Name Geburtstag Todestag    Region        Beruf       OGT Aktuelle Gedenktage
 
Anfang
OnlineShop
Impressum
Kontakt
Gästebuch


Kulturstiftung
der deutschen
Vertriebenen

 

 

 

Heilfurth

Gerhard

Volkskundler

* 11.7.1909, Schneeberg (Erzgebirge)

† 11.3.2006, Marburg/Lahn


                                                             

 

Die deutsche Volkskunde hatte es nach 1945 besonders schwer, sich wieder als wissenschaftliche Disziplin zu formieren. Verspieltes Ansehen war zurückzugewinnen und eine Orientierungslosigkeit im Fach selbst zu überwinden, und daß beides gelang, ist ein Verdienst von Persönlichkeiten, in deren vorderster Linie Gerhard Heilfurth wirkte. Er prägte die Nachkriegsgeschichte der Volkskunde entscheidend mit: als Wissenschaftler wie als Organisator, der an der Universität Marburg eines der führenden Institute seines Faches ins Leben rief und darüber hinaus die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde begründete.

Gerhard Heilfurth wurde in Schneeberg-Neustädtel geboren und entstammt einer erzgebirgischen Bergmanns-, Handwerker- und Pfarrersfamilie. Er studierte in Heidelberg, Palermo und Leipzig, wo er 1935 bei Theodor Frings mit einer Arbeit über das Liedgut der Bergleute im Erzgebirge beiderseits der böhmischen Grenze promovierte. Danach war er wissenschaftlicher Assistent in Freiburg i. Br. und Leipzig. Zusätzlich übernahm er einen Forschungsauftrag des Ruhrbergbaus „zur Herausarbeitung der Schlüsselstellung des Bergbaus im Prozeß der Zivilisation“. Erste gewichtige Veröffentlichungen erschienen, darunter 1937 auch ein Buch über den erzgebirgischen Volkssänger Anton Günther aus Gottesgab (Sudetenland), das wiederholt nachgedruckt werden mußte (8. Auflage 1981). Der Krieg unterbrach jedoch die wissenschaftliche Laufbahn. 1940 wurde Heilfurth eingezogen und die Habilitation ab der Universität Leipzig mußte 1943 während eines Fronturlaubs erfolgen.

Nach der Rückkehr aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft sah sich Heilfurth zunächst mehr als sozialer Praktiker denn als Kultur- und Sozialwissenschaftler gefordert. Zusammen mit alten Freunden gründete er 1946 das „Jugendaufbauwerk“ zur Resoziasierung gefährdeter Jugendlicher und fungierte bis 1949 als dessen 1. Vorsitzender. 1949 wechselte er als Studienleiter an die Evangelische Sozialakademie in Friedewald über, wurde 1954 Direktor dieser Institution und prägte wesentlich deren Arbeit. Eine außerplanmäßige Professur für Soziologie und Volkskunde an der Universität Gießen kam 1956 hinzu. 1959 erreichte ihn dann ein Ruf auf den neugeschaffenen Lehrstuhl für Volkskunde an der Universität Marburg.

Dieser Berufung folgte der Aufbau eines eigenen Forschungsinstituts: des von Universität, Land, Bund und Deutscher Forschungsgemeinschaft geförderten „Instituts für mitteleuropäische Volksforschung“ mit Schwerpunkt Ostmitteleuropa. Schon der Name war Programm, denn hier sollte es nun – in Abkehr von der ethnozentristischen und bisweilen recht wirklichkeitsfernen Betrachtungsweise der älteren Volkskunde – um eine übernational verlgeichende Ethnologie mit sozialwissenschaftlicher Fundierung gehen: um eine „Volkskunde jenseits der Ideologien“ (so der Titel Heilfurths vielbeachteter Antrittsvorlesung 1961) und eine Wissenschaft zur Erforschung der Kulturprozesse, die im Spannungsfeld zwischen Ost und West das Leben der Mittel- und Unterschichten bestimmt hatten und bestimmten. In dieses Konzept sich auch Heilfurths Studien zur Kultur des Bergbaus ein. Sie wurden jetzt (mit der Hilfe zahlreicher Mitarbeiter) systematisch intensiviert und auf eine breite Dokumentationsgrundlage gestellt. Die Herausgabe exemplarischer Untersuchungen und Texteditionen schloß sich an. Theoretische Studien galten dazu der Arbeit als kulturanthropologischem Problem: vertiefend behandelt auf dem Deutschen Volkskundekongreß 1965 im Marburg, den Heilfurth mit internationaler Beteiligung organisierte und zum themengebundenen Fachkongreß der deutschen Nachkriegsvolkskunde machte.

Schon 1961 hatte Heilfurth die Leitung des Verbandes der deutschen Vereine für Volkskunde mitübernommen, und mit organisatorischem Geschick wandelte er diesen Verband in eine wissenschaftliche Gesellschaft mit persönlichen (auch studentischen) Mitgliedern und aktualisierten Zielvorgaben um: in die Deutsche Gesellschaft für Volkskunde, deren Vorsitz er bis 1969 innehatte. Mitte der 1970er Jahre wurde Heilfurth emeritiert, blieb jedoch der Gesellschaft, dem Marburger Institut und der Wissenschaft eng verbunden: aktiv und produktiv wie je, wovon bedeutende Buchveröffentlichungen zeugen. Auch war Gerhard Heilfurth – Träger des Großen Bundesverdienstkreuzes und anderer Auszeichnungen – noch lehrend und als geschätzter Gastvortragender im In- und Ausland tätig, und er ließ es sich auch nicht nehmen, jährlich eine oder mehrere Studienreisen in Nachbarländer, besonders in die östlichen Länder Europas oder sogar nach Übersee zu unternehmen.

1963 wurde er für das Fachgebiet Vergleichende Ethnologie als Ordentliches Mitglied in den Johann Gottfried Herder-Forschungsrat berufen.

Werke: Neustädtel und seine Bergbaulandschaft, Dresden 1935. – Anton Günther Schwarzenberg 1937 (8. Aufl. 1981). – Jugend ohne Geborgenheit, Berlin 1951 (3. Aufl. 1952). – Das Bergmannslied. Wesen, Leben, Funktion, Kassel und Basel 1954. – Glückauf! Geschichte, Bedeutung und Sozialkraft des Bergmannsgrußes Essen 1958. – Das Heilige und die Welt der Arbeit, Marburg 1963. – Bergbau und Bergmann in der deutschsprachigen Sagenüberlieferung Mitteleuropas, Marburg 1967. – Das Montanwesen als Wegbereiter im sozialen und kulturellen Aufbau der Industriegesellschaft, Wien 1972. – Der Bergbau und seine Kultur, Zürich und Freiburg i. Br. 1981. – Bergbaukultur m Südtirol, Bozen 1984.

Lit.: Bernhard Martin, Gerhard Heilfurth – Leben und Werk, in: Hessische Blätter für Volkskunde 64/65 (1974), S. 1-8. – Willi Tschiedert, Prof. Dr. Gerhard Heilfurth zum 70. Geburtstag, in: Die Mitarbeit 28 (1979), S. 101-196. – Peter Assion, Gerhard Heilfurth 75 Jahre, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, NF 17 (1985), S. 230-231.

Peter Assion

nach oben