Johann Gottfried Herder
war ein vielseitiger und
geistreicher
Schriftsteller, dessen
Bedeutung in seiner
religiös fundierten und
geschichtsphilosophisch
orientierten
Anthropologie und in den
Anregungen besteht, die
er seiner Zeit und der
Nachwelt vermittelt hat.
Sein Lebensweg führte
ihn im 18. Lebensjahr
nach intensiver, vor
allem literarischer
Bildung, die er in
seiner Heimatstadt
zusätzlich durch den
täglichen Umgang mit dem
zweiten Prediger in
Mohrungen, Sebastian
Friedrich Trescho, genoß,
1762 an die Universität
Königsberg. Ursprünglich
wollte er Medizin
studieren, entschloß
sich aber, nachdem er
bei einer Leichensektion
in Ohnmacht gefallen
war, zum Studium der
Theologie. Bei seinen
philosophischen Studien,
die damals für Studenten
aller Fakultäten üblich
waren, hörte er mit
Begeisterung die
Vorlesungen des
Magisters Kant, der
damals auf der Grundlage
sicherer Erkenntnisse in
den aufblühenden
Naturwissenschaften auf
der Suche nach der
Lösung der Probleme war,
die in einer mehr als
zweitausendjährigen
Geschichte der
Philosophie aufgeworfen
worden waren. Später,
als Herder längst zum
Gegner Kants als des
Urhebers der kritischen
Philosophie geworden
war, hat er im 79.
seiner „Briefe zur
Beförderung der
Humanität“ dem Magister
seiner Königsberger
Studienjahre ein
treffliches Denkmal
gesetzt. „Ich habe das
Glück genossen, einen
Philosophen zu kennen“,
schreibt er, „der mein
Lehrer war. ... Seine
zum Denken gebaute Stirn
war ein Sitz
unzerstörbarer
Heiterkeit und Freude,
die gedankenreichste
Rede floß von seinen
Lippen, Scherz und Witz
und Laune standen ihm zu
Gebot und sein lehrender
Vortrag war der
unterhaltendste Umgang
..., nichts
Wissenswürdiges war ihm
gleichgültig; keine
Kabale, keine Sekte,
kein Vorteil, kein
Namenehrgeiz hatte je
für ihn den mindesten
Reiz gegen die
Erweiterung und
Aufhellung der Wahrheit.
Er munterte auf und
zwang angenehm zum
Selbstdenken,
Despotismus war seinem
Gemüt fremde.“
Inhaltlich prägender für
Herders Ideen als die
anregende geistige
Offenheit und
Argumentationsfreudigkeit
des vorkritischen Kant
war jedoch der
offenbarungsreligiös
geprägte Sonderling im
damaligen Königsberg:
Johann Georg Hamann
(1730–1788), den man
durchaus zutreffend „Magus
im Norden“ genannt hat.
Der Einfluß Hamanns auf
Herder war durch beider
engen Briefwechsel bis
zum Tode Hamanns
lebendig und danach
weiter wirksam. Mit dem
Düsseldorfer
Schriftsteller und
ebenfalls
irrationalistisch
ausgerichteten
Philosophen Friedrich
Heinrich Jacobi
(1743–1819) war Herder
ein geistiger Sohn
Hamanns.
Für Herders weiteren
äußeren Lebensweg
bedeutsam wurde der
junge Buchhändler und
Verleger Johann
Friedrich Hartknoch
(1740–1789) in Riga, der
ebenfalls in Königsberg
Theologie studiert
hatte. Der erfolgreiche
Geschäftsmann
vermittelte Herder eine
Lebensstelle an der
Domschule in Riga, wo er
bald auch als Prediger
an der Domkirche beliebt
wurde. Trotz dieses
erfolgreichen Wirkens,
zu dem auch erste
literarische Versuche
gehören („Fragmente über
die neuere deutsche
Literatur“, 1766, die er
auch an Kant schickte),
konnte er, wie er im
November 1767 an Kant
schreibt, „den Wunsch
nicht bergen ..., die
Welt zu sehen“. 1769 gab
ihm ebenfalls sein
Freund Hartknoch die
Mittel zur Erfüllung
dieses Wunsches. So fuhr
er zunächst mit dem
Schiff von Riga nach
Nantes und dann über
Paris nach Deutschland,
wo er in Straßburg dem
fünf Jahre jüngeren
Goethe begegnete und als
anregender Freund die
Kraft zur
Erlebnisdichtung des
Sturm und Drang mit
entfachte.
1771 finden wir Herder
als Oberprediger an der
Stadtkirche in
Bückeburg. 1773
heiratete er Karoline
Flachsland, die er in
Darmstadt kennengelernt
hatte und die später die
Jahre in Bückeburg „die
paradiesischen Jahre
unseres Glückes, die
goldene Zeit unserer
Ehe“ genannt hat.
Nachdem er dort 1775 zum
Superintendenten des
Fürstentums
Schaumburg-Lippe ernannt
worden war, ging er
schon ein Jahr später
auf Vermittlung Goethes
als Superintendent nach
Weimar. Hier erreichte
der religiöse Deuter der
Humanität den Höhepunkt
seines literarischen
Wirkens. Nach seinem
Tode am 18. Dezember
1803 wurde er in der
Weimarer Stadtkirche
beigesetzt.
Durch seine „Stimmen der
Völker in Liedern“ (so
der posthume Titel
seiner 1778/79
erschienenen Sammlung
von Volksliedern) hat
Herder zur Stärkung des
Selbstbewußtseins der
slawischen Völker im
Osten Europas
beigetragen. Der Kern
seines Denkens und
seiner Schriften aber
ist in seiner
Geschichtsphilosophie
und seiner Anthropologie
enthalten.
Sein erstes
geschichtsphilosophisches
Werk hat Herder bereits
in Bückeburg auf der
Höhe seiner nie ganz zu
Ende gekommenen
Sturm-und-Drang-Periode
geschrieben. 1774
erschien „Auch eine
Philosophie der
Geschichte zur Bildung
der Menschheit“. Der
Text ist aufgebaut wie
eine Predigt: Der Autor
kommt immer wieder auf
den zentralen Gedanken
zurück. An die Stelle
erwarteter Gründe treten
Wiederholungen.
Inhaltlich dient die
Vernunft als Organ des
Vernehmens einer
Wahrheit, die
unmittelbar und
mittelbar (durch Natur,
Sprache und Heilige
Schrift) von Gott kommt.
Mit Recht beurteilt
Herders bis heute
unübertroffener
Monograph Rudolf Haym
die „Ideen zur
Philosophie der
Geschichte der
Menschheit“ (1784 ff.)
als dessen „größte und
durchgearbeitetste
schriftstellerische
Leistung“, denn sie
ziehen „eine Summe
seines geistigen Lebens
und Strebens“. Die
theologische Perspektive
seiner früheren
geschichtsphilosophischen
Schrift ist nun
eingebettet in eine
gedankenreiche
universelle
Kulturgeschichte der
Menschheit. Eine
Parallele zwischen
Physiologie und Kultur
verläuft vom aufrechten
Gang des Menschen bis
zur moralischen
Humanität. „Moral ist
nur eine höhere Physik
des Geistes.“ Übrigens
sind die ersten Teile
der „Ideen“ im
Gedankenaustausch mit
Goethe entstanden, der
in Herders Anwendung des
Entwicklungsgedankens
auf die Abfolge der
freien Handlungen des
Menschen die Ergebnisse
seiner eigenen
Nachforschungen auf dem
Felde morphologischer
Naturbetrachtung
wiederfand.
Die Geschichte der
Völker ist nach Herder
„eine Schule des
Wettlaufs zur Erreichung
des schönsten Kranzes
der Humanität und
Menschenwürde“. Hegels
Geschichtsphilosophie
profitierte von Herders
vergleichender
Völkeranthropologie.
Der Mensch in seiner
Geschichtlichkeit und
die Sprache als
Urphänomen menschlichen
Daseins stehen im
Mittelpunkt seines
Denkens bis ans Ende
seiner Tage. Sein
Glaubensbekenntnis
drückt Herder im 25.
Humanitätsbrief so aus:
„Hebet eure Augen auf
und sehet, allenthalben
ist die Saat gesäet,
hier verwest und keimt,
doch wächst sie und
reift zu einer neuen
Aussaat, dort liegt sie
unter Schnee und Eis.
Getrost! Das Eis
schmilzt, der Schnee
wärmt und decket die
Saat. Kein Übel, das der
Menschheit begegnet,
kann und soll ihr anders
als ersprießlich
werden.“
Lit.: Herder:
Sämtliche Werke, hrsg.
von Bernhard Suphan. 33
Bde. 1877–1913. Nachdr.
1967/68. – Briefe.
Gesamtausgabe, hrsg. von
K.-H. Hahn. 8 Bde.
1977–84. – Haym, Rudolf:
Herder. 2 Bde., Berlin
1880–85, neue Ausgabe
1978. – Dobbek, Wilhelm:
J. G. Herders
Humanitätsideal als
Ausdruck seines
Weltbildes und seiner
Persönlichkeit.
Braunschweig 1949.
Bild:
Kulturstiftung der
deutschen Vertriebenen
Eberhard G. Schulz