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Seifried Freiherr von
Gussich war einer der ersten Kreishauptleute im Herzogtum Krain und seit
1779 Präsident der Krainer Landstände. In ihm, der einen slawischen
Namen trug, sah damals eine kleine Gruppe Akademiker in Krain, später
preroditelji - Erneuer - genannt, die schon damals von der Neugeburt
slowenischer kultureller und politischer Eigenständigkeit träumten, eine
Hoffnung, aber auch das Werkzeug für die Verfolgung ihrer Ziele. Seine
Kindheit verbrachte Gussich auf dem elterlichen Schloß Preisseck in
Unterkrain; es steht heute noch, einsam von dichten Wäldern umgeben, am
Fuße des Uskokengebirges. Seine Eltern waren Jobst Ferdinand von Gussich,
1701 mit seinen Vettern Franz Karl und Johann Sigmund mit dem Prädikat
„Herr zu Gradiz, Poganiz, Forst und Kroißenbach" in den erbländischen
Österreichischen Freiherrnstand erhoben, und Marie Franziska geborene
von Rudolphi. Es wird behauptet, die Gussich seien Nachkommen des
römischen Konsuls Manlius Torquatus, und die Gans in ihrem Wappen weise
auf jene Gänse hin, die die Römer vor der gallischen Heimsuchung gewarnt
hatten. Doch dürfte das ins Reich der Fabel gehören; wahrscheinlicher
ist, daß die Krainer Gussich stammesgleich mit jener Grafenfamilie
Gussich sind, die den zwölf einflußreichsten und ältesten Familien
Kroatiens angehörte, von
denen 1102 der ungarische König
Koloman auf den kroatischen Thron berufen wurde. Da die Türken immer
häufiger die angestammten Wohnsitze in den bosnischen Regionen Lika und
Korbavien, Angst und Schrecken verbreitend, heimsuchten, gaben die dort
lebenden Gussich - neben zahlreichen anderen Familien - Anfang des 16.
Jahrhunderts ihre Heimat auf und ließen sich in Nordkroatien sowie in
Krain nieder und vertauschten den Grafentitel mit dem der Herren. Jene
Ereignisse sind vergleichbar mit dem aktuellen Geschehen auf dem Balkan,
zumal damals dort nicht eigentlich Österreicher und Türken gegeneinander
kämpften, vielmehr überwiegend Slowenen (Krainer, Steiermärker etc.) und
Kroaten wider die Serben - allerdings die einen mit dem habsburgischen
Doppeladler und die anderen mit den osmanischen Roßschweifen voran.
Gussich besuchte zunächst das Gymnasium in Laibach und studierte danach
in Wien Philosophie. Im August 1728 vertrat er in der Aula der Wiener
Universität in Anlehnung an die Vorträge des Laibacher Paters J. K.
Mayer eine These aus der allgemeinen Philosophie. Die Dissertation, dem
Durthaler Abt Maximilian gewidmet, erschien unter dem Titel: Summi
Pontifices, quotquot a S. Benedicto I. usque ad Benedictum XIII.
Pontifices
Maximi in Romanam S. Petri Sedem exaltati sunt, compendio relati.
Nach dem Studium
entschied er sich 1728 für den Verwaltungsdienst und nahm zunächst in
Laibach bei den Krainer Ständen eine Stelle zur besonderen Verwendung
an. Nur wenige seines Geschlechts ergriffen damals die Laufbahn eines
Beamten oder Geistlichen. Die meisten seiner Vorfahren waren Offiziere
in k. k. österreichischen Diensten, eingesetzt an der Militärgrenze zur
Abwehr türkischer Eroberungszüge. Als leuchtendes Beispiel,
stellvertretend für alle, sei lediglich Gussichs Urahn Andreas genannt,
der 1566 neben dem großen Feldherrn Nikolaus Zrinyi bei der Verteidigung
der Festung Sziget sein Leben ließ.
Kurz vor den
einschneidenden Reformen der Kaiserin Maria Theresia finden wir Gussich
1746 noch im Dienste beim Krainer Vicedomat. Dieses Amt wurde ein Jahr
später aufgelöst. Mit der
Schaffung der landesfürstlichen
Behörden, den „Repräsentationen
und Kammern" und den ihr als Organe
untergeordneten „Kreisämtern", denen nunmehr die politischen und
Fiskalangelegenheiten
übertragen wurden, erlebte die ständische
Organisation in Österreich ihre erste Erschütterung. Als in Krain 1749
die Kreisämter
Laibach (Ljubljana) für Oberkrain,
Rudolfswerth (Novo mesto) für
Unterkrain und Adelsberg (Postojna) für
Innerkrain eingerichtet wurden, berief man Gussich zum Kreishauptmann
von Innerkrain. Die Kreisämter hatten die Aufgabe, die landesfürstlichen
Befehle zu vollziehen, z.B. durch Führung des Katasters, bei
Volkszählungen, im Polizei-, Verkehrs-, Straßenbau- und Sanitätswesen.
Sie mußten aber auch die Klagen untertäniger Bauern gegen ihre
Grundherren entgegennehmen und behandeln. Alle öffentlichrechtlichen
Angelegenheiten unterstanden nunmehr allein der Aufsicht des
Kreishauptmannes. Gussich zählte damals zu den einflußreichsten Beamten
im Lande.
Dieses Amt behielt
Gussich bis Mitte 1753. Zehn Jahre später finden wir ihn als k. k. Rat
und Hauptmann-Amtsverwalter von Zengg (Senj) an der dalmatinischen
Küste, das die Kaiserin unter die Verwaltung Triests gestellt hatte,
danach als Präsidenten in Temesvar und 1772 wiederum in Laibach als k.
k. Gubernialrat und ständischen Abgeordneten. In der Zeit von 1779 bis
1783, während der Amtszeit Maria Josef Graf von Auerspergs als
Landeshauptmann von Krain, war Gussich Präsident der Krainer Landstände.
Gussich war Mitglied zweier Krainer Gesellschaften, der
Ackerbaugesellschaft und der „Academia operosorum". Die
Ackerbaugesellschaft wurde in Laibach 1767 zur Förderung des Ackerbaus
und der Landwirtschaft gegründet. Mitglieder waren vor allem für
physiokratische Ideen aufgeschlossene Herrschaftsbesitzer undr Beamte
sowie einige Unternehmer und Wissenschaftler. Ihr Einsatz veränderte die
überlieferten bäuerlichen Bewirtschaftungsgepflogenheiten, wodurch eine
merkliche Steigerung und Qualitätsverbesserung der landwirtschaftlichen
Erzeugnisse verbucht werden konnte.
Im April 1781 wurde
Gussich - bereits 72 Jahre alt - mit dem Beinamen Resolutus, der
Entschlossene, zum Präsidenten der „Academia operosorum" gewählt.
Die Academia operosorum,
Akademie der Wirksamen, ein welkes Pflänzchen kultureller Bemühungen in
Krain nach dem Muster der italienischen Akademien, bereits 1693
gegründet, war die erste wissenschaftliche Gesellschaft in diesem Land.
Die 27 Gründerväter, zumeist Mediziner, Juristen und Geistliche,
erwählten damals als Symbol die emsig sammelnde Biene. Jeder von ihnen
war aufgerufen, ein seinem Beruf und seinem Talent entsprechendes
„kleines" Werk der Öffentlichkeit vorzustellen. Doch der erhoffte
öffentliche Zuspruch blieb der Akademie versagt, so daß sie mit ihren
Gründern ausstarb. Im März 1781 jedoch feierte sie ihre Wiedergeburt.
Von den 23 Mitgliedern waren 18 Slowenen. Im Zuge der sicherlich
mißdeuteten Reformen der großen Kaiserin und ihres Sohnes Joseph
bemächtigte sich die bislang stille Sehnsucht nach politischer und
kultureller Eigenständigkeit immer euphorischer der Herzen slowenischer
Intellektueller. Initiatoren waren der Slowene Kumerdej und Freiherr von
Edling. Kumerdej, mit dem Beinamen Indefessus, der Unermüdliche,
war Direktor der Laibacher Normalschule, Sprachwissenschaftler und
begeisterter Anhänger des Rationalismus, Josephinismus und des
Physiokratismus. Edling, Vivax, der Lebhafte, ein Befürworter der
slowenischen Ansprüche, war Leiter des gesamten Schul- und Studienwesens
in Krain und Geschäftsführer der Akademie. Die Zielsetzung war diesmal
wesentlich anspruchsvoller. Im Wettbewerb mit anderen ähnlichen
Einrichtungen auf der Welt sollte die Akademie zur Hebung der
Geistesbildung und der Moral beitragen und die Wissenschaften und die
Künste im Lande fördern. Die Themen, mit denen man dem hohen Anspruch
gerecht werden wollte, im wesentlichen von Kumerdej vorgegeben, waren
folgende: Auseinandersetzung mit der allgemeinen Geschichte und der des
engeren Vaterlandes, Studium und Förderung der slowenischen Sprache und
anderer slawischer Sprachen, Erörterung von Fragen aus der Philosophie,
der Medizin, Jurisdiktion und den politischen Wissenschaften sowie
Pflege der Belletristik und der Redekunst. Die Vorträge sollten nicht
nur in deutscher und lateinischer, sondern auch in slowenischer Sprache
gehalten werden.
Doch auch diesmal war
der Akademie der Wirksamen kein langes Leben beschieden. Nach der
Gründung tagten die Mitglieder nur noch einmal, am 15. Mai 1781.
Ausschlaggebend für das abermalige Scheitern dürften die Unterschiede in
den Auffassungen, im Alter und in der Herkunft der einzelnen Mitglieder
gewesen sein. Edling war heimlicher Gegner der Klöster, was den
Ansichten der Mönche Japelj und Pohlin widersprach, und dem deutsch
eingestellten Gussich mißfiel die slawophile Dominante.
Wer war Gussich? Er war
sicherlich ein ambitionierter und pflichtbewußter Beamter im Sinne der
Erfüllung der ihm obliegenden Aufgaben des Staatsapparates. 1738
heiratete er Maria Rosalia, geborene Freiin von Egkh, verwitwetete
Gräfin von Engelshaus. Seine wirtschaftlichen Verhältnisse waren nicht
sonderlich gut. In den Büchern des Laibacher Magistrates aus den Jahren
1749 bis
1751 ist die Rede von
Schulden. Die Ursachen hierfür sind unbekannt. 1761 verkaufte er das
väterliche Erbe - Preisseck - für 10000 Gulden. Für seine Wahl zum
Präsidenten der Akademie dürften folgende Gründe den Ausschlag gegeben
haben: Er war von Adel und Präsident der Krainer Landstände, davon
versprach man sich großen Zuspruch und kaum Widerstand für das
Unternehmen. Außerdem trug er einen slawischen Namen und konnte neben
anderen Sprachen auch Slowenisch und Kroatisch. Hierin sahen die
slawophil fühlenden Mitglieder - in der Realität und vom politischen
Verständnis her nach wie vor k. k. Untertanen - eine gewisse Hoffnung
für das Gelingen ihrer Bemühungen und vor allem für die Förderung der
slowenischen Sprache. Diese Rechnung ist jedoch nicht aufgegangen:
Gussich dachte deutsch. Seine Ansprache anläßlich der konstituierenden
Sitzung hielt er bewußt in deutscher Sprache. In der Öffentlichkeit
genoß Gussich unzweifelhaft ein hohes Ansehen. Deshalb ist es ihm
sicherlich bewußt gewesen, als Ständepräsident lediglich Aushängeschild
sowie Bittstelle für die Erfüllung der eigennützigen Ziele einzelner
Mitglieder zu sein. So widmete der Laibacher Arzt Anton Makoviz,
ebenfalls Mitglied der Akademie, Gussich sein zweisprachiges Werk
Fragen und Antworten über die Geburtshilfe.
Gussich verbrachte seine
letzten Jahre zurückgezogen und in bescheidenen Verhältnissen lebend in
Laibach. Seine Hinterlassenschaft 1794 betrug ganze 2451 Gulden und 18
Kreuzer. Mit ihm, dem Nachkommenschaft versagt geblieben war, starb der
Preissekker Zweig der Gussich aus.
Lit.:
Wöchentliches
Kundschaftsblatt des Herzogtums Krain auf das Jahr 1775, Erstes Stück,
Laibach 1775. - Anton Makoviz: Fragen und Antworten über die
Geburtshilfe nach Raphael Johann Steidele's Lehrbuch von der
Hebammenkunst, Laibach 178: (Prashanja, inu odgovori zhes vshegarstvu).
- V. F. Klun/Ethbin Heinrich Costa: Mittheilungen des historischen
Vereins für Krain, Elfter Jahrgang; Laibach 1856. – Anton Dimitz:
Bibliotheca Carniolae, Laibach 1862. -J. Marn: Jezičnik. Knjiga
Slovenska v XVIII veku, Ljubljana 1884 (Rabulist. Slowenisches Buch im
18. Jahrhundert). - August Dimitz: Geschichte Krains; 4. Teil,
Laibach 1876. - Karol Glaser: Zgodovina s venskega slovstva. II. zvezek,
Ljubljana 1895 (Geschichte der slowenischen Liten 2. Band). - Anton
Koblar: Izvestja muzejskega društva za Kranjsko, Ljubljana 18 (Berichte
des Musealvereins für Krain). - Viktor Steska: Izvestja muzejskega
društva za Kranjsko, Ljubljana 1900. - France Kidrič: Zgodovina
slovenskega slovstva, Ljubljana 1929 - 1938. - Lino Legisa, Alfonz
Gšpann: Zgodovina slovensk slovstva, Ljubljana 1956. - Slovenski
biografski leksikon, Ljubljana 1925 - 1932 (Das slowenische
biographische Lexikon, 1. Buch). - Ludwig Schiviz von Schivizhofen: Der
Adel in den Matrikeln des Herzogtums Krain; Görz 1905. – Slovenska
književnost, Liubliana 1982 (Slowenische Literatur). - Genealogisches
Handbuch des Adels, Frhr. Häuser B Band III, Limburg/Lahn 1963. – E.H.
Kneschke: Neues allgem. Deutsches Adels-Lexicon, III. Band, Leipzig
1861. – Gen. Taschenbuch d. frhr. Häuser, 1. Jhrg., Gotha 1849. – Bogo
Grafenauer: Zgodovina slovenskega naroda, V. Zvezek, Ljubliana 1974;
(Geschichte des slowenischen Volkes, V. Bd.), - Ivan v. Bojnićić: Der
Adel von Kroatien und Slavonien (Nachdruck), Neustadt/Aisch 1986.
Literaturbeschaffung:
Freifrau von
Lazarini, Laibach, und Dr. Reisp, Archivar im Laibacher Nationalmuseum.
Bild:
Wappen der Familie von
Gussich aus dem slowenischen Staatsarchiv Laibach.
Attila von Wurzbach
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