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„Eine der merkwürdigsten Erscheinungen des ersten Jahrzehnts des 20.
Jahrhunderts“ nennt der Journalist und Literaturhistoriker Paul Fechter
in seinen Erinnerungen den philosophischen Schriftsteller Paul Mongre,
der eigentlich Felix Hausdorff hieß und Professor der Mathematik war —
nacheinander in Leipzig, Bonn, Greifswald und schließlich von 1921 bis
1935 nochmals in Bonn. Weshalb merkwürdig? „Seine Persönlichkeit hatte
sich gespalten in den Mathematiker Hausdorff und in den Schöngeist und
Literaten Dr. Paul Mongré“, schreibt Wolfgang Krull in einer
faszinierenden Würdigung Hausdorffs. Am 8. November 1868 in Breslau als
Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren, besuchte Hausdorff in Leipzig
die Schule und studierte, nachdem ihm sein Vater den Wunsch, Musiker und
Komponist zu werden, ausgeredet hatte, in Leipzig, Freiburg und Berlin
Mathematik und Astronomie. Nach Doktorarbeit (1891) und
Habilitationsschrift (1895) über mathematische Probleme der praktischen
Astronomie wandte sich Hausdorff der reinen Mathematik zu und erlangte
1902 den Titel eines außerordentlichen Professors der Mathematik. Eine
Berufung an die berühmte Universität Göttingen lehnte er kurz darauf ab
und erhielt erst 1910 einen Ruf als außerordentlicher Professor an die
Universität Bonn und 1913 einen Ruf auf eine ordentliche Professur in
Greifswald. 1921 schließlich folgte er einem Ruf als Ordinarius an die
Universität Bonn.
In seiner Leipziger und Greifswalder Zeit verkehrte Hausdorff vor allem
mit Künstlern und Literaten. Unter dem Pseudonym „Paul Mongré“ (wohl vom
französischen „à mon gre“ = „nach meiner Meinung“, „nach meinem
Gutdünken“) veröffentlichte er 1897 Sant'Ilario. Gedanken aus der
Landschaft Zarathustras sowie 1900 einen Gedichtband Ekstasen,
in denen uns freilich, wie Krull schreibt, nicht der echte Hausdorff
entgegentritt, sondern ein Hausdorff, „der in die Haut Nietzsches
geschlüpft war“. Eigenwillig und selbständig ist dagegen die 1898
erschienene, heute zu Unrecht fast vergessene philosophische Studie
Das Chaos in kosmischer Auslese. Ein erkenntnißkritischer Versuch,
die eine Art Metaphysik des Chaos entwickelt und unter anderem
interessante Gedanken über den Begriff der Zeit enthält. Von größerer
Dauer als die Wirkung dieser Schriften und der 1904 verfaßten, seit 1912
mit Erfolg aufgeführten zeitkritischen Groteske Der Arzt seiner Ehre
war freilich Hausdorffs wissenschaftliches Werk – er gilt heute als
einer der großen Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Die Wissenschaft der
Mathematik erlebte in unserem Jahrhundert eine umfassende
Vereinheitlichung durch Mengenlehre und Topologie. Letztere erhielt
dabei, ursprünglich von Leibniz als eine allgemeinste, nur
Nachbarschafts- und Lageverhältnisse von Gebilden im Raum betreffende
Disziplin konzipiert, zunehmend abstraktere Züge. Hausdorff wurde zum
Begründer der modernen mengentheoretischen Topologie, als ihm ihre
„Axiomatisierung“ gelang: Er konnte zeigen, wie sich alle Sätze der
Topologie rein logisch aus endlich vielen Grundaussagen herleiten
lassen, in denen nur von den Begriffen „Punkt“ und „Umgebung“ Gebrauch
gemacht wird. Zahlreiche Begriffe und Ergebnisse der heutigen Mathematik
sind nach Hausdorff benannt, z.B. der „Hausdorff-Raum“, die „Hausdorffsche
Dimension“, der „Hausdorff-Operator“ und die „Hausdorffsche Paradoxie“ –
die Entdeckung, daß sich unter bestimmten mathematischen Voraussetzungen
die Oberfläche einer Kugel so in drei Teilgebiete zerlegen läßt, daß
jedes dieser Gebiete genauso „groß“ ist wie die beiden anderen zusammen.
Hausdorffs Grundzüge der Mengenlehre von 1914, in denen sich
dieses widersinnig scheinende Resultat erstmals mitgeteilt findet,
gelten als ein noch heute mit Gewinn zu studierendes Meisterstück
mathematischer Darstellungskunst.
Hausdorff wurde 1935
als Jude zwangsemeritiert. Der drohenden Deportation in ein KZ entzog er
sich mit seiner Familie am 26. Januar 1942 durch den Freitod.
Werke
(Auswahl): (P. Mongré:) Sant'Ilario. Gedanken aus der Landschaft
Zarathustras, Leipzig 1897. – Das Chaos in kosmischer Auslese. Ein
erkenntnißkritischer Versuch, Leipzig 1898, Neudruck (u. d. Namen
Hausdorff) als: Zwischen Chaos und Kosmos oder Vom Ende der Metaphysik,
eingeleitet von Max Bense, Baden-Baden 1976. – (F. Hausdorff:) Grundzüge
der Mengenlehre, Leipzig 1914 (2. Aufl., gekürzt unter dem Titel
„Mengenlehre“, Berlin/Leipzig 1927), erw. 3. Aufl. 1935 (zahlreiche
Nachdrucke). – Nachgelassene Schriften I-II, ed. G. Bergmann, Stuttgart
1969.
Lit.:
Wolfgang Krull, Felix Hausdorff 1868-1942, in: Bonner Gelehrte. Beiträge
zur Geschichte der Wissenschaften in Bonn. [9:] Mathematik und
Naturwissenschaften, Bonn 1970 (=150 Jahre Rheinische
Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn 1818-1968), 54-69. – Christian
Thiel, Felix Hausdorff, in: Enzyklopädie Philosophie und
Wissenschaftstheorie, Band 2, Mannheim/Wien/Zürich 1984, 46-47 (mit
weiteren Literatur hinweisen).
Bild:
Archiv der Universität Bonn
Christian Thiel
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