Am 10. Juni
1890 wurde
Werner
Hasselblatt
in der
estländischen
Universitätsstadt
Dorpat
geboren, als
Sohn des
Journalisten
und
Historikers
Arnold
Hasselblatt
(1852-1927),
der von 1888
bis 1914
verantwortlicher
Redakteur
der „Neuen
Dörptschen"
(seit 1897)
„Nordlivländischen
Zeitung",
von 1920 bis
1926
Stadtarchivar
in Dorpat
und
Ehrenmitglied
mehrerer
gelehrter,
historischer
und
altertumsforschenden
Gesellschaften
seines
Heimatlandes
und (mit G.
Otto)
Herausgeber
des „Album
Academicum
der
Kaiserlichen
Universität
Dorpat"
(1889)
gewesen war.
Nach dem
Besuch von
Privatgymnasien
in seiner
Vaterstadt
Dorpat und
in Riga
studierte
Werner
Hasselblatt
in Dorpat
Rechtswissenschaften
(1908-1912)
und schloß
sein Studium
mit den
beiden
Staatsprüfungen
ab. Er war
von 1912 bis
1914 als
Gerichtsamtskandidat
in Twer und
im
polnischen
Petrikau
tätig.
Nachdem er
im Jahre
1914 sich
als
Redakteur an
der „Nordlivländischen
Zeitung"
betätigt
hatte, ging
er im Jahre
1915 nach
Sibirien.
Bereits im
Frühjahr
1915 hatten
Verschickungen
von
Deutschen
nach
Sibirien
eingesetzt;
vielen von
ihnen war
Jenissejsk
als
Verbannungsort
zugewiesen
worden,
während eine
kleinere
Gruppe in
das
Polargebiet
abgezweigt
worden war.
Diese
Landsleute,
denen es am
Notwendigsten
mangelte,
zurückzuholen,
war
Hasselblatt
ihnen
gefolgt, und
es gelang
ihm diese
Gruppe zu
retten und
nach
Jenissejsk
zu bringen.
Er selbst
trat Anfang
Januar 1916
seinen
Dienst im
Bezirksgericht
von
Krassnojarsk
an und wurde
mit der
Verwaltung
des
Friedensgerichts
des Bezirks
des Kreises
Kansk
beauftragt,
im Juli 1917
zum
Friedensrichter
des 3.
Bezirks des
Kreises
Atschinsk
ernannt, wo
er sein
letztes Amt
im
ausländischen
Justizdienst
versah.
Als im
September
1917 Riga
von
deutschen
Truppen
besetzt
wurde, bat
er um
Urlaub, aus
dem er nicht
mehr
zurückkehren
sollte, und
gab sich in
seine
estländische
Heimat, wo
er viele
Vorzeichen
des
vorstehenden
bolschewistischen
Umsturzes
erkannte. In
Dorpat, wo
sich Bürger
aller
Nationalitäten
zu einer
Bürgerwehr
zusammenschlossen,
wurde ihm
die Leitung
der
altstädtischen
Stadtteile
anvertraut,
und er
gründete
gemeinsam
mit anderen
Balten eine
„deutschbaltische
Hilfsdienstgesellschaft",
deren
Aufgabe
darin
bestand, die
Deutsch-Balten
in der
russländischen
Diaspora
zwecks
Rückkehr in
die Heimat
zu erfassen
und in den
estländischen
Städten
aufzunehmen.
Im November
1917
übernahmen
in Estland
die
Bolschewiken
die Macht,
wobei sie
über 300 der
verhafteten
Deutsch-Balten
als Geiseln
in
Viehwaggons
nach
Sibirien
verschleppten.
Werner
Hasselblatt
befand sich
unter ihnen.
Dort fanden
sie
„ausgerechnet
in meinem
ehemaligen
richterlichen
Gefängnis in
Krassnojarsk
eine rauhe,
aber nicht
unfreundliche
Aufnahme"
Im März
1918 wurde
in
Brest-Litowsk
der
Friedensvertrag
zwischen
Rußland und
dem
Deutschen
Reich
unterzeichnet;
nicht lange
darauf
erfolgte die
Rückführung
der
Verschleppten
in die
Heimat. Nach
der
Rückkehr,
während der
Zeit der
deutschen
Besetzung
des Landes,
war
Hasselblatt
noch einige
Monate im
Justizdienst
tätig, zog
aber dann
nach Reval,
wo er den
Weg in die
aktive
Politik
beschritt,
nachdem er
den
Befreiungskrieg
Estlands
(1918 bis
1920) in den
Reihen des
Baltenregiments
mitgemacht
hatte. Nach
der
Staatsgründung
Estlands,
das bereits
am 24.
Februar 1918
seine
Unabhängigkeit
proklamiert
hatte,
gehörte
Werner
Hasselblatt
in den
Jahren l von
1923 bis
1932 als
deutscher
Abgeordneter,
Sprecher und
Vorsitzender
der
deutschen
Fraktion der
2., 3. und
4.
estländischen
Staatsversammlung,
dem
Parlament
an. Die
bereits im
Grundgesetz
des
Freistaates
verankerte
Kulturautonomie
der
nationalen
Minderheiten
Estlands
erhielt
durch das
Wirken und
den Einfluß
junger
deutscher
Politiker,
zu denen
neben
Hasselblatt
auch Axel de
Vries
gehörte,
Form und
Gestalt. Sie
sollte, wie
es der
Volkstumspolitiker
Max
Hildebert
Boehm einmal
formuliert
hat, „als
Trägerin
eines
eigenständigen
Schul- und
Bildungswesens
dazu
bestimmt
sein, der
Volksgruppe,
der die
Verantwortung
für das
ganze Land
entzogen
worden war,
neue
Pflichten
und
Verantwortungen
in einer
veränderten
staatlichen
Umwelt
aufzuerlegen
und sie
dadurch zu
einer
kollektiven
Persönlichkeit
zu machen.
Sie sollte
von
Minderwertigkeitsgefühlen
bewahrt
bleiben, die
sich leicht
mit dem
international
garantierten
Minderheitenschutz
verknüpften,
und das
Gehäuse
einer
eigenständigen
Existenz im
Staat
erhalten.
Das waren
die
Grundgedanken,
von denen
aus
Hasselblatt
sein
wahrhaft
staatsmännisches
Werk
gestaltete."
Von
Bedeutung im
Leben Werner
Hasselblatts
war
besonders
das Jahr
1925, als er
die erste
Tagung des
I.
Estländischen
Deutschen
Kulturrates
eröffnete,
und er
zugleich zu
den
Mitgründern
der in Genf
tagenden
Europäischen
Nationalitätenkongresse
(1925 bis
1938)
gehörte. Es
waren nicht
zufällig
„Vertreter
der in den
baltischen
Republiken
lebenden
Minderheiten,
die den
Anstoß zu
dieser
Gründung
gaben und
einen
entscheidenden
Einfluß auf
deren
Organisation
und
theoretische
Grundlagenarbeit
ausübten.
Die
liberalen
Ansätze in
den
Grundgesetzen
ermöglichten
es hier, in
Zusammenarbeit
mit den
Parteien der
Mehrheitsvölker
die
Minderheitenrechte
auszubauen,
über
ausführende
Gesetze bis
zum
Höhepunkt
des
estländischen
Kulturautonomiegesetzes"
(Michael
Garleff),
als dessen
eigentlicher
Schöpfer
Werner
Hasselblatt
in die
Geschichte
eingegangen
ist.
Werner
Hasselblatt
war
Vorstandsmitglied
der
Deutsch-baltischen
Partei in
Estland, von
1928 bis
1931
Mitherausgeber
der
„Baltischen
Monatsschrift",
wo er des
öfteren zu
aktuellen
Fragen der
Politik in
richtungweisenden
Artikeln
Stellung
genommen
hat, und
1928-1929
Mitglied der
Nationalitäten-Studienkommission
der
Interparlamentarischen
Union.
Acht Jahre
vor der
großen
Umsiedlung
der
Deutsch-Balten
verließ
Werner
Hasselblatt
seine
baltische
Heimat, um
den
geschäftsführenden
Vorsitz des
Verbandes
der
deutschen
Volksgruppen
in Europa zu
übernehmen.
Seit 1932
hatte er
seinen
Wohnsitz in
Berlin.
Gleichzeitig
wurde ihm
die
Mitherausgeberschaft
der in Wien
erscheinenden
Zeitschrift
„Nation und
Staat"
anvertraut.
Durch seine
Tätigkeit
stand er in
engem
Kontakt mit
allen
Persönlichkeiten,
die
diesseits
und jenseits
der Grenzen
im Dienste
der
Volkstumsarbeit
standen. Das
Kriegsende
und die
Katastrophe
der
Vertreibungen
zerstörten
die
Grundlagen,
auf denen
auch die
Arbeit
Werner
Haselblatts
beruht
hatten. Aber
„unter
entscheidender
Teilnahme
baltischer
Minderheitenvertreter
waren
Modelle
erarbeitet
worden, auf
die sich
heute zu
besinnen
mehr als nur
eine
historische
Reminiszenz
bedeutet.
Sie könnten
formend
wirken auf
die auch in
unserer Zeit
noch
ungelösten
verschiedenartigen
europäischen
Nationalitätenprobleme"
(Michael
Garleff).
Seit dem
Jahre 1945
lebte Werner
Hasselblatt
in Lüneburg,
wo er am
Januar 1958
nach langer
Krankheit
verstorben
ist.
Lit.: E.
Maddison:
Die
nationalen
Minderheiten
Estlands und
ihre Rechte
(Reval/Tallinn1930)
– Oskar
Angelus: Die
Kulturautonomie
in Estland.
Detmold 1951
–
Deutsch-baltisches
Biographisches
Lexikon
1710-1960.
Köln/Wien
1970 – Max
Hildebert
Boehm:
Werner
Hasselblatt.
Dem Andenken
an diesen
Kämpfer für
das Recht
der
deutschen
Minderheit.
In: Jahrbuch
des
baltischen
Deutschtums
1959,
Lüneburg
1958 –
Dietrich A.
Loeber:
Werner
Hasselblatt
(1890-1958)
zum
Gedächtnis:
Jahrbuch des
baltischen
Deutschtums
30/1983,
Lüneburg
1982 –
Michael
Garleff:
Baltische
Minderheitenvertreter
auf den
Europäischen
Nationalitätenkongressen
1925-1938.
In: Jahrbuch
des
baltischen
Deutschtums
33/1986,
Lüneburg
1985 –
Michael
Garleff:
Nationalitätenpolitik
zwischen
liberalem
und
völkischem
Anspruch.
Gleichklang
und Spannung
bei Paul
Schiemann
und Werner
Hasselblatt.
In: Reval
und die
baltischen
Länder.
Hrsg. v.
Jürgen v.
Hehn und
Csaba János
Kenéz,
Maburg/Lahn
1980.
Erik Thomson