Geboren
wurde Willy Hellpach als einziges Kind von Hugo und Agnes
Hellpach, geb. Otto. Der Vater, königlicher
Kreisgerichtskalkulator, verstarb ein knappes Jahr nach der
Geburt seines Sohnes. Daraufhin begaben sich Mutter und Sohn
nach Landeshut im schlesischen Riesengebirge, dem Heimatort der
Mutter. Hier wuchs Willy Hellpach auf. Sein Leben lang hat er
sich seiner schlesischen Heimat, in der er glückliche Kinder-
und Jugendjahre verlebte, verbunden gefühlt. 1883 wurde er in
die evangelische Volksschule von Landeshut eingeschult, 1886
bezog er das Landeshuter Realgymnasium, an dem er Ostern 1895
das (Real-)Abitur bestand, und zwar mit sehr gutem Erfolg. Im
September 1895 legte er am humanistischen Gymnasium in
Hirschberg die für das Universitätsstudium erforderliche
Ergänzungsprüfung in Latein und Griechisch ab. Mit Beginn des
Wintersemesters 1895/96 studierte er an der Universität
Greifswald Medizin und Psychologie. In Greifswald
immatrikulierte Hellpach sich deshalb, weil ihr Renommee seit
dem ausgehenden 19. Jahrhundert durch die zu Weltgeltung
aufgestiegene Medizinische Fakultät geprägt wurde. Vom
Wintersemester 1897/98 an setzte er sein Studium an der
Universität Leipzig fort. Hier war seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts ein großzügiger Neu- und Ausbau der Fakultäts- und
Institutsgebäude erfolgt, begleitet von einer entsprechenden
personellen Aufstockung. Von einer reinen Lehrhochschule hatte
Leipzig sich innerhalb eines halben Jahrhunderts zu einer Lehr-
und Forschungsuniversität von überregionaler Bedeutung
entwickelt. Den hohen wissenschaftlichen Rang Leipzigs
verkörperten in der Philosophischen Fakultät der Psychologe
Wilhelm Wundt und der Historiker Karl Lamprecht. Im Jahre 1900
promovierte Hellpach bei Wundt mit der Note „summa cum laude“
zum Dr. phil. 1901 schloß er in Greifswald sein medizinisches
Studium mit dem Staatsexamen ab. In Greifswald leistete er auch
seinen Militärdienst ab. Anschließend war er in Heidelberg und
in Berlin als Assistenzarzt beschäftigt. Daneben betätigte er
sich literarisch. 1903 wurde Hellpach in Heidelberg mit „summa
cum laude“ zum Dr. med. promoviert. Das von Schwierigkeiten
begleitete Habilitationsverfahren konnte 1906 in Heidelberg
erfolgreich abgeschlossen werden. Die venia legendi wurde
Hellpach am 23. Juni 1906 erteilt. Bis zum Ausbruch des Ersten
Weltkrieges betrieb er eine Praxis als Nervenarzt; gleichzeitig
war er als Privatdozent, seit 1911 als nichtplanmäßiger
außerordentlicher Professor im Bereich der „Psychologie auf
medizinisch-naturwissenschaftlicher Grundlage“ an der
Technischen Hochschule Karlsruhe tätig. Den Ersten Weltkrieg
erlebte Hellpach als Arzt in Lazaretten in Frankreich und
Deutschland. Im Rang eines Oberarztes wurde er 1918
demobilisiert. Die in den Lazaretten gemachten Erfahrungen und
gewonnenen Einsichten brachten ihn dazu, politisch aktiv zu
werden. Er trat in die am 20. November 1918 gegründete
Deutsche Demokratische Partei (DDP) ein, deren Programm „durch
ein Spannungsfeld von demokratischem Nationalismus und
internationalem Friedensdenken geprägt war“. Am 1. April 1920
erhielt Hellpach an der TH Karlsruhe ein planmäßiges
Extraordinariat für allgemeine und angewandte Psychlogie.
Außerdem wurde ihm die Leitung des dort eingerichteten Instituts
für Sozialpsychologie übertragen.
Mit der
wissenschaftlichen Karriere Hellpachs ging einher seine
politische. Sein rhetorisches Talent verschaffte ihm Respekt und
trug zu seinem Aufstieg in der DDP, zu deren maßgebendem
Theoretiker er avancierte, erheblich bei. Von 1922 bis 1925
wirkte er als badischer Minister für Kultus und Unterricht. Zu
seinen Hauptverdiensten während seiner Ministertätigkeit gehört
das unter ihm erarbeitete Modell einer neuen Berufsschulordnung,
dessen Wirkung über Baden hinausging. Als der badische Landtag
am 7. November 1924 zusammentrat, um turnusgemäß die Wahl des
Staatspräsidenten vorzunehmen, entschieden sich die Abgeordneten
für Hellpach, nachdem er im Jahr zuvor schon stellvertretender
Staatspräsident gewesen war. Und als nach dem Tod des
Reichspräsidenten Friedrich Ebert am 28. Februar 1925 die Wahl
eines neuen Reichspräsidenten anstand, wurde Hellpach wegen
seiner Verdienste um das Land Baden durch die DDP zum Kandidaten
für die Reichpräsidentenwahl am 29. März 1925 nominiert. Von der
Presse als „Repräsentant besten sozialen und republikanischen
Geistes“ bezeichnet, erreichte er im ersten Wahlgang 5,8 % der
abgegebenen Stimmen. Die Regierungsbildung in Baden allein durch
die SPD und das Zentrum 1925 führte dazu, daß Hellpach sich
wieder verstärkt der Wissenschaft zuwandte. Vom 6. Januar 1926
an wirkte er als ordentlicher Honorarprofessor mit Lehrauftrag
für allgemeine und angewandte Psychologie an der Universität
Heidelberg. Die Zeitspanne von 1925 (Dezember) bis 1933
(Frühjahr) hat Hellpach im nachhinein die schaffensreichste in
seinem Leben genannt. Befaßt war er im wesentlichen mit
Forschung und Lehre. Hinzu traten Vortragsreisen in die Schweiz,
nach Frankreich, Italien, Norwegen, in die Niederlande, nach
Polen und nach Lettland. Bei den Wahlen zum Reichstag am 20. Mai
1928 trat Hellpach als DDP-Kandidat an. Mit dem durch ihn
gewonnenen Mandat verband er große politische
Einflußmöglichkeiten, die sich allerdings nicht erfüllten.
Vielmehr kam es zu Spannungen mit dem Partei- und
Fraktionsvorsitzenden der DDP Erich Koch-Weser (1876-1944). Das
war für ihn Anlaß, im März 1930 sein Reichstagsmandat
niederzulegen. Doch damit nicht genug. Er, der von 1925 bis 1930
stellvertretender Vorsitzender der DDP gewesen war, verließ noch
im gleichen Jahr die Partei. Dokumentiert ist sein Austritt in
der (171.) Sitzung des DDP-Vorstandes vom 16. Oktober 1930. Seit
seinem Ausscheiden aus dem politischen Leben war er
wissenschaftlich und publizistisch engagiert. Die Jahre des
„Dritten Reiches“ überstand Hellpach relativ unbehelligt. Seinen
Verpflichtungen als Hochschullehrer konnte er weiterhin
nachkommen.
Nach
Kriegsende, am 21. August 1945, beurteilte ihn die amerikanische
Militärregierung als „unconditionally accepted“. Ehrungen erfuhr
Hellpach durch seine Wahl zum Mitglied der Heidelberger Akademie
der Wissenschaften sowie der „Leopoldina“, der Akademie der
Naturforscher in Halle. 1949 erhielt er eine außerordentliche
Professur für Psychologie und Soziologie an der TH Karlsruhe.
1953 wurde er mit dem „Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik
Deutschland mit Stern“, der Wilhelm-Wundt-Plakette und der
Ehrenmitgliedschaft des Berufsverbandes deutscher Psychologen,
1953 mit der Paracelsus-Medaille ausgezeichnet. Parteipolitisch
hat Willy Hellpach sich nach 1945 nicht mehr engagiert. Er starb
unerwartet in Heidelberg und wurde auf dem dortigen Bergfriedhof
bestattet.
Werke (Auswahl):
Der deutsche Charakter, Bonn 1954. – Einführung in die
Völkerpsychologie, Stuttgart 1938. – Erzogene über Erziehung
(zusammen mit Friedrich Meinecke), Heidelberg 1954. – Die
Grenzwissenschaften der Psychologie. Die biologischen und
soziologischen Grundlagen der Seelenforschung vornehmlich für
Vertreter der Geisteswissenschaften und Pädagogik dargestellt,
Leipzig 1902. – Grundlinien einer Psychologie der Hysterie,
Leipzig 1904. – Grundriß der Religionspsychologie, Stuttgart
1951. – Gruppenfabriktion, Berlin 1922. – Politische Prognose
für Deutschland, Berlin 1928. – Heilkraft und Schöpfung. Aus der
Welt des Arztes und vom Geheimnis des Daseins, Dresden 1934. –
Kulturpsychologie. Eine Darstellung der seelischen Urspünge und
Antriebe, Gestaltung und Zerrüttungen, Wandlungen menschlicher
Wertordnungen und Güterschöpfungen, Stuttgart 1953. – Logos und
Pragma, in: Universitas Literarium. Gesammelte Aufsätze von
Willy Hellpach zum 70. Geburtstag im Namen von Freunden und
Kollegen hrsg. v. G. Heß/W. Witte, Stuttgart 1948, S. 367-375. –
Magethos, Stuttgart 1947. – Nervenleiden und Weltanschauung.
Ihre Wechselbeziehungen im deutschen Leben und heute
(Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens), Wiesbaden 1906. –
Pax futura. Die Erziehung des friedlichen Menschen durch eine
konservative Demokratie, Braunschweig/Berlin/Hamburg 1949. –
Sozialorganismen: Eine Untersuchung zur Grundlegung
wissenschaftlicher Gemeinschaftslebenskunde, Leipzig 1944. –
Tedeum. Laienbrevier einer Pantheologie, Hamburg 1947. – Die
Wesensgestalt der deutschen Schule, Leipzig 21926. –
Wirken in Wirren. Lebenserinnerungen. Eine Rechenschaft über
Wert und Glück, Schuld und Sturz meiner Generation, Bd. 1
(1877-1914), Hamburg 1948; Bd. 2 (1914-1925), Hamburg 1949.
Lit.: Hans
Georg Gadamer, Willy Hellpach, in: Sitzungsberichte der
Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Heidelberg 1957, S.
26-28. – Horst Gundlach, Willy Hellpach: Attributionen, in: C.
F. Graumann (Hrsg.), Psychologie im Nationalsozialismus,
Berlin/Heidelberg/New York 1985, S. 165-195. – Walther Killy/Rudolf
Vierhaus (Hrsg.), Hellpach, Willy, in: Deutsche Biographische
Enzyklopädie, Bd. 4, München u. a. 1996, S. 569. – Klaus
Lankenau, Willy Hellpach – Ein Leben zwischen Politik und
Wissenschaft, in: ZGO 1934 (1989), S. 359-375. – Helmut E. Lück,
Willy Hellpach. Geopsyche, Völker- und Sozialpsychologie. Der
geisteswissenchaftliche Zugang. Von Leipniz bis Foucault, hrsg.
v. G. Jüttemann, Weinheim 21955, S. 263-272. – Thomas
Pfanzer, Die Begründung der Arbeitswissenschaft in der
Soziologie von Willy Hellpach, Würzburg 1994. – Marie Salabova (Bearb.),
Repertorium zum Nachlaß Willy Hellpachs, Karlsruhe 1974
(Nachtragsband 1995). – Walter Stallmeister, Willy Hellpach, in:
Baden-Wüttembergische Biographien, Bd. 3, Stuttgart 1999, S.
209-212. – Walter Stallmeister, Der Psychologe als Politiker und
politischer Journalist. Das Beispiel Willy Hellpach, in: H.E.
Lück/R. Müller (Hrsg.), Illustrierte Geschichte der Psychologie,
München 1993, S. 301-304. – Walter Stallmeister/Helmut E. Lück
(Hrsg.), Willy Hellpach. Beiträge zu Werk und Biographie
(Beiträge zur Geschichte der Psychologie, Bd. 4), Frankfurt/M.
u. a. 1991. – Walter Stallmeister/Helmut E. Lück, Willy Hellpach.
Wissenchaftler, Politiker und Journalist, in: Dies. (Hrsg.),
Willy Hellpach, Beiträge zu Werk und Biographie (Beiträge zur
Geschichte der Psychologie, Bd. 1), Frankfurt/M. u. a. 1991, S.
4-22. – Wilhelm Witte, Hellpach, Willy, in: Neue Deutsche
Biographie, Bd. 8, Berlin 1969, S. 487-488. – Helmuth Auerbach,
Hellpach, Willy, in: Wolfgang Benz/Hermann Graml (Hrsg.),
Biographisches Lexikon der Weimarer Republik, München 1988, S.
135-136. – Claudia-Anja Kaune, Willy Hellpach (1877-1955),
Frankfurt/M. u. a. 2005.
Bild:
Generallandesarchiv Karlsruhe: N Hellpach/320.
Konrad Fuchs