersehen,
Wie auch in
einer
bessern Wahl
und Ordnung
an das Licht
gestellet.
Hg. G.
Fessel.
Breslau/Leipzig
1735. -
Nachlese zu
Johann
Christian
Günthers,
von Striegau
aus
Schlesien,
Gedichten,
welche aus
lauter in
der vorigen
Sammlung
nicht
befindlichen
Stücken
bestehet.
Hg. Johann
Caspar
Arletius.
Breslau
1742. -
Sämtliche
Werke.
Hist.-krit.
Gesamtausgabe.
Hg. Wilhelm
Krämer. 6
Bde.,
Leipzig
1930-37.
Neudruck
Darmstadt
1964. -
Gedichte.
Hg. Manfred
Windfuhr.
Stuttgart
1975. -
Werke. Hg.
Hans Dahlke.
Weimar 1957.
- Gesammelte
Gedichte.
Hg. Herbert
Heckmann.
München/Wien
1981.
Lit.:
Reiner
Bölhoff:
Johann
Christian
Günther
1695-1975.
Bd. I:
Kommentierte
Bibliographie,
Bd. 2:
Schriftenverzeichnis,
Bd. 3:
Rezeptions-
und
Forschungsgeschichte.
Köln/Wien
1980-83. -
Hans Dahlke:
Johann
Christian
Günther.
Seine
dichterische
Entwicklung.
(Ost-)Berlin
1960. -
Wilhelm
Krämer: Das
Leben des
schlesischen
Dichters
Johann
Christian
Günther
1695-1723.
Mit Quellen
und
Anmerkungen
zum Leben
und Schaffen
des Dichters
und seiner
Zeitgenossen.
Mit
bibliographischen
Ergänzungen
von Reiner
Bölhoff.
Stuttgart
1980. -
Helga
Bütler-Schön:
Dichtungsverständnis
und
Selbstdarstellung
bei Johann
Christian
Günther.
Studien zu
seinen
Auftragsgedichten,
Satiren und
Klageliedern.
Bonn 1981. -
Johann
Christian
Günther.
Text +
Kritik 74/75
(1982). -
Ernst
Osterkamp:
Perspektiven
der
Günther-Forschung.
In:
Internationales
Archiv für
Sozialgeschichte
der
deutschen
Literatur,
1.
Sonderheft
(1985),
S. 129-159.
- Ursula
Regener:
Stumme
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motiv- und
gattungsgeschichtlichen
Situierung
von Johann
Christian
Günthers
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Berlin/New
York 1989.
Ernst
Osterkamp