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Gotthard Gustav Richard Hausmann war der Sohn eines
Goldschmiedemeisters. Nachdem er die Kreisschule in Werro beendet hatte,
schickten die Eltern den lesefreudigen Jungen zum Besuch des
Gouvernementsgymnasiums nach Reval. Gefördert durch einen seiner Lehrer,
den rege publizierenden Historiker Gotthard Hansen, erwachte hier das
Interesse des Gymnasiasten an der Geschichte.
Dementsprechend studierte Hausmann dieses Fach ab 1862 an den
Universitäten Dorpat und Göttingen. In Dorpat begeisterte ihn Carl
Schirren, in Göttingen besuchte er wie zahlreiche andere junge Balten
die methodisch höchst anregenden Veranstaltungen von Georg Waitz, was
seine Vorliebe für quellenkritische Untersuchungen und seine
Hochschätzung der historischen Hilfswissenschaften bestimmte.
Nach seiner Rückkehr nach Dorpat wurde Hausmann dort im Jahre 1871
Dozent. Damit begann eine erfolgreiche akademische Karriere, die mit der
Ernennung zum Ordentlichen Professor für allgemeine Geschichte 1880
einen Höhepunkt erreichte. Seit den frühen 1890er Jahren mußte Hausmann
jedoch die Russifizierung und den Niedergang der Universität Dorpat
mitansehen. Indem er sich weigerte, in russischer Sprache zu lesen, nahm
er statusmäßige und finanzielle Nachteile in Kauf. Nach seiner
Emeritierung (1898) bot er in Dorpat noch mit großem Erfolg Privatkurse
zur livländischen Geschichte an. Seinem Tod gingen Jahre schwerster
Krankheit — tragischerweise verlor er sein Gedächtnis – voraus. Für die
Entwicklung der baltischen Geschichtsforschung waren nicht nur die
zahlreichen Publikationen Hausmanns wichtig, sondern auch seine lange,
auf das Mittelalter konzentrierte Dorpater Lehrtätigkeit war von
höchstem Belang. Er hat wie kein anderer deutschbaltischer Historiker
schulebildend gewirkt. Sein Ideal strenger Wissenschaftlichkeit und die
von Waitz übernommene kritische Methode vermittelte er in Verbindung mit
der Liebe zur gemeinsamen Heimat und ihrer Geschichte einer sehr großen
Zahl von angehenden baltischen Historikern. Aus dem Kreis seiner Schüler
seien auswahlsweise Johannes Haller, Leonid Arbusow jun., Friedrich
Bienemann jun. und Ernst Seraphim genannt. Hausmanns Forschungstätigkeit
galt namentlich der Geschichte Alt-Livlands, für die er auf zahlreichen
Archivreisen neues Material erschloß. Aus seinen Publikationen seien
Das Ringen der Deutschen und Dänen um den Besitz Estlands (1870),
seine quellenkritischen Studien zur Geschichte des Königs Stephan von
Polen (1880) und die grundlegenden Studien zur Geschichte der
Stadt
Pernau
(1906) hervorgehoben. In vorbildlicher Weise hat er zusammen mit
Konstantin Höhlbaum Johannes Renners Livländische Historien, eine
Chronik des 16. Jahrhunderts, ediert (1876). Eine große Darstellung über
das Verhältnis Livlands zum Reich blieb leider unvollendet. Wesentliches
hat Hausmann aber auch noch auf dem Gebiet der baltischen Archäologie,
die vor ihm weitgehend dilettantisch betrieben wurde, geleistet.
Bezeichnend für die Wertschätzung, die der persönlich bescheidene
Forscher bei seinen Zeitgenossen fand, ist die Tatsache, daß er
Ehrenmitglied aller acht gelehrten Gesellschaften war, die es in Est-,
Liv- und Kurland gab. Das hohe Niveau der älteren deutschbaltischen
Geschichtsforschung ist in der Tat zu einem sehr erheblichen Teil
Richard Hausmann zu verdanken.
Lit.:
Deutschbaltisches Biographisches Lexikon 1710-1960, hrsg. von Wilhelm
Lenz (sen.), Köln-Wien 1970, S. 304. – Otto Freymuth: Richard Hausmann,
in: Sitzungsberichte der Gelehrten Estnischen Gesellschaft 1922, Dorpat
1923, S. 5-25. – A. M. Tallgren: R. Hausmann als Archäologe, ebd., S.
26-31. – Wilhelm Lenz (jun.): „Alt-Livland“ in der deutschbaltischen
Geschichtsschreibung 1870-1918, in: Geschichte der deutschbaltischen
Geschichtsschreibung, hrsg. von Georg von Rauch, Köln-Wien 1986, S.
203-232.
Norbert Angermann
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