Johann Gottfried
Herders umfangreiches und ungemein vielgestaltiges Werk gehört zu
den großen Leistungen der Menschheitskultur, er selbst zu den
bedeutendsten Anregern der Literatur und des wissenschaftlichen
Denkens des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Als Philosoph der
Geschichte und Kunst ist er hervorgetreten, als Sprachtheoretiker,
als protestantischer Prediger und Pädagoge, als Dichter, Übersetzer,
schließlich als bedeutender Sammler und Herausgeber von
Volksliedern. Die dem zugrunde liegende Weite und Breite der
Interessen mag eine der Ursachen dafür sein, daß selbst aus heutiger
Perspektive eine geistesgeschichtliche Standortbestimmung des Autors
Schwierigkeiten bereitet, ganz zu schweigen von seiner sehr
komplexen und oft widersprüchlichen Wirkungsgeschichte. Schon bei
den Zeitgenossen gab es Irritationen. Bekannt ist eine Bemerkung
Jean Pauls, wonach Herder „kein Stern erster oder sonstiger Größe“
sei, sondern vielmehr „ein Bund von Sternen, aus welchem sich dann
jeder ein beliebiges Sternbild buchstabiert“.
Geboren wurde Herder
in dem ostpreußischen Ackerstädtchen Mohrungen, das zu jener Zeit
etwa 1800 Einwohner zählte. Sein Vater, ein lutherischer Küster und
Landschullehrer, lebte in ärmlichen Verhältnissen und war nicht in
der Lage, dem Sohn eine wissenschaftliche Ausbildung zu ermöglichen.
Erst durch die Unterstützung eines russischen Regimentsarztes, dem
der Wissensdurst des Knaben aufgefallen war, konnte Herder die
Universität Königsberg beziehen, um auf Anraten seines Gönners
Medizin zu studieren. Nach der ersten anatomischen Sektion (die der
Studiosus mit einem Ohnmachtsanfall quittierte) gab er das
Medizinstudium auf und trat in die theologische Fakultät der
Universität ein. Hier interessierte er sich hauptsächlich für
Philosophie und Literatur. Bevorzugter Lehrer wurde der
„vorkritische“ Kant, der den Hochbegabten unentgeltlich an seinen
Vorlesungen teilnehmen ließ. Rousseaulektüre wie auch die
Freundschaft mit dem pietistischen Philosophen Johann Georg Hamann
machten den jungen Herder mit freiheitlichen Ideen, mit dem
Volkslied, der Sagenwelt des Ossian, der englischen Sprache und mit
Shakespeares Hamlet vertraut.
Von 1764 an war
Herder als Lehrer, Kritiker und Domprediger in Riga tätig, wo er vor
allem wegen seiner hinreißenden Beredsamkeit geschätzt wurde. Hier
begann auch seine intensive schriftstellerische Tätigkeit. Neben
zahllosen kleineren Artikeln und Kritiken entstanden die ersten
umfangreicheren Werke, die – obwohl zunächst anonym erschienen – den
Verfasser schnell berühmt machten: die Fragmente Über die neueste
deutsche Literatur und die Kritischen Wälder.
1769 verließ Herder
Riga. Nach einer Seereise, die ihn in mehrere europäische Länder
führte, trat er ein Jahr später in den Dienst des
Fürstbischofs zu Lübeck, dessen
Sohn, den Erbprinzen, er auf Reisen begleitete. Nachdem er sich in
Darmstadt, wo er Karoline Flachsland, seiner späteren Frau,
begegnete, von der Reisegesellschaft getrennt hatte, verbrachte er
den Winter 1770/71 in Straßburg. Hier fand die bedeutungsvolle
Begegnung mit Goethe statt. Goethe verdankte Herder – wie die
gesamte Sturm-und-Drang-Bewegung – wesentliche Anregungen. Nicht
akademische Bildung und pedantisches Regelwerk, so das Herdersche
Credo, sondern tiefe Empfindung, Unmittelbarkeit und Wahrhaftigkeit
mache den Dichter wie überhaupt die Poesie. Herders eigene Sammlung
von Volksliedern. Nebst untermischten Stücken (erst 1807
erschien sie unter dem berühmten Titel Stimmen der Völker in
Liedern) sollte gleichsam vor Augen führen, daß Dichtung in
allen Weltgegenden ebenso wie in allen Ständen und Schichten der
Gesellschaft zu Hause sei. In ihr hat Herder sich zugleich als
einfühlsamer Nachdichter ausländischer, vor allem auch slawischer
und baltischer Folklore erwiesen und damit einer positiven
Beurteilung der kulturellen Leistungen der osteuropäischen Völker
Vorschub geleistet. Im Frühjahr 1771 nahm Herder die Stelle eines
Hofpredigers in Bückeburg an, eine der zahlreichen Zwergresidenzen
Deutschlands. Anders als in der neuen Ideen gegenüber
aufgeschlossenen patrizischen Hansestadt Riga stieß der freigeistige
Theologe – wie später noch oft in seinem Leben – auf den Widerstand
der lutherischen Orthodoxie, litt er unter der Enge der
Verhältnisse, denen er unter allen Umständen zu entkommen trachtete.
Seine wiederholten Bemühungen um eine Professur in Göttingen
scheiterten am Mißtrauen der konservativ eingestellten kirchlichen
Behörde. Ohnehin betrieb Herder solche Versuche nur halbherzig.
Allzu bewußt war ihm der Gegensatz zwischen seinen Überzeugungen und
Wirkungsabsichten und der herrschenden Lehrmeinung und -praxis. Da
kam ein Angebot Goethes gerade recht, der seinen Mentor aus der
Straßburger Zeit nach Weimar holte. Fast drei Jahrzehnte war Herder
nun in dem thüringischen Herzogtum in höchsten – dennoch schlecht
bezahlten – geistlichen Ämtern tätig: 1776 wurde er
Generalsuperintendent, Oberhofprediger, Vizepräsident, dann
Präsident des Oberkonsistoriums. Hier bot sich durchaus Raum für
eine erzieherisch-praktische Tätigkeit; Herder erwarb sich
Verdienste um die Verbesserung des Schulwesens, einige kirchliche
Reformen wurden durchgeführt. Zweifellos war Herders Weimarer
Periode – fast identisch mit seiner zweiten Lebenshälfte – die bei
weitem produktivste und ertragreichste. Neue Verbindungen wurden
geknüpft, neue Freundschaften geschlossen; es fehlte nicht an
Ehrungen und Anerkennung. So arbeitete der Vielbeschäftigte an
Wielands Teutschem Merkur, später an Schillers Horen
mit. Auf einer Hamburgreise machte er die Bekanntschaft Klopstocks;
Jean Paul verkehrte im Hause Herders. Er war Mitglied der Berliner
Akademie geworden. Von den weitgefächerten publizistischen
Aktivitäten sind vor allem die Ideen zur Philosophie der
Geschichte der Menschheit hervorzuheben, Herdes Opus magnum, ein
großartiger Versuch, die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft
anhand von Untersuchungen über Natur und Geschichte, über Kunst,
Religion und Sitten als einen naturgeschichtlichen Prozeß
darzustellen. Mit seiner historisch-genetischen Betrachtungsweise
hat Herder geschichts- und religionsphilosophischen Entwicklungen
vorgearbeitet, die sich erst im 19. Jahrhundert, namentlich bei
Schelling und Hegel, entfalteten. Und als unabgegolten in ihren
Ideengehalt haben sich auch die Briefe zur Beförderung der
Humanität erwiesen. In ihnen hat Herder die klassische
Humanitätsauffassung am eindrucksvollsten dargelegt. Humanität wird
als höchste Bestimmung der menschlichen Natur definiert, die
Wechselwirkung von demokratischem Patriotismus und „Weltbürgertum“
untersucht und der Friede als unabdingbare Voraussetzung für das
Glück der Menschheit gepriesen.
Gleichwohl blieben
die Weimarer Jahre nicht ungetrübt. Querelen mit den Amtskollegen,
die Gleichgültigkeit des Hofes gegenüber seinen
kirchenreformerischen und volkserzieherischen Ambitionen, ständige
finanzielle Nöte, die immer wieder zu schriftstellerischen
„Brotarbeiten“ zwangen – all das verbitterte den ehrgeizigen,
zugleich ehrempfindlichen und reizbaren Mann. Nicht zuletzt verdroß
ihn auch die außerordentliche Bevorzugung, die der fünf Jahre
jüngere Goethe als Günstling Karl Augusts genoß. Aber auch
weltanschauliche und literarästhetische Divergenzen führten zu
Spannungen. So war Herder nicht bereit, die Ausschließlichkeit eines
am Modell der Antike orientierten klassizistischen Kunstkonzepts zu
akzeptieren, wie es Goethe in enger Zusammenarbeit mit Schiller
entwickelt und in den mitneunziger Jahren programmatisch ausgebaut
hatte. Ein produktiver Dialog kam nicht zustande. Um die
Jahrhundertwende häuften sich negative Urteile Herders über die
Literaturentwicklung, von der er meinte, daß sie sich von
Grundpositionen der Aufklärung entferne. In diesem Zusammenhang muß
auch sein mit ungewöhnlicher Heftigkeit geführter Kampf gegen die
Transzendentalphilosophie seines ehemaligen Lehrers Kant gesehen
werden, vornehmlich in den Streitschriften Metakritik und
Kalligone. Kants spekulativ-“übersinnlicher“ Ästhetik wurde –
ohne freilich den Intentionen des Königsbergers gerecht zu werden –
eine am Leben und der Wirklichkeit orientierte Philosophie der
sinnlichen Wahrnehmung entgegengesetzt. Die starken Aversionen gegen
Kants abstrakten Intellektualismus sind auch deshalb aufschlußreich,
weil sie die Triebkräfte und psychologischen Voraussetzungen des
Autors Herder noch einmal ins Licht rückte. Denn stets war es ihm um
anschauliche Lebendigkeit gegangen, jede Art von „System“ wurde als
Erstarrung, als Zwang und Einengung empfunden. Immer wieder hat er
die Trennung von Verstand und Gefühl bekämpft, den Blick ins Weite
gesucht über alle Grenzen und Grenzziehungen hinweg, um gerade auf
diese
Weise der Totalität und
Vielgestaltigkeit einer in Entwicklung und Veränderung gedachten
Welt auf die Spur zu kommen. Die letzten Lebensjahre Herders waren
von Krankheit, materiellen Sorgen um seine kinderreiche Familie und
fast vollständiger Zurückgezogenheit gekennzeichnet. Dennoch ist er
weiter unermüdlich tätig gewesen, er blieb aufgeschlossen für alles
menschlich Bedeutsame und Wertvolle. Kurz vor seinem Tode hat er
noch eine Nachdichtung des spanischen Nationalepos Der Cid
herausgegeben.
Lit.:
Einen nahezu
vollständigen Überblick über das umfangreiche Herder-Schrifttum bei
K. Goedecke: Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung. Dresden
1916. Bd. IV, 1.3. Aufl., S. 695 - 740,1154 - 1159, und daran
anschließend die Zusammenstellung von D. Berger: Herder-Schrifttum
1916 - 1953, in: Im Geiste Herders. Gesammelte Aufsätze zum 150.
Todestage J. G. Herders, hrsg. von E. Keyser: Kitzingen am Main
1953, S. 268 - 305. Fortsetzung von D. Berger: Herder-Schrifttum
1953 -1957 mit Nachträgen aus früheren Jahren, in: Herder-Studien,
Hrsg. v. W. Wiora. Marburger Ostforschungen Bd. 10, Würzburg 1960,
S. 121 - 135. Vgl. ferner die Bibliographien zur deutschen Klassik,
in: Weimarer Beiträge. Zeitschrift für deutsche Literaturgeschichte.
Weimar 1955 ff.
Werke und Briefe:
Herders
Sämtliche Werke. Bd. l - 33, hrsg. v. B. Suphan, Berlin 1877 bis
1913. - J. G. Herder. Werke. 10 Bände, hrsg. v. Wolfgang Pross,
Jürgen Brummack u.a. Deutscher Klassiker Verlag, Bd. 1: Frankfurt a.
Main 1985; Bd. 3: Frankfurt a. Main 1990; Bd. 6: Frankfurt a. Main
1989; Bd. 7: Frankfurt a. Main 1991; übrige Bände in Vorbereitung. -
J. G. Herder. Werke in zwei Bänden, hrsg. v. Karl-Gustav Gerold,
München 1953. - J. G. Herder. Mensch und Geschichte. Sein Werk im
Grundriß. Hrsg. v. Willi A. Koch. Stuttgart 1957 (Kröners
Taschenbuchausgabe Bd. 136). - J. G. Herder. Über den Ursprung der
Sprache, hrsg. v. Claus Träger, 1959. - Herders Briefe in einem
Band. Ausgew. u. erl. von Regine Otto. Berlin u. Weimar 1983. -
Herder. Briefe. Gesamtausgabe 1763 - 1793, 8 Bde., hrsg. von den
Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen
Literatur in Weimar, Weimar 1977 -1984.
Gesamtdarstellungen:
Berger, F.:
Menschenbild und Menschenbildung. Die philosophisch-pädagogische
Anthropologie J. G. Herders, Stuttgart 1933. - Dobbek, W: J. G.
Herders Humanitätsidee als Ausdruck seines Weltbildes und seiner
Persönlichkeit, Braunschweig 1949. - Gulyga, Arseni.: J. G. Herder.
Eine Einführung in seine Philosophie, Leipzig 1978. - Haym, R.:
Herder nach seinem Leben und seinen Werken, 2 Bde., Berlin
1880/1885, 2. Aufl. Berlin-Darmstadt 1954. - Kantzenbach, F. W: J.G.
Herder. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1970. 5.
Aufl. 1992 (rowohlts monographien). - Knorr, F.: Das Problem der
menschlichen Philosophie bei J. G. Herder, Diss. Marburg 1931. -
Rasch, W: Herder. Sein Leben und sein Werk im Umriß, Halle a. S.
1938. - Ruprecht, E. J.: J. G. Herder. Mensch und Welt. Eine
Zusammenfassung des Gesamtwerks. Jena 1949. - Stadelmann, R.: Der
historische Sinn bei Herder, Halle a. S. 1928. - Vesterling, H.:
Herders Humanitätsprinzip, Diss. Halle 1890.
Bild:
Herder nach einem
Ölgemälde von Friedrich Rehberg; Stiftung Weimarer Klassik Weimar.
Klaus Berthel