Im Jahre
1992
siedelte der
damals
55-jährige
russlanddeutsche
Autor Viktor
Heinz –
ernüchtert
vom
Perestrojka-Traum
einer neuen
Autonomie
der
Russlanddeutschen
an der Wolga
– in die
Bundesrepublik
Deutschland
über. Im
selben Jahr
noch war
seine
Theatertrilogie
Auf den
Wogen der
Jahrhunderte,
Menschen und
Schicksale
und
Jahre der
Hoffnung
über das
mehr als 200
Jahre alte
Schicksal
der
Russlanddeutschen
seit ihrer
Ansiedlung
durch
Katharina
die Große
bis zur
Vernichtung
der
Autonomen
Republik der
Wolgadeutschen
1941 durch
Stalin im
Deutschen
Theater von
Alma Ata,
der
Hauptstadt
Kasachstans,
aufgeführt
worden. Wie
einst die
Besucher der
Premiere von
Schillers
Räubern,
die sich die
weinend in
die Arme
fielen,
reagierten
auch die
Besucher
dieser
Aufführung,
als sie zum
ersten Mal
ihr schweres
Schicksal
von Heinz
dichterisch
gestaltet
auf den
Brettern
sahen, die
für sie nun
im wahrsten
Sinne des
Wortes „die
Welt
bedeuteten“.
Dieser
Ausnahmeleistung
der
osteuropäischen
deutschsprachigen
Dramatik –
weder die
Ungarn- noch
die
Rumäniendeutschen
haben etwas
diesem
Ebenbürtiges,
trotz
einiger
beachtlicher
Versuche
etwa des
Banaters
Hans Kehrer
mit dem
Drama
Versunkene
Äcker,
aufzuweisen
– folgte
nach fünf
Jahren des
Aufenthalts
in der neuen
Heimat
Deutschland
der Roman
In der
Sackgassse.
Er ist
Viktor
Heinz’
bisher
umfangreichste,
am weitesten
gespannte
und
ehrgeizigste
Prosaarbeit.
Mit der
Gestalt des
Willi
Werner,
gewissermaßen
eines alter
ego des
Autors,
versucht
Heinz, eine
Summe des
Lebens in
der alten
Heimat zu
ziehen.
Dabei
benutzt er
für
russlanddeutsche
Autoren noch
wenig
gebräuchliche
Techniken,
wie
Rückblenden
und innere
Monologe.
Sein
Hauptheld
liegt im
Krankenhaus
und sieht
sich durch
diesen
Umstand
veranlasst,
über seinen
bisherigen
Werdegang
vor sich
selbst
Rechenschaft
abzulegen.
Die
stärksten
Passagen des
Buches
bilden die
Erinnerungen
an die
Kindheit:
ein
russlanddeutsches
Kinderschicksal
in der
Verbannung,
ohne Eltern,
ganz auf die
Großeltern
angewiesen –
ein Thema,
das auch von
anderen
russlanddeutschen
Autoren wie
Hugo
Wormsbecher
in Unser
Hof oder
Robert Weber
in Reise
in die
Erinnerung
sowie von
ihm selbst
in Wo
bist du
Vater?!
behandelt
wird. Es
gelingt
Heinz, diese
schwierige
Zeit
atmosphärisch
dicht und
bei aller
Tragik
stellenweise
mit Humor
durchzogen
dem Leser
vor Augen zu
führen.
In den
Schicksalen
und vor
allem in den
Begegnungen
des
Romanhelden
Willi Werner
mit realen
Persönlichkeiten
spiegeln
sich die
Stationen
des
Lebenswegs
von Viktor
Heinz. Im
Ort
Nowoskatowska
im Gebiet
Omsk als
Sohn eines
Dorfschullehrers
geboren,
wurden er
und seine
vier
Geschwister,
da die
Eltern in
einem
Arbeitslager
interniert
waren, der
kränkelnden
Großmutter
überlassen,
der es
gelang, die
Kinder über
die schwere
Kriegszeit
zu retten.
Nach dem
Abitur 1955
nahm Viktor
Heinz 1959
ein Studium
an der
Pädagogischen
Hochschule
Nowosibirsk
auf. Dort
beeindruckte
ihn Boris
Brainin,
Dichtername
Sepp
Österreicher,
ein Autor
jüdisch-österreichischer
Herkunft,
der nach der
Machtergreifung
der
Nationalsozialisten
Zuflucht in
Stalins
Sowjetunion
gesucht
hatte und
gleichwohl
als
Deutscher
für zehn
Jahre in
Lagerhaft
kam.
Rehabilitiert
durfte
Brainin
später für
russlanddeutsche
Periodika
arbeiten.
Prägend
wurde für
Viktor Heinz
in
Nowosibirsk
aber
insbesondere
die
Begegnung
mit Viktor
Klein, dem
Lehrstuhlinhaber
für deutsche
Sprache und
Literatur,
der das
literarische
Talent des
Studenten
erkannte und
ihn
entscheidend
förderte.
Viktor Klein
war für die
russlanddeutsche
Kultur
wegweisend,
indem er
jungen
Autoren Mut
machte,
trotz aller
Widrigkeiten
deutsch zu
schreiben
und ihre
Werke auch
zu
veröffentlichen,
um so nach
Jahrzehnten
des
Schweigens
wieder eine
deutschsprachige
literarische
Öffentlichkeit
herzustellen.
Er lehrte
daher die
deutsche
Sprache und
Literatur
unter
aktuellen
Gesichtspunkten
und betonte
immer
wieder, dass
deutsch die
Sprache von
Goethe,
Schiller,
Heine und
Karl Marx –
ohne den nun
einmal im
damaligen
sowjetischen
System
nichts ging
– und sie
von den
Nationalsozialisten
lediglich
missbraucht
und verhunzt
worden sei.
Um die
Sprache
wieder in
ihrer alten
Pracht
erstrahlen
zu lassen,
griff Viktor
Klein auf
das deutsche
Volkslied
zurück, das
bei den
Russlanddeutschen
der älteren
Generation
noch
lebendig
geblieben
war. Klein
schrieb auch
selbst,
obwohl meist
für die
Schublade,
da er auf
bessere
Zeiten
wartete, die
er indes
nicht mehr
erleben
sollte, da
er 1975
starb. Dem
Psychoterror
der Verhöre
nicht mehr
gewachsen,
verbrannte
damals die
Witwe Kleins
die
Manuskripte
von dessen
beiden
letzten, das
Schicksal
der
Russlanddeutschen
in der
Verbannung
behandelnden
Romanen. Nur
ein Kapitel,
Der
letzte
Grabhügel,
konnte
gerettet und
später als
eigenständige
Erzählung
publiziert
werden.
Seine
Schüler
errichteten
ihm in
Nowosibirsk
– wohl ein
einmaliger
Vorgang –
ein Denkmal.
Dem Vorbild
von Viktor
Klein sollte
Viktor Heinz
in seinem
weiteren
Leben und
Wirken
verpflichtet
sein. Nach
Abschluss
des
germanistischen
Studiums in
Nowosibirsk
1963 ging er
als Dozent
an das
Pädagogische
Institut in
Omsk. Dort
wurde er
1971 mit
einer
Dissertation
zum Thema
Das
Lautsystem
der
oberhessischen
Mundarten im
Gebiet Omsk
promoviert.
1974 erhielt
er den Ruf
an die
Pädagogische
Hochschule
in
Petropawlowsk
in
Nordkasachstan,
wo er als
Inhaber des
Lehrstuhls
für
Fremdsprachen
tätig sein
sollte. 1984
wechselte er
in die
Literaturredaktion
der
russlanddeutschen
Zeitschrift
Freundschaft
in Alma Ata,
arbeitete
zudem als
Redakteur
der
Literaturseite
der
Wochenzeitung
„Deutsche
Allgemeine“.
Heinz, der
als
Verfasser
lyrischer,
erzählerischer
und
dramatischer
Werke
den
russlanddeutschen
Lesern
bekannt war,
widmete sich
aber auch
weiterhin
intensiv der
Förderung
junger
literarischer
Talente.
Mit Willi
Werner, dem
Helden des
Romans In
der
Sackgasse,
zieht Viktor
Heinz selbst
eine
nüchterne
Bilanz
seiner
Tätigkeit in
der
Sowjetunion:
Zwar war er
innerlich
gegen vieles
im System
eingestellt,
hat er sich
gelegentlich
auch aus
manchem
heraushalten
können, doch
offenkundigen
Widerstand
hat er nicht
geleistet.
So endet
dieser
großangelegte
Schicksalsroman
über die
Russlanddeutschen
der
Vorwendezeit
letztlich
selbstkritisch
und
glaubwürdig.
Hier liegen
vielleicht
die Chancen
der
russlanddeutschen
Literatur,
die
Komplexität
der
Verhältnisse
nicht zu
vereinfachen
und sich auf
eine
allgemeine
Opferhaltung
zurückzuziehen,
sondern im
ehrlichen
Eingeständnis
der mehr
oder minder
starken
Verstrickung
in die
Mechanismen
eines
totalitären
Regimes mit
einem
perfektionierten
Überwachungsapparat.
Der
wichtigen
Aufgabe der
Fortentwicklung
der
russlanddeutschen
Literatur
und
insbesondere
der
Förderung
junger
Autoren
blieb Heinz
nach der
Ausreise
1992 auch in
seiner neuen
Wirkungsstätte
in Göttingen
verpflichtet.
Gemeinsam
mit Agnes
Giesbrecht
und zwölf
weiteren
Autoren
gründete er
1995 den
Literaturkreis
der
Deutschen
aus Russland,
der heute
ca. 90
Mitglieder
zählt und
ihn
anlässlich
des 70.
Geburtstages
im Jahre
2007 zum
Ehrenmitglied
ernannte.
Als
treusorgend,
solide und
umgänglich
wird von
seinen
Schülern und
Freunden der
„Vater
der
russlanddeutschen
Autoren“
geschildert.
Im Jahre
2002 wurde
Viktor Heinz
für seine in
Deutschland
und Russland
veröffentlichten,
in
besonderer
Weise die
Befindlichkeiten
der
Russlanddeutschen
wiedergebenden
literarischen
Werke die
Ehrengabe
des
Russlanddeutschen
Literaturpreises
überreicht.
Werke
(in
Auswahl):
Auf den
Wogen der
Jahrhunderte
(Theatertrilogie
für das
Deutsche
Theater
Alma-Ata),
Verlag
Raduga,
Moskau 1993.
– In der
Sackgasse
(Roman),
herausgegeben
von der
Landsmannschaft
der
Deutschen
aus Russland
1996. – Der
brennende
See (Roman),
Verlag
BMV-Burau
2001. –
Zarte
Radieschen
und anderes
Gemüse
(Erzählungen),
Verlag
BMV-Burau
2002.
Bild:
Privatarchiv
des Autors.
Ingmar
Brantsch