In der Wiege
von Otto
Heike, die
im Hause des
Gerbers
Friedrich
Heike in
Lodz stand,
lag kein
Patent für
den hohen
Aufstieg des
Söhnchens.
Er sollte
ganz aus
eigenen
Kräften
werden, was
er im
späteren
Leben
darstellte.
Ein
Selfmademan
im wahrsten
Sinne des in
Amerika
geprägten
Wortes! Doch
während in
den
amerikanischen
Staaten
diese
Bezeichnung
zumeist auf
Männer
angewandt
wird, die in
der
Wirtschaft
zu großen
Erfolgen
aufgestiegen
sind, so
handelt es
sich im
Falle Heikes
um einen
Mann
geistigen,
wissenschaftlichen
und
politischen
Gepräges.
Denn: was
konnte schon
eine
deutsch-russische
städtische
Volksschule
in Lodz dem
heranwachsenden
Jungen
gegeben
haben, wenn
diese Art
der
Schulbildung
bereits mit
dem
dreizehnten
Lebensjahr,
beim
Ausbruch des
Ersten
Weltkrieges,
beendet war.
Während
seiner
Lehrzeit als
Schriftsetzer
bei der
„Deutschen
Lodzer
Zeitung“ in
den Jahren
1915 bis
1919 nahm er
zusätzlich
an
Abendkursen
teil. 1920
begann für
den
19jährigen
die
Rekrutenzeit
beim
polnischen
Heer, die
durch die
Wirren des
bolschewistischen
Krieges bis
zum Dezember
1923
ausgedehnt
wurde.
Der wenig
privilegierte
junge Mann
suchte in
jenen Jahren
Schutz bei
der
Sozialdemokratie
und fand
1926 ein
Betätigungsfeld
als
Redakteur
bei der
„Deutschen
Volkszeitung“,
herausgegeben
von der
Deutschen
Sozialistischen
Arbeiterpartei
Polens (DSAP).
Fortbildungskurse
am Deutschen
Institut für
Zeitungskunde
in Berlin
Ende 1930
machten aus
Heike einen
gewandten
Journalisten,
der in der
Folgezeit
zum freien
Mitarbeiter
in einem
Pressebüro
für lokale
und
Wirtschaftsnachrichten
aufstieg.
Die seit
Jahren
betriebene
Sammlung von
Zeitschriften
und
Broschüren
führte ihn
zur
Heimatforschung,
und bereits
1927
erschien die
erste
größere
heimatgeschichtliche
Abhandlung
über Chojny
bei Lodz.
Sein
Forscherdrang
führte ihn
des weiteren
in das
Lodzer
Stadtarchiv,
die
Kirchenarchive
Mittelpolens
und das
Warschauer
Staatsarchiv.
Heimatkundliche
Beiträge
erschienen
unter dem
Pseudonym
Wilhelm
Friedrich in
der Lodzer
„Freien
Presse“, der
„Neuen
Lodzer
Zeitung“,
dem
„Volksfreund“,
in Kalendern
und anderen
Zeitschriften.
Im Januar
1939 wurde
Heike
Redakteur
bei der
„Neuen
Lodzer
Zeitung“.
In den
dreißiger
Jahren trat
Heike
energisch
für die
Belange der
deutschen
Schulen in
Mittelpolen
und
namentlich
in Lodz ein.
Etliche
seiner
öffentlichen
Auftritte,
sei es als
Pressemann
oder als
Parteiführer
(Heike
gehörte bis
1936 dem
engsten
Kreis der
DSAP um
Arthur
Kronig, Emil
Zerbe und
Gustav Ewald
an),
brachten ihm
Prozesse und
Gerichtsstrafen
ein.
Nach dem
Ausbruch des
Zweiten
Weltkrieges
und der
Einnahme von
Lodz durch
deutsche
Truppen
wurde Heike
mit der
Leitung des
Stadtarchivs
von
Lodz-Litzmannstadt
beauftragt.
In diese
Zeit fällt
die
Übernahme
des
Bischöflichen
Archivs und
des
Diözesanarchivs
der
römisch-katholischen
Kirche von
Lodz in das
Stadtarchiv,
was eine
Sicherstellung
dieser
Archivalien
bewirkte.
Gegen Ende
des Krieges,
gelang es
Otto Heike,
seine
Familie bis
Potsdam zu
bringen.
Dort wurde
er Leiter
des Amtes
für Presse
und
Statistik
beim
Landeskriminalpolizeiamt
der
Landesregierung.
Die zweite
Flucht
innerhalb
von zwei
Jahren
führte ihn
schließlich
aus der SBZ
in den
Westen
Deutschlands,
wo er zuerst
in Hannover,
dann 1948
bis 1954 in
Bonn als
Schriftleiter
der „Sopade“,
einer
Monatsschrift
im Auftrag
der SPD,
beim Verlag
des „Neuen
Vorwärts“
ein
Betätigungsfeld
fand.
Der
Öffentlichkeitsarbeit
seit den
zwanziger
Jahren eng
verhaftet,
beschränkte
sich Heike
schon in
Hannover
nicht auf
seine
berufliche
Tätigkeit
und trat in
der Zeit des
Koalitionsverbotes
für die
Vertriebenen
in das
Hilfskomitee
der
evangelisch-lutherischen
Deutschen
aus
Mittelpolen
ein. Als
dann das
Koalitionsverbot
fiel, wurde
er 1949
Mitbegründer
und
stellvertretender
Bundessprecher
der
Landsmannschaft
Weichsel-Warthe.
Am 1.
September
1956 wurde
Otto Heike
unter
Ernennung
zum
Regierungsrat
in das
Arbeits- und
Sozialministerium
von NRW
berufen.
Hier
eröffnete
sich ihm im
Referat für
kulturelle
Fragen der
Vertreibungsgebiete
ein breites
Arbeitsfeld.
Der Mann,
der schon
sein ganzes
Leben lang
für die
Pflege und
Erhaltung
deutschen
Kulturgutes
eingetreten
war, hatte
nun ex
officio die
Aufgabe
übertragen
bekommen, im
volkreichsten
Lande der
Bundesrepublik
die
ostdeutschen
Vertriebenen
in allen
ihren
Gruppen und
Organisationen
zu betreuen.
Die
Monatsschrift
„Der
Wegweiser“,
eine vom
Arbeits- und
Sozialministerium
des Landes
NRW
herausgegebene
Zeitschrift
für das
Vertriebenen-
und
Flüchtlingswesen,
hat Heike
redaktionell
mitgestaltet
und intensiv
gefördert.
Viele
Kulturhefte
der
Wegweiser-Schriftenreihe
sind seiner
Initiative
zu
verdanken.
Während
seiner
Tätigkeit im
Arbeits- und
Sozialministerium
erfolgte
1961 Heikes
Beförderung
zum
Oberregierungsrat.
Der
„Wegweiser“
bescheinigt
Heike, daß
er „sich
immer wieder
darum bemüht
hat,
möglichst
viele
Zeugnisse
ostdeutscher
Kulturleistungen
zu erhalten
und zu
sammeln, sie
dann aber
nicht nur
den
Vertriebenen
und
Flüchtlingen,
sondern vor
allem auch
der
einheimischen
Bevölkerung
sichtbar zu
machen.“ In
dieser
Richtung
setzte er
sich
nachhaltig
für den
Ausbau von
Patenschaften,
für eine
sachgemäße
Ausgestaltung
der
Heimatstuben,
Heimatmuseen
und
Heimatarchive
ein.
In
Anerkennung
seiner
Verdienste
beförderte
der Arbeits-
und
Sozialminister
von
Nordrhein-Westfalen
Otto Heike
im Jahre
1965 zum
Regierungsdirektor.
Ein für die
Deutschen
aus
Mittelpolen
und
Wolhynien
unvergängliches
Denkmal hat
sich Heike
durch den
Aufbau des
„Archivs der
Deutschen
aus
Mittelpolen
und
Wolhynien“
in
Mönchengladbach
geschaffen.
Es ist durch
archivarische
Kostbarkeiten,
aber auch
durch den
großen
Umfang an
Überliefertem,
das Heike
jahrzehntelang
gesammelt
hatte und
dem eine
große Anzahl
von
Landsleuten
sehr viel
beigesteuert
hatten, eine
Fundgrube
für
Heimatforscher
und
wissenschaftlich
arbeitende
Landsleute.
Auch die
Übernahme
der
Patenschaft
für die
Deutschen
aus dem
Lodzer
Industriegebiet
durch den
Rat der
Stadt
Mönchengladbach
am 18.
November
1963 ist der
Initiative
Otto Heikes
zu
verdanken.
Lit.:
115 Jahre
Kampf um die
deutsche
Schule in
Litzmannstadt,
1940. –
Neu-Schlesing.
Eine
deutsche
Leinenwebersiedlung
in
Litzmannstadt,
1940. – Die
erste Schule
in
Litzmannstadt,
1942. –
Pabianice.
Leben,
Leistung und
Schicksal
deutscher
Einwanderer
in einer
Textilstadt
Mittelpolens,
1965. –
Fundament
deutschen
Volkstums in
Polen. Zum
100.
Gründungstag
des
Deutschen
Lehrerseminars
in
Warschau/Lodz
1866–1966,
1966. –
Ozorkow.
Erste
Textilstadt
Polens. Das
Aufbauwerk
eingewanderter
deutscher
Tuchmacher
und Weber,
1967. –
Zgierz.
Ausgangspunkt
der
Textilindustrie
in den
Regierungsstädten
Polens. Die
Aufbauleistung
deutscher
Tuchmacher
in Zgierz,
1969.
Werke:
Die Provinz
Südpreußen.
Preußische
Aufbau- und
Verwaltungsarbeit
im Warthe-
und
Weichselgebiet
1793–1806,
Marburg
1953. – Das
Deutschtum
in Polen
1918–1939,
Bonn 1955. –
Das deutsche
Schulwesen
in
Mittelpolen,
Dortmund
1963. – Das
deutsche
Lehrerseminar
in
Mittelpolen,
Troisdorf
1963. – Die
Aufbauleistung
rheinischer
Textilpioniere
in
Mittelpolen,
Neuss 1964.
– Die
deutsche
Arbeiterbewegung
in Polen
1835–1945,
Dortmund
1969. –
Aufbau und
Entwicklung
der Lodzer
Textilindustrie,
Mönchengladbach
1971. – 150
Jahre
Schwabensiedlungen
in Polen
1795–1945,
Leverkusen
1979. – Die
deutsche
Minderheit
in Polen bis
1939,
Leverkusen
1985. –
Leben im
deutsch-polnischen
Spannungsfeld.
Erinnerungen
eines
deutschen
Journalisten
aus Lodz,
Essen 1989.
Bild:
Archiv der
Deutschen
aus
Mittelpolen
und
Wolhynien,
Mönchengladbach.
Edmund
Effenberger