Karl
Gottfried
Hagen
war der
letzte
Universalgelehrte
an der
Albertus
Universität
in
Königsberg
für die
Fächer
Physik,
Chemie,
Botanik,
Zoologie
und
Mineralogie.
Von Haus
aus
Apotheker,
richtete
er in
seiner
vom
Vater
übernommenen
Apotheke
ein
experimentelles
Laboratorium
für
Chemie
und
Pharmazie
ein, das
er der
Universität
für
Forschung
und
Lehre
zur
Verfügung
stellte.
Bereits
während
der
ersten
Unterrichtsjahre
ab 1775
störte
es ihn,
daß die
Pharmazie
quasi
nur ein
Anhängsel
der
Medizinischen
Fakultät
war. Er
strebte
danach,
der
“empirischen
Pharmazie,
also der
traditionellen
Apothekerkunst
–
eine
wissenschaftliche,
rationelle
Pharmazie
an die
Seite”
zu
stellen.
Hierzu
erhob er
den
Experimentalunterricht
für
Chemie
und
Pharmazie
auf ein
bisher
in
Deutschland
nicht
bekanntes
Niveau.
An
dieser
Entwicklung
hatte
Immanuel
Kant
einen
nicht
unbedeutenden
Anteil
genommen.
Er
erkannte
früh die
hohe
Begabung
des
Studenten
K. G.
Hagen
und
bedauerte,
daß
dieser
1772 das
Medizinstudium
abbrechen
mußte.
Hagens
Vater
war
gestorben
und der
Sohn
mußte
nach
bestandenem
Apothekerexamen
in
Berlin
als
ältester
Sohn die
Hofapotheke
in
Königsberg
übernehmen,
damit er
die
verwitwete
Mutter
und
seine
Geschwister
ernähren
konnte.
1775
trat der
Dekan
der
Medizinischen
Fakultät
an Hagen
mit der
Aufforderung
heran,
er möge
über die
Ausarbeitung
einer
Dissertation
die
Lehrbefugnis
als
“Professio
Botanici
et
materiae
medicae”
erlangen,
um
Studenten
in
weiteren
naturwissenschaftlichen
Fächern
zu
unterrichten.
Hagen
schrieb
daraufhin
eine
Dissertation
über das
Zinn. Es
folgten
erstmals
an der
Universität
Vorlesungen
über
Mineralogie
und das
Linné’sche
Pflanzensystem,
bis er
schließlich
die
genannten
fünf
Fächer
an der
Universität
vertrat.
1779
wurde
Hagen
außerordentlicher,
1788
ordentlicher
Professor,
wieder
auf
Fürsprache
von Kant
beim
damaligen
Minister
von
Zedlitz
hin.
Zwischen
Kant und
Hagen
entspann
sich,
trotz
des
Altersunterschiedes,
eine
freundschaftliche
Beziehung.
Beide
trafen
sich
nicht
nur
regelmäßig
bei der
Kant’schen
Tischgesellschaft,
sondern
auch
etwa
alle 14
Tage
abends
gesellig
in der
Küche
der
Hofapotheke
(Chronik)
zu
schlichtem
gemeinsamen
Essen im
Kreise
der
Familie.
Beide
verband
das
Interesse
an der
naturwissenschaftlichen
Denkweise.
Zudem
bewunderte
Kant den
Werdegang
des
Freundes,
der
imstande
war,
Studenten
völlig
neuartig
und
anschaulich
anhand
von
Experimenten
zu
unterrichten.
Dabei
gab
Hagen
ihnen
die von
ihm
selbst
geschriebenen
Bücher
an die
Hand,
wie das
Lehrbuch
der
Apothekerkunst
und den
Grundriß
der
Experimentalpharmazie.
Letztere
Schrift
nannte
Kant ein
“logisches
Meisterwerk”.
Auch
weitere
Veröffentlichungen
wurden
zu
Standardwerken
des
Unterrichtes,
die der
Pharmazie
den Weg
zur
wissenschaftlich
anerkannten
Disziplin
ebneten.
Neben
der
Pharmazie
galt
Hagens
Liebe
der
Botanik.
Er
führte
Exkursionen
ein und
gab
erstmals
den
Anstoß
zur
Einrichtung
eines
Botanischen
Gartens,
den dann
A. F.
Schweigger
eröffnete.
Bemißt
man das
Lebenswerk
Hagens,
so
dürften
die
überlieferten
Schriften
in ihrer
Bedeutung
gleichgestellt
werden
mit
einem
zunächst
nicht
direkt
ins Auge
fallenden
Verdienst
Hagens,
das die
Amerikanerin
Olesko
schlicht
beschreibt:
“The
focal
point of
the
evolution
of the
natural
sciences
at
Königsberg
in the
early
nineteenth
century
was the
chair
held by
K. G.
Hagen”.
Königsberg
wurde
eine
Generation
nach
Hagens
Wirken
zum
deutschsprachigen
Zentrum
der
Ausbildung
in den
naturwissenschaftlichen
Fächern
(Königsberger
Schule
der
Astronomie
und der
Mathematischen
Physik).
Letztendlich
nahm
daher
auch die
auf den
wissenschaftlichen
Erkenntnissen
aufbauende
industrielle
Revolution
des 19.
Jahrhunderts
im
höchstem
Maße
ihren
Ausgang
von
Königsberg.
Für
diese
Entwicklung
stellte
der
Wissenschaftler
Hagen
die
Weichen.
Er
erkannte
bereits
am Ende
des 18.
Jahrhunderts,
daß die
Universität
reformiert
werden
mußte,
zumal
besonders
Frankreich,
aber
auch
England,
schon
längere
Zeit
einen
größten
Wert auf
die
naturwissenschaftliche
Ausbildung
legten.
Alle
neuen
Erkenntnisse,
die sich
international
durchsetzten,
wurden
mit I.
Kant
erwogen.
Beide
Denker
versuchten,
jeweils
von der
Philosophie
und der
experimentellen
Erfahrung
ausgehend,
“durch
Grübeln
und
Nachdenken
eine
gewisse
Klarheit
zu
erreichen”
(H.
Valentin).
Bald
nach
Kants
Tod
schien
das
preußische
Staatsgebilde
dem
Untergang
nahe.
Friedrich
Wilhelm
III.
weilte
mit
seiner
Familie
in Memel
und
Königsberg.
Durch
seine
Vertretung
einer
Vielzahl
naturwissenschaftlicher
Fächer
wurde
Hagen
mit der
Königsfamilie
bekannt.
Er
unterrichtete
im Jahr
1808/09
in
seiner
Hofapotheke
den
Kronprinzen
Friedrich
Wilhelm
und
dessen
Bruder
Wilhelm
in den
naturwissenschaftlichen
Fächern.
Das
Königspaar
nahm an
Experimenten,
etwa der
Erleuchtung
des
Hauses
mittels
eines
Gases,
teil.
Als sich
der
Krieg zu
Preußens
Gunsten
wendete,
erfolgte
der
Aufruf
seitens
der
Regierung,
die
geistigen
Kräfte
des
Landes
zu
reaktivieren.
Nur die
beiden
alten
Universitätsstädte
Königsberg
und
Frankfurt/Oder
waren
dem
Staate
verblieben.
Als
Wissenschaftler
und als
Persönlichkeit
verehrt,
wurde
Hagen
nun im
Rahmen
der
Humboldt’schen
Bildungsreform
zur
Leitfigur
der
Universitätsreform
in
Königsberg.
Hagens
Lehrtätigkeit
für
Physik,
Chemie
und
Naturgeschichte
wurde
auf
Anregung
des
Juristen
Heidemann
1807 in
die
Philosophische
Fakultät
verlegt.
Damit
erhielt
Hagen
auch die
Professur
der
philosophischen
Fakultät,
in die
nach und
nach
einzelne
Disziplinen
der
Medizinischen
Fakultät
eingegliedert
wurden.
Gegen
den
Widerstand
der
Mehrzahl
der
Professoren
setzte
Hagen
für die
naturwissenschaftlichen
Fächer
seine
Reformideen
durch.
In
diesem
Zusammenhang
gab er
sein Amt
als
Universalgelehrter
auf, um
junge
Gelehrte
nach
Königsberg
zu
holen.
Gemeinsam
mit
Friedrich
Wilhelm
Bessel,
dem
Mathematiker
und
später
weltberühmten
Astronomen
an der
neu
errichteten
Sternwarte
in
Königsberg,
gründete
er ein
erstes
“Königsberger
Archiv
für
Naturwissenschaft
und
Mathematik”.
Weiterhin
erlangte
die
Physikalisch-Ökonomische
Gesellschaft
unter
der
Präsidentschaft
Hagens
eine
wissenschaftliche
Aufwertung.
Hagen
setzte
durch,
daß auch
von der
Universität
unabhängige
Kaufleute
und
Entdecker,
wie der
Klavierbauer
Marty
oder der
Kunstgärtner
Senff,
aktive
Mitglieder
werden
konnten.
Die
vorrangige
Förderung
der
naturwissenschaftlichen
Fächer
in
Königsberg
seitens
der
Regierung
–
selbst
gegenüber
der neu
gegründeten
Universität
Berlin
–
hatte
zur
Folge,
daß
neben F.
W.
Bessel
mehrere
Naturwissenschaftler
nach
Königsberg
berufen
wurden.
Die
bekanntesten
sind K.
E. v.
Baer, K.
F.
Burdach,
C. G.
Jacobi
und
schließlich
Franz
Neumann,
der
spätere
Schwiegersohn
Hagens
(über
ihn
siehe
OGT
1995, S.
143-146).
Neumann
errichtete
in
Königsberg
das
erste
mathematisch-physikalische
Institut
auf
deutschem
Boden
und
wurde
somit
zum
Begründer
der
Mathematischen
Physik
in
Deutschland.
Hagen
selbst
behielt
die
Chemie
und
Pharmazie
als sein
ureigenes
Gebiet,
dessen
Entwicklung
er so
maßgeblich
förderte,
daß er
von
vielen
Autoren
als der
eigentliche
Begründer
der
wissenschaftlichen
Pharmazie
angesehen
wird.
Die
Hofapotheke
hatte
einen so
vorzüglichen
Ruf, daß
der
gesamte
russische
Hof
–
Zar und
Großfürsten
–
ihre
Medikamente
nur von
dort
bezogen.
Auch das
Privatleben
Hagens
spielte
sich in
dieser
Hofapotheke
ab. Vor
der
Eheschließung
mit
Johanna
Marie
Rabe
(1764-1829)
modernisierte
Hagen
das
Haus. Im
Erdgeschoß,
in einem
Durchgangszimmer
zwischen
Wohnung
und
Offizium,
richtete
er eine
“Vorstube”
ein, die
zugleich
Arbeitszimmer
und
Eßzimmer
für die
Bediensteten
und für
die
Familie
war. Das
experimentelle
Laboratorium
war im
Keller
untergebracht.
Der
theoretische
Unterricht
der
Studenten
erfolgte
im
Obergeschoß.
In der
Apotheke
herrschte
zeitgemäß
ein
hierarchisches
Reglement.
Dagegen
war
Hagen
privat
ein
gütiger
Vater
der fünf
Kinder
Carl
(1785-1856),
Johann-Friedrich
(1788-1865),
Johanna,
verheiratete
Bessel
(1794-1885),
Ernst
August
(1797-1880)
und
Florentine,
verheiratete
Neumann
(1800-1838).
In
Gesellschaft
hielt
Hagen
mit
Scharfsinn
und Witz
die
Gespräche
stets im
Fluß.
Das galt
sowohl
für
familiäre
Veranstaltungen
als auch
für die
Kant’sche
Tischgesellschaft
oder
hochoffizielle
Zusammenkünfte
in
akademischen
Gesellschaften.
Im Jahre
1800
wurde
Hagen
“Wirklicher
Geheimer
Rath”
und
bekam
1825, in
Verbindung
mit
seinem
50.
Doktorjubiläum,
den
Adlerorden
2.
Klasse
mit
Eichenlaub
verliehen.
Zum
selben
Anlaß
ließen
die
Apotheker
des
ganzen
Königreiches
eine
Silbermedaille
nach
einem
Wachsmodell
Wichmanns
in der
Berliner
Prägeanstalt
anfertigen,
und die
Universität
Königsberg
ließ in
Verbindung
mit den
Apotheken
der
Provinz
Preußen
eine
Marmorbüste
von
Prof. F.
K.
Wichmann
gestalten.
Schließlich
wurde
Hagen
dadurch
geehrt,
daß eine
ihn
darstellende
Scudelle
an der
Stirnseite
des
Stüler’schen
Universitätsgebäudes
angebracht
wurde,
die von
Schindler
geschaffen
worden
war.
Mit 67
Jahren
übergab
Hagen
die
Apotheke
seinem
Sohn
Johann-Friedrich
und
kaufte
sich ein
Haus in
der
Zieglerstraße
am
Burgfriedenplatz.
Er
richtete
auch
hier
eine
Studierstube
ein, in
der die
Regale
mit den
Büchern
hoch an
den
Wänden
hinaufreichten.
“Unter
ihnen
bildete
die alte
alchymistische
Bibliothek
ein
Curiosum,
die
Hagen
sehr
schätze,
weil sie
die
Anfänge
der
Scheidekunst
enthielt”
(H.M.
Mühlpfort).
Von der
Studierstube
gelangte
man in
ein
“Auditorium”,
in dem
er nach
wie vor
Studenten
unterrichtete.
Diesem
Raum
schloß
sich ein
aus der
Küche
umgebautes
Laboratorium
an, das
weiterhin
der
experimentellen
Forschung
diente.
Im
Auditorium
waren
seine
Sammlungen
aufgestellt,
die
bedeutenden
Herbarien,
die
Bernsteinsammlung,
die
entomologische
Sammlung,
welche
die von
ihm
gefangenen
Insekten
in
selbstgebauten
Glaskästen
beherbergte.
Hagen
starb
nach
kurzer
Erkrankung
in
seinem
80.
Lebensjahr.
Er wurde
auf dem
heute
nicht
mehr
bestehenden
Altroßgärter
Friedhof
beigesetzt,
unter
einem
aus
Berlin
gelieferten
Granitwürfel,
an
dessen
Ecken
vier
kleine
klassizistische
Urnen
das Grab
schmückten.
Die
Stadt
Königsberg
ehrte
Hagen
ein
letztes
Mal mit
der
Namensgebung
einer
“Hagenstraße”.
Lit.:
Caesar,
W.: Karl
Gottfried
Hagen
(1749-1829),
in: Die
Albertus-Universität
zu
Königsberg
und ihre
Professoren,
Hsg.:
Rauschning,
D. v.
Nerée,
D.
Berlin:
Duncker
und
Humblot
1995, S.
389-396.
–
Matthes,
H.:
Pharmazie
und
Pharmazeuten
in
Ostpreussen.
Pharmazeutische
Zeitung,
73. Jg.
Nr. 69
(1928),
S.
1041-1055.
–
Valentin,
H.: Das
Lebenswerk
K. G.
Hagens.
–
Anläßlich
des 400
jährigen
Bestehens
der
Königsberger
Albertusuniversität.
Die
Pharmazeutische
Industrie,
111.
Jg./4
(1944),
S.
367-373.
–
Mühlpfort,
H. M.:
Königsberger
Leben im
Rokoko.
Bedeutende
Zeitgenossen
Kants.
Schriften
der
Herder
Bibliothek,
Bd. 7
(1981),
S.
53-72. –
Hein-Schwarz:
Hagen,
Karl-Gottfried,
Deutsche
Apothekerbiographien,
Stuttgart
1975, S.
22. –
Wimmer:
Kant und
die
Pharmazie,
Süddeutsche
Apotheker-Zeitung,
Jg.
89/16
(1949),
S.
263-265.
–
Schmitz,
R.: Die
Deutschen
Pharmazeutisch-Chemischen
Hochschulinstitute,
Ingelheim:
C. H.
Boehringer
u. Sohn,
1969. –
Hagen,
S.:
Dreihundert
Jahre
Hagen’sche
Familiengeschichte
Familienchronik,
Selbstverlag,
Bd. 2,
1938
(div.
Bibliotheken).
–
Müller-Jahncke,
W.-D.:
Apothekerbildnisse
auf
Plaketten.
Wiss.
Verlagsgesellschaft
Stuttgart
1980
(Veröff.
der
Internationalen
Gesellschaft
für
Geschichte
der
Pharmazie,
Bd. 48
[1980],
S.
47-50).
– Olesko,
K. M.:
Physics
as a
calling;
Discipline
and
Practice
in the
Königsberg
Seminar
of
Physics;
Cornell
Hist. of
Science
Series;
Univers.,
Ithaca
and
London
1991. –
Neumann-Redlin
von
Meding,
E.: F.
W.
Bessel
im
Kreise
der
Königsberger
Naturwissenschaften.
Sein
Zusammenwirken
mit K.
G.
Hagen,
C. G.
Jacobi
und F.
Neumann,
F. W.
Bessel-Festschrift,
Minden
(1996),
S. 67-80
(Besselgymnasium).
– Trunz,
H.:
Apotheker
und
Apotheken
in Ost-
und
Westpreußen
1397-1945.
Quellen,
Materialien,
Sammlungen,
Verein
für
Familienforschung
in Ost-
und
Westpreußen,
Bd. I,
Nr. 5,
und Bd.
II, Nr.
5/2,
Hamburg:
Selbstverlag,
1992 und
1996.
Bild:
Kupferstich
nach
einer
Zeichnung
von
Dähling.
Eberhard
Neumann-Redlin
von
Meding