Vater
Michael und
Sohn Arthur
Haberlandt
(1889-1964)
bilden in
der
Volkskundeforschung
ein
Zweigespann,
das mit
jenem der
Gebrüder
Grimm in der
Germanistik
verglichen
werden kann.
Das
Sprichwort,
der Apfel
fällt nicht
weit vom
Stamm, hat
sich hier
hundertprozentig
bewahrheitet.
Denn was der
Vater
begonnen,
hat der Sohn
vollendet,
wenngleich
in kleinerem
Rahmen wegen
der
mittlerweile
eingetretenen
politischen
Umwälzungen.
Eigentlich
haben wir es
mit einer
Gelehrtenfamilie
zu tun.
Gottlieb,
der ältere
Bruder
Michaels
(1859-1945),
war
Pflanzenphysiologe
und
Pflanzenanatom,
1910-1923
Direktor des
Pflanzenphysiologischen
Instituts in
Berlin. An
wissenschaftlicher
Leistung und
Bedeutung
hat weder
der ältere
Bruder noch
der Sohn den
in einem
Jubiläumsjahr
stehenden
Gelehrten
übertroffen.
Michael
Haberlandt
studierte an
der Wiener
Universität
vor allem
Indologie
und holte
sich 1882 in
diesem Fach
den
Doktorhut.
In dem
damals
gegründeten
k. k.
Naturhistorischen
Museum am
Großen Ring
wurde er
Kustos. 1892
habilitierte
er sich als
erster
Dozent der
Völkerkunde
an der
Universität
Wien. Als
solcher
spezialisierte
er sich auf
die
Indologie
(Indische
Legenden
1885; Der
altindische
Geist 1887).
Bald merkte
er, daß die
Monarchie
mit ihren
(etwa)
sechzehn
Völkern und
Völkerschaften
nicht
weniger ein
dankbares
Feld für
allgemeine,
völkerübergreifende,
ethnographische
Studien sei.
Zu diesem
Zweck
gründete
Haberlandt
mit einem
Gleichgesinnten
1894 den
„Verein für
österreichische
Volkskunde".
Damit haben
beide auch
den Plan
eines
Museums für
österreichische
Volkskunde
ventiliert,
das aber
wegen
Raumschwierigkeiten
erst 1917 im
ehemaligen
Palais der
Grafen
Schönborn in
der
Laudongasse
(Wien VIII.
Bezirk)
untergebracht
werden
konnte. Ein
Verein ohne
wissenschaftliche
Zeitschrift
wäre ein
totgeborenes
Kind
gewesen. Aus
diesem Grund
gab Michael
Haberlandt
seit 1895
die
„Zeitschrift
für
österreichische
Volkskunde"
heraus. Im
Grunde
genommen
blieb er der
Völkerkunde
verhaftet,
wozu die
Monarchie
den besten
Rahmen
lieferte.
Bis zum
Ersten
Weltkrieg
etwa
betätigte er
sich im
Ganzen mit
längeren
Aufsätzen
und
kleineren
Arbeiten,
sein
künftiges
großes
Arbeitsfeld
stets im
Auge
behaltend
(Völkerkunde.
Leipzig
1898, 200
Seiten, 56
Abb.
Sammlung
Göschen Nr.
73;
Völkerschmuck.
„Die
Quelle",
Wien Jg.
1906;
österreichische
Volkskunst
II. Wien
19101,
19122).
Schon 1910
plante
Haberlandt
eine
„Volkskunde
Europas",
wozu er, von
Österreich
ausgehend,
1917 den
ersten
Anstoß gab
(Die
nationale
Kultur der
österreichischen
Völkerstämme),
ohne dabei
sein
Lieblingsgebiet
Indien
beiseite zu
schieben
(Die Völker
Europas und
des Orients
und:
Volkskundliche
Betrachtung
Ostasiens.
Beide in
Buschan's
Völkerkunde
1920 bzw.
1923). In
der
„Illustrierten
Völkerkunde"
1922 schrieb
er auf den
Seiten
418-612 den
Rahmenartikel
„Afrika". Im
übrigen
bildeten
Randgebiete
und die
Mittelmeerküsten
ein
bevorzugtes
Arbeitsgebiet
des
Gelehrten.
(Beiträge
zur
bretonischen
Volkskunde
1912; Die
Mittelmeerlandschaften
Nordafrikas
und der
Kanarischen
Inseln.
Erschienen
in „Buschan's
Völkerkunde"
1926).
Michhael
Haberlandt
war nicht
nur ein Mann
der Praxis,
sondern auch
der Theorie
(Einführung
in die
Volkskunde
mit
besonderer
Berücksichtigung
Österreichs.
Wien,
Burgerverlag
1924.
Volkskundliche
Bücherei.
Hg. vom
Verein für
Volkskunde
in Wien Nr.
1). In
dieser
Kleinschrift
entwickelte
er
grundsätzliche
Gedanken
über die
Grenzen
überschreitende
Volkskunde,
ohne dabei
die
nationalen
Komponenten
zu
übersehen.
„Jede große,
durch
Sprach- und
Kultureinheit
zusammengehaltene
Nation
Europas hat
ihre
nationale
Volkskunde
entwickelt",
schreibt er
u. a. Dabei
zitiert er
die Gebrüder
Grimm, Karl
Weinhold,
Heinrich
Wilhelm
Riehl,
Hoffmann-Krayer,
Hans Meyer,
Paul Sartori
u. a. Ebenda
macht
Haberlandt
grundsätzlich
Ausführungen
über die
sachliche
oder
gegenständliche
und die
geistige
Volkskunde,
zusätzlich
mit einem
ausführlichen
Schrifttum
zu den
einzelnen
Gebieten der
Volkskunde.
Es liegt auf
der Hand,
daß Michael
Haberlandt
gerne als
Mitarbeiter
zusammenfassender
Werke
herangezogen
wurde. So
auch im
Jahrbuch für
historische
Volkskunde:
„Die
Volkskunde
und ihre
Grenzgebiete".
Band I.
(Berlin
1925). Hier
ist er mit
dem Aufsatz:
„Volkskunde
und
Kunstwissenschaft"
vertreten.
Die
zwanziger
Jahre sind
die
fruchtbarsten
Schaffungsjahre
im Leben
Michael
Haberlandts.
Im Jahre
1926
erschien
außer „Buschan's
Völkerkunde"
auch „Buschan's
Illustrierte
Völkerkunde".
Darin wurden
die Völker
Europas zum
erstenmal
zusammenfassend
gewürdigt
bzw. wollte
der
Verfasser
eine
Volkskunde
Europas
bieten. Die
einzelnen
Beiträge
sollten die
Grundlage
dazu liefern
und zwar
ausgehend
von den
indogermanischen
Völkern bis
zu den
kleinsten
Volksstämmen,
deren es in
Europa
Dutzende
gab. Den
Löwenanteil
leisteten
Vater und
Sohn,
Michael und
Arthur
Haberlandt.
Es ist
übrigens im
Leben
Michael
Haberlandts
interessant
zu
beobachten,
wie sich in
seiner
wissenschaftlichen
Laufbahn
österreichische
und
gesamteuropäische
Themen fast
systematisch
ablösen. So
erschien im
nächsten
Jahr 1927: „Deutschösterreich.
Land und
Volk und
seine
Kultur." Mit
einem
Geleitwort
des
Bundespräsidenten
Dr. Michael
Hämisch und
unter
Mitwirkung
zahlreicher
Fachmänner
herausgegeben
von Prof.
Dr. Michael
Haberlandt.
(Weimar
1927). Ein
Prachtwerk
in
Großoktavformat
und im
Umfang von
XIV + 504
Seiten. 28
Mitarbeiter
arbeiteten
daran. Das
Werk ist
reich
bebildert.
„Es ist eine
politische
und
wissenschaftliche
Notwendigkeit
besonderer
Art, daß der
hohe
Kulturrang
Österreichs
mit voller
Deutlichkeit
nicht nur
uns selbst,
sondern vor
allem auch
den
europäischen
Bildungskreisen
zum
Bewußtsein
komme",
betont
Michael
Haberlandt
u. a.
Das nächste
Jahr 1928
bedeutete
dessen
ungeachtet
den Gipfel
der
wissenschaftlichen
und
editorischen
Tätigkeit
Michael
Haberlandts.
Vater und
Sohn legten
nachgerade
die reife
Frucht ihrer
völkerumspanndenden
Tätigkeit
dar,
betitelt:
„Völker
Europas und
ihre
Volkstümliche
Kultur"
(Stuttgart
1928. XVI +
748 Seiten).
Das Werk
enthält 27
Tafeln, 401
Abbildungen
und drei
Karten über
Völker,
Sprachen und
Hausformen.
Nebst einer
reichen
Literaturangabe
ist es mit
einem
ausführlichen
Namen- und
Sachregister
versehen.
Damit wurde
mit
ziemlicher
Verspätung
der bereits
1910 gefaßte
Plan einer
„europäischen
Volkskunde"
Wirklichkeit,
und zwar
durch die
Schaffenskraft
von Vater
und Sohn. Es
sei bloß
darauf
verwiesen,
daß beide in
vielen
Festschriften
mitwirkten.
Aus den
letzten
Lebensjahren
Michael
Haberlandts
seien zwei
Publikationen
hervorgehoben:
„Deutsche
und
südosteuropäische
Volkskunde"
(Belgrad
1943) und:
„Wege und
Ziele der
österreichischen
Volkskunde."
Erschienen
in der
Zeitschrift
„Laos"
(Uppsala)
Jg. 1951.
Michael
Haberlandt
hat die
Volkskunde
aus ihren
nationalen
Fesseln
befreit und
ihr
übernationale,
d. h.
völkerverbindende
Aufgaben
zugewiesen.
Er war ein
Gelehrter
von
europäischem
Format.
Lit: Außer
Nachrufen in
einschlägigen
wissenschaftlichen
Organen –
wie
anzunehmen –
gibt es
bislang
außer den
Würdigungen
beider
Haberlandts
in der Neuen
Deutschen
Biographie
der
Bayerischen
Akademie der
Wissenschaften
(Berlin
1966, Band
7,
Seite
395-396)
keine
Literatur.
Die einzigen
Quellen sind
die oben
bzw. im Text
zitierten
und
gewürdigten
Arbeiten.
Anton
Tafferner