Die deutsche
Volkskunde
hatte es
nach 1945
besonders
schwer, sich
wieder als
wissenschaftliche
Disziplin zu
formieren.
Verspieltes
Ansehen war
zurückzugewinnen
und eine
Orientierungslosigkeit
im Fach
selbst zu
überwinden,
und daß
beides
gelang, ist
ein
Verdienst
von
Persönlichkeiten,
in deren
vorderster
Linie
Gerhard
Heilfurth
wirkte. Er
prägte die
Nachkriegsgeschichte
der
Volkskunde
entscheidend
mit: als
Wissenschaftler
wie als
Organisator,
der an der
Universität
Marburg
eines der
führenden
Institute
seines
Faches ins
Leben rief
und darüber
hinaus die
Deutsche
Gesellschaft
für
Volkskunde
begründete.
Gerhard
Heilfurth
wurde in
Schneeberg-Neustädtel
geboren und
entstammt
einer
erzgebirgischen
Bergmanns-,
Handwerker-
und
Pfarrersfamilie.
Er studierte
in
Heidelberg,
Palermo und
Leipzig, wo
er 1935 bei
Theodor
Frings mit
einer Arbeit
über das
Liedgut der
Bergleute im
Erzgebirge
beiderseits
der
böhmischen
Grenze
promovierte.
Danach war
er
wissenschaftlicher
Assistent in
Freiburg i.
Br. und
Leipzig.
Zusätzlich
übernahm er
einen
Forschungsauftrag
des
Ruhrbergbaus
„zur
Herausarbeitung
der
Schlüsselstellung
des Bergbaus
im Prozeß
der
Zivilisation“.
Erste
gewichtige
Veröffentlichungen
erschienen,
darunter
1937 auch
ein Buch
über den
erzgebirgischen
Volkssänger
Anton
Günther aus
Gottesgab
(Sudetenland),
das
wiederholt
nachgedruckt
werden mußte
(8. Auflage
1981). Der
Krieg
unterbrach
jedoch die
wissenschaftliche
Laufbahn.
1940 wurde
Heilfurth
eingezogen
und die
Habilitation
ab der
Universität
Leipzig
mußte 1943
während
eines
Fronturlaubs
erfolgen.
Nach
der Rückkehr
aus
amerikanischer
Kriegsgefangenschaft
sah sich
Heilfurth
zunächst
mehr als
sozialer
Praktiker
denn als
Kultur- und
Sozialwissenschaftler
gefordert.
Zusammen mit
alten
Freunden
gründete er
1946 das
„Jugendaufbauwerk“
zur
Resoziasierung
gefährdeter
Jugendlicher
und
fungierte
bis 1949 als
dessen 1.
Vorsitzender.
1949
wechselte er
als
Studienleiter
an die
Evangelische
Sozialakademie
in
Friedewald
über, wurde
1954
Direktor
dieser
Institution
und prägte
wesentlich
deren
Arbeit. Eine
außerplanmäßige
Professur
für
Soziologie
und
Volkskunde
an der
Universität
Gießen kam
1956 hinzu.
1959
erreichte
ihn dann ein
Ruf auf den
neugeschaffenen
Lehrstuhl
für
Volkskunde
an der
Universität
Marburg.
Dieser
Berufung
folgte der
Aufbau eines
eigenen
Forschungsinstituts:
des von
Universität,
Land, Bund
und
Deutscher
Forschungsgemeinschaft
geförderten
„Instituts
für
mitteleuropäische
Volksforschung“
mit
Schwerpunkt
Ostmitteleuropa.
Schon der
Name war
Programm,
denn hier
sollte es
nun – in
Abkehr von
der
ethnozentristischen
und
bisweilen
recht
wirklichkeitsfernen
Betrachtungsweise
der älteren
Volkskunde –
um eine
übernational
verlgeichende
Ethnologie
mit
sozialwissenschaftlicher
Fundierung
gehen: um
eine
„Volkskunde
jenseits der
Ideologien“
(so der
Titel
Heilfurths
vielbeachteter
Antrittsvorlesung
1961) und
eine
Wissenschaft
zur
Erforschung
der
Kulturprozesse,
die im
Spannungsfeld
zwischen Ost
und West das
Leben der
Mittel- und
Unterschichten
bestimmt
hatten und
bestimmten.
In dieses
Konzept sich
auch
Heilfurths
Studien zur
Kultur des
Bergbaus
ein. Sie
wurden jetzt
(mit der
Hilfe
zahlreicher
Mitarbeiter)
systematisch
intensiviert
und auf eine
breite
Dokumentationsgrundlage
gestellt.
Die
Herausgabe
exemplarischer
Untersuchungen
und
Texteditionen
schloß sich
an.
Theoretische
Studien
galten dazu
der Arbeit
als
kulturanthropologischem
Problem:
vertiefend
behandelt
auf dem
Deutschen
Volkskundekongreß
1965 im
Marburg, den
Heilfurth
mit
internationaler
Beteiligung
organisierte
und zum
themengebundenen
Fachkongreß
der
deutschen
Nachkriegsvolkskunde
machte.
Schon 1961
hatte
Heilfurth
die Leitung
des
Verbandes
der
deutschen
Vereine für
Volkskunde
mitübernommen,
und mit
organisatorischem
Geschick
wandelte er
diesen
Verband in
eine
wissenschaftliche
Gesellschaft
mit
persönlichen
(auch
studentischen)
Mitgliedern
und
aktualisierten
Zielvorgaben
um: in die
Deutsche
Gesellschaft
für
Volkskunde,
deren
Vorsitz er
bis 1969
innehatte.
Mitte der
1970er Jahre
wurde
Heilfurth
emeritiert,
blieb jedoch
der
Gesellschaft,
dem
Marburger
Institut und
der
Wissenschaft
eng
verbunden:
aktiv und
produktiv
wie je,
wovon
bedeutende
Buchveröffentlichungen
zeugen. Auch
war Gerhard
Heilfurth –
Träger des
Großen
Bundesverdienstkreuzes
und anderer
Auszeichnungen
– noch
lehrend und
als
geschätzter
Gastvortragender
im In- und
Ausland
tätig, und
er ließ es
sich auch
nicht
nehmen,
jährlich
eine oder
mehrere
Studienreisen
in
Nachbarländer,
besonders in
die
östlichen
Länder
Europas oder
sogar nach
Übersee zu
unternehmen.
1963 wurde
er für das
Fachgebiet
Vergleichende
Ethnologie
als
Ordentliches
Mitglied in
den Johann
Gottfried
Herder-Forschungsrat
berufen.
Werke:
Neustädtel
und seine
Bergbaulandschaft,
Dresden
1935. –
Anton
Günther
Schwarzenberg
1937 (8.
Aufl. 1981).
– Jugend
ohne
Geborgenheit,
Berlin 1951
(3. Aufl.
1952). – Das
Bergmannslied.
Wesen,
Leben,
Funktion,
Kassel und
Basel 1954.
– Glückauf!
Geschichte,
Bedeutung
und
Sozialkraft
des
Bergmannsgrußes
Essen 1958.
– Das
Heilige und
die Welt der
Arbeit,
Marburg
1963. –
Bergbau und
Bergmann in
der
deutschsprachigen
Sagenüberlieferung
Mitteleuropas,
Marburg
1967. – Das
Montanwesen
als
Wegbereiter
im sozialen
und
kulturellen
Aufbau der
Industriegesellschaft,
Wien 1972. –
Der Bergbau
und seine
Kultur,
Zürich und
Freiburg i.
Br. 1981. –
Bergbaukultur
m Südtirol,
Bozen 1984.
Lit.:
Bernhard
Martin,
Gerhard
Heilfurth –
Leben und
Werk, in:
Hessische
Blätter für
Volkskunde
64/65
(1974), S.
1-8. – Willi
Tschiedert,
Prof. Dr.
Gerhard
Heilfurth
zum 70.
Geburtstag,
in: Die
Mitarbeit 28
(1979), S.
101-196. –
Peter Assion,
Gerhard
Heilfurth 75
Jahre, in:
Hessische
Blätter für
Volks- und
Kulturforschung,
NF 17
(1985), S.
230-231.
Peter Assion