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Obwohl die deutsch-polnischen Eltern unbemittelt waren, ermöglichten sie
ihrem Sohn Georg Musikunterricht bei den besten Lehrern Breslaus. Dort
trat er schon bald als Pianist und Sänger auf, ehe er seine Studien
fortsetzte: in Weimar bei Franz Liszt, in Leipzig bei Moscheies und
Reinecke (1867-1870), in Berlin bei Schulze und Kiel (seit 1870).
Begegnungen mit Joseph Joachim, Clara Schumann und vor allem mit
Johannes Brahms wurden entscheidend für seine Laufbahn. Brahms trug ihm
seine Freundschaft an und verlebte mit ihm den Sommerurlaub 1876 auf
Rügen. Unter der Leitung von Brahms sang Henschel viele Baßpartien von
Oratorien, Kantaten und Liedern. Als Henschel 1877 zum erstenmal auf
Konzertreise nach England ging, wurde die erst siebzehnjährige Lillian
June Nailey (1860 Columbus/Ohio, gest. 1901 London) zunächst seine
Gesangsschülerin und 1881 in Boston seine Frau. Ihretwegen ging er nach
Amerika, wo er der Erste Dirigent des eben gegründeten „Boston Symphony
Orchestra“ wurde (1880-1884). Beide konzertierten dann ab 1884 in
England, wo sie 1890 die britische Staatsangehörigkeit erwarben.
Henschel gründete 1886 die Londoner Symphonie-Konzerte und verstärkte
sie 1891 durch einen ständigen Chor. Wahre Triumphe feierte Henschel als
Leiter des „Scottish Orchestra“ (Glasgow 1893-1895) und der Musikfeste
in Birmingham. Zugleich fand er als Komponist von Opern, von Chor- und
Orchesterwerken sowie von Liedern und Liederspielen große Anerkennung.
Bis ins hohe Alter mehrte er seine Popularität vor allem als sich selbst
am Flügel begleitender Sänger von Balladen und Liedern (diese
Leidenschaft teilte er mit Carl Loewe).
Als seine erste Frau starb, komponierte er das „Requiem“ (UA 1902 in
Boston), privatisierte, verstärkte seine Gesangslehrertätigkeit,
heiratete 1907 abermals eine aus den USA stammende Gesangsschülerin (Amy
Louis, New York). Sein Ruhm war inzwischen so gefestigt, daß er – vor
Ausbruch des Ersten Weltkrieges – 1914 geadelt wurde. Die
Kriegsereignisse verstärkten seine Neigung zur Komposition geistlicher
Vokalmusik (z. B. UA der achtstimmigen Messe 1916 in London). Im übrigen
zog er sich nach Aviemore in Schottland zurück, wo er bis zu seinem Tode
als gesuchter Gesangslehrer wirkte.
„Henschels Begabung war vielseitig. Als Sänger und Gesangspädagoge aufs
innigste mit der Brahmszeit verknüpft, hat er seinen charaktervollen
Gesangsstil auf mehrere Schülergenerationen des angloamerikanischen
Westens übertragen können. Der Dirigent Henschel hat in London, Glasgow
und Boston als Gründer heute hochbedeutender Orchester-Vereinigungen
wichtige Pionierarbeit geleistet“ (H. F. Redlich, MGG). Henschels
Balladen, Romanzen, Lieder und Chorwerke werden noch heute – vor allem
in England – gesungen. Im Vokalstil von der Romantik, von Brahms und
Schumann ausgehend, hat er zu einem folkloristisch angereicherten
„panromantischen“ Kompositionsstil gefunden, der zuweilen auf Richard
Strauss, zuweilen auf Gustav Mahler hinweist. Sowohl im kleinsten
„Wiegenlied“ op. 38b (nach einem Gedicht des englisch-irischen
Romantikers Thomas Moore) als auch in den großen Messe-Vertonungen
spricht sich seine große Vertrautheit mit dem romantischen Vokalstil
aus.
Sir Henschel gehört zu jener nicht geringen Zahl schlesischer Musiker,
die „in die Welt hinaus“ gewirkt haben und deren Aktivitäten noch heute
„greifbar“ sind (man vergleiche: Conrad Ansorge, Benjamin Bilse, Leopold
und Ludwig Damrosch, Josef Eisner, Otto Klemperer, Moritz Moszkowski,
Julius Stern u a.).
Lit.:
G. Henschel: Personal Recollections of J. Brahms (Boston/Mass. 1907); G.
Henschel: Musings and Memories of a Musician (London 1918); M. Kalbeck:
Johannes Brahms (Berlin 1912, Band III/erster Halbband mit den ins
Deutsche übersetzten Tagebuchnotizen Henschels); H. F. Redlich:
Henschel, Georg – in: Musik in Geschichte und Gegenwart, hrsg. F. Blume
(Kassel 1949ff.); N. Linke: Die schlesische musikalische Romantik und
der Brahmsfreund Sir Georg Henschel – in: SCHLESIEN, Jg. XXII, S. 178ff.
(Nürnberg 1977); Norbert Linke: Schlesische Komponisten – in: Musik in
Schlesien im Zeichen der Romantik, hrsg. G. Pankalla / G. Speer, S.
9ff./ S. 19ff. (Dülmen/Westf. 1981).
Norbert
Linke
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