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Die Forschung wie die kulturelle Öffentlichkeit haben Person und Werk
Kurt Heynickes bislang immer nur punktuell wahrgenommen. Wir besitzen
bis dato nicht einmal eine zuverlässig registrierende Bestandsaufnahme
seines umfangreichen Oeuvres; ganz zu schweigen von einer halbwegs
adäquaten Darstellung auch nur von Teilen seiner Dichtung. Dabei sind
den Aktivitäten wie den Abstandnahmen dieses 93 Jahre währenden Lebens
interessante Aufschlüsse zu entnehmen. Schon Herkunft und beruflicher
Werdegang heben sich augenfällig von den Lebensläufen der meisten
namhaften Expressionisten ab, denen Heynicke üblicherweise zugezählt
wird. Im Unterschied zu Benn, Heym, Stramm, van Hoddis oder Stadler
stammt Heynicke aus einer Arbeiterfamilie, weist keine akademische
Ausbildung auf und schlägt sich zunächst als kaufmännischer Angestellter
durch. (Wie prekär die Situation der Angestellten damals war, wissen wir
aus der gleichnamigen, 1929 erschienenen Studie Siegfried Kracauers.)
Den Ersten Weltkrieg erlebt er in seiner vollen Länge an der Front.
Diese vier Soldatenjahre hinterlassen eine nachhaltige, nicht zum
wenigsten in den ersten Lyrikbüchern unmißverständlich durchschlagende
Wirkung. Nach dem Krieg wechselt Heynicke nach Düsseldorf zur Bühne.
Seit 1923 versucht er sich hier – Autodidakt wie eh und je – im Fach des
Dramaturgen, von 1926 bis 1928 auch als Spielleiter. Ab 1932 arbeitet
er in Berlin, der unbestrittenen Medienmetropole der Zwischenkriegszeit,
für Rundfunk und Film, auch als Drehbuchautor der Ufa. Von 1943 bis zu
seinem Tode 1985 lebt Kurt Heynicke als freier Schridtsteller im
südbadischen Merzhausen bei Freiburg. (Geehrt mit dem Hörspielpreis des
Süddeutschen Rundfunks, 1952; dem Schleussner-Schüller-Preis des
Hessischen Rundfunks, 1958; dem Reinhold-Schneider-Preis, 1968; dem
Andreas-Gryphius-Preis, 1970; dem Eichendorff-Literaturpreis, 1973; und
dem Professorentitel des Landes Baden-Württemberg, 1974).
Bei aller noch ausstehenden Bewertung des Gesamtwerks Kurt Heynickes ist
kaum zu erwarten, daß die Mindereinschätzung seines Prosaschaffens oder
der zahlreichen Hörspiele gegenüber seiner Lyrik je korrigiert werden
müßte. Sie ist auch am besten ediert in der dreibändigen Gesamtausgabe
von 1974 (Das lyrische Werk). Wie charakteristisch für
expressionistisches Selbstverständnis die frühe Lyrik Heynickes von
maßgeblichen Repräsentanten der Zeit eingeschätzt wurde, zeigt die
Aufnahme von zwölf Gedichten in Kurt Pinthus' berühmte Anthologie
Menschheitsdämmerung von 1919. Die Weichen für den jungen Lyriker
hatte jedoch Herwarth Waiden gestellt, der den noch Unbekannten einige
Jahre zuvor unter seine Jünger um die erste große expressionistische
Zeitschrift Der Sturm nahm. Eine ausgesprochene „Entdeckung“ wie
August Stramm, der Waldens Wortkunst-Theorie auf anspruchsvollem Niveau
verwirklichte, war Kurt Heynicke wohl nicht. Doch darf er daneben,
zusammen mit Kurt Schwitters, als bemerkenswertester Vertreter der von
Stramm beispielhaft repräsentierten neuen Wortkunst gelten. Die (in der
ersten Jahrhunderthälfte wichtigste) Bestätigung seines dichterischen
Ranges erfolgt bereits 1919 mit der Verleihung des Kleist-Preises für
seinen dritten Gedichtband Das namenlose Angesicht. Die bis ins
hohe Alter anhaltende Lyrik-Produktion gibt zentrale Positionen der
frühen Zeit nicht auf, wovon man sich im letzten, 1969 veröffentlichten
Gedichtband Alle Finsternisse sind schlafendes Licht überzeugen
kann. Dort heißt es: „In die Paradiese der Selbstsucht bricht Liebe
ein.“ Heynickes Besonderheit innerhalb der Literaturgeschichte des 20.
Jahrhunderts liegt nicht zum wenigsten darin, daß er die im
Expressionismus vehement aufgebrochenen Anstrengungen, Güte und Liebe
als das eigentlich Menschliche im Menschen freizulegen, bis ins achte
Jahrzehnt dieses Jahrhunderts weitergeführt hat. Es ist allerdings nicht
leicht, seine Anschauungen von Menschheit und Menschlichkeit zu orten.
Doch ist zumindest anthroposophischer Einfluß unverkennbar. In Heynickes
erstem Drama Der Kreis. Ein Spiel über den Sinnen (1920) finden
sich deutliche Spuren von Rudolf Steiners Denken. Noch ausführlicher
artikuliert Heynicke seine diesbezüglichen Vorstellungen in der Schrift
Der Weg zum Ich. Die Eroberung der inneren Welt (1922). Wenn sich
Heynicke 1935 mit zwei Stücken (Neurode und Der Weg ins Reich)
an der massenweise produzierten Volkstheatergattung des Thingspiels
beteiligt, sind nicht zuletzt solche Aspekte kollektiven Glücks von und
in Volk und Gemeinschaft mit im Spiele. Eine alles in allem unter den
bestehenden und sich rapide verschärfenden Verhältnissen eher
unpolitische Position. Es scheint so, als habe Heynicke vor dem sich
immer eindeutiger formierenden Nazi-Regime eine Ausweichmöglichkeit in
der Gattung des anspruchsvolleren Unterhaltungsromans gesehen.
Jedenfalls erscheinen ab 1938 in rascher Folge vor allem
heiter-humoristische Romane, die große Publikumserfolge werden. Etwa
Herz, wo liegst du im Quartier? (1938) oder Rosen blühen auch im
Herbst (1942). Am Beispiel solcher Texte lassen sich aufschlußreiche
Einsichten in die Funktion von Unterhaltung in bedrückender Zeit
gewinnen. Der Autor selbst, den man nicht ohne gediegene Text- und
Kontextkenntnisse wohin auch immer „einordnen“ sollte, ist in der
unmittelbaren Nachkriegszeit wie auch in den fast vier Jahrzehnten der
Bundesrepublik, die er miterlebte, völlig unauffällig geblieben. Neue
literarische Formen sind nicht mehr in sein Blickfeld getreten. Der
Sicherheit, die Walter Jens in seinem Glückwunschschreiben zum 90.
Geburtstag Kurt Heynickes im Blick auf den P.E.N.-Club beseelte, wird
man heute wohl mit leisen Zweifeln begegnen dürfen: „gewiß kein
einziger, der nicht zumindest ein Gedicht, ein Spiel,
einen Roman von Ihnen kennte“.
Lit.:
Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch.
Begründet von Wilhelm Kosen. Dritte, völlig neu bearbeitete Auflage.
Band 7, Bern, München 1979, Sp.1140f. – Hier nicht verzeichnete Werke:
Frau im Haus. Lustspiel in drei Aufzügen. Berlin 1937; Die Partei der
Anständigen. Das Lächeln der Apostel. Hörspiele. Worms 1968. – Fraunz
Lennartz: Deutsche Schriftsteller des 20. Jahrhunderts im Spiegel der
Kritik. Stuttgart 1984, Bd. II, S. 750ff.; Johannes Klein: Heynicke. In:
Herbert Wiesner (Hg.): Lexikon der deutschsprachigen
Gegenwartsliteratur. München 1981, S. 217ff.; Walter Dimter: Kurt
Heynicke. In: Karl-Heinz Habersetzer (Hg.): Deutsche Schriftsteller im
Porträt 6. München 1984, S. 78f.; Ulrich Keicher/Werner F. Bonin (Hg.):
Alles Gelebte ist Leihgab. Kurt Heynicke zum neunzigsten Geburtstag.
Leonberg o.J. (1981).
Bild:
Foto Bulmer, Wangen/Allgäu
Walter Dimter
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