|
„Dieß ist nach Opitzen, Gryphen und Lohensteinen der IV. tragische
Dichter von besserer Art, der im vorigen Jahrhundert aufgestanden. Sie
waren alle vier Schlesier.“ So urteilte noch 1757 Johann Christoph
Gottsched in seinem Nöthigen Vorrath zur Geschichte der deutschen
Dramatischen Dichtkunst über Johann Christian Hallmann. Doch das in
der Tat vom Umfang wie von der Gattungsvielfalt her erstaunliche
dramatische Werk Hallmanns – erst recht sein übriges literarisches
Oeuvre – teilte das Schicksal fast der gesamten deutschen
Barockliteratur: Im Banne der neuen Literarästhetik des 18.
Jahrhunderts, die später mit dem Geltungsanspruch von Klassik und
Romantik als eine überzeitliche erschien, wurden diese Werke als
Unnatur, als Schwulst und Bombast abgetan und verloren ihren Platz im
literaturgeschichtlichen Bewußtsein. Hallmann freilich hat – anders als
viele seiner Dichterkollegen und als insbesondere seine drei genannten
Vorgänger – schon in seinem Leben eine äußerst bittere Wende erfahren
müssen. Seiner sozialen Herkunft wie seiner Bildung nach verfugte er
über durchaus ähnliche Voraussetzungen wie etwa Lohenstein, und zunächst
deutete auch manches auf eine ähnlich erfolgreiche Karriere hin, wie sie
Lohenstein durchlaufen hat, der es zum Obersyndikus Breslaus brachte und
zum Kaiserlichen Rat ernannt wurde. Die Eltern, deren Vermählung im
Januar 1639 angesehene Gelehrte und Beamte Schlesiens mit
Gelegenheitsgedichten beehrten, nämlich Rosina Hallmann, eine geb.
Schultz aus Liegnitz, und der aus Friedland stammende Matthäus Hallmann
(1603-1667), literarisch gebildeter Jurist, der nach ausgedehnten
Studien verschiedene hohe Verwaltungsaufgaben im Dienste der
Liegnitz-Brieger Piasten versah, gaben Johann Christian im Sommer 1647
in die Sexta des Magdalenen-Gymnasiums zu Breslau. Er dürfte also aller
Wahrscheinlichkeit nach 1640 geboren sein. Auf diesem Gymnasium, nebst
dem Breslauer Elisabethanum hoch bedeutsam als Bildungsstätte für die
Elite Schlesiens und der angrenzenden polnischen und lausitzschen
Gebiete, verweilte er bis 1661. Wie der fünf Jahre ältere Lohenstein tat
er sich alsbald, seit 1648 schon, bei den regelmäßigen Schulactus hervor
und kam in engste Berührung mit dem für die deutsche Literaturgeschichte
des 17. Jahrhunderts wichtigsten Schultheaterbetrieb, dem der beiden
Gymnasien. 1662 brachten die Magdalenäer seinen Mauritius, die
Bearbeitung eines Jesuitendramas, auf die Bühne. Zu Beginn desselben
Jahres hatte er sich an der Universität Jena immatrikuliert, und hier
schloß er auch im Januar 1665 mit einer juristischen Disputation De
privilegiis militum ab. Danach unternahm er von Zwischenaufenthalten
in Schlesien unterbrochene Bildungsreisen, die ihm zusätzlich zu den
üblichen Kenntnissen der alten Sprachen Fertigkeiten im Französischen
und vollendete Beherrschung des Italienischen eintrugen. Um 1668
endgültig wieder in Breslau, scheint er zunächst Anwaltstätigkeiten
versehen zu haben, bis er zwischen Anfang und Mitte der achtziger Jahre
als „Candidatus und Practicus“ eine Art Wartestellung am „Kaiserlichen
und Königlichen Oberamt“ in Breslau innehatte. Doch die damit eröffnete
berufliche Perspektive hat sich zerschlagen. Nach 1684 führt er wieder
nur den nichtssagenden Titel „Juris Consultus“, und mit diesem Jahr wird
es – nach zunächst glänzenden Erfolgen – auch literarisch still um ihn.
Zwischen 1662 und 1671, dem Jahr, in dem das Breslauer Schultheater ein
jähes Ende fand, waren acht Dramen von ihm aufgeführt und bis 1673 vier
davon als Einzeldrucke herausgebracht worden. Diese waren – was
entsprechendes Einverständnis voraussetzte – hohen und höchsten
Standespersonen gewidmet. Einen Erfolg besonderer Art erzielte er mit
dem auf die Hochzeit Kaiser Leopolds I. mit Claudia Felicitas
applizierten Pasto-rell Adonis und Rosibella, dessen Prachtdruck
in Folio er in zwei Audienzen Ende November 1673 dem Kaiser und der
Kaiserin in Wien persönlich überreichen durfte. Ein Jahr zuvor waren
seine Schlesischen Adlers-Flügel erschienen, eine in je 24
elegische Alexandriner gefaßte, mit historischen Anmerkungen erläuterte
„Warhaffte Abbild-und Beschreibung Aller Könige/ Ober-Regenten/ und
Obristen Hertzoge über das ganze Land Schlesien von Piasto an biß auf
Unseren Regierenden Aller Genädigsten Kaiser/König/ und Obristen Hertzog
Leopoldum“. Von den adligen und patrizischen Geschlechtern sowie der
hohen Beamtenschaft Schlesiens war Hallmann während der 60er und 70er
Jahre als Verfasser von Gelegenheitsdichtung hoch geschätzt, und aus
diesen Kreisen stammten auch die Paten, als 1680 ein Sohn, 1682 eine
Tochter Hallmanns und seiner Ehefrau Anna Catharina zu Breslau getauft
wurden. Ein bestimmter Ausschnitt aus seiner Gelegenheitsdichtung kam in
dem stattlichen Band Leich-Redenl Todten-Gedichte und Aus dem
Italiänischen übersetzte Grab-Schrifften 1682 zu Frankfurt und
Leipzig heraus. 1684 dann veröffentlichte der bedeutende Breslauer
Verleger Fellgiebel eine Sammelausgabe Hallmannscher Werke, die
Trauer-, Freuden- und Schäffer-Spiele, die neben neun Dramen,
darunter zwei Bearbeitungen italienischer Stücke, einen Neudruck der
Adlers-Flügel enthielt. Diese Ausgabe sollte offensichtlich die
erste Teilsammlung Lohensteinscher Werke (1680) übertrumpfen und sich
ebenbürtig an die Seite der Werksausgaben des Andreas Gryphius stellen.
Doch dann der große Bruch in Hallmanns Leben: Keine Spur mehr von
Gelegenheitsdichtung, und nur zwei Werke erscheinen überhaupt noch im
Druck, 1689 ein schmales Bändchen mit Gedichten auf die Siege Leopolds
über die Türken, betitelt Der Triumphirende Leopoldus, und 1700
das Trauerspiel Liberata. Dieses hatte er den Fürsten und Ständen
Ober- und Niederschlesiens gewidmet und dafür zwar, wie das Schlesische
Landesprotokoll unter dem 24. Mai 1700 ausweist, „60 fl. zum Recompens"
erhalten, doch gleichzeitig die Auflage bekommen, „in‘s Künftige mit
dergleichen Dedicationen die Fürsten und Stände verschonen“ zu wollen.
Das Scheitern aller beruflichen Ambitionen, das Ausbleiben von Aufträgen
für Gelegenheitsdichtung, das gesellschaftliche Abseits und die
Anfeindungen in Breslau – das alles könnte mit dem Übertritt zum
Katholizismus zusammenhängen, von dem biographische Notizen des frühen
18. Jahrhunderts zu berichten wissen. Dann hätte er mit diesem Schritt
die Gunst der früheren Gönner und angesehenen Patrone verloren, ohne
gleichzeitig Förderung durch katholische Kreise und kaiserliche Behörden
gewonnen zu haben. Konfessionelle Animositäten sprechen jedenfalls auch
aus einem Briefwechsel zwischen Christian Stieff und Christian Gryphius
vom Frühjahr 1699 anläßlich des Versuchs Hallmanns, sein 1684 in der
Sammelausgabe erschienenes „Musicalisches Trauer-Spiel“ Catharina,
in dem das Schicksal der ersten Gemahlin Heinrichs VIII. mit
deutlich prokatholischer Tendenz behandelt ist, zur Aufführung zu
bringen. Tatsächlich hat sich Hallmann zwischen Herbst 1699 und Herbst
1704 in mehreren Aufführungsfolgen als freier Theaterunternehmer
betätigt und dabei einige seiner älteren Dramen in überarbeiteter Form
sowie sieben neue Stücke auf die Bühne gebracht, wobei er sich zuletzt
auf „einem mit Maschinen ausgezierten Theatro“ ganz der neuen Modeform
„Oper“ zuwandte. Ob er „aber dennoch an. 1704 blut arm zu Breßlau
gestorben“ ist, wie ein Teil der biographischen Überlieferung berichtet,
oder, wie der andere wissen will, erst 1716 zu Wien, bleibt offen:
Entsprechende Eintragungen haben sich weder in den Kirchenbüchern
Breslaus noch in den amtlichen Unterlagen Wiens finden lassen. Daß er
einer der talentiertesten Dramatiker des 17. Jahrhunderts mit einem
ausgeprägten Gespür für theatralische Effekte war, steht indes außer
Frage. Er hat sich die Thematik und Bauform nicht nur des schlesischen
Kunstdramas seiner Vorgänger und des Jesuitendramas, sondern auch des
Theaters der Wanderbühnen und der italienischen Oper zu eigen gemacht,
hat so die Statuarik des barocken Trauerspiels aufgebrochen und diesem
als ein zentrales Motiv zurückgewonnen, was Gryphius ihm unter Hinweis
auf die Alten noch strikt verweigert hatte, das Liebesthema. Er hat
dabei ins Trauerspiel höchst wirkungsvoll komische Züge eingebracht und
komisches Personal integriert, überhaupt immer wieder Übergänge zwischen
den sonst so strikt getrennten dramatischen Gattungen des Barock zuwege
gebracht. So deuteten sich in seinem dramatischen Oeuvre durchaus in die
Zukunft weisende Lösungen an, doch Erfolg und Anerkennung blieben ihm
versagt: Die Verhältnisse waren gegen ihn.
Textausgaben:
Papierener Kirchhoff oder aus dem Italiänischen übersetzte
Grabschriften. Hrsg. von K. Sauer. Berlin 1964. – Mariamne. Trauerspiel.
Hrsg. von G. Spellerberg. Stuttgart (1973). – Sämtliche Werke. Hrsg. von
G. Spellerber [bisher:] Bd. I, Bd. II, Bd. III, l und III, 2. Berlin
1975.1980.1987. (Ausgaben deutscher Literatur des XV.-XVIII.
Jahrhunderts. 56. 89. 125. 126)
Lit.:
Richard Maria Werner: Johann Christian Hallmann als Dramatiker. In:
Zeitschrift für die österreichischen Gymnasien 50 (1899) S. 673-702. –
Horst Steger: Johann Christian Hallmann. Sein Leben und seine Werke.
Weida 1909. – Werner Richter: Liebeskampf 1630 und Schaubühne 1670. Ein
Beitrag zur deutschen Theatergeschichte des 17. Jahrhunderts. Berlin
1910. S. 173-190, 343-413. – Kurt Kolitz: Johann Christian Hallmanns
Dramen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Dramas in der
Barockzeit. Berlin 1911.
– Eberhard Beheim-Schwarzbach:
Dramenformen des Barock. Die Funktion von Rollen, Reyen und Bühne bei
Joh. Chr. Hallmann (1640-1704). Diss. Jena 1933 [Masch.]. Teildr.:
Weimar 1931. – Gernot Uwe Gabel: Johann Christian Hallmann. Die Wandlung
des Schlesischen Kunstdramas im Ausgang des 17. Jahrhunderts. Diss. Rice
University, Houston (Texas) 1971. – Kristine Krämer: Johann Christian
Hallmanns Trauer-, Freuden- und Schäferspiele. Die Bedeutung des
Fortuna-Konzeptes für die Vermischung der Dramenformen des Barock. Diss.
Freie Universität Berlin 1978. – Peter Skrine: An exploration of
Hallmann's dramas. In: German Life and Leiters 36 (1983) S. 232-240. –
Gerhard Spellerberg: Ratio Status und Tragoedia. Bemerkungen zur
Wandlung des barocken Trauerspiels bei Hallmann. In: Virtus et Fortuna.
Festschrift für Hans-Gert Roloff. Bern/Frankfurt a.M./New York 1983. S.
496-517. – Birgit Neugebauer: Das Pastorell. Johann Christian Hallmanns
Beitrag zum schäferlichen Drama im Spätbarock. Magisterarbeit Freie
Universität Berlin 1984. – Margarethe Roume: L'art emblematique dans
l'oeuvre de Johann Christian Hallmann. Diss.
Paris 1985. – Blake Lee Spahr: Johann Christian Hallmann: A manneristic
reflection.
In: Sinn und Symbol. Festschrift für J.P. Strelka zum 60. Geburtstag.
Hrsg. von Karl Konrad Polheim. Bern, Frankfurt a.M. (u.a.) 1987. S.
37-43.
– Gerhard Spellerberg: Johann
Christian Hallmann. In: Deutsche Dichter. Leben und Werk
deutschsprachiger Autoren. Hrsg. von Gunter E. Grimm u. Frank Rainer
Max. Band 2: Reformation, Renaissance und Barock. Stuttgart (1988) S.
363-373. – Ders.: „Schlesisches Kunstdrama“ – Fragen und Probleme der
Edition der Dramen Lohensteins und Hallmanns. In: Editio 3 (1989) S.
76-89. – Beatrice von Jena: Epigonales Nachspiel? Johann Christian
Hallmanns Trauerspiele im gattungsgeschichtlichen Kontext.
Magisterarbeit Freie Universität Berlin 1990. – Italo Michele
Battafarano: Epitaphia loco-Seria. Loredano und Hallmann. In: Beiträge
zur Aufnahme der italienischen und spanischen Literatur in Deutschland
im 16. und 17. Jahrhundert. Hrsg. von Alberto Martino. Amsterdam 1990.
(= Chloe. Beihefte zum Daphnis. 9.) S. 133-150.
Bild:
Titelkupfer zu Hallmanns Trauer-, Freuden- und Schäffer-Spielen.
Breslau 1684.
Gerhard Spellerberg
nach oben
|