Als
typischer
Vertreter
der für
ihren
Literatenstand
bekannten
baltischen
Geistesgeschichte
hat Johann
August von
Hagen sechs
Jahrzehnte
das
Musikleben
Estlands auf
vielseitige
Art und
Weise
geprägt. Er
war der Sohn
des Pirnaer
Schneidermeisters
und
Wollhändlers
Johann Hagen
und seiner
Frau
Johanna,
geb. Schlag.
Sein Vater,
der auch
Organist
war,
erteilte ihm
den ersten
musikalischen
Unterricht.
Hagens
musikalische
Begabung
führte ihn
auf die
Kreuzschule
nach Dresden
und zu deren
Kantor Chr.
E. Weinling.
Als gern
gesehener
Gast in
Musik
liebenden
Häusern
Dresdens
hatten sich
Hagens
musikalische
Fähigkeiten
herumgesprochen,
so im Hause
des
Apellationsrats
Christian
Gottfried
Körner,
Vater
Theodor
Körners und
Freund
Schillers.
Dort
musizierte
er mit dem
Komponisten
Prinz Louis
Ferdinand
von Preußen.
Während
seiner Zeit
am Dresdner
Lehrerseminar
verkehrte
Hagen auch
im Hause des
Buchhändlers
und
Verlegers
Johann
Friedrich
Hartknoch d.
J., der nach
dem Ende
seiner
Inhaftierung
durch Zar
Paul I.
seine
Tätigkeit
von Riga
nach Dresden
verlegt
hatte. 1803
konnte Hagen
„12 Lieder“
bei Kühnel
in Leipzig
herausbringen,
die ihn als
einen sich
an der
Berliner
Liederschule
orientierenden
Komponisten
ausweisen.
Dieses Heft
und eine
handschriftliche
Sonate,
welche
Hoforganist
Dreizig an
den Dichter
August von
Kotzebue
schickte,
gaben den
Ausschlag
dafür, daß
Hagen 1809
eine Stelle
als
Hauslehrer
auf dem Gut
Schwarzen
(Estland)
des
berühmten
Dichters
erhielt. Die
Reise führte
über Berlin,
wo er die
Bekanntschaft
K. F.
Zelters und
Anselm
Webers
machte. Als
Zeichenlehrer
kam mit ihm
aus Dresden
Siegmund
Walther, der
für die
Entwicklung
der
bildenden
Kunst in
Estland eine
ähnliche
Bedeutung
erlangen
sollte wie
Hagen für
die Musik.
Kotzebue
machte bald
von Hagens
kompositorischem
Talent
Gebrauch. So
entstanden
in größerer
Zahl
Gelegenheitslieder,
Singspiele,
Possen und
Operetten –
nicht nur
für die
Geselligkeiten
und
Liebhaberaufführungen
auf Gut
Schwarzen
und im
Revaler Haus
des
Dichters,
sondern auch
fürs Revaler
Theater,
dessen
Direktion
Kotzebue
übernommen
hatte. Den
Hauptanteil
des Revaler
Theaterprogramms
machten, wie
an fast
allen
deutschen
Theatern
dieser Zeit,
die
Kotzebueschen
Stücke aus,
und so fand
Hagen auch
dort eine
reiche
musikalische
Betätigung.
Besonders
genannt sei
die Musik zu
„Der blinde
Gärtner“.
Auch für den
dem Revaler
Theaterkomitee
angehörenden
Lustspieldichter
und Schwager
Kotzebues,
Ludwig von
Knorring,
komponierte
er.
Bemerkenswert
war Hagens
Unterrichtstätigkeit
auf Gut
Schwarzen,
welche für
die
baltische
Romantik
Bedeutung
erlangen
sollte. Hier
seien die
beiden Maler
O. F.
Ignatius und
G. v.
Hippius zu
nennen.
Ignatius,
der
Vielbegabte,
jung
Verstorbene,
ist nicht
nur mit
Aufführungen
seiner
Theaterstücke
in Berlin
und St.
Petersburg
hervorgetreten,
sondern hat
auch als
Komponist
beachtenswerte
Lieder
geschaffen.
Beide Maler
haben 1816
im Umkreis
der
Nazarener
als
Mitglieder
des „Esthländer
Quartetts“
so manches
römische
Künstlerfest
verschönt.
Nach dem
Weggang
Kotzebues
aus Estland
ging Hagen
1813 als
Mentor des
jungen,
tauben von
Bevern auf
Bildungsreise.
In Wien, wo
sie acht
Monate
lebten,
besuchte er
mehrmals
Ludwig van
Beethoven
und machte
die
Bekanntschaft
J. N.
Hummels.
Die
Rückreise
mit einem
längeren
Kuraufenthalt
in Karlsbad,
von wo aus
er auch Jean
Paul in
Bayreuth
besuchte,
führte über
Berlin 1815
nach Reval
zurück. Dort
wurde er
Lehrer an
der Großen
Stadt-Töchterschule.
Im selben
Jahr
heiratete er
die Revaler
Kaufmannstochter
und Lehrerin
Friederike
Frantzen.
Der Ehe
entsprossen
neun Kinder.
1821 wurde
Hagen
Musiklehrer
am
Gouvernements-Gymnasium.
12
„Chorgesänge
für die
baltischen
Gymnasiasten
und Lieder
für die
Revaler
Kreisschulen“
waren
wichtige
Beiträge
Hagens im
schulmusikalischen
Bereich. Von
1827 bis
1854 war er
Organist an
der
Olai-Kirche.
Zur
Einweihung
der 1820
durch
Blitzschlag
stark
beschädigten
Olai-Kirche
führte er
1840 sein
Oratorium
„Wir haben
sie wieder,
die teure
Stätte“ auf.
Als
gedrucktes
Gelegenheitswerk
ist der
„Abschiedsgesang
zum 16ten
August
1832“, zum
Abreisetag
der drei
Nikolajewna-Großfürstinnen
Maria, Olga
und
Alexandra
aus Reval,
überliefert.
Hagens
Initiative
war auch der
Bau der
Walcker-Orgel
in der
Olai-Kirche
1842 zu
verdanken,
die zu
weiteren
Aufträgen
der
Orgelbaufirma
in den
baltischen
Landen
beitrug.
Diese
kulminierten
dann 1884 im
Bau der
Riesenorgel
des Rigaer
Doms.
Auf seine
Bekanntschaft
mit C. F.
Zelter ging
die Gründung
seines
„Deutschen
Singevereins“
1832 in
Reval
zurück. Dies
war der
erste
derartige
Verein in
den
baltischen
Landen, ein
Jahr vor der
Gründung der
„Rigaer
Liedertafel“.
Er gründete
neben einem
Knabenchor
in den
1830er
Jahren auch
einen
estnischen
Chor und gab
so einen
wesentlichen
Impuls für
die
Entstehung
des
estnischen
Musiklebens.
In diesem
Zusammenhang
ist seine
grundlegende
Arbeit für
estnische
Lehrer,
Kantoren und
Organisten
zu nennen,
welchen er
mit mehreren
Veröffentlichungen
Wege wies,
zunächst mit
„Melodien
für die
Deutschen u.
die Revaler
u. Dorpater
Esten“
(Reval o.
J.), die in
zweiter,
erweiterter
Auflage 1845
in Erfurt
erschienen
mit dem
Titel
„Choralbuch
zu mehreren
Evangelisch-Lutherischen,
Deutschen,
Estnischen
u.
Lettischen
Gesangbüchern
Rußlands“.
Zwei
Sammlungen,
beide auch
mit
estnischem
Text,
„Melodienbuch
zum
Reval-estnischen
und
Dorpat-estnischen
Gesangbuch“
(1844) und
das Lehrbuch
„Notenheft
zum Lehrbuch
als
Anweisung,
wie
diejenigen,
die in
landischen
Kirchen
Küster oder
Orgelspieler
werden
wollen ...“
(1861),
haben ihre
Bedeutung
für die
estnische
Kirche und
ihre Musik
gehabt. 1854
machte Hagen
eine große
Familienreise
in das
Innere
Rußlands,
durch den
Ural bis
Jekaterinburg,
wo sein Sohn
Eduard
lebte.
Für sein
vielfältiges,
fruchtbares
Wirken wurde
er 1856 in
den
Adelsstand
erhoben.
Gänzlich
einstellen
mußte er
seine
Tätigkeiten
durch seine
Erblindung
1870. 1886,
neun Jahre
nach seinem
Tod, wurde
aus Anlaß
seines 100.
Geburtstags
eine
Medaille
geprägt.
Auch heute
ist Johann
August von
Hagen in
Estland
unvergessen;
sein Name
hat in der
Kulturgeschichte
des Landes
einen festen
Platz. Teile
seines
Nachlasses,
auch seine
handschriftliche
Autobiographie,
werden im „Teatri
ja
Muusikamuuseum
Tallinn“
aufbewahrt.
Lit.:
Joh.
Gahlenbeck:
Johann
August
Hagen. Ein
Beitrag zur
baltischen
Musikgeschichte,
in: Deutsche
Monatsschrift
für
Russland,
57. Jg.
(1915), H.
4, S. 165ff.
– Alexander
v. Pezold:
Johann
August Hagen
1786–1877,
in: Eesti
Laul Jate
Liidu
Muusikaleht
[Musikblatt
d. estn.
Sängerbundes],
Tallinn
1928, H. 2.
– Alexander
v. Pezold:
Johann
August
Hagen.
Beitrag zu
Gedenktagen
baltischen
Musiklebens,
in: Jahrbuch
des balt.
Deutschtums
in Lettland
u. Estland
(1930), S.
107–115. –
Elmar Arro:
Über das
Musikleben
in Estland
im 19.
Jahrhundert,
Wien (Diss.)
1928. – H.
Scheunchen:
Die
Musikgeschichte
der
Deutschen in
den
baltischen
Landen, in:
Werner
Schwarz,
Franz
Kessler,
Helmut
Scheunchen:
Musikgeschichte
Pommerns,
Westpreußens,
Ostpreußens
u. d. balt.
Lande,
Dülmen 1990,
S. 158. –
Artikel
„Tallinn“,
in: Die
Musik in
Geschichte
und
Gegenwart,
Kassel
21998,
Bd. 9, Sp.
214. – H.
Scheunchen:
Lexikon
deutschbaltischer
Musik,
Artikel
„Johann
August v.
Hagen“,
Wedemark-Elze
2002, S.
97ff.
Bild:
Alexander v.
Pezold, wie
oben, S.
108.
Helmut
Scheunchen