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Johann Christoph Handke
(auch Hancke, Handtke, Hanke, Hantke) war zu seinen Lebzeiten der
berühmteste und meistbeschäftigste Maler im mährischen Raum. Ein
Großteil seiner Werke entstand in Olmütz, seine bekannteste Arbeit ist
jedoch die Ausmalung der Aula Leopoldina in der Breslauer Universität.
Weitere Aufträge erfüllte Handke in Troppau, Sternberg, Hradisch,
Römerstadt und Königgrätz. Handke war fast ausschließlich für kirchliche
Auftraggeber tätig, dementsprechend haben seine Fresken und Ölgemälde
vorwiegend religiöse Inhalte. Sein Werk ist dem späten Barock
zuzurechnen.
Durch die
Selbstbiographie aus dem Jahre 1766, die 1911 von Richard Foerster
herausgegeben und kommentiert wurde, sind wir gut über Handkes
umfangreiches Schaffen informiert. Viele seiner Arbeiten wurden
allerdings, wie die letzte große Bestandsaufnahme seines Werks in
Thieme-Beckers Künstlerlexikon, 1922/23, vermerkt, bereits im 18.
oder im 19. Jahrhundert zerstört. Handkes Autobiographie dient zudem als
interessante kunsthistorische Quelle, da sie Einblick in die Praxis
einer barocken Malerwerkstatt gewährt und beispielsweise über die
Beziehungen zum Auftraggeber, über Malereiinhalte, technische Probleme
oder Honorare Auskunft gibt.
Handke ging bei drei
Malern von lokaler Bedeutung in die Lehre. Vier Jahre war er Gehilfe bei
Johann David Langer in Freudenthal, darauf bei Christian David, einem
Franzosen, der sich in Mährisch Trübau niedergelassen hatte. Nach dem
Tod seines letzten Lehrers Ferdinand Naboth aus Olmütz im Jahre 1715
übernahm Handke en Werkstatt und heiratete schließlich 1724 Naboths
Witwe, Handandke wurde in die
Olmützer Malerzunft aufgenommen und blieb bis zu seinem Tod in der Stadt
ansässig.
Das älteste signierte
Werk Handkes aus dem Jahre 1715 im Lindenkirchl in Römerstadt ist noch
von Naboth begonnen worden. Die Fresken zeigen Szenen aus dem
Marienleben. Vermutlich ist eine der dargestellten männlichen Figuren
als Selbstporträt Handkes zu werten. Auf einem Zettel, der aus dem Buch
dieses Mannes herausragt, hat der Maler seine Signatur angebracht
(„Johann Christoph Hantke fecit").
Die meisten frühen Werke
Handkes entstanden in Olmütz. Viele davon gingen verloren,
beispielsweise die Fresken der Burgkapelle (1722), die Ausmalung des
Olmützer Rathaussaales und die Fresken in der Jesuitenuniversität. Auch
Handkes umfangreichstes Werk, die Ausmalung der Liebfrauenkirche (1742),
mußte 1839 einerUmgestaltung weichen. Erhalten geblieben sind Handkes
Fresken in der Paulinerkapelle der Olmützer Jesuitenkirche Maria Schnee
aus dem Jahre 1727. Das Deckenbild der Kapelle illustriert in einer
dichten, monumental gedachten Komposition die Aufnahme der Heiligen in
die himmlischen Sphären.
Am besten kann man
Handkes Kunst in Olmütz in der Fronleichnamskapelle des ehemaligen
Kaiserlich Ferdinandischen Konvikts aus dem Jahr 1728 bewundern, deren
Ausmalung sehr gut erhalten ist. Die Verehrung der Hostie als Leib
Christi wird in den Fresken in Bezug zur Lokalhistorie gesetzt: Jaroslav
von Sternberg schlug am 24. Juni 1241 die Tataren bei Olmütz, kurz
nachdem er die Hl. Kommunion empfangen hatte. Dieses Hostienwunder
verhalf der Legende nach dem christlichen Heer zum Sieg gegen die
heidnische Bedrohung. Handke illustrierte die Schlacht in erzählerischer
Vielfalt. Da man in den unlängst siegreich beendeten Türkenkriegen eine
zeitgenössische Parallele zu dieser Episode sah, schilderte der Maler in
einem weiteren Bild die Belagerung Wiens durch die Türken im Jahre 1683.
Diese Szenen bilden innerhalb der Ausmalung der Kapelle einen Zyklus aus
sechs Grisaillemedaillons. In den 20er und 30er Jahren war Handke häufig
außerhalb seiner Heimatstadt in Mähren, Böhmen und Schlesien
beschäftigt. Da er seine Aufträge fast ausschließlich von Klöstern
erhielt, ist anzunehmen, daß die Olmützer Patres den Maler an ihre
Ordensbrüder weiterempfohlen hatten. Handkes Hauptwerk in Troppau, die
Ausmalung der Minoritenkirche, die er 1724 begann, ist nicht erhalten,
ebensowenig das Fresko der Hochzeit zu Kanaa aus dem Refektorium der
Jesuiten (1728). Die Ausmalung der Jesuitenkirche in Königgrätz im Jahre
1730 war eines der umfangreichsten Projekte innerhalb Handkes Laufbahn.
1732 schuf Handke das
Werk, das bis heute seinen größten Ruhm ausmacht und daher im folgenden
ausführlicher beschrieben wird: die Fresken der Aula Leopoldina in der
Breslauer Jesuitenuniversität. Handke schreibt in seiner
Selbstbiographie: „Anno 1732 bin ich auff Breslau mit zwei Scholaren
gereißet, bey den P. P. Jesuiten in dem neuen Gebaw daß Auditorium in
Fresco gemahlet." Die Aula liegt im ersten Stock des Westflügels der
Universität. Der rechteckige, längsgerichtete Saal ist nur eingeschossig
und damit relativ niedrig. Handkes Malerei verwandelt die flache Decke
des Spiegelgewölbes in barocker Manier in einen weiten,
illusionistischen Himmelsraum. Der Ausmalung liegt ein beziehungsreiches
theologisches und politisches Programm zugrunde, das sicherlich nicht
vom Maler selbst, sondern von einem jesuitischen Gelehrten entwickelt
wurde. Dem Künstler oblag es, die abstrakten Inhalte mit Phantasie und
Ausdruckskraft in Bilder umzusetzten. Im ikonographischen Programm der
Aula Leopoldina sind vier Themenbereiche miteinander verbunden: der
Triumph der göttlichen Weisheit über alles irdische Wissen, der Ruhm der
Wissenschaften und Künste, die Segnungen der Wissenschaft für Breslau
und Schlesien sowie die Verherrlichung des habsburgischen Kaiserhauses
zu Ehren des Stifters der Universität, Kaiser Leopold I. Die Aula
gliedert sich in Podium, Auditorium und Empore, Handkes Deckenfresken
folgen dieser Aufteilung. Das große zentrale Fresko über dem Auditorium
illustriert die Apotheose der göttlichen Weisheit, die durch eine
lichtüberströmte Frauengestalt personifiziert ist. Als Zeichen des
Göttlichen schwebt über ihr die Taube des Heiligen Geistes. Ihre
Eingebungen strahlen auf den Kreis der Evangelisten, Kirchenväter und
Heiligen unter ihr aus, die hier als Vertreter von Theologie und
Philosophie eingesetzt sind und damit die Lehrinhalte der
Jesuitenuniversität beschreiben. Diese himmlische Sphäre geht über in
die Scheinarchitektur einer Balustrade. Hier finden die Wissenschaften
und Künste ihren Platz. Dem theologischen Verständnis entsprechend sind
sie der göttlichen Weisheit untergeordnet und von himmlischer Eingebung
abhängig, doch wird die Spannbreite des menschlichen Wissens und Könnens
selbstbewußt präsentiert. Den weiblichen Sitzfiguren sind zur
Charakterisierung Attribute zugeordnet, beispielsweise der Geometrie ein
Globus, der Malerei ein Landschaftsbild, der Grammatik eine Tafel und
die Eule, das Symbol der Weisheit. In
den Fensterlaibungen der Längswände
setzt sich das Programm fort: in Grisaillemalerei ausgeführte Porträts
zeigen illustre Gelehrte sowie Literaten des Christentums und der
Antike. Sie sind in den Bildunterschriften namentlich kenntlich gemacht,
unter anderen werden Bonaventura und Albertus Magnus, Platon, Euklid und
Ovid dargestellt.
Das Fresko über der
Sängerempore im Osten rühmt die segensreichen Auswirkungen der
Wissenschaft auf das Land, in dem sie zu Hause ist. Athene, die antike
Göttin der Weisheit, schwebt über den Gestalten der Silesia, der
Personifikation Schlesiens, der Wratislavia, d. h. der Stadt Breslau
sowie des Viadrus, der Oder. Im Gemälde über dem Podium schließlich wird
die neugegründete Universität durch den Heiligen Leopold, ihren
Schutzpatron, der zugleich Ahne und Namenspatron des
Universitätsgründers ist, dem Schutz und der Fürsprache Marias
anempfohlen. Daneben trägt eine Gruppe von Engeln das Wappen mit dem
kaiserlichen Doppeladler. Der theologische Gehalt des Bildes wird an
dieser Stelle um eine politische Aussage erweitert. Das Deckenfresko
setzt das Programm der plastischen Gestaltung des Podiums fort, das ganz
im Zeichen der Huldigung an das Haus Habsburg steht. In der Mitte der
Stirnwand thront hier Kaiser Leopold I. erhaben unter einem von
mächtigen Säulen getragenen Baldachin, gleichsam der Beherrscher des
gesamten Raumes. Die überlebensgroße Stuckfigur wird von den weiblichen
Allegorien des Fleißes und des Ratschlags flankiert. Neben Kaiser
Leopold L, der den Bau der Universität nicht mehr erlebt hatte (+ 1705),
werden seine beiden Söhne und Nachfolger, die Kaiser Joseph I. (+ 1711)
und Karl VI. als Förderer des Unternehmens geehrt. Ihre Statuen
schmücken die Seitenwände des Podiums.
Die figürliche Plastik
der Aula fertigte der mährische Bildhauer Franz Joseph Mangold. Von
Handke stammen neben den Fresken auch vier der Ölgemälde, die in reich
geschnitzten ovalen Rahmen an den Pfeilern zwischen den Fenstern
angebracht sind und Gönner der Breslauer Universität zeigen.
Architektur, Malerei und
Plastik verbinden sich in der Aula Leopoldina auf das glücklichste zu
einem barocken Gesamtkunstwerk. Handkes Schaffen steht ganz in der
Tradition der römischen Freskomalerei des 17. Jahrhunderts, die durch
Künstler wie Andrea Pozzo nach Süddeutschland und in die Habsburgischen
Lande übermittelt wurde (Handke selbst war nie in Italien). Typisch für
diesen Malstil ist der Kontrast
zwischen schwerer Farbigkeit und dramatischen Lichteffekten, die die
Entrückung der himmlischen Sphären augenscheinlich machen sollen. Handke
kleidet seine sehr körperhaften Figuren gern in bauschige, wallende
Gewänder. Neben seiner Vorliebe für dichte Massenkompositionen fällt
andererseits die Freude an erzählerischen Details auf, beispielsweise
bei der Wiedergabe eines Hündchens oder der Schilderung musizierender
Engel. Handkes Stil wandelte sich über die Jahre kaum. Die zartere,
verspieltere Malerei des Rokoko mit ihrer lichteren Farbgebung, die sich
spätestens in den 30er Jahren des 18. Jahrhunderts durchsetzte,
beeinflußte ihn nicht.
In den beiden folgenden
Jahrzehnten war Handke mit der Ausmalung zahlreicher Kirchen und
Kapellen im Raum Olmütz beschäftigt. Seine letzten Fresken entstanden
1755 in der Dreifaltigkeitskirche in Sternberg. Bis dahin hatte er 22
Freskenzyklen geschaffen, ein großes Arbeitspensum, das allerdings für
einen Barockmaler nicht außergewöhnlich war. Aus Altersgründen nahm
Handke danach keine Aufträge für die körperlich sehr anstrengende
Freskomalerei mehr an, arbeitete aber weiterhin (bis 1768) an
Ölgemälden. In seiner Selbstbiographie verzeichnet Handke über
200 Ölbilder, die er für Kirchen und Klöster im mährischen und
schlesi-schen Raum malte. Der überwiegende Teil davon waren Altarbilder.
Handke arbeitete in der
Regel nicht allein an den großen Aufträgen, was beispielsweise sein
Eintrag in der Selbstbiographie bezüglich der Aula Leopoldina
beweist. Die Namen der Lehrlinge und Gesellen, die er beschäftigte, sind
teilweise aus der Autobiographie bekannt: Johannes Drechsler, Joseph
Piltz, Peter Hochecker. Auch Philipp Sattler, der Sohn des gleichnamigen
Olmützer Bildhauers, mit dem Handke bei der Gestaltung der
Fronleichnamskapelle in « Olmütz zusammengearbeitet hatte, war in
Handkes Werkstatt tätig.
Handke starb im Alter
von fast 81 Jahren. Er wurde in der Liebfrauenkirche in Olmütz begraben,
in einer der zahlreichen Kirchen, die er mit seiner Malerei geschmückt
hatte.
Lit.:
Richard Foerster: Johann
Christoph Handkes Selbstbiographie, Festschrift der Schlesischen
Gesellschaft für vaterländische Kultur zum hundertjährigen Jubiläum der
Universität Breslau, Breslau 1911. - Bernhard Patzak: Die Bauten der
Jesuiten in Breslau und ihre Architekten, Straßburg 1918. - Richard
Foerster: Johann Christoph Handke, in: Thieme-Becker Künstlerlexikon,
Bd. 15/16, 1922/23. - Hans Tintelnot:
Die barocke
Freskenmalerei in Deutschland, München 1951. - Jaroslav Ryška: Fresky
J.K. Handkeho, Středm Morava, Olomouc 1966. - Günther Grundmann,
Barockfresken in Breslau, Frankfurt/M. 1967. - Joseph Matzke, Richard
Zimprich: Barock in Olmütz, Esslingen 1972. - Milan Togner: Kaple Božiho
Těla v Olomouci, in: Uměni, 21,1973, H. 4, S. 331-343. (= Die
Fronleichnamskapelle in Olmütz). - Marie Schenková: Obraz J. K. Handka v
umělecko-historických sbirkách Slezskeho muzea, in: Časopis Slezskeho
muzea 27, 1978, S. 83. (= Ein Bild J.Ch. Handkes in den Sammlungen des
Schlesischen Museums in Olmütz). - Ivo Hlobil, Pavel Michna und Milan
Togner: Olomouc, Praha 1984.
Bild:
Aula Leopoldina in der
Universität Breslau; Foto Marburg.
Beate Störtkuhl
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