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Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges schwelgte das noch ungeteilte Banat
in seiner Vergangenheit als ehemaliger Kaiserlicher Provinz der
Habsburger. Nichts lag darum näher, als diese glorreiche Vergangenheit
immer wieder neu aufzulegen. Aus diesem Grunde kann das Banat mit einer
ansehnlichen Schar namhafter Lokalhistoriker aufwarten. Genannt seien
Franz Griselini (noch im 18. Jh.), Leonhard Böhm, Johann Heinrich
Schwicker, Eugen Szentláray, Ludwig Baröti, Felix Milleker, Leo
Hoffmann, Karl Möller, Friedrich Pesty, Koloman Juhász, Franz Wettel,
Theodor Ortvay, Karl Kraushaar, Paul Oltványi, Johann Nepomuk Preyer und
Georg Reiser. Die Aufteilung des Banates im Frieden von Trianon (1920)
auf drei Staaten, nämlich auf Rumänien, Jugoslawien und Ungarn, brachte
die große Wende bzw. die Hinwendung zur Volkskunde. Bislang fand sie nur
in einzelnen Monographien eine gebührende Beachtung. Hans Hagel hob sie
aus ihrem lokalen Kolorit heraus und machte sie zu seiner Lebensaufgabe
bzw. zu einer selbständigen Wissenschaft.
Hagel wurde am 15.1.1888 in Karlsdorf, einem ehemaligen Grenzort der k.
und k. Militärgrenze im südlichen Banat, als Sohn bäuerlicher Eltern
geboren, deren Vorfahren schon 1720 hier nachweisbar sind. Das Abitur
machte er 1908 in der benachbarten Henne-mannstadt Werschetz mit
Auszeichnung. Nach zwei Semestern Theologie in Temeschburg bezog er die
königlich-ungarische Peter-Päzmäny-Universität in Ofenpest (Budapest)
und studierte dort Germanistik und Romanistik. Vor allem wandte er sich
der Germanistik zu, wo Gideon Petz und Jakob Bleyer seine Professoren
waren. Allem Anschein nach hat ihn der Erforscher der ungarländischen
deutschen Mundarten, Prof. Dr. Gideon Petz, zur Mundartforschung
animiert. So behandelte seine Staatsexamen-Arbeit die Laut- und
Flexionslehre Karlsdorfs, das übrigens nach Erzherzog Karl, dem Sieger
von Aspern, benannt war. Nicht minder hatte es ihm das Französische
angetan. Um seine Französisch-Kenntnisse zu vervollkommnen und um Land
und Leute kennenzulernen, studierte er im Studienjahr 1912/13 an der
Pariser Sorbonne. Am 13. April 1913 bestand er das Staatsexamen in
obigen Fächern und wurde als sogenannter Supplent an das Gymnasium in
Kecskemet versetzt, wo er bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges blieb.
Diese urmadjarische Stadt, die Ägopolis der Humanisten, hatte es ihm
angetan, aber der Krieg bereitete seiner Karriere in Ungarn ein Ende.
Als Offizier wurde er zum Verwaltungsdienst im Hinterland nach Diemrich
(Deva) in Siebenbürgen eingezogen.
Als Oberleutnant der Reserve schied er 1918 aus dem Kriegsdienst und
kehrte in seine Banater Heimat zurück, die mittlerweile von Serben und
Rumänen besetzt worden war. Temeschburg, die Banater Metropole, sollte
seine zweite Heimat und die Stadt seines pädagogischen und
wissenschaftlichen Wirkens werden. Vom 26. November 1918 bis zum l.
November 1931 war er Professor an der Temeschburger deutschen
Handelsschule sowie zwischen 1931 und 1942 an der Banatia bzw. an der
Prinz-Eugen-Schule. Ein tragischer Tod riß ihn aus seinem
schaffensfrohen Leben und löste allgemeine Trauer und Erschütterung aus.
Die „Südostdeutsche Tageszeitung“ berichtete ausführlich über die
Umstände seines Sterbens: Hagel lief zu einer Straßenbahn-Haltestelle
und wollte den Zug noch erreichen, obwohl dieser sich bereits in
Bewegung gesetzt hatte. Da jener überfüllt war, konnte sich Hagel nur
auf die Treppe schwingen und sich festhalten. Aber da passierte das
Unglück. Hagel stieß mit dem Kopf an den Eisenträger eines
Oberleitungsmastes. Durch den Anprall wurde die Schädeldecke
zertrümmert. Trotzdem verlor er nicht sogleich das Bewußtsein, wurde
sofort in das nahegelegene Deutsche Krankenhaus eingeliefert, wo er kaum
nach zehn Minuten trotz ärztlicher Hilfe verschied.
Hans Hagel gehörte schon während seiner Ofenpester Universitätsjahre zur
Tafelrunde der sogenannten „Erzschwaben“. Der Name kommt nicht von
ungefähr, sondern erinnert an den größten donauschwäbischen
Schriftsteller, Adam Müller-Guttenbrunn (1852-1923), der schon zu seinen
Lebzeiten mit diesem Epitheton ornans belegt wurde. Hagel gehörte sogar
zu den Mitbegründern dieser studentischen Tafelrunde. Nach seiner
Rückkehr ins Banat bzw. seiner endgültigen Niederlassung in Temeschburg
ging er nebstbei daran, die Volkskunde der Banater Schwaben in allen
ihren Bereichen systematisch aufzuarbeiten. Dazu boten ihm die
Banater Deutschen Kulturhefte, deren Schriftleiter er 1928-1931 war,
reichlichen Raum. Hagels volkskundliche Bestrebungen verliefen in
lexikalischer Richtung, d. h., das Banater deutsche Volk in allen seinen
Lebensäußerungen systematisch zu erforschen und die Ergebnisse in einer
Banater deutschen Volkskunde zusammenzufassen. Die Anregung dazu erhielt
er während seiner Ofenpester Universitätsjahre von Gideon Petz
(1863-1942). Die zwischen beiden Weltkriegen in Deutschland gepflegten
volkskundlichen Bestrebungen in lexikalischer Richtung kamen ihm dabei
sehr entgegen. So verfaßte er für das Handwörterbuch des
Auslanddeutschtums (Breslau 1935) die volkskundlichen Rahmenartikel
über das Banat einschließlich der Banater Mundarten und der Volkslieder.
Da stellte er für Sitte und Brauch eine fast restlose Einheitlichkeit
mit den Auswanderungslandschaften, vor allem mit dem Pfälzischen, fest.
Denn trotz verschiedener Herkunft und Mundarten behielt das Pfälzische
die Oberhand. Außer der Mitarbeit bei einigen Zeitschriften (Die
Westmark, Die Pfalz am Rhein und anderen) war er als Mitautor auch
an Sammelwerken beteiligt.
So war er Mitarbeiter der von Karl Bell herausgegebenen Reihe Das
Deutschtum im Ausland: Banat. Das Deutschtum im rumänischen Banat,
Dresden 1926 (Die Lebensform der Banater Schwaben. Mit vier Bildern und
drei Dorfanlagen aus Griselinis Werk). In allen seinen Beiträgen und
Aufsätzen erwies sich Hans Hagel als feiner Analytiker von Sitte, Brauch
und Mundart. Außer mit sämtlichen Äußerungen des Volkslebens befaßte
sich Hans Hagel auch mit der Wissenschaft und Kunst der Banater
Schwaben. Es war ihm dabei
nicht entgangen, daß eine zusammenfassende Darstellung der Leistungen
des Banater Deutschtums auf dem Gebiet der Wissenschaften fehlte, wozu
er dann auf volkskundlichem Gebiet zusammenfassende Beiträge lieferte.
Aber der Abschluß seines Lebenswerkes blieb ihm durch sein tragisches
Ende versagt.
Lit.:
Hans Hagel. Die Banater Schwaben. Gesammelte Arbeiten zur Volkskunde und
Mundartforschung. Hg. von Anton Peter Petri. München 1967
Anton Tafferner
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