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Josef Hegenbarth,
einer der größten deutschen Zeichner und Illustratoren des 20.
Jahrhunderts, lebte, nach Studien in Dresden – sein älterer Vetter,
Emanuel Hegenbarth, war sein erster Lehrer – und Prager Kriegsjahren,
einige Zeit im Umkreis des großen Lehrers der Prager Kunstakademie, des
Expressionisten August Brömse, schließlich von 1919 bis zu seinem Tode
in Dresden, eine Periode, die kaum von Reisen, im wesentlichen nur durch
den Aufenthalt in seiner Heimat m den Jahren 1943 bis 1945 unterbrochen
wurde. Von 1946 an war er für drei kurze Jahre Professor an der Dresdner
Akademie. Trotz hoher Ehrungen nach dem Zweiten Weltkrieg in beiden
deutschen Staaten fühlte sich der übersensible Künstler stets als
gefährdeter Außenseiter.
In seiner
lakonischen Art, der Humor und Selbstkritik nie fremd waren, hat der
Künstler in Wolfgang Gurlitts Buch „Das graphische Jahr“, 1923, sich so
charakterisiert:
„Wurde am 15. Juni
1884 zu Böhmisch-Kamnitz geboren. Ein jahrelanges Leiden gab mir die
Freude am Stift wieder. Die Schule hatte sie mir verleidet. Meine
eigentlichste Studienzeit beginnt im Alter von 21 Jahren in Dresden.
Meine allgemeine Ausbildung genoß ich in meinem Heimatort
Böhmisch-Kamnitz und in der Realschule zu Böhmisch-Leipa. Bin
Deutschböhme.“
Dieses „Bin
Deutschböhme“ war mehr als nur ein äußerliches Bekenntnis. Er hat in
sehr reizvollen Zeichnungen seiner kleinen, an Begabungen reichen
Heimatstadt östlich von Tetschen-Bodenbach unweit der Elbe und des
Elbsandsteingebirges ebenso gehuldigt wie in vielen Blättern und
Illustrationen, etwa aus der Welt Rübezahls, dem Lande. Darüber hinaus
aber war die Weltliteratur und war die Welt um ihn sein Schaffensraum,
stets mit einer Fülle von Motiven, aus der er dann seine sehr
persönliche Handschrift entwickelte. Er hat im hohen Alter einmal zu der
Spannung seines Lebenswerks gesagt: „Die Realität und die Magie des
Unwirklichen halten mich gleichermaßen in Bann.“
Josef Hegenbarths
Werk ist heute über viele Galerien und Privatsammlungen des deutschen
Kulturraums und darüber hinaus verbreitet. 1957 gab ihm die
tschechoslowakische Regierung einen Teil seines Œuvres, das in Böhmen
geblieben war, heraus. Josef Hegenbarth, ähnlich wie der dämonischere
Alfred Kubin – die beiden schätzten einander sehr und tauschten Blätter
aus – war ein geradezu von der Zeichenlust Besessener, einer der
genialsten Illustratoren der Weltliteratur, von Don Quichote und Goethes
Reineke Fuchs bis zu Gogol (er hat mit über 400 Zeichnungen „Die toten
Seelen“ illustriert) und Dostojewski, von Grimmelshausen zu den
böhmischen Urthemen, so dem Rübezahl oder Adalbert Stifters Erzählung
„Der Hochwald“ (Rötelzeichnungen in der Ostdeutschen Galerie Regensburg,
vom Adalbert-Stifter-Verein als Faksimile-Mappe erstmals ediert). Der
Meister psychologischer Treffsicherheit, atmosphärischer Dichte und oft
nur skizzenhafter, aber um so markanterer Momentaufnahmen, erreichte in
dramatischer, dynamischer Verdichtung seiner Inhalte zeitlose
Gültigkeit. Das gilt auch besonders für die Tierdarstellungen und die
Impressionen von Gutsarbeitern oder Dresdner Trümmerarbeiterinnen nach
dem Zweiten Weltkrieg.
Für Josef
Hegenbarth blieb immer der Mensch die Mitte. Was aus dem Augenblick
heraus entstanden zu sein schien, ist die Summe eines Lebens innerer und
äußerer Gefährdung. Er schöpfte aus den Quellen seiner Herkunft. Sein
zeichnerischer Kosmos umkreiste alle Bereiche des Humanen, zeigte Blitze
des Humors, ebenso wie Signale des Mysteriums und des Martyriums. Nie
vordergründig sozialkritisch, war er doch ein genauer Schilderer
sozialer Erscheinungen. Viele Zeichnungen zeigen malerische
Differenzierung, auch wenn sie nur schwarz-weiß angelegt sind, und
verfolgen so etwas wie eine Tiefenperspektive, die durch die stärkere
oder schwächere Hervorhebung der Tuschfeder, des Tuschpinsels oder des
Lavierens erreicht wird. Wenn sich Hegenbarth vor allem auch im
Schwarzweiß entwickelte (von den Radierungen des frühen und des
mittleren Werks bis zu den späten Bibeldarstellungen), so soll doch
nicht der Maler, vor allem mit seinen realistischen Bauernszenen oder
seinen Tierdarstellungen, seinen Kaffeehaus- und Zooimpressionen (Öl,
Tempera, Aquarell, Mischtechnik) unterschätzt werden. Hegenbarths nervig
expressiv-realistischer Stil wurde im Alterswerk immer knapper,
prägnanter, asketischer und zugleich sinnfälliger. Fritz Löffler, der am
meisten und kompetentesten über Hegenbarth geschrieben hat, weist auf
seine Beschäftigung mit dem Alten und Neuen Testament hin. So schreibt
er: „Das Geschehen um Golgatha ließ ihn niemals wieder los. In Hunderten
von Blättern ist er dem gekreuzigten Herrn mit allen Techniken und durch
alle Stadien seiner stilistischen Entwicklung nachgegangen. Jeder
erreichte neue Reifegrad fand eine Dokumentation auch in Schilderungen
der Kreuzigung. Man kann den langen Weg, den er als Künstler formal
zurücklegte, lückenlos an dem einen Thema des gekreuzigten Christus
nachgehen. Es gibt keinen bedeutenden Künstler der Gegenwart, von dem
sich das gleiche sagen läßt.“
Eines der
erschütterndsten Dokumente dieser Beschäftigung mit der Passion ist die
Folge der „Letzten Passionsblätter“ (1963 erschienen). 1961 hatte er
lange gezögert, den Auftrag anzunehmen, für die aus Trümmern
wiedererstandene St.-Hedwigs-Kathedrale in Ostberlin die
Kreuzwegstationen für die untere Kirche zu schaffen. Der 77jährige
Künstler hat dann doch nach intensiver Beschäftigung die vierzehn
Kreuzwegstationen (Pinselzeichnungen) für St. Hedwig vollendet. Sie sind
heute ein Zeichen dafür, wie auch scheinbar ganz esoterische Kunst
nachhaltig auf viele Menschen wirken kann.
Abb.:
Büste von Herbert Volwahsen
Ernst Schremmer
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