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„Bei der Wertung entscheidet allein die Vollendung“, schrieb Otto Hauser
im Jahre 1916 und hielt damit auch fest, daß es ihm selbst immer nur um
Meisterwerke ging. Dies zu betonen war notwendig, weil er - mitten im
Kriege - sich mit der Literatur der „Feinde“ beschäftigte, das heißt
eine Geschichte der Literatur des Auslandes vor dem Weltkrieg
vorlegte, in welcher die französische, englische, niederländische
Literatur ebenso erfaßt war wie die slawischen Literaturen und die
ungarische Dichtung. Kultur ist mit Politik und
Zeitgeschichte nicht zu vergleichen, und so ist es - aus der Sicht
Hausers - stets möglich, die verbindenden Werte einer europäischen
Kultur darzustellen und als Vorbilder zu akzeptieren. Hauser ist nicht
nur als Literaturhistoriker in Erscheinung getreten, - sondern auch als
Übersetzer, und was er dabei geleistet hat, gehört heute noch zu seinen
anerkennenswerten Leistungen.
Otto Hauser war Sohn eines Gutsbesitzers. Nach dem Schulbesuch in der
Provinz begann er Studien in Wien. Zunächst war er an der Technischen
Hochschule inskribiert, danach beschäftigten ihn an der Universität der
österreichischen Hauptstadt orientalische Sprachen und protestantische
Theologie. Zu einem Studienabschluß ist es nie gekommen, da der junge
Student sich mit wachsender Begeisterung der Literatur gewidmet, durch
die Vermittlung von Theodor Herzl eine erste größere Erzählung in der
Neuen Freien Presse publiziert hatte (Lehrer Johannes Johansen,
als Buch erst im Jahre 1902).
Auch als Übersetzer wurde Hauser früh wirksam. So übertrug er im Jahre
1900 Dante Gabriel Rosettis Verse ins Deutsche, zwei Jahre nach eine
Auswahl aus der belgischen Poesie, 1906 Dantes Neues Leben. Von
1911 bis 1924 erschienen die Nachdichtungen Hausers in der Reihe Aus
fremden Gärten. Diese Buchreihe des Alexander-Duncker-Verlages aus
Weimar hat Otto Hauser die Gelegenheit geboten, knapp 80 Bändchen mit
Lyrik aus dem Englischen (Swinborn, Wilde, Kipling, H. Swarth), dem
Französischen Verlaine, Baudelaire), dem Italienischen (Petrarca,
Dante), aber auch aus dem Serbischen, dem Chinesischen (Li-Tai-Po), dem
schwedischen (Strindberg), dem Arabischen (Saadi) herauszubringen. Auch
Prosa von Flaubert, Boccaccio, Björnson, Cervantes ist von Hauser ins
Deutsche übertragen worden, und die Psalmen, Dantes Göttliche Komödie
gehörten zu den anspruchsvollsten Übersetzungen Hausers.
Den Ersten Weltkrieg erlebte Hauser auf dem südosteuropäischen
Kriegsschauplatz. Die Kriegsereignisse unterbrachen seine literarische
Tätigkeit nicht. Im Jahre 1916 erschien sein großangelegter Versuch
einer Geschichte der europäischen Literaturen (das deutsche Schrifttum
wird als bekannt angesehen und nicht mitberücksichtigt). In einem
gattungsgeschichtlichen Überblick werden zehn europäische Literaturen im
Überblick präsentiert. Es ist das wohl sachkundigste Werk von Hauser,
der früher schon knappe Überblicke über die niederländische Lyrik
(1900), die belgische (1902) und die dänische Poesie (1904)
veröffentlicht und sich im Jahre 1904 auch mit der japanischen Dichtung
auseinandergesetzt hatte.
Nach 1918 galt Hauser als Kenner der südslawischen Geschichte und Kultur
und wurde von einigen Zeitungen als Korrespondent für solche Fragen
engagiert. Sogar das Siebenbürgisch Deutsche Tageblatt in
Hermannstadt publizierte Artikelserien von Hauser, der in Wien lebte,
für kurze Zeit jedoch auch in Weimar und Danzig anzutreffen war.
Unter dem Einfluß von Gobineau, Lapouge und Chamberlain begann Hauser
sich mit Rassefragen zu beschäftigen. Unter dem Pseudonym Ferdinand
Büttner veröffentlichte er Erzählungen und Prosatexte (z.B. Ich und
meine fünf Jungen. Tagebuchblätter eines Erziehers), die Leistungen
nordisch geprägter „Helden“ festhalten sollten. In Wien trat Hauser in
Beziehung zur Jugendbewegung und versuchte, für seine nordischen
Auslesekriterien Zuspruch zu erhalten. Von Hauser gegründete
Jugendgruppen wie „Jungwacht“, „Jung-Wiking“ sollten diese Vorstellungen
verwirklichen helfen. Die Zeitschrift Die Botschaft (1926 - 1933)
war das Organ der rassekundlichen Ideologie von Hauser. Dieser
unterhielt zwischenzeitlich Beziehungen zur Individualpsychologie und zu
Adler. Doch gelang es ihm nie, eine Förderung durch die
Nationalsozialisten zu erzielen. Eigene Erzählungen und Gedichte sind in
den zwanziger und dreißiger Jahren erschienen, ohne daß sie von der
Kritik zur Kenntnis genommen worden wären. So bleibt von Hausers
Leistungen nur seine Tätigkeit als Vermittler zwischen den Kulturen
lebendig, die durch Übersetzungen und durch Ansätze zu einer
vergleichenden Literaturbetrachtung vor 1924 belegt wird. Die
extremistische Fragestellung der folgenden Jahre, das Ausgliedern des
„Unerwünschten“ nach extraliterarischen und -kulturellen Kriterien hat
Hausers Aufgeschlossenheit für überregionale und Jahrhunderte
überbrückende Entwicklungen verdrängt und eine Stagnation in seinem
Schaffen veranlaßt.
Weitere Werke:
Ethnographische Novellen, 1901. - Lucidor der Unglückliche, E., 1905. -
1848, R., 1907. - Spinoza, R., 1908. - Jens Peter Jacobsen: Gedichte,
Ü, 1914. - Molière: Sganarell, Lsp., 1916. - Francesco Petrarca:
Gedichte, 1917. - Rassebilder, 1925. - Das Hartungenlied, 1927. -
Protestantismus und Rasse, 1933.
Lit.:
F. Dolezal: O. H. als Erzähler, Diss. Wien, 1950. - Anton Scherer: Die
nicht sterben wollen. Donauschwäbische Literatur von Lenau bis zur
Gegenwart, Freilassing, 1959,
S. 243. – Österr. Biogr. Lexikon 1815 - 1950, Graz-Köln, 1959,
II,
S. 220.
Horst Fassel
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