Leben
Wofür
schaffen?
Wofür
streben?
Unerlösbar
rollt das
Leben,
Stets von
neuem, stets
von vorne,
Bald in
Freude, bald
im Zorne,
Um nach
kurzem
Sonnetrinken
Wunderahnend
zu
versinken.
Ewig Anfang,
ewig Ende,
Ewig heiße
Fieberhände,
Die nach
Licht und
Sternen
fassen
Und
verwelken
und
verblassen,
Ewig
Golgatha und
Hohn,
Ewig Kreuz
und
Menschensohn
–
Und doch
schaffen wir
und streben,
Teufel-,
tod- und
notumgeben,
Denn wir
leben,
leben,
leben!
Dieses Gedicht aus dem
Band
„Neue
Dichtungen“
von Emil
Hadina, wie
das meiste
bei L.
Stackmann in
Leipzig
erschienen,
ist
bezeichnend
für die
geistige
Welt, den
idealistischen
Duktus und
die sich an
zeitlosen
und immer
wieder
aktuellen
Problemen
orientierende
literarische
Arbeit des
Dichters.
Der als Sohn
sudetendeutscher
Eltern (der
Vater kam
aus dem
ostschlesischen
Teschen) in
Wien
geborene
studierte am
traditionsreichen
Troppauer-Gymnasium
(er hat den
Prolog zur
300-Jahr-Feier
des
Troppauer
deutschen
Staatsgymnasiums
1930 verfaßt)
und danach
Philosophie
in Wien. Die
längste Zeit
seines
Lebens hat
er in
Troppau
gewirkt, u.a.
als
Mittelschulprofessor
und
Schuldirektor
–
Schultätigkeit
in Bielitz
und Iglau
und die
Mitwirkung
am
österreichischen
Schulbücherverlag
waren
vorausgegangen.
Troppau hat
er stets als
seine
geistige und
auch seine
eigentliche
Heimat
empfunden.
Nach einem
Refugium in
Nordmähren
gegen Schluß
des Krieges
ging der
Vertriebene
nach Wien
und
schließlich
nach
Ingolstadt,
wo er, fast
vergessen,
gestorben
ist. Emil
Hadina, der
Lyriker, der
Essayist und
vor allem
der
Romancier,
ist in den
20er und
frühen 30er
Jahren einer
der
beliebtesten
und mit
hohen
Auflagen
geradezu
verwöhnten
Autoren
gewesen.
Die Romane,
die er in
jener Zeit
schrieb,
waren
vornehmlich
in eigener
Deutung den
Lebensschicksalen
der Frauen
großer
deutscher
Dichter oder
diesen
selbst in
ihren
Verhältnissen
zur
Frauenwelt
gewidmet.
Gleich der
erste dieser
Romane „Die
graue Stadt
– die
lichten
Frauen“, mit
Theodor
Storni im
Mittelpunkt
(1922),
machte ihn
berühmt.
Diese
dichterischen
Biographien,
in denen
zugleich die
literarische
und
gesellschaftliche
Welt jener
Zeit
verarbeitet
war, wurden
zu so etwas
wie einem
Markenzeichen,
mit dem Emil
Hadina –
heute fast
unbeachtet –
einen
breiten Raum
in der
Aufmerksamkeit
der Leser
einnehmen
konnte. Er
entsprach
damit auch
der
idealistischen
Anschauung
der
Bürgerkreise.
Der
Storm-Roman
fand seine
Fortsetzung
in dem drei
Jahre später
erschienenen
„Kampf mit
den
Schatten“.
Weitere
Werke dieses
Typus,
jeweils
individuell
und aus den
gesellschaftlichen
Zusammenhängen
abgewandelt,
wurden
Gottfried
August
Bürger
(„Dämonen
der Tiefe“),
der Karoline
Schlegel
(„Madame
Luzifer“),
Goethes
Charlotte
von Kalb
(„Ihr Weg zu
den
Sternen“),
Wilhelm
Hauff
(„Götterliebling“)
zugedacht.
Der 1931
erschienene
Roman
„Friederike
erzählt“ ist
ein
simuliertes
Tagebuch aus
Sesenheim,
das Emil
Hadina
gewissermaßen
einer
Nachfolgerin
dieser
Friederike,
gleichfalls
einer
Pfarrerstochter
aus der
evangelischen
Gemeinde in
der
Landeshauptstadt
Troppau, in
die Feder
diktiert. Er
gibt sich
als
Herausgeber
dieser
Aufzeichnungen
in einer Art
mystischer
Verwandlung
und
Anverwandlung
über die
Generationen
hinweg.
In der
Einleitung
schreibt
Hadina:
„Friederike
Brion, die
blondzöpfige
Pfarrerstochter
aus
Sesenheim,
deren kurzer
Liebestraum
in
schwindelnder
Dichterhöhe
mit einem
langen,
glücklosen
Leben der
Entsagung,
beides aber
mit der
rührendsten
Unsterblichkeit
vergolten
wurde, hat
seither
neben
zünftigen
Gelehrtenfedern
auch
Bleistift
und
Schreibmaschine
poetischer
Gemüter
reichlich
genug in
Bewegung
gesetzt.
Nahezu alle
Dichtungsarten
haben sie
besungen und
beklagt,
gefeiert und
zu verklären
gesucht:
Vers, Epos,
Roman und
Drama.
Zuletzt auch
die
Operette.
Und damit
schien ihr
Schicksal
besiegelt.
Wenn ich
trotzdem
darangehe,
hier eine
Art neuer
Friederike-Dichtung
der
Öffentlichkeit
bekanntzugeben,
so hat dies
seine
wohlabgewogenen
Gründe. Die
Umstände,
die zu der
Abfassung
dieser
Aufzeichnungen
führten, die
ganze Person
der
jugendlichen
Dichterin
oder Seherin
– welcher
Name
berechtigter
ist,
überlasse
ich den
Lesern zur
Entscheidung
–, die
Betrauung
mit dem
weiteren
Schicksal
des
Manuskriptes,
das völlig
meinem
Gutdünken
freigegeben
wurde, all
dies trägt
nach meinem
Empfinden so
ungewöhnlichen,
geradezu
singulären
Charakter,
daß ich mich
verpflichtet
sah, die
Aufmerksamkeit
weiterer
Kreise auf
diese eng
und sorgsam
beschriebenen
Blätter zu
lenken,
deren Besitz
immer zu den
erlesensten
Kostbarkeiten
meiner
Bücherschränke
zählen wird.
Daß die
Schriftzüge
hier von der
sonstigen
Schreibart
der
Verfasserin
trotz aller
unverkennbaren
Identität
der gleichen
Hand in
nicht
unwesentlichen
Punkten
abweichen,
ja, daß
namhafte
Graphologen
und Kenner
der wenigen
von
Friederike
Brion
stammenden
Zeilen eine
verblüffende
Ähnlichkeit
der beiden
Handschriften
feststellen
mußten, sei
nur nebenbei
vorweggenommen.
Nun bitte
ich, ehe ich
meiner
jungen
Freundin das
Wort lasse,
um kurzes
Gehör, wie
diese
,Dichtung'
entstand und
wie ich dazu
kam, sie
heute
herauszugeben.
In der
sudetendeutschen
Stadt, in
der ich
jahrzehntelang
lebte, steht
neben der in
schmucklosem
Rohziegelbau
freundlich
voll
gotischer
Frömmigkeit
aufsteigenden
evangelischen
Kirche ein
altes Haus
mit weiten
Räumen und
eigentümlich
duftenden
Korridoren.
Das
Pfarrhaus,
worin vor
dem Bau des
Kirchleins
auch der
Gottesdienst
abgehalten
wurde und
das
sonntägliche
Harmonium
spielte,
dessen
verträumte
Andacht in
die hohen
Bäume und
Fliederkronen
schwoll, die
damals noch
an der
Stätte der
heutigen
Kirche vor
den Fenstern
des
Betsaales
rauschten
und
mitsangen.
Dieses Haus
und sein
unvergeßlich
würdiger
Pfarrherr,
eine hohe,
männlich
stolze
Erscheinung
mit
geteiltem
Pastorenbart,
aber frei
von jedem
Schatten
pastoralen
Dünkels und
kirchlicher
Engherzigkeit,
ein Weiser
im Geiste,
aber ein
Kind im
Herzen,
boten mir
von den wild
durchstürmten,
welträtselgepeinigten
Studentenjahren
an oft die
letzte und
einzige
Zuflucht, wo
ich immer
Verstehen,
immer
Freundschaft,
immer die
Nähe
zeitlosen
Friedens
finden
konnte.“
Neben den
oft sehr
lyrisch
vorgetragenen
Prosawerken
erschienen
eine Reihe
von gern
gelesenen,
heute leider
etwas in den
Hintergrund
gedrängten
Gedichten,
ferner
Novellen, so
etwa mit dem
bezeichnenden
Titel
„Kinder der
Sehnsucht“
oder „Das
andere
Reich“, der
heimatbezogene
Band „Heimat
und Seele“,
„Lieder und
Legenden“.
Gleichfalls
summarisch
sei
hingewiesen
auf den
Bildungs-
und
Entwicklungsroman
„Advent.
Roman einer
Erwartung“
oder auf die
„Geschichte
zweier
Frauen und
einer Liebe,
Maria und
Myrrha“.
Hadina hat
sich auch
als
Anthologist
betätigt, so
u.a. mit
seinem
Trostbuch
„Von
deutscher
Art und
Seele“ und
dem auch
heute noch
eine
Fundgrube
darstellenden
Buch „Großböhmerland.
Ein
Heimatbuch
für
Deutschböhmen,
Nordmähren
und das
südöstliche
Schlesien“,
zusammen mit
Wilhelm
Müller-Rüdersdorf,
Leipzig
1923.
Werke:
G.: Alltag
und Weihe
(1914);
Nächte und
Sterne
(1917);
Himmel, Erde
und Frauen
(Sonette;
1926). E.:
Die graue
Stadt – die
lichten
Frauen (Storm-R.;
1922);
Großböhmerland
(zusammen
mit W.
Müller-Rüdersdorf;
1923); Kampf
mit den
Schatten (Storm-R.;
1925);
Dämonen der
Tiefe (Burger-R.;
1925);
Madame
Luzifer (Karoline-Schlegel-R.;
1926); Ihr
Weg zu den
Sternen (Charlotte-von-Kalb-R.;
1926);
Götterliebling
(Hauff-R.;
1927);
Friederike
erzählt (R.
um
Friederike
Brion;
1931).
Ernst
Schremmer