Werner Heiduczek
wurde als fünftes Kind einer katholischen
Arbeiterfamilie in Hindenburg/Oberschlesien geboren.
Seine Eltern, der Vater war Maschinenbauschlosser,
konnten ihn 1937 auf die Oberschule schicken, von wo
er 1943 als „Luftwaffenhelfer“, 1944 zum
„Reicharbeitsdienst“ und zur „Wehrmacht“ einberufen
wurde. Im Mai 1945 geriet er zunächst in
amerikanische, später in sowjetrussische
Kriegsgefangenschaft, wurde aber schon im August
1945 entlassen.
Danach war er
Gelegenheitsarbeiter in der Landwirtschaft und im
Gleisbau, im Januar 1946 konnte er für acht Monate
in Grochwitz bei Herzberg/Mark Brandenburg einen
Kurs für „Neulehrer“ besuchen, war zwei Monate
Dorfschullehrer in Wehrhain/Kreis Herzberg,
studierte anschließend Pädagogik und Germanistik in
Halle/Saale und wurde 1949 als Lehrer für Latein und
Geschichte an der Herzberger Oberschule eingesetzt,
wo er schon 1950 stellvertretender Direktor wurde.
Als er 1951, im
Alter von 24 Jahren, Referent für Oberschulen im
„Ministerium für Volksbildung“ des Landes
Sachsen-Anhalt geworden und nach Halle übergesiedelt
war, schien ihm ein steiler Aufstieg im
DDR-Bildungswesen offenzustehen. Er wurde 1952
Kreisschulrat in Merseburg, absolvierte 1953/54 ein
Erweiterungsstudium für Germanistik an der
Pädagogischen Hochschule in Potsdam und schrieb
seine Diplomarbeit über den kommunistischen
Schriftsteller Friedrich Wolf (1888-1953), dessen
Nachlaß er in der Ostberliner „Akademie der Künste“
aufarbeitete.
In den vier
Jahren 1955/59 wirkte er als Lehrer für Geschichte
und Deutsch an der Jugendsportschule „Friedrich
Engels“ in Halle und ging 1961 nach Burgas in
Bulgarien, wo er drei Jahre Lehrer für Deutsch am
Fremdsprachengymnasium war, 1964 kehrte er nach
Halle zurück, war vorübergehend Dozent am
Herder-Institut Leipzig und entschloß sich 1965, als
freischaffender Schriftsteller zu arbeiten. 1972
verzog er von Halle nach Leipzig, wo er heute noch
lebt.
Als
Schriftsteller wurde Werner Heiduczek mit der für
Kinder geschriebenen Erzählung „Jule findet Freunde“
(1958) bekannt, für die er mit dem Literaturpreis
des „Ministeriums für Kultur“ ausgezeichnet wurde.
Der staatlich angeordneten Literaturbewegung des
„Bitterfelder Weges“ vom 24. April 1959 konnte er
sich nicht entziehen und arbeitete noch im selben
Jahr mehrere Monate als Bauhilfsarbeiter bei den
Chemischen Werken Buna in Schkopau. Sein Ziel war,
wie man in seiner Autobiografie „Im Schatten meiner
Toten“ (2005) nachlesen kann, dem „ungeliebten
Lehrerberuf zu entfliehen. Das hatte er auch in
früheren Jahren schon versucht, als er „in Merseburg
als Schulrat gescheitert“ (Autobiografie) war, was
in DDR-Monografien über Leben und Werk verschwiegen
wurde. So wollte er bei Alfred Kantorowicz
(1899-1979) an der Ostberliner Humboldt-Universität
eine Dissertation über „Friedrich Wolf und sein
expressionistisches Frühwerk“ schreiben, gab aber
auf, als sein Doktorvater im Sommer 1957 nach
Westberlin geflohen war.
Literatur für
Erwachsene begann er zu schreiben, als er 1964 aus
Bulgarien zurückgekehrt war, wobei es ihm in seinem
Roman „Abschied von den Engeln“ (1968) auch darum
ging, den aus Oberschlesien mitgebrachten
Stoffvorrat zu verarbeiten. Die vier Geschwister
Marula leben 1959/60, also noch vor dem Mauerbau
1961 in Berlin, in beiden deutschen
Nachkriegsstaaten: in Westdeutschland der
progressive Theologe Max und die „kapitalistische“
Schuh- und Pelzhändlerin Anna, in Mitteldeutschland
Herbert, stellvertretender Bezirksratsvorsitzender,
und Thomas, Direktor einer Oberschule. Weitere
Figuren sind Annas Sohn Franz, der in die DDR
übersiedelt, Herberts Frau Ruth, die zu Thomas
überläuft, und ihr in Westdeutschland als
KPD-Funktionär inhaftierter Vater. Werner Heiduczek
ist ein guter und sicherer Erzähler, aber das Buch
ist mit Ideologie überfrachtet und überzeugt kaum.
Eine Verfilmung des Romans wurde abgebrochen, der
Autor aber bekam 1969 den Heinrich-Mann-Preis
verliehen.
Der stark
autobiografisch eingefärbte Roman „Tod am Meer“
(1977) wurde bereits diskutiert und analysiert,
bevor er erschienen war. Ein Auszug war bereits 1976
in der Anthologie „Im Querschnitt“ des
Mitteldeutschen Verlags in Halle abgedruckt worden,
außerdem hatte der Verlagsleiter Dr. Eberhard
Günther ohne Wissen des Autors das noch unfertige
Manuskript weitergegeben,
so daß es schließlich auch die Bezirksverwaltung der
Staatssicherheit in Halle erreichte, wo Werner
Heiduczek als „operativer Vorgang Schreiber“ geführt
wurde.
Es geht in
diesem Roman um unaufgearbeitete Vorgänge im Leben
des sozialistischen Schriftstellers Jablonski, der
aus Oberschlesien stammt, heute in Leipzig lebt und
der während einer Vortragsreise in Bulgarien einen
Schlaganfall erleidet, an dem er Wochen später
stirbt. Im Bezirkskrankenhaus von Burgas versucht
er, „sein Leben zu korrigieren“ und legt seinem
bulgarischen Bettnachbarn gegenüber ein ehrliche und
rücksichtslose Beichte über seine und seiner Partei
Verfehlungen seit 1946 ab.
Werner Heiduczek
hatte sich bei der Veröffentlichung dieses Buches,
das voll politischer Sprengkraft war, durch
literarische Kunstgriffe abgesichert. Er verfremdete
den Stoff, indem er nicht als Autor, sondern
lediglich als Herausgeber des Manuskripts, das ihm
über den Verlag von der Witwe Anissa Jablonski zur
Bearbeitung übergeben worden war, auftrat. Er
weigerte sich auch, „Eingriffe im Manuskript
vorzunehmen“, um es politisch zu entschärfen.
Was der
Literaturkritik und dem Sowjetbotschafter Pjotr
Andrejewitsch Abrassimow in Ostberlin, auf dessen
Intervention der Roman nach der zweiten Auflage
verboten wurde, mißfiel, waren die nicht einmal
geschilderten, sondern nur angedeuteten
Vergewaltigungen deutscher Frauen beim Einmarsch der
„Roten Armee“ 1945 in Deutschland: „Mit dem, was in
jener Nacht und am folgenden Morgen auf diesem
Bauernhof geschah, bin ich all die Jahre über nicht
fertig geworden.“
Vernichtend
waren, was das Buch nur noch begehrter machte, die
Urteile der parteiamtlichen Rezensenten. Hans Koch,
Direktor des „Instituts für
Gesellschaftswissenschaften beim ZK der SED“, sprach
am 15. April 1978 im „Neuen Deutschland“ davon, daß
das „Gesellschaftsbild des realen Sozialismus“
angezweifelt würde, weil hier „selbstzerstörerische
Züge“ wirksam wären. Und Werner Neubert warf im
SED-Bezirksblatt „Berliner Zeitung“ vom 8. Juli dem
Autor vor, in diesem Buch dem „Klassenfeind“ mit den
angedeuteten Vergewaltigungen Munition zu liefern
für „Verleumdungen“, denn die „Rote Armee“ könnte
auf ihre „opfervolle Geschichte der Rettung der
Menschheit vor dem Versinken in die Barbarei“
verweisen, die „wirklichen historischen Erfahrungen
unserer Arbeiter, unserer Bauern, unserer
Intelligenz“ wären geprägt „vom täglichen Humanismus
und der Freundschaft mit dem Sowjetvolk“. Der letzte
Satz der Rezension lautete: „So bleibt der Eindruck
von diesem Buch nicht zwiespältig, sondern
eindeutig: negativ!“
Die
erschreckenden Einzelheiten über das Schicksal
dieses Aufklärungsromans und seines Verfassers
erfuhr man 28 Jahre später, als Werner Heiduczek,
der 1995 mit dem Eichendorff-Preis der Stadt Wangen
im Allgäu und 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz
ausgezeichnet worden war, in Leipzig seine
Autobiografie „Im Schatten meiner Toten“ (2005)
veröffentlichte. Dieses Buch, in dessen erstem
Kapitel „So sterben Schmetterlinge“ er von seiner
Kindheit im katholischen Oberschlesien erzählt, ist
ein unersetzliches Zeugnis vom Überleben
ostdeutscher Kultur im 21. Jahrhundert.
Weitere Werke:
Matthes. Roman. Berlin 1962. - Die Brüder. Novelle.
Berlin 1968. – Mark Aurel oder Ein Semester
Zärtlichkeit. Erzählung. Berlin 1971. – Briefe, in:
Was zählt, ist die Wahrheit. Schriftstellerbriefe
der DDR. Anthologie. Halle 1975. – Reise nach
Beirut. Verfehlung. Erzählungen. Halle 1986. – Im
gewöhnlichen Stalinismus. Aufsätze. Leipzig 1991. –
Zahlreiche Kinderbücher, Dramen, Filme.
Lit.:
Carsten Wurm, Nachwort zum Roman „Tod am Meer“,
Neuausgabe, Leipzig 1995 (DDR-Bibliothek im Verlag
Faber & Faber, Bd. 2). – Reinhard Stridde (Hrsg.):
Werner Heiduczek zum 70. Geburtstag. Leipzig 1996.
Bild: Kulturstiftung der deutschen
Vertriebenen.
Jörg
B. Bilke