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Er
gilt den Experten der einschlägigen
Wissenschaften und Künste im in- wie im Ausland als Promotor der
neuzeitlichen christlichen Philosophie und der zeitgenössischen
Literatur, den Literaturhistorikern vor allem als kritischer Wegweiser
der „Sturm-und-Drang-Periode“ wie der Klassik. Als Mensch und
Schriftsteller gab der „Magus aus Norden“, so sein Signet, Freunden wie
Gegnern in Leben und Werk eine Fülle von Rätseln auf, die zu entziffern
heute noch eine große Anzahl von Gelehrten und solchen, die es werden
wollen, bemüht ist.
Die
verschlungenen Wege und Irrwege dieses universal gebildeten
„Privatgelehrten“, der sein Leben lang ein Vagans scholasticus blieb,
aber auf seinesgleichen nicht nur, sondern auch auf große Geister seiner
Zeit, hier seien nur Kant, Herder, Goethe, Lavater
und Jacobi genannt, ungemein
anregend und anziehend, aber auch irritierend gewirkt hat.
Die
Daten dieses Weges im einzelnen sind in allen einschlägigen
Nachschlagewerken verzeichnet. Hier sei lediglich festgehalten ein für seine geistige Entwicklung
entscheidendes Ereignis. Im Jahre erlitt er während seines Aufenthaltes
in London einen seelischen Zusammenbruch, der aus dem 37jährigen,
bislang eher libertinös eingestellten Weltenbummler Saulus einen
puritanisch-christlichen Paulus machte. Dank der Fürsorge von Freunden,
vor allem seines Lehrmeisters
Immanuel Kant, hatte er nach seiner Rückkehr
nach Königsberg als Schreiber und Übersetzer bei der Provinzialakzise-
und Zolldirektion, später als Packhofverwalter, endlich festen Boden
unter den Füßen gewonnen. Nebenbei unterhielt der Verfasser der
„Sokratischen Denkwürdigkeiten“, der „preußische Sokrates“, in seinem
Hause eine Art platonischer Akademie, die von jung und alt, von
Liebhabern und Gelehrten lebhaft frequentiert wurde. Sein
schriftstellerischer Ruhm war trotz einer Vielzahl von Pseudonymen oder
gerade deshalb weit über die Provinzgrenzen hinausgedrungen. Und als er
im Jahre 1787 von rheinischen Freunden und von der Fürstin Gallitzin,
einer hochgebildeten, aber wie er selbst schwärmerisch veranlagten
märkischen Feldmarschallstochter nach Münster eingeladen wurde, im Kreis
literarisch und theologisch interessierter Katholiken „Gastvorlesungen“
zu halten, ließ er seine beruflichen Verpflichtungen fahren und reiste
stracks dorthin. Der „allerchristlichste Eulenspiegel“, so pflegte er
sich selbst zu bezeichnen, wurde in allen Ehren empfangen und verwöhnt.
Er selbst unterhielt auch sein münsteranisches Publikum mit geistreichen
Gesprächen, Herzensergießungen und philosophischen „Denkwürdigkeiten“.
Aber schon nach wenigen Monaten erkrankte er schwer und starb, noch ehe
er, was er sehnlichst gewünscht hatte, in Weimar seinen Urfreund Herder
und seinen prominentesten Verehrer, Johann Wolfgang Goethe, hätte
aufsuchen können. Auf dem Überwasser-Friedhof in Münster liegt er, der
einzige ostdeutsche Klassiker im deutschen Westen, begraben. Ein
Gedenkstein erinnert noch heute an ihn.
Und
was blieb von ihm über Zeit und
Grab hinaus? Das war nachzulesen vor allem in einer 1956 im
Berteismann-Verlag erschienenen umfangreichen, 30 Seiten umfassenden
Bibliographie, zusammengestellt von Lothar Schreiner, im 1. Band einer
wissenschaftlichen, auf 8 Bände disponierten Reihe „Hauptschriften
Hamanns erklärt“, die leider in den Anfängen steckengeblieben ist. In
der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts erstreckte sich seine geistige
Auswirkung zunächst nur auf sektiererisch christliche Kreise, so auf die
Erweckungsbewegung, die Fortsetzung der pietistischen Bestrebungen des
18. Jahrhunderts, der er als ein Prophet der reinen Glaubensbewegung
galt und als kritischer Gegner der Aufklärung lieb war. Ernster zu
nehmen war der Niederschlag seines johanneisch orientierten Logosdenkens
im Spätidealismus vor allem Schellings und seiner Gefolgschaft. Über den
dänischen Philosophen und
Theologen Kierkegard setzte dann zunehmend eine Art Renaissance ein,
diesmal in philosophischen und schultheologisch führenden
Kreisen, in Strömungen, die in unserer Zeit in den christlichen
Existentialismus einmündeten. Der entscheidende Durchbruch für die
Bestimmung seines Ortes in der deutschen und europäischen
Geistesgeschichte, vor allem auch im literargeschichtlichen Bereich,
vollzog sich sodann in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit
grundlegenden Werken von Rudolf Unger, der auch in Königsberg gelehrt
hat. Ihm folgte am gleichen Ort und auf gleichem Katheder der
deutsch-böhmische Literaturhistoriker Josef Nadler, dem wir die
kritische Gesamtausgabe und eine Biographie Hamanns zu danken haben, ein
Werk, das trotz der Kriegsmisere unter unsäglichen Schwierigkeiten
erstellt worden ist. Hinzu kam dann seit 1956 eine im Insel-Verlag
erschienene 8bändige Briefausgabe von Ziesemer und Henkel. Auf dieser
Grundlage entwickelte sich eine Kette von Forschungen, die heute noch
anhält und besonders in den „Internationalen Hamann-Colloquien“ ihren
Niederschlag gefunden hat, die von dem Regensburger Germanisten Bernhard
Gajek geleitet werden, der auch für das Jubiläumsjahr 1988 ein großes
wissenschaftliches Forum organisierte. Bleibt zu hoffen, daß es der
gelehrten Welt gelingt, die Essenz des Gesamtwerkes dieses großen
ostdeutschen Denkers und Schriftstellers auch breiteren Kreisen
überzeugend nahezubringen.
Werke: Sokratische Denkwürdigkeiten,
1759 (komm. J. C. O‘Flaberty, Baltimore 1967, S.. A. Jörgensen 1968);
Wolken, 1761; Kreuzzüge des Philologen 1762; Des Ritters von Rosencreuz
letzte Willensmeynung, 1772; Golgatha und Scheblimini, 1784. – SW, hkA.
hg. J. Nadler VI 1949-57; Briefwechsel, hg. W. Ziesemer, A. Henkel VIII
1955 ff.; Hauptschriften, erklärt, hg. F. Blanke, L. Schreiner VIII
1956ff.; Ausw. M. Seils 1963.
Lit.: R. Unger, H. u. die Aufklärung,
II 1911, *1968 (m. Bibl.); J. Blum, Paris 1912; E. Metzke, H.s Stellung
i.d. Philos. d. 18.
Jh., 1934; J. Nadler, 1949; F. Blanke, H.-Stud., 1956; H. A. Salmony,
H.s metakrit. Philos., I 1958; W. Leibrecht, Gott u. Weh b. H., 1958; R.
G. Smith, Lond. 1960; R. Knoll, J. G. H. u. F. H. Jacobi, 1963; W. Koepp,
D. Magier unter d. Masken, 1965; W. M. Alexander, Den Haag, 1966; B.
Gajek, Sprache b. jg. H. 1967; H.
Sievers, J. G. H. s Bekehrung. Ein Versuch, sie zu verstehen. Zu. u.
Stg. 1969, G. Baudler, Im Worte sehen, 1970; H.-M. Lumpp, Philologia
crucis, 1970; H. Herde, 1971; V. Hoffmann, J. G. H.s Philologie, 1972,
G. Nebel, 1973.
Clemens J. Neumann
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