Bernhard
Heisig wuchs zwar in seinen ersten fast acht Jahren noch in der
Weimarer Republik auf, aber diese Republik hatte zum
Reichspräsidenten und Staatsoberhaupt bereits nicht mehr einen
Republikaner wie Friedrich Ebert, der erste Reichspräsident, einer
gewesen war, gewählt, sondern den Feldmarschall des Weltkrieges,
Paul von Hindenburg, einen Ersatzmonarchen. Der Vater Bernhards war
Maler, aber konnte von diesem Beruf die Familie nicht
ernähren, so daß er andere Tätigkeiten ergreifen mußte, mit der
Folge, daß er von einem Baugerüst stürzte und 1941 starb. Die Mutter
brachte als Arbeiterin in einer chemischen Reinigung das notwendige
Geld ins Haus. Geschwisterlos wuchs Bernhard Heisig auf. Sein
Lebenslauf ist dadurch gekennzeichnet, daß er zwei Diktaturen erlebt
hat, zuerst die nationalsozialistische unter Adolf Hitler und dann
seit 1946 die kommunistische unter Walter Ulbricht und Erich
Honecker. Es wäre eine Falschbehauptung, wollte man erklären, daß er
die beiden Diktaturen habe erleiden müssen. Richtig ist vielmehr,
daß er zum einen ein begeisterter, wenn nicht sogar fanatischer
Angehöriger der Hitler-Jugend gewesen ist, daß er zum anderen seine
Mitgliedschaft in der kommunistischen Staatspartei (bis 1989)
aus freien Stücken vollzog und sich über die Maßen engagiert hat.
Mit 16
Jahren und der Mittleren Reife belegte er, um
Gebrauchsgrafiker zu werden, zwei Semester an der
Kunstgewerbeschule, jetzt Meisterschule des Deutschen Handwerks
genannt, und meldete sich in diesem Jahr 1941 freiwillig für den
Kriegsdienst an. 1942 wurde er auf seinen Wunsch zur Panzertruppe
nach einem Vorlauf im Arbeitsdienst eingezogen. Mit der
SS-Panzerdivision „Hitler-Jugend“ ist er in den Krieg gezogen. Sein
erster Einsatz war 1944 an der Invasionsfront. Im Dezember, während
der Ardennenoffensive, wurde er verwundet. Anschließend wurde er in
seiner Geburtsstadt Breslau, inzwischen zur Festung erklärt, auf
eigenen Wunsch, wieder zur Kampftruppe zu gehören, in die
aussichtslose Verteidigung Breslaus kommandiert. Erneut verwundet
geriet er in sowjetische Kriegsgefangenschaft, konnte diese aber als
Zwanzigjähriger bald wieder verlassen. Als Gebrauchsgrafiker
arbeitete er bei einer neu installierten polnischen Firma, bis er
zusammen mit seiner Mutter nach Mitteldeutschland vertrieben wurde.
Die Stationen heißen Zeitz, Gera und Leipzig, und Leipzig ist für 40
Jahre seine Bleibe und Wirkungsstätte.
Er begann
jetzt ein Studium an der Leipziger Akademie Grafische Künste und
Buchgewerbe, nach dem Weggang seines Lehrers nach Dresden brach er
sein Studium ab und arbeitete freiberuflich mit werbegrafischen
Arbeiten für Messen und Ausstellungen. Gleichzeitig heißt es in
einer Biographie: „Bernhard Heisig bejaht die politische und
gesellschaftliche Entwicklung in der DDR. Die soziale und
historische Verantwortung, die dem Künstler von der SED zugesprochen
wird, bestimmt sein Selbstverständnis. Er ist jedoch nicht bereit,
sich einem engen Reglement zu unterwerfen“.
Als in den
achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Bernhard Heisig mit
Gemälden und Grafiken in vielen Ausstellungen in der Bundesrepublik
Deutschland gezeigt wurde, nahm er Stellung zu seiner Position im
und gegenüber dem „sozialistischen Realismus“. Er schrieb 1983 für
die Kunstzeitschrift „ART“: „Wenn mir in den fünfziger Jahren
manches nicht so gelang, so lag das eben an mir und nicht an
irgendeinem Stilkorsett. Kunst ist keine Illustration von
politischen Konzeptionen, und wo solche gefordert und gemacht wird,
erzeugt das bei bester Absicht schlechte Bilder“. Und noch einmal
wehrte sich der Maler gegen das Ansinnen, in seiner Kunst vor der
Parteiideologie bestimmt worden zu sein: „... so mußte befestigt
werden, daß sozialistischer Realismus kein Stilkorsett ist, sondern
auf die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft zielt“. Spöttisch
fügte er hinzu, um seine Individualität als Künstler zu behaupten:
„Die Bilder, die gebraucht wurden, waren bereits gemalt“.
Fest in
Partei und Staat, also in SED und DDR, und dies ohne Kritik und
Widerspruch, ein- und untergeordnet, erzielte er mit seinen Bildern
zum Thema „Aufstand und Kommune in Paris 1871“ den Durchbruch als
Maler. Es war dies ein politisch-sozialer Konflikt gewesen, von der
Linken mehrheitlich getragen, von den Ordnungskräften der
Nationalversammlung niedergeschlagen. Der Kampf, der nicht mit einem
Sieg, sondern mit einer Niederlage der Linken geendet hat, sollte
sinnbildhaft in die Erinnerung gerufen und gleichzeitig heroisiert
dargestellt werden. Es entstanden gleich mehrere Fassungen, und
Bernhard Heisig hielt sich auch nicht vor Zerstörung, das heißt
Vernichtung des einen oder anderen eigenen Bildes zurück.
Es ist ein
Zwiespalt, in dem er lebt und als Maler produziert. Er sagt uneingeschränkt
und unkritisch Ja zum Marxismus, Kommunismus, Sozialismus, gerade
auch zu seiner „Verwirklichung und Repräsentanz in der
Deutschen Demokratischen Republik auf deutschem Boden“, aber als
Künstler will er sich in eigener Handschrift präsentieren. Man
könnte es auf die Formel bringen: als Künstler mit eigener
Handschrift will ich kommunistische Tradition und das Erbe als
Verpflichtung dank der Phantasie des Künstlers und des Spiels der
Farben bildlich umsetzen, in subjektiven Gemälden darstellen. 1962,
in die V. Deutschen Kunstausstellung der DDR in Dresden, waren die
Bilder von den Märzkämpfen 1871 in Paris aufgenommen. Aber es setzte
auch gleich ideologisch bestimmte Kritik ein.
„Geschichtspessimismus“, „Subjektivismus“, „Preisgabe realistischer
Positionen“ wurden ihm vorgeworfen, „historische Erfahrungen des
Marxismus seien nicht bildwirksam geworden“. Das Sinnbildhafte, das
Bedeuten-Sollen anstatt eines Bedeuten-Wollens wollte nicht behagen.
Auf seinem
beruflichen Weg schritt Bernhard Heisig Stufe um Stufe höher. Der
Dozent an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst wurde
1961 zum Professor ernannt und zum Rektor der Hochschule gewählt.
1968 schied er wieder aus, ideologische Angriffe von Dogmatikern der
zeitbezogenen Kunst eines „sozialistischen Realismus“ waren schuld
daran. Seinen Bildern wurde ein Zug „ins Amorphe, ins Destruktive,
ins Morbide“ vorgeworfen, sie seien „Ausdruck einer
subjektivistischen, einer falschen Auffassung vom Wesen des
sozialistischen Menschen“. 1976 war er jedoch wieder Rektor der
Leipziger Hochschule und lehrte in der Fachklasse für Malerei und
Grafik.
Ein neues
Thema in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit hieß
für den geborenen Breslauer seine Heimatstadt, der Untergang im
Frühjahr 1945. Es sind Bilder der Anklage, und die Schuldigen heißen
Partei und Wehrmacht, die NSDAP und die Generalität. Die
Retrospektive zum 80. Geburtstag, in Leipzig eröffnet, dann in
Berlin gezeigt und in einer verkürzten Fassung in Breslau, hieß
nicht ohne Grund „Die Wut der Bilder“. Bernhard Heisig wollte nicht
nur darstellen und Anklage erheben, er wollte auch Angst und Zorn in
den Gemälden aussagen, sich in seinen Bildern befreien. Die Aussagen
in ihrer sich wiederholenden Direktheit im Dialog mit dem Betrachter
scheinen einen fast zu erschlagen. Sie zwingen ihn, all den
symbolträchtigen Zeichen und Andeutungen nachzugehen und
nachzusinnen. Die bewußt gewählten Requisiten wiederholen sich:
Stahlhelme, Parteimützen, Kanonenrohre, aufgepflanzte Bajonette an
den Gewehrläufen, Lautsprecher en masse, Trompeten, dazu
Körperteile, von den Herrschenden Verurteilte und Gehängte.
Die Furie
des Krieges ist wachgerufen. Und sie ist lokalisiert in Breslau, die
Oder, die Brücken, der Dom mit seinen beiden Türmen sind nicht nur
als Kulisse angedeutet, sondern in das Bild, gleichfalls als
Anklage, einbezogen.
Man wird an
Otto Dix und seine Kriegsbilder nach dem Ersten Weltkrieg erinnert.
Bernhard Heisig setzt diese malerische Tradition fort, mit einer
reicheren Palette, und diese gemahnt an Lovis Corinth und Oskar
Kokoschka, gleichzeitig mit den vielen Köpfen und Gesichertem
symbolträchtig wie bei James Ensor.
Manches
Gemälde will nicht vordergründig gleich verstanden werden und
Zustimmung auslösen, sondern das Unbegreifliche dieser Welt
erhellen, zumindest aber zum bohrenden Fragen provozieren. Es seien
als Titel von Bildern herausgegriffen „Christus verweigert den
Gehorsam“, „lkarus, Schwierigkeiten bei der Suche nach der
Wahrheit“, „Mechanik des Vergessens“, „Der Ruhm von gestern“. In dem
Sinnlosen der jüngsten Vergangenheit einen Sinn zu finden,
beschäftigt den Maler und von den selbst erfahrenen Zeitläufen
geprägten Bürger dieser, unserer Jahrzehnte.
Die Anklage,
die auch die selbst mitgemachte Ardennen-Offensive des Winters 1944
mit einbezieht, weitet sich auf Preußen und das Preußische aus,
historisch ausgemacht am Bild Friedrichs des Großen. Ein Bild, 1988
gemalt, das bereits 1983 gestellte Thema wieder aufgreifend, nennt
sich „Preußisches Stillleben“, eine Symbiose der zum Angriff
blasenden Trompete und eines Totenkopfes. Zu den Angeklagten gehört
für Bernhard Heisig auch der Preußenkönig, dargestellt als ein alter
Mann vor einem die Vergangenheit beschwörenden Hintergrund, Titel
des gleichfalls 1988 gemalten Bildes „Der Feldherrenhügel“. Man ist
versucht anzunehmen, daß für den Breslauer Bernhard Heisig manches,
wohl sogar vieles der grausamen Katastrophe ein Erbe der Glanzzeit
der preußischen Hohenzollern gewesen ist. Doch wohl parteiliche
Ideologie?!
Einige
Gemälde zeichnen sich auch dadurch aus, nicht gerade ein Gewinn im
Sinne des Ästhetischen, indem Spruchbänder, wohl um direkter zu
wirken, in den Bildern zu lesen sind. Als Beispiel zum
Gemälde über die Märzrevolution 1848 in Berlin „Ruhe ist die erste
Bürgerpflicht“ und zum Bild „Beharrlichkeit des Vergessens“, 1977,
„Wir sind doch alle Brüder (und) Schwestern“.
Die
zahlreichen Gemälde, in denen die jüngste Geschichte und die
früheren Ereignisse zum aufklärenden Verständnis für die Gegenwart
einladen und auffordern sollen, sind ein deutungsfähiges und zur
subjektiven Interpretation, gleichsam zum Neulesen zwingendes Opus.
Aber das Selbstporträt, die Porträts der Mutter wie auch
gelegentliche andere Porträts, so das des seinerzeitigen
Bundeskanzlers Helmut Schmidt, offenbaren – überspitzt ausgedruckt
ohne das Drum und Dran – die Größe des Malers, seines Stils, seiner
Farbengewißheit, seines handwerklichen Vermögens. Die Bilder der
Mutter, in den Jahren des Älterwerdens geradezu liebevoll und doch
realistisch festgehalten, vielleicht sogar als Spätimpressionismus
zu verstehen, sind Zeugnisse einer großartigen Beherrschung der
Kunst. Das Selbstbildnis, 1985/1986 datiert, zeichnet sich durch
farbige Zurückhaltung aus. Hier wird Atmosphäre und Stimmigkeit
vermittelt, die das Wollen mit der Schilderung einer realistischen
Vergangenheit jeglichen Ton der Anklage vergessen macht. Nicht
unerwähnt darf jedoch bleiben, daß auch Karl Marx und Wladimir
Iljitsch Lenin porträtiert worden sind, Lenin einmal sogar in der
eleganten Pose eines Anwalts.
Der Grafiker
hat sich wiederholt den Krieg zum Thema gewählt, indem er
Illustrationen zu den Büchern von Erich Maria Remarque „Im Westen
nichts Neues“ und zu Ludwig Renn „Der Krieg“ lieferte und damit sich
in den Ersten Weltkrieg einarbeitete. Aus der Zeit der beginnenden
Zwangsherrschaft des Nationalsozialismus suchte er sich mit dem
Roman von Anna Seghers „Das siebte Kreuz“ Vorgaben für die
zeichnerische Illustration aus. Auch in der Grafik ist nicht das
Vordergründige, sondern das Hintersinnige, das Interpretationsfähige
Ziel und Absicht des Zeichners.
Der Staat,
in dem Bernhard Heisig bis 1989 gelebt hat, zeichnete ihn mit
dem Nationalpreis aus. Und selbstverständlich sollten
journalistische Fotografien mit den Mächtigen Walter Ulbricht und
Erich Honecker über die Bedeutung von Bernhard Heisig und seine
Rolle im Staat und hier vor allem in der Kunst Dokumentarisches
aussagen. Die Universität Leipzig ehrte ihn mit der
Ehrendoktorwürde. Neben Wolfgang Mattheuer und Werner Tübke gehörte
er zu den große Künstlern in der DDR und wurde mit Ende der
siebziger Jahre auch in der Bundesrepublik Deutschland in
Ausstellungen zustimmend kritisch zur Kenntnis genommen. Bernhard
Heisig wurde als der „Kunstpapst“ sowohl im Inneren der DDR als auch
nach außen angesehen. Die Frage ist allerdings nach wie vor offen
und wird sich wohl auch nicht mit einem absoluten Ja oder Nein
beantworten lassen: War und ist Bernhard Heisig nur deswegen ein
bekannter Name und zu rühmen, weil er parteiideologisch ein treuer
Diener der Staatsideologie des Kommunismus gewesen ist, oder ist er
ungeachtet dieser Festlegung ein so großer Maler, daß ihm trotz der
Verstrickung in die kommunistische Parteilichkeit uneingeschränkt
Größe zu bestätigen ist. Als er mit einem Bild für die
Räumlichkeiten des Deutschen Bundestages im Berliner Reichtag
beauftragt wurde, gab es Widerspruch und Protest, denn man könne ihn
nicht von der Hörigkeit und Gefälligkeit gegenüber der
kommunistischen Diktatur frei sprechen.
Nicht
unterschlagen werden darf die Anmerkung, daß Bernhard Heisig, der
die Vergangenheit bis 1945 mutig aufgearbeitet und in seinem
malerischen Werk angeklagt hat, für die folgenden Jahrzehnte,
Vertreibung und erneute Einparteienherrschaft sich selbst zum
Schweigen verurteilt hat. Es seien nur der 17. Juni 1953 und die
Errichtung der Mauer am 13. August 1961 genannt. Gewiß, im Jahr der
Wende, 1989, gab er die hohen Auszeichnungen mit dem Nationalpreis
unter Angabe von überzeugenden Gründen zurück, aber davor lagen vier
Jahrzehnte der Gefälligkeit und Hörigkeit, 1933 als unmündiger
Bursche damit beginnend, nach 1946 in Mitteldeutschland, der
späteren DDR fortgesetzt.
Die
Auseinandersetzung mit Person und Werk Bernhard Heisigs hält immer
noch an, entschieden ist sie noch nicht.
Bild:
Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen.
Herbert Hupka