Ulrich von Hassell
war einer der führenden Köpfe im Widerstand gegen Hitler und die
nationalsozialistische Gewaltherrschaft in Deutschland. Während des
Zweiten Weltkrieges bereitete er gemeinsam mit Generaloberst z. V.
Ludwig Beck, Oberbürgermeister a.D. Carl Goerdeler und wenigen
anderen Persönlichkeiten politisch und geistig die Beseitigung des
NS-Regimes vor. In diesem zentralen Kreis der Widerstandsbewegung
hatte sein Wort dank seiner langjährigen Erfahrungen als Diplomat,
zuletzt von 1932 bis 1938 als Botschafter in Rom, und seiner hohen
geistigen Fähigkeiten großes Gewicht. Unablässig bemühte er sich um
Informationen zur Lage im In- und Ausland, in zahlreichen
Publikationen versuchte er, zu ihrer vernünftigen Beurteilung in der
Öffentlichkeit beizutragen. Durch Teilnahme an den Beratungen des
engsten Kreises der Verschwörung setzte er im vollen Bewußtsein der
Gefährdung seiner Person und seiner Familie sein Leben ein – gegen
den als Unrechtssystem erkannten Staat, gegen eine in den Abgrund
führende Außen- und Kriegspolitik, für ein „anderes Deutschland“.
Als der Umsturzversuch am 20. Juli 1944 gescheitert war, traf auch
ihn die unnachsichtige Verfolgung der damaligen Machthaber.
Dem in einer
pommerschen Garnisonstadt des Vaters geborenen Hassell war es nicht
„an der Wiege gesungen“ worden, daß er einmal ein Attentat auf das
Staatsoberhaupt fordern und den Sturz einer Regierung betreiben
werde. Er entstammte einer protestantisch geprägten alten Familie,
die dem Staat Juristen in hoher Verantwortung und Offiziere gestellt
hatte. So bedurfte es tiefgreifender Veränderungen der staatlichen
Struktur, in der Führung des Reichs und den sittlichen Grundlagen
ihres Handelns, ehe ein Mann seiner Herkunft und Bildung sich, in
seinem Gewissen erschüttert, dazu entschloß, die überkommenen
Bindungen zu lösen. Aufgewachsen in den Anfangsjahrzehnten des neuen
Deutschen Reichs, hatte sich Ulrich von Hassell frühzeitig die
Lebensaufgabe gestellt, Deutschland als Diplomat zu dienen. Dem
entsprachen sein Streben nach einer umfassenden humanistischen
Bildung, sein Jurastudium in Lausanne, Tübingen und Berlin,
Sprachstudien in London und Paris und ein einjähriger Dienst am
Amtsgericht Tsingtau im deutschen Pachtgebiet Kiautschou. Vor
Eintritt in die diplomatische Laufbahn, die ihn zunächst als
Vizekonsul nach Genua führte, heiratete er Ilse von Tirpitz, die
Tochter des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes und Großadmirals
Alfred von Tirpitz. Auf seinen zahlreichen diplomatischen
Außenposten war sie ihm eine verständnisvolle Helferin, in den
Jahren des Widerstands stand sie überzeugt und mutig an seiner
Seite. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Reserveoffizier des 2.
Garderegiments zu Fuß einberufen, wurde er am 8. September 1914 in
der Marneschlacht durch Herzschuß schwer verwundet. Nach langer
Genesungszeit trat er für die Dauer des Krieges in die innere
Verwaltung ein und übernahm 1916 als Direktor des Verbandes der
preußischen Landkreise eine Aufgabe, durch die er sich gute
Kenntnisse der östlichen Provinzen des Reichs und der Grundlagen des
preußischen Staats erarbeiten konnte. Der Zusammenbruch im November
1918 veranlaßte ihn, als „junger Konservativer“ am Aufbau des neuen
Staates mitzuarbeiten, publizistisch und in der neugegründeten
Deutschnationalen Volkspartei. Doch kehrte er, als ihm bei der
Wiedererrichtung des Auswärtigen Dienstes der Aufbau einer neuen
Vertretung in Rom angeboten wurde, in den Beruf zurück, für den er
besonders begabt war. Bei der Wiedereinführung des besiegten Reichs
in die europäische Staaten weit galt es vor allem, das Vertrauen der
Gastländer wiederzugewinnen, andererseits für die Rechte der
deutschen Minderheiten entschlossen
einzutreten. Zunächst als
Botschaftsrat und Geschäftsträger in Rom, dann als Generalkonsul in
Barcelona und als Gesandter in Kopenhagen und Belgrad vertrat er das
Reich mit Erfolg. Dabei kennzeichnet es seine Einstellung zu seiner
Aufgabe, daß er sich auch stets um gründliche Kenntnisse der
Landessprache bemühte. Mit der Übernahme der Botschaft in Rom trat
er im Herbst 1932 in die erste Reihe der deutschen Diplomaten, doch
erhielt mit der Machtübernahme Hitlers dieser Posten angesichts der
vermeintlichen Nähe der politischen Systeme noch besondere
Bedeutung. Es gelang, das ursprünglich gespannte Verhältnis der
beiden Diktatoren zueinander schrittweise zu verbessern, so daß bei
einem etwaigen Anschluß Österreichs an das Reich seit 1936 nicht
mehr mit einem Einspruch Mussolinis gerechnet werden mußte. Größte
Gefahr für den künftigen Frieden erblickte Hassell jedoch darin, daß
Hitler auf Rat seines Außenministers Ribbentrop den Eintritt
Italiens in den Antikominternpakt mit Deutschland und Japan
erreichte. Dem Außenminister Freiherr von Neurath schrieb er, diese
„Neuorientierung“ der deutschen Politik fasse offenbar einen
Konflikt mit den Westmächten bewußt ins Auge – eine Entwicklung, der
Hassell 1933 durch den Viermächtepakt zwischen Großbritannien,
Frankreich, Deutschland und Italien vorzubeugen vergeblich versucht
hatte. Da Hassell offensichtlich die Außenpolitik Hitlers nicht mehr
mittrug, wurde er am 18. Februar 1938 aus Rom abberufen, ohne daß
eine Wiederverwendung in Aussicht gestellt wurde.
Während der Anschluß
Österreichs und die Eingliederung der sudetendeutschen Gebiete ins
Reich im Oktober 1938 im Sinne des anerkannten
Selbstbestimmungsrechts der Völker gelegen hatten, wurde mit der
Zerschlagung des restlichen tschechoslowakischen Staates im März
1939 im Urteil Hassells der Rubikon überschritten. Würden die
Westmächte, die Verhandlungen über weitere Revisionsschritte
durchaus zugänglich gewesen waren, Hitlers „zielstrebige Brutalität“
auf die Dauer hinnehmen? Wenige Monate später, nach Abschluß des
Hitler-Stalin-Pakts, bestand akute Kriegsgefahr. Gemeinsam mit dem
ihm seit Belgrad bekannten britischen Botschafter Henderson
versuchte Hassell, durch Einwirkung auf Göring zu verhindern, daß
der Konflikt mit Polen leichtfertig verschärft und ein großer Krieg
unausweichlich wurde. Seine ursprünglich fachliche Kritik an einer
für Europa wie für Deutschland als verhängnisvoll angesehenen
Politik erweiterte sich nun ins
Grundsätzliche. Sie verband sich
mit der Empörung über den Verfall der ethischen Grundlagen des
Staats, der in den Morden im Zusammenhang mit dem sogenannten
Röhm-Putsch und in der Entrechtung jüdischer Staatsbürger, ihrer
Verfolgung in der „Reichskristallnacht“ sichtbar geworden war.
Obwohl Hassell seinen Beruf gerne wieder ausgeübt hätte, hatte er
schon am 17. September 1938 in seinem Tagebuch geschrieben, er frage
sich, „ob man einem so unmoralischen System überhaupt dienen darf“.
Anderseits war er sich im klaren darüber, daß „die geringe Chance,
überhaupt etwas zu machen“, sich vermindere, „wenn man ,draußen‘
ist“.
Über Hassells
politisches Denken und Handeln aufgrund dieser Erfahrungen geben
seine Tagebücher bis zum 13. Juli 1944 in menschlich beeindruckender
Weise Aufschluß, sie sind ein für diese Zeit einzigartiges Zeugnis
zur Entstehung der deutschen Opposition gegen Hitler wie zur
Geschichte Deutschlands in fünf Kriegsjahren. Wie nur wenige andere
blieb Hassell auch im Augenblick größter Erfolge Hitlers, so 1940
nach demWestfeldzug, nüchtern: „Niemand wird die Größe des von
Hitler Erreichten bestreiten. Aber das ändert nichts am inneren
Charakter seiner Erscheinung und seiner Taten und an den
grauenhaften Gefahren, denen nun alle höheren Werte ausgesetzt
sind.“ Die Suche nach Gefährten auf dem Weg zu dem als notwendig
erkannten Umsturz, vor allem die Schwierigkeit, für gewaltsame
Aktionen unentbehrliche Inhaber militärischer Kommandostellen, aber
auch hohe Beamte und Wirtschaftsführer zu gewinnen, zeigte Hassell
den korrumpierenden Einfluß der bisherigen Erfolge Hitlers, zugleich
die bindende Kraft des Fahneneids, die nur durch den Tod Hitlers,
der selbst den Eid vielfältig gebrochen hatte, überwunden werden
konnte. So wurde Hassell früh ein Verfechter der Attentatspläne. Daß
die Aburteilung aller durch Deutsche begangenen Verbrechen und die
künftige staatliche Ordnung nicht Sache der Sieger sei, sondern
allein den Deutschen zustehe, war ein von ihm bis zuletzt
vertretener Grundsatz. Das Versagen der Parteien am Ende der
Weimarer Republik gehörte zu Hassells und sein Generation Erfahrung,
so daß sie eine Überprüfung des parlamentarischen Systems für
erforderlich hielten; die Mitwirkung der Regierten an allen
wesentlichen Entscheidungen stand für ihn, ein Verfechter des
Selbstverwaltungsgedankens, jedoch nie in Frage.
Bei der nach
nüchterner Analyse befürchteten Niederlage
Reichs mußte eine
handlungsfähige deutsche Regierung bereitstehen. Ein Umsturz war
daher gegen ein Ausnutzen der deutschen Schwäche durch die
Kriegsgegner abzusichern; doch scheiterten entsprechende
Fühlungnahmen mit den Westalliierten, an denen auch Hassell
beteiligt war, an der verständnislosen, ja abweisenden Haltung
Churchills und Roosevelts.
Der erfahrene
Diplomat von Hassell war als Außenminister einer Regierung nach dem
Umsturz oder für eine andere hohe Position vorgesehen. So sind seine
Vorstellungen für eine künftige Ordnung Europas eine der
wesentlichen Grundlagen für eine Beurteilung seines historischen
Wirkens. In zahlreichen – oft unter „Eiertänzen“ geschriebenen, weil
die Zensur berücksichtigenden – Aufsätzen zeichnete er das Bild
gleichberechtigter größerer und kleinerer, in wirtschaftlichem und
kulturellem Austausch stehender Staaten, so etwa 1942, auf dem
scheinbaren Höhepunkt Hitlerscher Machtentfaltung und im Gegensatz
zu dem damals verbreiteten Hegomonialanspruch und der entsprechenden
Praxis, am Beispiel der Niederlande. In demselben Sinne förderte er
als Mitglied des Mitteleuropäischen Wirtschaftstags die
südosteuropäischen Staaten. Als im Frühsommer 1944 die Bedrohung des
Reichs aus dem Osten immer stärker und zugleich im Westen die
Invasion erwartet wurde, schrieb Hassell in einem nicht mehr
veröffentlichten Aufsatz Deutschland zwischen West und Ost,
Europa könne nicht leben „ohne ein starkes deutsches Herz“. Mit
dieser These appellierte er gleichzeitig an die Einsicht der die
Aufteilung Deutschlands erwägenden Kriegsgegner und an die
Zuversicht der um ihre Zukunft besorgten Deutschen. Es war ein Bild,
meilenweit entfernt von der Vorstellung einer gewaltsam zu
behauptenden Vorherrschaft über die europäischen Nachbarn, und
zugleich ein Bekenntnis zu den der kulturellen und wirtschaftlichen
Kraft des deutschen Volkes entsprechenden Aufgaben des „anderen
Deutschland“.
Werke:
Vom andern
Deutschland (Tagebücher 1938 - 1944), Zürich und Freiburg 1946;
Taschenbuchausgabe mit einem Geleitwort von Hans Rothfels,
Frankfurt/M. 1964; erweiterte und revidierte Neuausgabe: Die
Hassell-Tagebücher 1938 - 1944; unter Mitarbeit von Kl. P. Reiß
herausgegeben von Fr. Frhr. Hiller v. Gaertringen. Berlin 1988,31989;
auch als Goldmann-Taschenbuch 1991. - Im Wandel der Außenpolitik.
München 1939, 41943. - Europäische Lebensfragen im Lichte
der Gegenwart (Aufsatzsammlung). Berlin 1943. - Pyrrhus (aus dem
Nachlaß hrsg.). Berlin 1947.
Lit.:
Gregor Schöllgen:
Ulrich von Hassell 1881 - 1944. Ein Konservativer in der Opposition.
München 1990 (mit ausführlichem Verzeichnis der Schriften Hassells,
darunter 60 Aufsätzen, und der
Literatur). - Peter Hoffmann: Widerstand - Staatsstreich - Attentat.
Der Kampf der Opposition gegen Hitler. München 41985.
Bild:
Ulrich von Hassell
vor dem Volksgerichtshof im Jahre 1944.
Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen