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Hugo Hergesell hat
sich lebenslang für ein Zusammenwirken von Luftfahrt und Meteorologie
auf wissenschaftlicher Basis eingesetzt, wie es heute unverzichtbar
erscheint. Als Meteorologe gehört er zu den Begründern der Aerologie
(mit W. Koppen, R. Assmann, A.L. Rotch und L. Teisserence de Bort). Die
Aerologie ist ein Teilgebiet der Meteorologie und beschäftigt sich mit
der Erforschung von Vorgängen in der freien Atmosphäre, deren Höhe über
der Erdoberfläche nicht genau eingrenzbar ist. Diese hoch liegenden
Luftschichten werden von der Erdoberfläche zwar nicht mehr beeinflußt,
haben ihrerseits aber dennoch Auswirkungen auf unser Wetter.
Ais Hugo Hergesell
am 29. Mai 1859 als Sohn eines Eisenbahn-Rechnungsrates in Bromberg
geboren wurde, gehörte die alte Stadt im Netzedistrikt zur preußischen
Provinz Posen. Hergesell studierte von 1878 bis 1881 in Straßburg (u.a.
bei G. Gerland) und trat dann einen sehr abwechslungsreichen und stets
außerordentlich aktiven und engagierten beruflichen Lebensweg an.
Zunächst war er
Oberlehrer am Prot. Gymnasium in Straßburg, wo er im Jahre 1887 auch zum
Dr. phil. promovierte. Im Anschluß an seine Doktorarbeit erhielt er den
Auftrag, in Elsaß-Lothringen einen meteorologischen Dienst aufzubauen,
dem er auch bis zum Beginn des 1. Weltkrieges im Jahre 1914 als Direktor
vorstand. Gleichzeitig war er ab 1900 außerordentlicher Professor an der
Universität Straßburg. Schon in dieser Zeit erkannte Hergesell, daß die
meteorologischen Messungen am Erdboden notwendigerweise durch ständige
Beobachtungen aus der freien Atmosphäre ergänzt werden mußten, um einen
effektiven und zuverlässigen Wetterdienst einrichten zu können. Deshalb
durften diese Messungen auch nicht auf lokale Bereiche beschränkt
bleiben, sondern mußten weltweit ausgedehnt werden. So begann Hergesell
folgerichtig mit Messungen auf dem Straßburger Münster und auf den
Bergen der umliegenden Mittelgebirge, arbeitete mit der
Luftschiffertruppe und mit Luftfahrtvereinen zusammen und setzte
schließlich Drachen, Fesselballons sowie bemannte und unbemannte
Freiballons ein. Damit leitete Hugo Hergesell eine wissenschaftliche
Entwicklung ein, die so erfolgreich verlief, daß heute für den gleichen
Zweck Spezialflugzeuge, Raketen und Satelliten verwendet werden. Bereits
im Jahre 1909 flog Hergesell in einem „Flugzeug“ der Gebrüder Wright als
wissenschaftlicher Beobachter mit. Er unternahm zahlreiche Expeditionen,
z.B. mit dem Fürsten von Monaco auf dessen Jacht in die Passatgebiete,
wo er durch Drachenflüge in den Jahren 1904 bis 1907 eine Erklärung für
das Entstehen der Passatwinde fand, oder später mit dem Grafen Zeppelin
in einem Luftschiff in das Polargebiet. Auch feste Beobachtungsstationen
richtete er ein: 1908 die Drachenstation Friedrichshafen am Bodensee,
1909 ein Berg-Observatorium auf Teneriffa unter Mithilfe Kaiser Wilhelms
II. und 1911 eine Station auf Spitzbergen. Er entwickelte aerologische
Meßgeräte, die weite Verbreitung fanden.
Hugo Hergesell hatte
1894 in Zabern im Elsaß Emilie Wenz geheiratet, ein Sohn ging aus dieser
Ehe hervor. Seine aufgeschlossene Persönlichkeit, seine begeistert von
ihm vertretenen Ideen, aber auch die von ihm verfaßten Gedichte gaben
ihm Freunde im In-und Ausland. Auf seine Anregung hin wurde 1896 die
Internationale aerologische Kommission gegründet, deren Präsident er bis
1914 war. Von 1894 bis 1914 und nochmals von 1927 bis 1935 war er
Präsident der Internationalen Kommission für wissenschaftliche
Luftfahrt.
1914 wurde Hergesell
ordentlicher Professor an der Universität Berlin, Honorarprofessor an
der dortigen Technischen Hochschule und bis 1932 Direktor des
Preußischen Aeronautischen Observatoriums in Lindenberg nahe Berlin, des
wichtigsten internationalen Forschungsinstituts überhaupt. Gleich nach
dem 1. Weltkrieg übernahm er – ebenfalls bis 1932 – die Leitung des nach
seinen Ideen gegründeten Deutschen Flugwetterdienstes. Von 1924 bis 1932
war Hergesell Präsident der Direktorenkonferenz der Deutschen
Meteorologischen Institute. Seine auf zahlreichen wissenschaftlichen
Fachtagungen in aller Welt vorgetragenen Ideen fanden breite Anerkennung
und – manchmal auch erst späte – Verwirklichung, so z.B. die Einrichtung
ständiger Wetterflugstellen, die drahtlose Übermittlung von
Meßergebnissen aus der oberen Atmosphäre zur Erde und das weltweite
Radiosondennetz. Seine intensiven und erfolgreichen Bemühungen um die
internationale Absicherung der Luftfahrt auf meteorologischem Gebiet
führten zur Verleihung des Adlerschildes des Deutschen Reiches, der
Buys-Ballot-Medaille und der goldenen Symons-Medaille.
Werke:
Über die Änderung der Gleichgewichtsflächen der Erde durch die Bildung
polarer Eismassen und der dadurch verursachten Schwankungen des
Meeresniveaus, Dissertation, Straßburg, 1887, in: Gerlands Beiträge l,
1887, S. 59-114. – Die Deutsche wissenschaftliche Station in
Spitzbergen, in: Schriften der wissenschaftlichen Gesellschaft in
Straßburg, Heft 21, 1914. – Mit Zeppelin nach Spitzbergen, 1913.
Lit.:
K. Keil: Verzeichnis der Schriften Hugo Hergesells, in: Beiträge zur
Physik der Atmosphäre 25, 1939, S. 71-78. – L. Weickmann: Hugo Hergesell,
in: wie oben.
Hans-Jürgen Kämpfert
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